AustroBob

Österreichische Aneignungen der Poesie und Musik von Bob Dylan
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AustroBob ist ein Dylan-Lesebuch, das von der Resonanz Bob Dylans in der österreichischen Literatur, Musik, Popularkultur, Literatur- und Kulturwissenschaft sowie in ganz persönlichen Lebensgeschichten erzählt.
Wie und von wem wurde der Dylan’sche Songkosmos angeeignet und zu welchem Zweck? Wie funktioniert US-amerikanische Populärmusik auf dieser Ebene, in der (kritischen) Übernahme in eine unterschiedliche Zielkultur und einen anderen gesellschaftlichen Kontext? Welche Zeit- und Generationenverschiebungen finden im Zuge dessen statt? Wo wird in der Rezeption angedockt – und warum?
AustroBob verbindet kritische und kreative Zugänge, also das Machen mit dem Betrachten.
FALTER-Rezension

He’s a Poet and We Know It

Warum freuen sich nicht alle darüber, dass der bedeutendste Sänger seit Orpheus den Literaturnobelpreis bekommen hat?



Wann eigentlich hat es zuletzt eine Entscheidung für den Literaturnobelpreis gegeben, mit der alle einverstanden waren? 2003 vielleicht, als J.M. Coetzee gewann, oder im Jahr davor, als dies dem außerhalb Europas aber auch nicht rasend bekannten Imre Kertész beschieden war. Immerhin, die irren Hassgestörten, die sich heute in den Onlineforen rumtreiben, mussten damals noch ins TV-Gerät meckern oder ihre Frauen schlagen.

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan sorgte jedenfalls für kontroverse Reaktionen. Die dümmste kam von der deutschen Literaturkritikerbetriebsnudel Denis Scheck, der verlässlich mit dem nächstliegenden kessen Blödsinn bei der Hand ist, der ein bisschen mediale Aufmerksamkeit verspricht, und – was kommt als Nächstes? – den Büchner-Preis für Reinhard Mey in Aussicht stellte (dass auch Mey besser ist, als Scheck vermeint, sei nur nebenher erwähnt).

Der oft geäußerte und im Falle etwa von Harold Pinter oder Doris Lessing durchaus triftige Einwand, die Auszeichnung käme um Jahrzehnte zu spät, scheint indes auch in Bezug auf Dylan berechtigt. Die Songs, für die er berühmt ist, stammen großteils aus den 1960ern, und natürlich lief als Begleitmusik zu den aktuellen Meldungen im Fernsehen das in den Fuzos dieser Welt zu Tode geschraddelte und dennoch nicht umzubringende „Blowin’ in the Wind“, das der noch nicht 21-jährige Protestfolknik zur Melodie des Gospels „No More Auction Block“ getextet hatte.

Ein anderer Vorwurf gegen die schwedische Akademie lautet quasi auf „Widmungswidrigkeit“. Dylan sei nun einmal Singer/Songwriter, aber kein Schriftsteller; er habe, wie der Germanist Klaus Kastberger in der Zeit nicht ganz unironisch anmerkte, „immer nur lyrics (…) und eben keine Lyrik“ verfasst. Wäre der Literaturnobelpreis an Orpheus gegangen, hätte man vermutlich danach gefragt, ob der seine Mitgliedsbeiträge beim Thrakischen Schriftstellerverband auch pünktlich bezahlt habe.



Dem Role-Model Orpheus folgt Dylan bis heute: Er zieht über die Lande, um seine Lyrics auf der Lyra, nun ja, auf der Gitarre, und wenn die gichtigen Finger nicht mehr so richtig wollen, auf der Orgel oder dem Klavier zu begleiten. Am Tag der Preisverkündung gastierte er im Rahmen der seit 28 Jahren andauernden „Never Ending Tour“ in Las Vegas. Auf der Setlist standen Songs aus einem halben Jahrhundert, von „The Freewheelin’ Bob Dylan“ (1963) bis „Tempest“ (2012).

Mit seinem furiosen Close Reading des Dylan’schen Spätwerks hat Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler sowie Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, all jenen den Wind aus den Segeln genommen, die Dylan als einen „Has-been“ der Sixties abtun. Mit detektivischem Gespür für die unzähligen Zitate, die der Barde von Duluth der Bibel, der „Odyssee“, den Dramen Shakespeares, den Gedichten der englischen Romantik, aber auch Humphrey-Bogart-Filmen oder Jun’ichi Sagas „Confessions of a Yakuza“ entnommen und fugenlos ins eigene Werk eingepasst hat, schreitet Detering einen imposant weitläufigen kulturellen Hallraum ab, in dem die Hierarchien von „High“ und „Low“, E und U, längst applaniert worden sind: „Im Gesang eines jeweils Einzelnen spricht der Chor der vielen mit, die in den wechselnden Jahrhunderten und Kulturen Ähnliches erfahren haben.“

Die zur gescheiterten Märtyrerlegende umgeschneiderte Vita John Lennons unterlegt Dylan auf dem Album „Tempest“ mit dem Muster der Odyssee („Roll On John“), den Untergang der Titanic reinszeniert er im Titelstück – entgegen der hinterfotzigen Beteuerung, dass der 45 Strophen umfassende 14-Minuten-Song naturgemäß nichts mit Shakespeares „The Tempest“ zu tun hätte – als Albtraum Prosperos.



Es ist ein großes Vergnügen, dabei zuzusehen, wie souverän der 24-jährige Dylan während seiner Großbritannien-Tour 1966 (dokumentiert in D.A. Pennebakers Direct-Cinema-Meilenstein „Don’t Look Back“) auf die Zumutungen, Zudringlichkeiten und Unverschämtheiten des Publikums und der Medien reagierte. Der schneidende Sarkasmus, der in klassischen Entliebungsliedern wie „It Ain’t Me, Babe“ oder „Don’t Think Twice, It’s All Right“ zum Ausdruck gelangt – du hast meine kostbare Zeit verschissen, jetzt schleich dich bitte im Tempo deiner Wahl –, lässt erahnen, dass Dylan wohl auch privat ein bissl ein Arsch sein konnte.

Als Poet, Performer und Persona war „der notorische shape shifter“ (Detering) allerdings ein Virtuose nicht nur des Protests und der Verweigerung, sondern auch der Verwandlung und der Zuwendung. Zurecht hat der Sozialphilosoph Axel Honneth auf die Komplexität verwiesen, mit der bei Dylan die Ambivalenzen individueller Freiheitsverwirklichung zum Ausdruck gelangten: „Der radikale Impuls, sich selbst permanent neu zu erfinden, stößt ebenso auf die Grenze einer Sehnsucht nach dem verstoßenen Liebesobjekt wie auf die Grenze eines Strebens nach Versöhnung mit dem Anderen.“

Berühmt für seine kühlen, ja nachgerade hämischen Gesänge der Entfremdung wie „Like a Rolling Stone“ oder „Ballad of a Thin Man“ gelingt es Dylan, „die Kälte der Wälder“, die der von ihm bewunderte Bert Brecht in sich trug, auch wieder zu verscheuchen und sich in einen zu verwandeln, auf den man sehr wohl bauen kann – quasi Bob the Builder: „We live and we die, we know not why / But I’ll be with you when the deal goes down“, versichert er dem lyrischen Du auf seinem vielleicht schönsten Album nach der Jahrtausendwende, „Modern Times“ (2006).

Was „Moderne Zeiten“ für Dylan bedeuten, ist freilich sehr die Frage. Der englische Schriftsteller Simon Armitage hat auf eine wesentliche Differenz im Popuniversum aufmerksam gemacht: Während die jeweils aktuelle Transformation des anderen notorischen shape shifter, David Bowie, stets in der Gestalt des neuesten heißen Scheiß daherkam, war Dylan „immer retro“ und bezog sich auf vergangene Formate und Stile.

Archäologe und Mythologe in Personalunion, fördert er Verschüttetes zutage, ordnet Altbekanntes neu und stellt archaisch anmutendes Eigenes daneben. So finden sich dann Ophelia, Aschenputtel, der Gute Samariter und ein als Robin Hood verkleideter Einstein in der „Desolation Row“ ein, liefert der Highway 61 dem Disput zwischen Gott und Abraham einen ebenso selbstverständlichen topografischen Referenzrahmen wie der Konversation eines gewissen Mack the Finger mit Louie the King.

Der Highway 61, der heute etwas weiter südlich endet und dem Verlauf des Mississippi folgt, verband einst Dylans Geburtsstadt Duluth, Minnesota mit dem kulturellen Schmelztiegel New Orleans. „Mir gefallen viele Städte, aber New Orleans ist mir die liebste von allen. Jeder Augenblick bietet tausenderlei Perspektiven“, verrät Dylan in seinen 2004 publizierten Memoiren „Chronicles. Volume One“ und schwärmt von der Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Stile und Epochen.

Analog dazu verfährt er in den eigenen Songs. In „Highway 61 Revisited“ etwa wird Geschichte, werden Geschichten nicht so sehr erzählt als vielmehr eingefroren in balladeske Bilder. Die fünf siebenzeiligen Strophen sind im unorthodoxen Schema aaaabbb gehalten, und die stets männlich auslautenden (reinen, unreinen und identischen) Endreime erzeugen einen sujetadäquaten On-the-Road-Sog.

Allen Ginsberg, der beim ersten Hören von „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ in Tränen ausbrach (nicht zuletzt, weil er wusste, dass die Fackel der Beat Poets von einem Jüngeren übernommen worden war), hat angemerkt, dass Dylan identisch sei mit der Luftsäule des eigenen Atems. So gesehen ist es nur konsequent, dass sich die aktuelle Kontroverse just daran entzündet, ob dessen Songs auch ohne das Pneuma des Poeten hinreichend Sogkraft entwickelten.



Auf die Frage, ob er sich eher als Dichter oder als Sänger fühle, hatte Dylan auf einer Pressekonferenz in San Francisco 1965 geantwortet: „I think of myself more like a song-and-dance-man.“ Man braucht ihm, der’s schon damals faustdick hinter den Ohren hatte, aber nicht alles abzunehmen. „I’m a poet, and I know it / Hope I don’t blow it“ hatte er im Jahr zuvor auf „Another Side of Bob Dylan“ verkündet.

Und Elfriede Jelinek, die Literaturnobelpreisträgerin von 2004, meinte auf Anfrage des Falter: „Ich bin sehr glücklich darüber und auch stolz, dass ich jetzt in gewisser Weise in einer Reihe mit ihm stehe, wenn auch ziemlich viel weiter hinten. Ich kann kaum noch Musik ertragen, Bob Dylan aber kann ich immer hören. Also ich bin begeistert.“

Klaus Nüchtern in Falter 42/2016 vom 2016-10-21 (S. 28)

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Mehr Informationen
Inhaltsverzeichnis

Eugen Banauch. Mit Alexandra Ganser und Martin Blumenau | Einleitung. Wie kommt Bob Dylan nach Österreich?
Wolfgang Kos | No Direction Home: Zur Rezeption Bob Dylans in den Sechzigerjahren
Kurt Albert Mayer | Österreichische Nostrifizierungen Bob Dylans

Kapitel 1: Literarische Aneignungen
Michael Köhlmeier | Königsschach
John Heath | Not there: Die Poetik der Absenz in den Bob-Dylan-Verarbeitungen Köhlmeiers und Aichingers
Ilse Aichinger | I’m glad, I’m not me – Bob Dylan
Cornelia Travnicek | Dylan’s not dead
Eugen Banauch | „Gruber hört heimlich Dylan“ – Bob Dylan in der österreichischen Gegenwartsliteratur
Doris Knecht | Gruber geht
Andreas Unterweger | Warum ich über Bob Dylan geschrieben habe
Bernhard Moshammer | Gute Gedanken
Karl Wagner | Zwei Helden unserer Jugend
Leopold Federmair | Aki

Kapitel 2: Musikalische und künstlerische Aneignungen
Ambros über Dylan
Martin Blumenau, Alexandra Ganser | Bringing it all back home? Wolfgang Ambros’ Aneignungen Bob Dylans
Der Nino aus Wien | Hotel
Reinhold Bilgeri | Dylan.
Mika Vember | Bob Dylans Spätwerk: Ich
Andreas Spechtl | Die Lehre von der Dekonstruktion
Natalie Ofenböck, Nino Mandl | Verwandlung
Markus Brandstetter | „Wir sind Idioten, Babe“
Stefan Kutzenberger | „Unbelievable“ – Die Bob-Dylan-Installation am Wiener Stock-im-Eisen-Platz
Andreas Mailath-Pokorny | Dylan und der Rathausmann

Kapitel 3: Fankulturen
Armin Thurnher | Der Dylan-Faktor
Peter Pilz | Dülln
Rainer Vesely, Martin Blumenau | Dialog über Dylan
Michael Spreitzhofer | Shooting Star
Rainer Vesely | Das österreichische Dylan-Festival
Burkhard Schleser, Rainer Vesely | Parking Meter
Eugen Banauch | Dylanvienna – Ein Event in Wien
Hans Krankl | Über Bob Dylan

Erscheinungsdatum 01.11.2014
Umfang 216 Seiten
Genre Musik/Musikgeschichte
Format Gebundene Ausgabe
Verlag Falter Verlag
EAN 9783854395171
Herausgeber Eugen Banauch, Martin Blumenau, Alexandra Ganser
Leserstimmen

Schon die Idee für das Buch - großartig - hab viel gelernt aus den 70er/80er Jahren, was mir bisher entgangen war. (Regina G., Korneuburg)

Selten so ein informatives und dabei auch noch wunderbar gestaltetes(!) Buch in dt. Sprache über Dylan gelesen - habe selbst als großer Dylan-Fan noch viel Neues gelernt! (Hans Peter B., München)

Sehr gute, umfassende und ausgewogene Zusammenstellung von interessanten Beiträgen zum Phänomen Dylan. (Franz P., Wien)

Sorgfältig gemacht + echt etwas besonderes! (Johann W., Reutte)

Ein Buch mit wunderschönen Illustrationen und Texten von Autoren, die dem "Meister" alle Ehre machen. Vielen Dank! (Fritz F., Langenlebarn)

Mehr in dieser Art!! ( Ernst P., Klagenfurt)

Ein Prachtband, liebevoll zusammengestellt (die Eintrittskarten!). (Norbert M., Laufach/Deutschland)

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