The NowNow

von Gorillaz

€ 23,10
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Label: Parlophone Label Group (PLG)
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 11 Tracks, Gesamtspielzeit 40:42 Min.
Erscheinungsdatum: 29.06.2018

Rezension aus FALTER 26/2018

Nach Hause telefonieren

Mit seiner Comicband Gorillaz rettet Damon Albarn für 40 Minuten den Pop

Pop war einmal eine Welt für sich. Lieblingsplatten stellten kleine Inseln dar, die Fans über Wochen und Monate bis in die letzten Ecken erkundeten. Heute regieren Playlists und die Macht der Algorithmen. Kommerziell orientierte Acts konzentrieren sich auf Singles, die Streaming-Rekorde brechen sollen. Gute Popmusik wiederum ist oft etwas kompliziert, der Hörer muss sich den Zugang erarbeiten.
Dass ein Album von der ersten Sekunde an fesselt, passiert nur mehr ganz selten. „The Now Now“ von Gorillaz ist so ein Glücksfall von rarer Leichtigkeit. Bereits der schunkelnde Funkpop-Song „Humility“ macht eingangs klar: Hier passt alles. Daraus erwachsen zehn weitere Stücke von größter Lässigkeit und berührender Emotionalität. Und ehe man sich’s versieht, ist der Zauber wieder vorbei, ohne Durchhänger oder gepflegte Langeweile. Was war das jetzt?

„The Now Now“ gehört zum Besten, was Damon Albarn in seiner Karriere produziert hat. Das will etwas heißen. In den 1990ern stand er erfolgreich der Britpop-Band Blur vor. Im Gegensatz zu den Gallagher-Brüdern von Oasis, mit denen er damals konkurrierte, blieb er danach nicht stehen, er entwickelte sich weiter. Bereiste den afrikanischen Kontinent, produzierte World Music, versuchte sich an einer modernen Oper oder nahm mit der Band The Good, the Bad & the Queen eine tolle Platte von spezifisch englischer Düsternis auf.
Nicht alles, was der Umtriebige veröffentlicht, ist super. Aber praktisch alles ist spannend. Albarn wirkt wie ein großes Kind mit ungebremstem Spieltrieb und kaum zu stillender Entdeckungslust. Im März ist er „noch einmal 25“ geworden, wie es Udo Jürgens einst formuliert hat. Nun ist ein 50-jähriger Popmusiker, wenn er nicht gerade David Guetta heißt und auf Berufsjugendlicher macht, im Grunde alt. Die Charts dominieren zu Recht junge Leute.
Gorillaz sind ein geschickter Schachzug Albarns, in einem Alter, in dem Musiker meist nur mehr die eigene kreative Vergangenheit verwalten, weiterhin relevante – das meint auch: verkaufstechnisch messbar erfolgreiche – Popmusik zu produzieren. Indem er die von seinem Kompagnon Jamie Hewlett gezeichneten Comic-Figuren vorschickt, erreicht er immer noch ein junges Publikum, ohne sich peinlich verstellen zu müssen. In den USA machte ihn das 1998 initiierte Projekt überhaupt erst bekannt, Blur hinterließen dort abgesehen vom „Woo-hoo!“ des Hochgeschwindigkeitskrachers „Song 2“ keinen großen Eindruck.
In Interviews wird Albarn dennoch verlässlich gefragt, wie es um seine alte Band bestellt ist. Mit ihr spielt er ab und zu Konzerte, wenn er sich dazu erweichen lässt und die anderen Mitglieder sich von ihren Beschäftigungen loseisen können – Bassist Alex James etwa erzeugt auf seinem Landsitz preisgekrönten Käse. Auch ein Studioalbum haben Blur 2015 wieder veröffentlicht. „The Magic Whip“ war als Zugabe in der Diskografie einer Gruppe, die ihre Zeit gehabt hat, eine würdige Sache.

Gorillaz indes sind ein Gegenwartsprojekt; Hip-Hop und Elektronik formen absolut zeitgenössischen globalen Pop. Anfangs fiel es noch schwer, die Comic-Sache ernst zu nehmen, die Idee einer virtuellen Band erschien eher halblustig. Albarn nimmt den Part der Figur 2-D ein, die anderen gezeichneten Mitglieder der postmodernen Band heißen Murdoc, Noodle
und Russel. Die Musik freilich war stets eine One-Man-Show. Nur wenn ihm fad war, lud der Chef Gäste ins Studio. Mit der Zeit geriet das System, sich von anderen Sängern und Rappern unterstützen zu lassen, außer Kontrolle. Auf dem Album „Humanz“ war die Hauptstimme 2017 kaum mehr präsent. „The Now Now“ ist das Gegenteil, ein Solo für Damon. In „Hollywood“ helfen Rapper Snoop Dogg und House-Vokalist Jamie Principle, bei zwei anderen Stücken spielt der edle Jazzgitarrist George Benson mit. Mehr Gäste gibt es nicht.
Das Material entstand während der US-Tour vergangenen Herbst in Bussen und auf Flughäfen. In den Texten geht es denn auch ums Unterwegssein, „I’m on my journey home“, singt Albarn sehnsüchtig in dem Electrofolk-Heuler „Idaho“. Oft klingt er verloren wie ein Astronaut oder auch nur wie ein Engländer in den USA, der von den „green fields of home“ träumt. Frei nach Steven Spielberg: Damon nach Hause telefonieren!
Zurück in London nahm er die Songs mit Unterstützung der Musiker James Ford und Remi Kabaka in wenigen Wochen auf. Es ist ihnen anzuhören, dass nicht endlos herumgetüftelt wurde, „The Now Now“ klingt wie aus einem Guss. Elektronischer Funk im gemütlichen Midtempo („Humility“, „Sorcererz“), flottere Nummern („Tranz“, „Lake Zurich“) und typische Albarn-Balladen („Idaho“, „One Percent“) fügen sich zu einer ebenso kompakten und eingängigen wie leicht trippigen Platte.

Bonus Track: Anfang des Jahres sorgte der Musiker mit einer schon merklich angeheitert vorgetragenen Anti-Brexit-Tirade beim Musikpreis Brit Awards für konsternierte Blicke. Die jüngere Popgeneration gibt kaum mehr politische Statements ab. Für sie wirkte Albarn in dem Moment wie der schräge Onkel auf der Familienfeier. In den Gorillaz-Texten kann er seine Botschaften verpacken, ohne den Zeigefinger zu erheben. Die ersten Worte auf „The Now Now“ lauten: „Calling the world from isolation“. Gemeint ist natürlich Großbritanniens Position heute. Damon, wir können dich hören.

Sebastian Fasthuber in FALTER 26/2018 vom 29.06.2018 (S. 27)

  Song-Titel Interpret
1.  Humility 3:17 Gorillaz / Benson, George
2.  Tranz 2:42 Gorillaz
3.  Hollywood 4:53 Gorillaz / Snoop Dogg / Principle, Jamie
4.  Kansas 4:08 Gorillaz
5.  Sorcererz 3:00 Gorillaz
6.  Idaho 3:42 Gorillaz
7.  Lake Zurich 4:13 Gorillaz
8.  Magic city 3:59 Gorillaz
9.  Fire flies 3:53 Gorillaz
10.  One percent 2:21 Gorillaz
11.  Souk eye 4:34 Gorillaz

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