Ausgehen

von Barbara Markovic

€ 12,40

Übersetzung: Mascha Dabic
Verlag: Suhrkamp
Einband: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Seiten: 95 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2010

Die deutschsprachige Popliteratur der Gegenwart kommt aus Belgrad. Dort machte Barbara Markovic, Germanistin, Clubberin und Thomas-Bernhard-Fan, an dessen klassischer Erzählung Gehen unlängst eine überraschende Entdeckung: Überführte sie einzelne Sätze nicht nur aus dem Deutschen ins Serbische, sondern zugleich aus der Entsetzlichkeit von Bernhards Wien in die Entsetzlichkeit des Belgrader Nachkriegs-Nachtlebens, fügten sie sich unversehens – so spielerisch wie gnadenlos – zu einem völlig neuen und doch völlig Bernhardschen Remix: Aus »Gehen« wird »Ausgehen«, aus der Katastrophe im rustenschacherschen Hosenladen ein Social Suicide auf einem Plastikman-Konzert und aus der Irrenanstalt Steinhof der finale Rückzug vor die Glotze – Satz für Satz mit der kaskadenhaften Donnerwucht des Originals. Obwohl formal strengste Konzept- und Appropriationskunst, liest sich »Ausgehen« gleichzeitig so realistisch, daß man sich in Wien, Berlin oder New York genauso darin wiederfinden kann wie die Belgrader Szene jüngst bei Erscheinen des serbischen Texts, den Übersetzerin Mascha Dabic nun – quasi als Bumerang – in Bernhards Idiom zurückgeholt hat.

Rezension aus FALTER 22/09

Dem Bernhard nachgegangen

Wenn wir einen Gehenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er denkt. Wenn wir einen Denkenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er geht. Wir beobachten einen Gehenden längere Zeit auf das Genaueste und kommen nach und nach auf sein Denken, auf die Struktur seines Denkens, wie wir, wenn wir einen Menschen längere Zeit beobachten, wie er denkt, nach und nach darauf kommen, wie er geht.”
Sätze, wie sie bislang nur einer zu drechseln vermochte. In der Erzählung „Gehen” schrieb Thomas Bernhard über den Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Bewegung, exemplarisch abgehandelt an drei älteren Herren, die die Klosterneuburger Straße entlanggehen. Das geht so lang, bis einer beim Hosenkauf die Grenze zum Wahnsinn überschreitet und nach Steinhof gebracht wird: „Es ist ein einziger Augenblick, in welchem der Betroffene plötzlich verrückt ist.”

Dass sich Bernhards Sprachkunst den österreichischen Verhältnissen verdankt, ist eine gängige Behauptung. Sein ästhetisches System lässt sich jedoch übertragen – wie die aus Serbien stammende und in Wien lebende Germanistikstudentin Barbara „Barbi” Markovic´ mit ihrem Debüt „Ausgehen” beweist, einer kunstfertigen Überschreibung von Bernhards „Gehen”, die sich über weite Strecken an die Diktion des Originals hält.
Statt alter Spaziergänger sind es bei Markovic´ drei junge Frauen im Belgrad nach den Nato-Bomben, die sich mehrmals die Woche in Clubs begegnen: „Wir beobachten einen Clubber längere Zeit auf das Genaueste und begreifen allmählich, wie sein Verhältnis zur Arbeit beschaffen ist, wie wir uns, wenn wir einen arbeitenden Menschen längere Zeit beobachten, allmählich vorstellen können, was für ein Clubber er ist.”
Die Entsprechung zum irre werdenden Karrer stellt hier die feierwütige Bojana dar. Bei einem Auftritt des Minimal-Techno-Stars Plastikman flippt sie eines Nachts aus, beschimpft die streng organisierten Belgrader Szenegrüppchen („Das müsst ihr zugeben, dass ihr keinen Stil habt! Das müsst ihr mir zugeben!”) und zieht sich in der Folge vom Ausgehen zurück. „Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus”, so lautet der berühmte erste Satz von „Gehen” in Markovic´’ Abwandlung.

Die 28-jährige Marković lebt seit gut vier Jahren in Wien. „Ausgehen” hat sie noch geschrieben, während sie in Belgrad studiert hat. Mehr zufällig, erzählt sie, habe sie begonnen, „Bernhard falsch ins Serbische zu übersetzen”, und sich dabei zunächst gar nicht als Autorin gefühlt: „Ich wollte mir meine Wünsche als Leserin erfüllen. Was ich an Bernhard beeindruckend finde, sind seine Sätze, denen ihr Inhalt gleichgültig zu sein scheint. Außerdem schätze ich seinen Humor, die unverschämten Übertreibungen und die Wiederholungen.”
So hat Markovic´ ihren eigenen Bernhard-Text geschrieben, der sehr nahe am Original und dennoch keine Kopie ist. „Ausgehen” entfaltet auch für sich gelesen eine enorme Sogkraft – wobei es dem Lesespaß natürlich nicht abträglich ist, wenn man „Gehen” gelesen hat.
„Der bernhardkundige Leser wird zwangsläufig dessen Duktus, Rhythmus und die vertraute Melodie im Hintergrund mithören”, findet auch Mascha Dabic, „aber das soll ihn nicht hindern, sich voll und ganz auf die Handlung von ,Ausgehen‘ einzulassen.” Dabic hat das zunächst 2006 in einem Belgrader Verlag publizierte „Izlaženje” ins Deutsche übersetzt, und zwar so großartig, dass ihr eigentlich eine Nennung als zweite Autorin gebühren würde.

Für die Übersetzerin stellte „Ausgehen” eine hohe Herausforderung dar, fühlte sich Dabic doch gleich zwei Originaltexten verpflichtet: Barbi und Bernhard: „Es war eine Gratwanderung, um beiden Werken gerecht zu werden. ‚Gehen‘ hat mir dabei wie ein zweites Wörterbuch gedient. Ich sehe meine Arbeit als eine Verbeugung vor dem großen Sprachmeister, allerdings mit einem Augenzwinkern.”
Gegenüber „Gehen” hat „Ausgehen” den Vorteil, dass die Figuren sympathischer sind als Bernhards grumpy old men – aufgeklärte Raverinnen, die vom Extrem-Clubbing und von den Drogen noch nicht abgestumpft sind. Neben den VIPs und Prolls stehen die leidenschaftlichen Musikliebhaberinnen als Außenseiterinnen der Belgrader Partyszene da.
Barbi Markovic´ selbst spricht nur vorsichtig und mit wenigen Worten über dieses kleine Juwel von einem Buch, das für sie schon fünf Jahre zurückliegt. „Die Fixation auf das Nachtleben im Buch ist eine Übertreibung”, sagt sie, auf ihr eigenes Ausgehverhalten angesprochen. Dass „Ausgehen” im selben Verlag wie Bernhards Texte erscheint, begreift sie als „unerwartete Ehre, ich kann es aber nicht ganz auf mich beziehen”.
Momentan ist sie damit beschäftigt, ihr Studium abzuschließen. Über ihre Zukunft als Autorin sagt sie nur: „Ich würde gern noch schreiben.”

Sebastian Fasthuber in FALTER 22/09 vom 27.05.2009 (S. 29)