Der goldene Finger
Roman

von Dubravka Ugresic

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Genre: Rezensionen
Seiten: 309 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.1993

Rezension aus FALTER 10/99

Tränen für Tito & Tudjman

Die im Exil lebende Schriftstellerin Dubravka Ugresic wird mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet werden. Mit dem "Falter" sprach sie über die "Kultur der Lüge" des Tudjman-Regimes, über die amerikanische Auffassung von Literatur und über die Erfindung des Kroatischen.

Falter: Frau Ugresic, gibt es so etwas wie eine europäische Literatur überhaupt?

Dubravka Ugresic: Ich habe darüber nicht nachgedacht, bis ich vor kurzem auf die Empfehlung einer Freundin einen hochkompetenten New Yorker Literaturagenten kontaktierte. Ich bekam einen ablehnenden Brief, in dem er folgendes schrieb: "Sehr geehrte Frau Ugresic', ich habe Ihr Buch (Das Museum der bedingungslosen Kapitulation, Red.) gelesen, und es ist wunderbar, aber es ist ein zutiefst europäischer Roman." Da begann ich nachdenklich zu werden und bemerkte, daß wir europäischen Schriftsteller in Amerika alle im selben Boot sitzen. In der amerikanischen Literaturkritik läßt sich eine verborgene oder auch völlig offene Propaganda für jene Art von Literatur beobachten, die vom Markt bevorzugt wird. Wenn das gut ist, was sich gut verkauft, was machen wir dann mit Robert Musil? Erst unlängst las ich in der New York Times Bookreview eine große Besprechung, die ein Buch von Martin Amis lobte, weil er der einzige "amerikanische" Schriftsteller sei, den die Engländer hätten.

Gibt es denn so etwas wie eine transnationale Gemeinschaft der Schriftsteller?

Meiner Meinung nach ist die Literatur in den entsprechenden literarischen Milieus von Ländern wie Holland oder Deutschland noch in einer sehr guten Position. Solche ausführlichen und anständigen Besprechungen wie in den deutschen oder holländischen Zeitungen findet man sonst selten. Ansonsten muß man zwischen der Akzeptanz in den Medien und der geheimen Gemeinschaft der Schriftsteller unterscheiden. Es gibt eine Art von unsichtbarer Landkarte, auf der auch Autoren und Bücher aufscheinen, die nicht in den Medien vorkommen. Die Bestsellerlisten sehen überall ähnlich aus. Auch in Brasilien steht Tom Wolfe an erster Stelle.

In Ihrem Buch "Die Kultur der Lüge" beschreiben Sie, wie sich ein Schriftstellerkollege in "eine lebende Metapher der Leiden von Sarajevo" verwandelt. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?

Es kommt sehr darauf an, ob man das akzeptiert oder nicht. Ich habe gelernt, mich zu wehren. Als mich irgendein TV-Sender gebeten hat, die Wiederwahl Tudjmans zu kommentieren, habe ich das abgelehnt. Die Reaktion war natürlich, daß ich gefragt wurde, ob ich denn nicht mehr für die Demokratie meines Landes kämpfe. Das ist Blödsinn! Ich bin eben Schriftstellerin und keine politische Kommentatorin. Auch meine Essays sind eher literarischer als politischer Natur.

Peter Handke erklärte unlängst in einem Interview: "Mein Platz ist in Serbien, wenn die Nato-Verbrecher das Land bombardieren."

Um sein Leben zu geben? Um zu sagen: "Erschießt mich, denn ich bin mit diesen Menschen solidarisch?" Das ist sehr mutig von ihm. Ich kenne Handke nicht persönlich, aber es könnte sich um eine trotzige Provokation in Permanenz handeln. Ich glaube, das mag er.

Vor kurzem erschien ein Artikel von Ihrer Kollegin Slavenka Drakulic', in dem sie schrieb, daß sich die Situation in Kroatien verändert habe und bei den nächsten Wahlen die Opposition gewinnen könnte.

Das ist alles wahr. Bloß bedeutet es nicht viel. Die kroatische Opposition unterscheidet sich nicht wesentlich von Tudjmans Propaganda. Außerdem ist sie genauso unprofessionell wie Tudjman. Das einzige, was sie wissen, ist, daß sie "nach Europa" wollen. Aber wissen sie, wie das geht und was es bedeutet? Nein.

Haben Sie vor, jemals nach Kroatien zurückzukehren?

Ich bin aus dem literarischen Leben Kroatiens vollkommen ausgelöscht. Der Feral Tribune (Wochenzeitung mit Sitz in Split, die das Tudjman-Regime mit Satire und politischen Analysen bekämpft, Red.) habe ich entnommen, daß sogar lokale Bibliotheken meine Bücher auf den Müll schmeißen. Mein jüngster Roman ist in Kroatien nicht erschienen, einzig ein "oppositionelles" Wochenblatt hat es sehr eilig gehabt, einen Verriß zu veröffentlichen. Damit hat sich's. Für mich ist Kroatien fremder als jedes andere Land.

Sie schreiben aber noch auf Kroatisch ...

Das ist die häufigste Frage: Vermissen Sie die Sprache nicht? Aber Kroatisch ist ja eine Sprache, die soeben für die Zwecke der Politik erfunden wird. Die Sprache unterliegt also einer Zwangskroatisierung. Warum sollte ich das vermissen? Ich würde eher Worte aus dem Serbischen oder Türkischen einschleusen, um diese Sprachideologie zu unterlaufen.

Aber gerade diese verschiedenen Färbungen und Verunreinigungen lassen sich schwer in eine andere Sprache übersetzen.

Ich bin froh darüber, daß meine Sachen übersetzt werden. Also sorge ich dafür, daß meine lokalen Fußnoten leichter übersetzbar werden. Warum sollte ich so bedacht darauf sein, Texte für jemanden zu schreiben, der sie ohnehin nicht als literarische Texte liest, sondern nur herausfinden will, ob ich mein Land betrogen habe?

Hat es denn, als Sie denunziert und zur Persona non grata wurden, keine einzige Solidaritätskundgebung unter Ihren Kollegen gegeben?

Nein. Der einzige Artikel zu meiner Verteidigung stammte von Viktor Ivancic' und erschien in der Feral Tribune. Und meine zwei, drei allerbesten Freunde hielten zu mir. Es ist schon erstaunlich, wenn dein ganzes Leben vor deinen Augen zerfällt. Auf einmal rufen einen gute Freunde nicht mehr an, beginnen, einen zu meiden. Also habe ich mir gedacht: Vielleicht hat ihnen ja jemand gedroht? Aber so war es nicht. Es war ihre Entscheidung. Man beginnt zu verstehen, warum eine schleichende Faschisierung so einfach verläuft. Die Leute passen sich einfach dem ideologischen Mainstream an. Sie wollen bloß nicht gestört werden.

Eine gängige Deutung des jugoslawischen Bürgerkriegs besagt, daß die Aggressionen und der Nationalismus immer schon latent vorhanden waren und nur vom Tito-Kommunismus unter dem Deckel gehalten wurden.

Mag sein, daß fünf Prozent der Menschen wirklich unter dem Kommunismus gelitten haben, die Mehrheit aber sicher nicht - die hat geweint, als Tito starb; genauso wie sie geweint hat, als Tudjman gewählt wurde. Sie weinen überhaupt dauernd.

Und wollen ein einfaches Leben.

Ja. Ein ungestörtes Privatleben wie in jeder "normalen" Gesellschaft. Als einige Vertreter der Opposition in serbische Dörfer gingen, um für ihre Politik gegen Milosevic' zu werben und um Unterstützung zu bitten, wurden sie von den Bauern angesprochen: "Ihr seht sympathisch aus. Seid ihr an der Macht?" Darauf sagten die: "Nein, wir sind Oppositionelle. Aber bald werden wir das Sagen haben." Worauf wiederum die Bauern antworteten: "Okay, wenn ihr an der Macht seid, werden wir euch wählen."

"Die Kultur der Lüge", die Sie beschreiben, ist letztendlich eine Entlastung von jeglicher Verantwortung oder Scham.

Es ist kompliziert. Weil es nämlich für die Menschen sehr schwer wird, authentisch zu bleiben. Ich versuche zu verstehen, wie "normale" Menschen denken. Zuerst sagt man ihnen, daß sie im Sozialismus leben. Der Begriff Kommunismus wurde nicht verwendet. Plötzlich wird ihnen von Tudjman erklärt, wie schlecht sie waren, weil sie doch unter dem Kommunismus gelebt haben. Dann wirft man ihnen vor, Nationalisten zu sein. Also versuchen sie wieder, das abzustreiten. Hier beginnt der Wahnsinn: Alle sind gegen uns; keiner versteht uns. Es ist, als hätten sie einen Adapter implantiert. Tudjman selbst ist ein Konvertit: Er war ein Partisan, Titos ergebener General; dann erklärte er, daß der Kommunismus seine Eltern getötet habe, obwohl er zu dieser Zeit Kommunist war. Er hat ständig gelogen. Und die Menschen folgen ihm.

Aber die Leute wissen, daß ständig gelogen wird?

Nein. Das Gedächtnis funktioniert so: Es interpretiert die banalsten Ereignisse und verfälscht sie. Dennoch ist man überzeugt, daß es nichts als die Wahrheit ist.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/99 vom 10.03.1999 (S. 67)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

My American Fictionary (Barbara Antkowiak, Dubravka Ugresic)
Kultur der Lüge (Dubravka Ugresic)
Museum der bedingungslosen Kapitulation (Barbara Antkowiak, Dubravka Ugresic)