Dark Matter

von Randy Newman

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Label: NONESUCH
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 9 Tracks, Gesamtspielzeit 39:29 Min.
Erscheinungsdatum: 04.08.2017


Rezension aus FALTER 32/2017

Wo Popsongs zu Theaterstücken werden

Das neue Album belegt: Der US-Songwriter Randy Newman ist auch mit 73 Jahren zu stur für die Hitparade

Für einen Emmy-, Grammy- und Oscar-Preisträger ist Randy Newman erstaunlich wenig Held. Als Neffe dreier Filmmusikschreiber war der junge, talentierte Randy ein Versprechen an die Unterhaltungsindustrie. Er konnte schon als Teenager fantastisch schreiben und komponieren, mit seinen Klavierballaden und Filmmusiken schien er qualifiziert für die Songschreiberelite.
Jetzt ist Randy Newman ein freundlicher 73-Jähriger, aus ihm ist kein geliebter Leonard Cohen und kein ikonischer Tom Waits geworden. Seit den 1990er-Jahren hat der in Los Angeles wohnende Musiker vor allem Scores für Disney-Filme geschrieben, darunter die „Toy Story“-Trilogie, „Cars“ und „Die Monster Uni“; vergangene Woche veröffentlichte er ein neues Studioalbum, das erste seit „Harps and Angels“ aus dem Jahr 2008. Es heißt „Dark Matter“.

Newman selbst hat das ganze Album arrangiert und mit jungen Musikern aus Los Angeles eingespielt. Natürlich mit vielen Streichern, oft nahe der Filmmusik, streckenweise dem Ragtime. Dazu kommen dieses Mal Kurzausflüge in den Gospel, in den Salsa und ins Musical.
Randy Newman, so könnte man diagnostizieren, macht Musik für Musikkritiker. Das Feuilleton hat ihn von Beginn an als einen der wichtigsten US-amerikanischen Songschreiber gefeiert, sein wahrscheinlich bestes Album „Sail Away“ kam 1972 trotzdem nicht über Platz 163 der US-Charts hinaus. Dabei wäre Newman eigentlich ein Mann des Volkes, ein Geschichtenerzähler alter Schule. Auf seinen Studioalben scheint der Musiker beides zu sein, Komponist und Literat. Seine Lieder sind kleine Theaterstücke, er entwirft Szenen und Dialoge, dazu Figuren, die alle möglichen Rollen einnehmen können, außer eine: die des Regisseurs Randy Newman selbst.

Im ersten Lied des neuen Albums moderiert er eine Verhandlung zwischen Wissenschaftlern und Gläubigen, die acht Minuten lang die Argumente für ihre Art der Weltdeutung ausbreiten. Im zweiten lässt er John F. Kennedy mit dessen Bruder Robert bei Whiskey über eine mögliche Invasion in die kubanische Schweinebucht sinnieren. Das dritte ist ein ironisches Loblied auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin und darüber, wie toll er ohne Oberteil aussieht. Im vierten Lied erzählt eine sterbende Frau ihren Kindern, wie sie mit ihrem dementen Ehemann umgehen müssen.
Das sind Stoffe für eine überraschende Rollenprosa aus der Zeit nach dem amerikanischen Jahrhundert. Seine Erzähler sind politisch und privat, zynisch und unberechenbar, aber immerfort präsent. Eine solche Figur, wie sie aus einem Newman-Lied stammen könnte, ist kürzlich sogar Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Newman hat tatsächlich einen Song über Donald Trump und dessen Körperteile geschrieben. Das Lied hat es letztlich nicht auf das neue Album geschafft. Was für ein Schlager hätte das werden können. Für einen Künstler wie Newman ist diese Zielscheibe viel zu groß.
Vielleicht spürt man den Instinkt des Künstlers, der ihn Schnulzen verabscheuen und um keinen Preis Hits produzieren lässt, auf „Dark Matter“ stärker denn je. Wie immer erzählt Newman mit seiner eher unschönen Realismusstimme mehr, als dass er singt. Dazu lässt er jedes seiner Lieder reflexartig an der Stelle abbiegen, an dem es hymnisch oder harmonisch zu werden droht. Dann folgt ein Tempo- oder Stilwechsel, einmal ums Eck. Sein neues Album macht das kurzweilig, aber gleichzeitig sperrig.

Einige Lieder kennen Wiener Fans vom schönen Konzert, das Newman im November 2015 im Museumsquartier gespielt hat. „It’s a Jungle Out There“ etwa, der erweiterte Titelsong der TV-Serie „Monk“, der nie auf einem Newman-Album enthalten war.
Mit „Dark Matter“ wird Randy Newman die Welt wieder nicht verändert haben, er wird wieder nicht im Radio gespielt worden sein, er wird seine Fans wieder nicht enttäuscht haben und er wird wieder kaum neue für sich begeistert haben. Weil er das wieder nicht gewollt haben wird.

Lukas Matzinger in FALTER 32/2017 vom 11.08.2017 (S. 28)

Titelliste
1. 
The great debate
8:09
2. 
Brothers
4:54
3. 
Putin
3:44
4. 
Lost without you
3:54
5. 
Sonny boy
4:42
6. 
It's a jungle out there (V2)
3:19
7. 
She chose me
3:12
8. 
On the beach
4:31
9. 
Wandering boy
3:04

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