Das Recht auf Rückkehr

von Leon de Winter

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Diogenes
Genre: Rezensionen
Seiten: 550 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2009

Rezension aus FALTER 42/09

Versöhnung, Vergeltung & Verschwörung

Spannend und einseitig: Leon de Winter malt die Zukunft Palästinas in düsteren Farben

Tel Aviv im Jahre 2024. Die einst blühende Stadt ist verödet: Die Bars sind heruntergekommen, die Strände menschenleer. Wer konnte, hatte das Land nach der zweiten Intifada 2000 verlassen und lebt nun in Australien oder Russland, in Europa oder Amerika. Zurückgeblieben ist eine überalterte Gesellschaft, die mittels umfassender Militär- und Sicherheitskontrollen – und der neuesten Errungenschaften der geriatrischen Medizin – am Leben erhalten wird. Der gläserne Mensch ist Wirklichkeit geworden, selbst DNA-Scans an Grenzübergängen sind alltäglich geworden.

Es ist ein nicht eben optimistisches Bild der Zukunft, das der niederländisch-jüdische Erfolgsautor Leon de Winter in seinem neuen Roman „Das Recht auf Rückkehr” von einem Israel zeichnet, das auf die Größe eines Stadtstaats geschrumpft ist. Hauptfigur des Buchs ist der 53-jährige Bram, eigentlich Abraham Mannheim, ehemaliger Professor für Geschichte an den Universitäten Tel Aviv und Princeton, der gemeinsam mit einem kungen Kompagnon „Die Bank” unterhält, ein Nachforschungsinstitut, das mit privaten Geldern und mäßigem Erfolg verschwundene Kinder ausfindig macht.
Erworben hat Bram seine detektivischen Fähigkeiten, nachdem 2008 sein damals vierjähriger Sohn Bennie aus seinem Privathaus in der Nähe von Princeton verschwunden war. Zwei Jahre lang durchforschte er auf der Suche nach ihm die meisten größeren Städte der USA, lebte auf der Straße und verlor dabei alles, was seine bisherige Existenz ausgemacht hatte: eine glückliche Familie, seine geliebte Frau Rachel, seinen beachtlichen Besitz in Princeton, seine Professur und beinahe auch seinen Verstand. Durch Zufall wurde er jedoch von seinem Vater Hartog ausfindig gemacht, einem aus den Niederlanden stammenden, angesehenen Biochemiker, Nobelpreisträger und schwierigen Perfektionisten, und nach Tel Aviv zurückgebracht.
In psychisch labilem Zustand lebt Bram seither wieder in seinem alten Zimmer in der väterlichen Wohnung. Insgeheim verfolgt er den „Fall” seines verschwundenen Sohns weiter, und als er nach vier Jahren auf die Lösung gestoßen zu sein meint, übt er Vergeltung.

2024 scheint die israelische Welt in Resignation erstarrt zu sein, die Lösung des politischen Konflikts ist nicht mehr das Thema: „Wir sind in die falsche Gegend mit rachsüchtigen Menschen gekommen”, meint der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes, ein alter Freund von Bram. Bram selbst, der sich früher aktiv für eine friedliche Konfliktlösung engagiert hat, ist nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt: Er engagiert sich als freiwilliger Helfer beim israelischen Rettungsdienst, pflegt seinen an Alzheimer erkrankten Vater und ist vermissten Kindern auf der Spur.
Eine dieser Fährten führt zu einem internationalen fundamentalistisch-islamistischen Netzwerk, das jüdische Kinder entführen und zu Selbstmordattentätern ausbilden lässt. Damit bricht zum einen das vermeintlich sichere Überwachungssystem der DNA-Kontrolle zusammen, zum anderen aber darf Bram noch einmal auf das Überleben seines Sohns hoffen und begibt sich unter dem Schutz des Inlandsgeheimdienstes nach Kasachstan. Auch sein erotischer Jagdinstinkt ist mittlerweile wieder erwacht und führt ihn aus der Rückwärtsgewandtheit seiner Trauer in eine freudvollere Gegenwart.
In seinem Roman bietet de Winter einen spannenden Einblick in den von Angst dominierten Alltag Israels – ein Aspekt dieses nicht enden wollenden Krieges, der via Medien schwer zu vermitteln ist. Und mit Hartog und Bram entwickelt er nicht nur eine komplexe Vater-Sohn-Beziehung, die zwischen unausgesprochener Liebe und unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten changiert, er stellt damit auch zwei entgegengesetzte jüdische Standpunkte in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt dar: Hartog, der ehemalige KZ-Insasse, wird von den palästinensischen Terroristen an den Holocaust erinnert; der „Logik des Nahen Ostens” sei nicht mit Pazifismus beizukommen, verteidigt er das Vergeltungsprinzip.
Bram hingegen hat als postzionistischer Historiker und Spezialist für Nahostgeschichte eine differenziertere Sichtweise. In seiner Dissertation weist er nach, dass die Vertreibung der Araber schon in den 30er-Jahren das dezidierte Ziel der Zionisten war, und entlarvt den jüdischen Verteidigungskrieg als Geschichtslüge. Bis zuletzt ist er von der Möglichkeit einer friedlichen Lösung überzeugt – obwohl er selbst durchaus mit Gegengewalt reagiert.
Am Ende des Romans scheinen beide ein wenig Recht zu behalten: Weder ist mit dem Feind zu verhandeln, noch vermögen Gegenschläge das Problem zu lösen.

Diese Differenziertheit in Bezug auf die israelischen Standpunkte fehlt allerdings in der Gegenüberstellung: Die Palästinenser werden nicht weiter vom fundamentalistischen Islamismus unterschieden und bleiben das böse Kollektiv im Hintergrund, das durch keinerlei Individuen vertreten wird, schon gar keine mit menschlichen Zügen. Der Vorwurf der Einseitigkeit wird also weiterhin an de Winter haften bleiben, zumal die Verknüpfung der Handlungsstränge und Details Züge einer Verschwörungstheorie tragen.
Angesichts der gelungenen Gesamtkomposition nimmt man dies – wie auch die in den Dialogen sehr konventionell geratene Liebesgeschichte – allerdings gerne in Kauf, denn Leon de Winter erweist sich einmal mehr als spannender Erzähler und meisterhafter Arrangeur komplexer Materialien. Die intensive Bildhaftigkeit und perfekte Schnitttechnik des Buchs lassen zudem den gelernten Filmemacher erkennen.

Alexandra Millner in FALTER 42/09 vom 14.10.2009 (S. 16)