Über Kreisky

Gespräche aus Distanz und Nähe
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Gespräche mit prominenten Zeitgenossen und Weggefährten, Essays, wenig bekannte Bilddokumente und eine ausführliche Biografie. Zum 100. Geburtstag Bruno Kreiskys entsteht ein lebendiges, neues Bild eines Politikers und seiner Epoche, die Österreich verändert hat wie keine andere.

Vorwort: Franz Vranitzky
Epilog: Armin Thurnher

Interviews mit:

Oliver Rathkolb
Heinz Fischer
Helmut Schmidt
Henry Kissinger
Karl Schwarzenberg
Eva & Thomas Nowotny
Barbara Coudenhove Kalergi
Arie Lova Eliav
Ferdinand Hennerbichler
Peter Jankowitsch
Antonia Rados
André Heller
Hannes Androsch
Margit Schmidt
Johanna Dohnal
Peter Kreisky

FALTER-Rezension

Jetzt die Welt verlassen müssen

Am Ende seines Lebens hört Bruno Kreisky, wie die Menschen in Berlin auf der Mauer tanzen, ­erkennen kann er sie nicht mehr auf den Fernsehbildern. Er hört zehn Tage später, wie Hunderttausende auf dem Prager ­Wenzelsplatz mit ihren Schlüsseln in den hocherhobenen Händen das Ende des kommunistischen Regimes einläuten. Er hört einen Monat später vom blutigen Ende des rumänischen Tyrannen Nicolae Ceausžescu. Der Kommunismus, den er ein Leben lang verabscheut hatte, ist in sich zusammengebrochen, fast lautlos. Kreisky hat mehrere Schlaganfälle hinter sich, seine Stimme ist brüchig, er bewegt sich nur mühsam, ist auf ständige Hilfe angewiesen. Sein ­Lebensfluss versickert, und plötzlich ist Revolution in Osteuropa. Eine neue Zeit bricht an, niemand weiß, wohin sie führen wird, aber er wird es nicht mehr erleben.



Als sein achtzigstes Lebensjahr beginnt, im Jänner 1990, liegt er im Lehnstuhl am Pool seines Hauses in Mallorca, eingewickelt in einen weiten Umhang, den ihm einmal der libysche Despot Muammar al-Gaddafi geschenkt hat. Er liebt dieses Haus, die Insel, die Leute, das Klima. Schon lange sind die Winter in Österreich beschwerlich geworden und die innenpolitischen Querelen unerträglich. Er ist aufgewühlt und bitter. Jetzt die Welt verlassen müssen, wo die Verhältnisse sich umstürzen! Niederträchtig ist das, nicht mehr wissen zu können, wie es weitergehen wird.

Bruno Kreisky war einer der Architekten dieser Revolution, der erste westliche Außenminister, der die Tür zum Osten aufgestoßen und mit allen Regimes dort geredet hat, zu einer Zeit, als der Osten noch ein ferner, grauer Kontinent war. Konferenzen waren eine seiner Leidenschaften. Er ist fest davon überzeugt, dass die Konflikte der Welt durch Verstand und Vertrag gelöst werden können. Da ist die Schlussakte der Helsinki-Konferenz, in der die Menschenrechte und die Gedankenfreiheit verankert wurden. Das hatte er energisch betrieben, 1975 war das gewesen. Die Amerikaner und die Sowjets unterzeichneten den Vertrag, weil er die Grenzen in Europa zwischen den Blöcken bestätigte, die Nachkriegsordnung festzurrte. Die Klausel mit den Menschenrechten nahmen sie nicht ernst. Da sollten sie sich gewaltig irren.



Am Grunde der Moldau wandern die Steine

Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine

Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.



Ein großartiger Dichter, dieser Bert Brecht, auch wenn er im falschen politischen Boot gesessen ist. Er ist ihm einige Jahre, bevor er das schrieb, in Schweden begegnet. ­Warum sind Sie nicht in Moskau?, hatte er ihn gefragt. Sie sind doch Kommunist! Aber so gläubig war Brecht auch wieder nicht und ist nach Amerika gegangen, weit weg vom kriegszerrissenen Europa. Das kam für Kreisky nicht infrage. Er blieb nahe dem Zentrum des Geschehens.



Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne

Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.

Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne

Es wechseln die Zeiten, da hilft kein' Gewalt.



Er hatte nie daran gezweifelt, dass Hitler und die Nazibarbarei untergehen würden. Dass der Kommunismus noch zu seinen Lebzeiten zusammenbricht wie ein Kartenhaus, und das ohne Krieg, hat er keinen Moment vorhergesehen. Niemand konnte das. Es wechseln die Zeiten. Wie viel Zeit bleibt ihm noch? Willy Brandt möchte er noch einmal sehen. Wenige Menschen sind ihm so nahe gewesen wie Brandt. Beide trugen sie das Stigma des Exilanten, des Drückebergers, des Davongelaufenen, des im sicheren Hafen Verharrenden, der es sich gemütlich gemacht hat im warmen schwedischen Nest. Brandt trug dazu noch das Kainsmal des unehelich Geborenen auf der Stirn, er das des Juden. Sie hatten gewusst, dass es nicht leicht sein würde, zurückzugehen. Brandt gelang es viel früher als ihm. Er musste sechs lange Jahre warten, die eigene Partei blockierte ihn. Die Sozialdemokratie wollte mit ihren Emigranten möglichst wenig zu tun haben. In der Ersten Republik hatte sie als Judenpartei gegolten, damit war jetzt Schluss.



Das hat ihn schwer getroffen. Schon als Schüler war er, der wohlbehütete Bub aus gutem Haus, auf Misstrauen gestoßen, als er mit Anzug und Krawatte bei der sozialistischen Arbeiterjugend auftauchte, statt in die Tanzstunde zu gehen. Was wollte so ­einer bei ihnen? Seit damals wusste er, dass ihm seine jüdische Herkunft wie ein Mühlstein um den Hals hing. Er hat sich schließlich durchgesetzt und dann, nach einem kurzen, berauschenden Höhenflug in der Jugendbewegung, den Niedergang seiner Partei erlebt. Den Hass, den der ­Februar 1934 in den Jungen auslöste, als Dollfuß, der Millimetternich, die Kanonen des ­Bundesheeres auf die Arbeiterwohnhäuser richten ließ, trägt er lebenslang wie ein Fanal mit sich herum. Er verabscheut die Christlichsozialen mehr als die Nazis, mit denen er im Austrofaschismus nach seiner Verhaftung im Gefängnis gesessen ist. Auch ihren Nachfolgern in der ÖVP wird er für immer misstrauen. Ein Jahr schweren Kerkers wegen Hochverrats hat er kassiert. Zwei Jahre später abermals Verhaftung. Als ihn die Gestapo durch die Intervention eines ehemaligen Mitgefangenen, jetzt ein hoher Nazi, frei ließ, haben ihn die ­Schweden mit offenen Armen aufgenommen.

Schweden wurde und blieb seine zweite Heimat. Aber er wollte unbedingt zurück. Die ganzen Jahre hier, von 1938 bis Kriegsende, hatte er sich auf die Rückkehr vorbereitet. Und dann diese unerwartete Zurückweisung von den eigenen Genossen. Er, der Hochbegabte, der sich in der Haft und im Exil bewährt hatte, wurde durch ein lächerliches Vorurteil abgehalten, endlich in die hohe Politik einzusteigen. Als er es endlich geschafft hatte, war er bereits vierzig, aber dann ging es Zug um Zug. Kabinettsdirektor beim Bundespräsidenten, Staatssekretär, Außenminister und, nach einer schweren Wahlschlappe, Parteivorsitzender. Ein Bürgerlicher im Maßanzug, der dauernd in Flugzeuge stieg, in der Welt herumfuhr, auf Kamelen ritt und mit fremdartig aussehenden Leuten redete, ein Intellektueller, der in einer Villa wohnte, jüdisch dazu, übernahm die Partei. Das Murren an der Basis war noch jahrelang zu hören.



Die jüdische Erbschaft ist seine Achillesferse. Er ist immer wütend geworden, wenn ihn jemand als Juden vereinnahmen wollte. Sein innerer Kompass hat zwei Nadeln, die fortwährend um die Vorherrschaft streiten. Seine Herkunft hat er nie verleugnet, aber es kommt nicht infrage, dass er sich ihr unterwirft. Natürlich weiß er, was er ihr verdankt. Die Vorfahren, auf die er so stolz ist, Lehrer, Abgeordnete, Industrielle, haben ihre Spuren hinterlassen, in ihm sind ihre liberale Weltsicht, ihre Bildung, ihre Erfahrungen und Traditionen zusammengeflossen. Seine Liebe zu Büchern, sein dialektisches Denken, sein Verhandlungsgeschick, sein Witz, seine Weltläufigkeit. Er hat sich vor einigen Jahren einen Bart wachsen lassen, der lässt ihn wie einen alten Rabbi aussehen. Vielleicht war ja unter den Ahnen ein Rabbiner, warum nicht? Schließlich waren das immer auch Gelehrte, Weise. Der Gedanke gefällt ihm.

Er ist sehr langsam geworden, manchmal überwältigt ihn die Rührung, eine typische Altmännerschwäche. Er kämpft seit über zwanzig Jahren mit seinem Körper, eine Gemeinheit, dass seine Kräfte jetzt ausgelassen haben. Wie kurz doch das Leben ist! Noch mindestens zehn Jahre hätte er gebraucht, um seine Anliegen weiterzubringen. Er hat immer blitzschnell gedacht und gehandelt, Entschlusskraft war eine seiner großen Gaben, aber er hat auch warten können, bis eine günstige Gelegenheit kam, um zuzuschlagen. Er ist ein Taktiker. Politik ist ihm auch Spiel, Schach, Poker.

Als der ÖVP-Chef Josef Klaus noch in der Wahlnacht vom März 1970, fassungslos über den Sieg der SPÖ, das Handtuch warf, hat er gewusst, dass er jetzt alles auf eine Karte setzen musste. Das Unglaubliche war geschehen: Er, immer überzeugt davon, dass er als Jude weder Parteivorsitzender noch Kanzler werden konnte, war jetzt beides. Er hatte den Trumpf in der Hand, den galt es auszuspielen. Die Tür stand offen, und er ging durch. Es war Zeitenwende, die Welt war in Bewegung, die Mehrheit der Jungen hatte ihn gewählt, er hat einen Durchbruch bei den Bauern erzielt. Das wird er nicht aus der Hand geben. Er hat sich noch vor dieser Wahlnacht entschieden: Minderheitsregierung, falls er eine Mandatsmehrheit hat. Den Menschen zeigen, was die Sozialdemokratie in kurzer Zeit zusammenbringt. Und dann nochmals wählen lassen. Er wusste, dass das funktionieren kann. In Schweden regieren seit Jahrzehnten sozialdemokratische Minderheitsregierungen. Warum nicht auch in Österreich, wenigstens für ein Jahr? Es kamen noch drei absolute Mehrheiten. Dreizehn Jahre Alleinregierung! Das wird ihm so schnell keiner nachmachen.



Was wird die Nachwelt von ihm sagen? Er hat sein Leben lang polarisiert, sich nicht gescheut, Auseinandersetzungen zu führen. Woran werden die Menschen sich erinnern? Österreich hat einen unerhörten Aufschwung genommen in seiner Ära, längst überfällige Reformen wurden gemacht, das Land ist liberaler, offener geworden. Der Preis war hoch. Er hat nicht zugelassen, dass dieses Land auseinandergerissen wird durch eine Diskussion über Juden und Nazis. Er hat nicht zugelassen, dass Simon Wiesenthal nur die Roten prügelt und die Schwarzen, die ja auch den Nazischutt stillschweigend weggeräumt und die Leute ins Boot zurückgeholt haben, in Ruhe lässt. Was geschehen war, war geschehen, und solange man einem Nazi keine Verbrechen nachweisen konnte, hatte er das Recht, klüger geworden zu sein. Seine Devise war, die Gräben zuzuschütten. Wie sollte man sonst mit sechshunderttausend Nazis umgehen? Und dann kamen noch ihre Familien dazu, die Heerscharen von Kriegstoten, die nie zurückgekehrten Soldaten. Er hat dazu beigetragen, das Land zu einen. Wird man das zu würdigen wissen? Und seine tragischen und nie beendeten Kämpfe, seine Irrtümer – wird man sie verstehen? Sein heftiges Temperament, seine Wutanfälle? Dafür reicht die Kraft schon lange nicht mehr.

Aber er konnte doch bis fast zuletzt die Menschen faszinieren, sie unterhalten, sie verführen. Er hat die Nähe der Menschen gebraucht wie ein Stück Brot, er hasst es, allein zu sein. Dass seine Frau, das "Verali", vor einem Jahr gestorben ist, einfach gegangen von einem Tag auf den anderen, hat ihn völlig unvorbereitet getroffen. Jetzt steht niemand mehr zwischen ihm und dem Tod. Der Nächste ist er, und dann kommt das Nichts. Wo sind sie hin, die Menschen? Es wird still um ihn, und jenseits seiner Insel geht ein Zeitalter zu Ende und ein neues bricht an. Wie wird die Welt aussehen in zehn Jahren? Oder in zwanzig?

Helene Maimann in Falter 1-2/2011 vom 2011-01-14 (S. 10)

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Reihe Fachbücher
Erscheinungsdatum 01.01.2011
Umfang 280 Seiten
Verlag Falter Verlag
EAN 9783854394556
Herausgeber Helene Maimann
Leserstimmen

Zeitgeschichte - die man miterlebt hat - aus der Perspektive verschiedenster Persönlichkeiten - äußerst spannend + interessant!! (Erika C. A., Gmünd)

Das ist ein Portrait, das eine eigene Klasse prägt - meisterlich! (Katharina L., Perchtoldsdorf)

sehr gute Mischung, breites Spektrum, gewohnte falter Qualität (Alois S., St. Pölten)

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