FALCO Coming Home-The Tribute Donauinselfest 201

von Falco

€ 21,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Label: SONY MUSIC CATALOG
Format: CD
Genre: Pop deutschsprachig
Umfang: 18 Tracks, Gesamtspielzeit 76:11 Min.
Erscheinungsdatum: 02.02.2018

Rezension aus FALTER 5/2018

„Kokain war nie ein Problem“

Am 6. Februar jährt sich Falcos Todestag zum 20. Mal. Drei enge Vertraute erinnern sich an den Wiener Popstar

Dem 60. Geburtstag vor einem Jahr folgt nun das nächste Falco-Jubiläum: Am 6. Februar ist Hans Hölzel bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik 40-jährig verstorben. Präsent ist er freilich nach wie vor. Die Werkschau „Falco 60“ geriet vergangenes Jahr zum Hit, und das Falco-Musical ist ein Publikumsmagnet – es gastiert demnächst erneut in der Wiener Stadthalle.
In einem Roundtable-Gespräch erinnern sich drei Experten an das Leben und die wechselvolle Karriere des Wiener Musikers: Markus Spiegel, der Falco Anfang der 1980er für sein Label GiG Records unter Vertrag nahm; Thomas Rabitsch, der in Falcos Band Keyboard spielte und das posthume Werk musikalisch betreut, sowie Edek Bartz, der Mitte der 1980er als Tourmanager dafür sorgte, dass Falco allen Eskapaden zum Trotz abends stets auf der Bühne stand.

Falter: Falcos Karriere ist eine Geschichte von Höhenflügen und Abstürzen. Bei „Nachtflug“, seinem letzten Album zu Lebzeiten, war er 1992 fit und ambitioniert. Danach ging es bergab. Warum?
Thomas Rabitsch: Die „Nachtflug“-Tour mit dem Konzert beim Donauinselfest 1993 und dem Auftritt mit dem Orchester in Wiener Neustadt 1994 war eine in sich abgeschlossene Sache. Hans war damals tatsächlich fit. Er war trocken, er war fokussiert, er wollte Neues machen. 1995 haben wir zu dritt Demos aufgenommen. Anlässlich der EU-Abstimmung in Österreich fiel ihm etwa der Song „Europa“ ein, der als Statement gegen Nationalismus heute aktueller denn je ist.

Was wurde aus diesen Demos?
Rabitsch: Hans ist damit zu seiner Plattenfirma nach Köln gefahren, ihr war das aber zu arty, zu selbstbewusst, zu politisch. „Wo ist ‚Amadeus‘?“, hieß es. Er war logischerweise enttäuscht und hat gleich darauf als Reaktion unter einem Pseudonym das Technostück „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ gemacht. Parallel dazu traf er sich mit Leuten wie Peter Kruder und Richard Dorfmeister und versuchte, mit der Wiener Elektronikszene Verbindung aufzunehmen. Er war neuen Strömungen gegenüber eigentlich immer offen. Das Scheitern und den Misserfolg so stark zu betonen, halte ich für einen Mythos. Alle Künstler haben Wellen, wo es einmal besser und einmal schlechter läuft.

1992 war Falco bestens drauf, wenige Jahre später wirkte er in Interviews fahrig und trug ein hässliches Kapperl, auf dem „Excalibur Energy Drink“ stand. Gut ist es da definitiv nicht gelaufen.
Rabitsch: Man kann das ruhig beim Namen nennen: Er hatte Geldprobleme, und da kamen Excalibur und Ronnie Seunig ins Spiel. Dessen Geld hat er gebraucht und genommen, und dafür hat er sich wie Niki Lauda ein Kapperl aufgesetzt.

Wie konnte jemand, der Millionen Platten verkauft hat, Geldsorgen haben?
Rabitsch: Fragen Sie die Steuer!
Markus Spiegel: Ich kann mich gut an ein Gespräch erinnern, in dem es um die Frage ging, was wir denn tun könnten, damit ich Gelder nicht auf Falcos Konto auszahle. Eine Firma auf den Azoren gründen oder so. Aber das riecht natürlich nach Steuerbetrug, und das hat er sich nicht getraut. Er lieferte der Finanz die Gelder ab, und man darf auch nicht vergessen, dass Frauen im Leben des Hans Hölzel sehr teuer waren. Der Lebensstil am Tag und insbesondere auch in der Nacht war dem Künstler angemessen und forderte seinen Tribut.

Herr Rabitsch, Sie haben mit Falco bereits in den 70er-Jahren Musik gemacht. Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Rabitsch: Das war 1977, wir hatten uns ganz dem Jazz sowie Rock à la Frank Zappa verschrieben. Ein Freund von mir war Gitarrist. Er beschloss, dass wir eine Band gründen, und er kannte einen Bassisten namens Hansi Hölzel, der dann zu mir in den Proberaum im elterlichen Haus kam. Er hatte mittellange Haare, und sein Idol war offenbar Jaco Pastorius, der Bassist von Weather Report. Von Show, Performance und allem anderen Glam war das damals noch weit entfernt. Wir nannten uns Apokalypse, was gut zum ersten Gig bei einem Jazzfestival passt, der auch der letzte bleiben sollte.

Wie das?
Rabitsch: Die Band vor uns hatte überzogen, uns blieben nur mehr 15 Minuten. Es wurde eingezählt, und wir haben gleich einmal zwei unterschiedliche Nummern zu spielen begonnen. Die Leute sind erschrocken, wir selbst auch, und das war es mit der Band. Drei Monate später haben wir uns wiedergetroffen. Wickerl Adam hatte mich gefragt, ob ich bei ihm im Proberaum vorbeischauen mag, weil er eine neue Band machen wollte, die Hallucination Company. Ich komme hin, und wer sitzt dort: der Hansi Hölzel. „Wir kennen uns“, sagt er. Und ich: „Ja, aber sag nicht, von wo!“

Das war alles 1977?
Rabitsch: Ja. 1978 im Frühjahr hatten wir unsere ersten Gigs im Haus der Begegnung in der Bernoullistraße im 22. Bezirk. Wir haben die Show selbst entwickelt und gleichzeitig im Dramatischen Zentrum den Luxus gehabt, bei Herbert Adametz Theaterworkshops zu kriegen. Wir haben das genommen und auf die Bühne gestellt: verrücktes Körpertheater mit Popmusik. Und Hansi, dieser stille, bescheidene Mensch, hat da plötzlich das Gesicht verändert, als hätte er in eine Zitrone gebissen und gemerkt: „Das steht mir so!“ Unsere ersten Auslandskonzerte hatten wir in München. Bei Karstadt hat er sich einen blau-weiß gestreiften Satinanzug von der Stange gekauft. Wir waren die langhaarigen Freaks, und er kam plötzlich mit geschorenem Haar, Anzug und nachgemachter Ray-Ban und meinte: „Wickerl, heute sag mich bitte als Falco an.“ Das war noch vor Drahdiwaberl.

Den Rockaktionisten, bei denen Falcos Stern dann aufgehen sollte.
Rabitsch: Stefan Weber hatte die Band damals gerade für zwei, drei Jahre stillgelegt. Er sah uns mit der Company und es hat ihn irrsinnig gewurmt, dass sein alter Bekannter Wickerl Adam ein derart erfolgreiches Musiktheater auf die Beine stellt. Also hat er Drahdiwaberl neu formiert und bei dieser Gelegenheit Falco, mich und eine Opernsängerin der Company gefragt, ob wir einsteigen wollen. Beim ersten Konzert in der neuen Besetzung haben wir gleich Saalverbot im Porrhaus bekommen, weil wir mit Kunstblut den Boden beschmiert haben. Versehentlich natürlich. Irgendwann meinte Stefan dann: „Du, da gibt es einen Halbirren, der will uns produzieren. Er behauptet, dass er ein Label hat und uns dort veröffentlichen will.“ So ist Markus Spiegel in unser Leben getreten.
Spiegel: Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Drahdiwaberl eine sehr gute Gruppe sei, die auf der Bühne hohe theatralische Effekte erzielt, um es einmal vorsichtig zu formulieren. In den Sofiensälen haben sie ein denkwürdiges Konzert unter dem Titel „Selbsthilfe gegen Sucht“ gegeben und voll und ganz mein Herz erobert, politisch wie musikalisch. Und ich habe an diesem Abend Falco kennengelernt, der „Ganz Wien“ sang, sich durch sein Auftreten vom Rest der Band abhob und auch noch das Glück hatte, vom Typ her wie ein junger Alain Delon auszusehen.
Hat er sich als Hans oder als Falco vorgestellt?
Spiegel: Das weiß ich nicht mehr. Zuerst habe ich Falco zu ihm gesagt, später wäre mir das nicht mehr eingefallen. Da war er der Hans und in intimeren Momenten der Hansi.

Wie ging es weiter?
Spiegel: Wir haben uns sehr schnell sehr gut vertragen, weil wir uns in einigen Punkten absolut sicher waren. Allen voran, dass es diese Kunstfigur geben sollte. Seine Nähe zu David Bowie war klar, aber er kannte auch Klaus Nomi, über den wir uns lange und ausführlich unterhalten haben. Nomi, eigentlich ein deutscher Opernsänger, war der erste Popkünstler überhaupt, der eine dermaßen eiserne Disziplin als Kunstfigur hervorgebracht hat. Das hat ihm eine internationale Tonträgerkarriere beschert, und Andy Warhol hat ihn nach New York geholt. Was für ein außergewöhnlicher Künstler Falco ist, wurde mir klar, als er mir 1981 seinen Text zu „Helden von heute“ gegeben hat. Da ist so viel drin, bloß nichts anrühren, sondern alles so stehen lassen, wie es ist, dachte ich mir.
Rabitsch: Ich kannte „Ganz Wien“, und ich kannte den Hans logischerweise in erster Linie als Musiker. Als super Funkbassisten und eher wortkargen Typen. Bei „Helden von heute“ war ich vollkommen baff. Was schreibt er da, wie kommt er darauf und wie kann er überhaupt? Die Qualität seiner Texte hat damals viele überrascht. Gerade „Helden von heute“ ist ein gutes Beispiel: Die einen konnten sich damit identifizieren, die anderen sagten: „Schau, er macht sich über die Depperln lustig, das macht er doch gut!“
Spiegel: Ich habe ihm früh die bis dahin erhältliche Jandl-Gesamtausgabe geschenkt, die er sehr willig aufgenommen hat. Die Vorbilder waren ihm schon bewusst.
Rabitsch: Es gab ein schwarzes Buch, in dem er sich alles aufgeschrieben hat. Wenn er unterwegs war und ihm eine Meldung besonders gut gefallen hat, hieß er: „Das ist ein guter Sager, das schreibe ich mir auf!“ Die Sager waren wichtig, er hat alles aufgesogen wie ein Schwamm.
Spiegel: Eine gesunde Portion künstlerischer Vampirismus gehört ja auch dazu. Falco hat in seinen Texten nicht nur einmal, sondern x-fach Brüche gesetzt. Deshalb gab es auch unendliche Reibereien und schwierigste Situationen, als nach dem erfolgreichen Debüt „Einzelhaft“ das zweite Album „Junge Römer“ entstehen sollte. Das war ein zweijähriges Martyrium, denn er hat einfach nicht abgeliefert. Nicht, weil ihm nichts eingefallen ist, sondern weil es ihm nie gut genug war.

GiG Records war ursprünglich ein kleines, unabhängiges Label, auf dem Punk- und New-Wave-Singles in kleinen Auflagen erschienen sind. Was hat Sie 1982 nach dem Welterfolg von Falcos Lied „Der Kommissar“ davor bewahrt, dass es
Ihnen den Vogel raushaut?
Spiegel: An Vögel kann ich mich nicht erinnern, sehr wohl aber an das Lächeln des Bankdirektors. Mein Vater war ganz zufrieden mit mir, meine Mutter hat das nicht tangiert. Ich bin von einem Peugeot auf einen kleinen Mercedes umgestiegen, aber an sich war mir das Materielle nie so wichtig. Wenn man den Luxus hat, Labelbesitzer zu sein und vor allem auch das Geld da ist, kann man natürlich viel machen. Die Falco-Gewinne haben wir wieder ausgegeben. Österreich war damals ja noch Pop-Brachland, also haben wir investiert.

1985 ist das dritte Album „Falco 3“ mit dem Welthit „Rock Me Amadeus“ erschienen. Zu dieser Zeit kam dann
Edek Bartz ins Spiel.
Edek Bartz: Ich hatte mein Leben in der Rockmusik eigentlich schon beendet, aber dann fragte mich der Manager Hans Mahr, ob ich mit meiner Erfahrung im Tourneegeschäft nicht an der ersten Falco-Tour mitarbeiten möchte. Mir war Falco zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Begriff, kennengelernt haben wir uns dann bei einer Probe. Mit der Musik konnte ich allerdings gar nichts anfangen.
Spiegel: Du warst damals auf einem ganz anderen Trip!
Bartz: So ist es. Aber ich war vorher lange mit Rockbands auf Tour und hatte halt eine ganz andere Idee davon. Und dann steht da diese Band, die für mich einfach ein bisschen Wienerisch altbacken war. Ich dachte mir nur: Aus dem soll was werden? Das kann ich mir nicht vorstellen! Gleichzeitig war mir aber klar, dass ich es nicht ganz kapiere. Ich habe dann Liz King und ihre Tanzcompany geholt. Falco war damals noch kein guter Showmann, aber die Tanzcompany hat das abgefangen. Uns war auch klar, dass wir ihn ordentlich herrichten müssen, so kamen die berühmten Anzüge ins Spiel.
Rabitsch: Edek war dann plötzlich der Gewandmeister, der hinter der Bühne stand und Hans immer in die neuen Anzüge geholfen hat.
Bartz: Die Show ist konstant immer besser geworden, und am Ende gab es ein großes Konzert in Salzburg, das erste Open Air überhaupt dort.
Rabitsch: Es hat in einen Skandal gemündet. Beim Lied „Jeanny“ wurde eine Tänzerin barbußig ans Kreuz gebunden – und das auf dem Salzburger Domplatz. Der Bürgermeister hat daraufhin den Empfang abgeblasen und uns aus Schloss Mirabell wieder ausgeladen.
Spiegel: „Rotzbuben!“, hieß es.
Bartz: Diese Geschichte kommt in keinem der diversen Falco-Bücher vor, ebenso wenig Liz King. Dabei war das damals eine Trademark!
Rabitsch: Sie hat nicht nur ihre Tänzer zu den jeweiligen Nummern entsprechend choreografiert, sondern auch die Musiker zu Figuren gemacht. Durch die Posen, die sie beim Spielen von mir gefordert hat, hätte ich mir fast die Wirbelsäule ausgerenkt. Falco ist vorne auf cool und lässig mit der Zigarette in der Hand am Mikrofon gestanden, während hinter ihm die Band mit den Tänzern einen kompletten Wahnsinn verbrochen hat.

Wie hat Falco auf diese zusätzliche, musikferne Ebene auf der Bühne reagiert?
Bartz: Er hat begriffen, dass das sehr gut für ihn ist und auch für Freiheiten sorgt. Es hat ja gedauert, bis er eine gewisse Bühnenroutine entwickelt hat.
Rabitsch: Zu Zeiten der ersten beiden Platten hatte er sich standhaft geweigert, Konzerte zu spielen. Aus Angst, dass es ein Desaster wird, und aus dem perfektionistischen Denken heraus, es müsse exakt wie auf der Platte klingen. Geändert hat sich das erst mit „Falco 3“. Damit das ja so voluminös wie auf Platte klingt, waren die Instrumente doppelt besetzt.

Es gab dann auch eine Japan-Tour.
Bartz: Die Band war gut eingespielt, auch die Stimmung hat gepasst. Wir haben in Zürich im Stadion gespielt, die Münchener Olympiahalle war zweimal hintereinander ausverkauft, es gab wirklich große Konzerte. Dann wurden wir nach Japan eingeladen. Falco ist es aber zusehends schlecht gegangen, meine Arbeit bestand hauptsächlich darin, ihn vom Trinken und dem Konsum sonstiger Drogen abzuhalten. Das war wirklich ein schwerer Job, weil er immer trickreicher wurde, sich etwas zu organisieren.
Rabitsch: Dazu kommt der Jetlag: Die Nacht war Tag für uns, der Tag war Nacht.
Bartz: Japan war für mich der Tiefpunkt. Falco hat das Hotelbett nicht verlassen und wollte auch nicht auftreten. Halbe Tage habe ich damit verbracht, ihn zu überreden. Grauenhaft. Die Konzerte haben aber letztlich alle stattgefunden. Sie haben funktioniert, die Leute waren euphorisch, aber eines war klar: Falco ist körperlich nicht mehr im Stande, große Tourneen zu machen.
Rabitsch: In Japan hatten wir bereits das Tourneebuch für die USA. Das wären rund 50 Konzerte gewesen. „Jawohl, so muss man nach Amerika fahren“, dachte ich mir damals. „Bezahlt, von Stadt zu Stadt.“ Und dann wird plötzlich nichts daraus. Der offizielle Grund war, dass ein Nummer-eins-Hit nicht reicht.
Bartz: Ich habe damals gesagt, dass er die körperlichen Strapazen so einer Amerikatournee nicht durchstehen würde. Dieses Risiko war den Veranstaltern dann zu groß. Deshalb wurde diese Tournee, die natürlich sehr wichtig gewesen wäre, abgesagt.

Der depressiv im Bett liegende Falco ist das traurige Gegenstück zum Popstar mit dem Welthit. Hat er Sie als Stütze gesehen oder war das Verhältnis eher schwierig?
Bartz: Es gab immer beides, zwischen freundschaftlichem Umgang und arrogantem Rockstarverhalten konnte es sehr schnell switchen. Er hat mir vorgeworfen, dass ich nur will, dass er spielt, weil ich mein Geld damit verdiene. Klar, das war so, aber es ging nicht nur um ihn und mich.

Auf dem vierten Album „Emotional“
dankte Falco 1986 sechs Leuten, einer davon sind Sie. Er wusste Ihre Arbeit
also offenbar zu schätzen?
Bartz: Ich glaube, er hat schon gemerkt, dass mein Einsatz nicht nur der Show, sondern auch ihm gilt. Ich war für ihn verantwortlich, und ich habe mir große Mühe gegeben. Ich bin kein Psychoanalytiker, und er war für mich anfangs ein fremder Mensch. Mit der Zeit haben wir aber auch eine sehr persönliche Ebene gefunden. Nach der Japantour war ich allerdings fertig. Ich musste so eng und so nah mit ihm zusammenleben, dass es fast unerträglich war. Aber wir haben es durchgestanden. Ich muss ja sagen, dass mich später nicht nur sein Tod sehr geschmerzt hat, sondern auch der Umgang damit und was von ihm zu bleiben schien: eine Witzfigur mit einem lächerlichen Grab. Das war unter seiner Würde. Dieses traurige Ende in einer nebulosen „Excalibur“-Umgebung hat mich sehr deprimiert. Um sein Können, seine Musikalität und Sprache ist es da nicht mehr gegangen, sondern nur noch um Umfaller und Drogengeschichten.

War Falco zu Lebzeiten denn
zu wenig anerkannt?
Rabitsch: Falco war ein Kind seiner Zeit, der 80er. In den 90ern war alles anders, das hat er gespürt. Die Musikszene erlebte einen Umbruch, die DJ-Kultur kam auf, Liveacts waren nicht angesagt. Er wollte sich neu orientieren, aber es war schwer für ihn. Er würde gerne einmal als Produzent im Studio arbeiten und eine junge Band mit seiner Erfahrung aufnehmen, hat er mir 1992 gesagt. Aber er wusste, dass sich die Leute immer Falco erwarten werden, wenn wo Falco draufsteht. Das hat ihn durchaus belastet.
Bartz: In den 90ern hatten wir keinen Kontakt mehr, dass er damals auch eine Kooperation mit Kruder & Dorfmeister gesucht hat, habe ich erst lange nach seinem Tod erfahren. 1986 hatte ich das Gefühl, dass ihn Musik zusehends weniger interessiert und er immer mehr die Kunstfigur Falco sein und dafür bewundert werden wollte.
Rabitsch: Das war eine schlimme Zeit, weil er sich entschieden hat, nicht nach Los Angeles zu gehen. Die Wohnung wäre schon schlüsselfertig bereitgestanden, aber er hat gesagt: Ich fahre heim nach Wien, denn die haben keinen Schmäh. Das Angebot, mit Madonna ein Duett zu machen, hat er damals auch abgelehnt.
Spiegel: Wir waren entsetzt, denn das wäre der Pop-Olymp gewesen – und da verlässt ihn der Mut. Das Problem war halt auch, dass er mit den Amerikanern rein gar nichts anfangen konnte. Sie haben nicht verstanden, was Falco außer „exotic“ ist.
Rabitsch: „German exotic“ noch dazu. ­„Where Adolf Hitler came from.“
Spiegel: Dieses Thema konnte er besoffen auch ganz gut bedienen – er wusste einfach, wie man Leute provoziert.
Rabitsch: Einen Ledermantel anziehen und stramme Haltung einnehmen.
Spiegel: Uns konnte er nicht mehr schockieren, die Amerikaner aber alleweil. Diese Geschichte mit Madonna war damals kein Einzelfall, mir wurde klar, dass ich Falco nicht mehr handeln kann. Der Untergang des Hans Hölzel waren nicht die Drogen, es war der Alkohol. Kokain war nie ein Problem, denn entweder es ist da, dann ist es gut, oder es ist nicht da, dann ist es auch gut. Alkohol hingegen ist eine Katastrophe.
Rabitsch: Zumal Falco kein Spiegeltrinker war …
Spiegel: … sondern ein Sturztrinker.
Bartz: In Japan kam einmal der aufgeregte Hotelmanager zu mir und sagte unentwegt „sorry, sorry, sorry“. Ich wusste nicht, was los ist, sagte höflicherweise auch „sorry, sorry“, fragte dann aber doch: „Warum eigentlich?“ Er wollte sich dafür entschuldigen, dass man vergessen hatte, die Minibar aufzufüllen. Völlig leer war sie allerdings, weil Falco sie ausgesoffen hatte. Die Flaschen hatte er einfach in den Kasten geworfen. Ein Sturztrinker eben, Hauptsache schnell.

War in Japan nicht auch ein Arzt mit dabei, der Blutdoping gemacht hat?
Rabitsch: Die sogenannte Ozontherapie war eine Modeerscheinung der 80er.
Spiegel: Das Blut wurde abgezapft, mit Sauerstoff angereichert und als hellorangenes Sprudelwasser wieder in den Körper zurückgeführt. Ich gehe davon aus, dass auch der Auftritt beim Donauinselfest 1993 dadurch gerettet wurde.
Rabitsch: Das Problem in Japan war, dass unser bayrischer Banddoktor, intern „Zapf-das-Blut-ab-Uli“ genannt, nicht mitkommen wollte und einen griechischen Ersatz geschickt hat. Der hat es geschafft, auf das Anti-Gerinnungsmittel zu vergessen. Vor der Show hat er Falco trotzdem einen Liter Blut abgezapft, dann aber nicht mehr zurück in den Körper bekommen. Er stand da mit dem Sackerl – „na schenk’s den Fans“, hat der Saxofonist gemeint – und Falco musste den Gig mit einem Liter Blut weniger spielen.

Und was war 1993 beim Donauinselfest?
Spiegel: Vormittags um elf beim Soundcheck war Falco nicht mehr Herr seiner Sinne.
Rabitsch: Er wollte da eigentlich gerade schlafen gehen.
Spiegel: Nichts ging mehr, aus, Schluss. Ich habe ihn den Musikern überlassen, denn ich hätte nicht gewusst, was ich tun soll. Und am Abend hat er das Konzert seines Lebens gegeben.
Rabitsch: Sein Chauffeur hat ihn nach Kalks­burg geführt, dort wurde er trockengelegt, wie es hieß.

Trockengelegt?
Spiegel: Ich hatte einmal einen wichtigen Termin, den ich trotz Grippe wahrnehmen musste. Mein Hausarzt sagte: „Gut, ich gebe Ihnen etwas – aber die zwei nächsten Tage sind Sie dann tot.“ Ich habe eine Injektion bekommen und war bei meinem Termin einige Stunden später tatsächlich vollkommen in Ordnung. Danach ging es mir wie vorhergesagt. So etwas muss auch beim Donauinselfestkonzert im Spiel gewesen sein.
Rabitsch: Falco ist nur leider zu spät zurück nach Wien gekommen, dadurch mussten wir am Ende zwei Lieder auslassen. Aber er ist total fokussiert auf die Bühne gekommen, wie ein Roboter. Okay, dachten wir, das wird einer dieser eiskalten Gigs, die er eben so runterschraubt, aber dann kam das große Gewitter – und die Massen sind geblieben. Dadurch wurde Falco butterweich und plötzlich war es ein ganz besonderer, emotionaler Gig. Wichtiger als derartige Gschichtln ist aber sein Werk. Seit seinem Tod wurde Falco immer wieder von neuen Generationen entdeckt und das wird auch so weitergehen, weil diese Kunstfigur inzwischen einfach eine Eigendynamik hat und immer wieder erscheinen wird. Wie Elvis beispielsweise.
Bartz: Dazu kommt, dass Falco nicht nur die Kunstfigur, sondern auch ein paar unvergessliche Songs hinterlassen hat.
Rabitsch: Bilderbuch würde ich in diesem Zusammenhang gerne noch erwähnen: Die sind eigenständig, gehen selbstbewusst aus Österreich hinaus – und ihr Sänger hat mindestens so viel Charisma wie Falco. Es wird immer wieder neue Acts geben, die sich positiv auf ihn beziehen können.

Gerhard Stöger in FALTER 5/2018 vom 02.02.2018 (S. 25)

  Song-Titel Interpret
1.  Out of the Dark - Donauinsel 2017 Live 2:43 Falco
2.  Wiener Blut - Donauinsel 2017 Live 3:47 Gregory, Roman
3.  Les Nouveaux Riches - Donauinsel 2017 Live 3:53 Falco feat. Edita Malovcic
4.  Junge Roemer - Donauinsel 2017 Live 4:49 Falco feat. Gianna Nannini & Julian le Play
5.  Auf der Flucht - Donauinsel 2017 Live 4:09 Falco feat. Skero
6.  Der Kommissar - Donauinsel 2017 Live 4:06 Falco feat. Fettes Brot
7.  Ganz Wien - Donauinsel 2017 Live 5:06 Falco
8.  Jeanny   Falco feat. Johannes Krisch & Tarek Leitner
8.  Coming Home   Falco
9.  Männer des Westens - Donauinsel 2017 Live 4:27 Falco feat. Yasmo & Blasorchester der Musikschule Deutsch-Wagram
10.  The Sound of Musik - Donauinsel 2017 Live 5:16 Falco feat. Ana Milva Gomes, Drew Sarich & Blasorchester der Musikschule Deutsch-Wagram
11.  Vienna Calling - Donauinsel 2017 Live 4:24 Falco feat. Fettes Brot
12.  Helden von Heute - Donauinsel 2017 Live 4:13 Falco feat. Roman Gregory
13.  Nachtflug - Donauinsel 2017 Live 3:27 Falco feat. Edita Malovcic
14.  It's All Over Now, Baby Blue - Donauinsel 2017 Live 5:36 Falco feat. Gianna Nannini
15.  Dance Mephisto - Donauinsel 2017 Live 3:39 Makazaria, Georgij
16.  Rock Me Amadeus - Donauinsel 2017 Live 4:40 Falco feat. Donauinsel Tribute-Stars
17.  Europa - Donauinsel 2017 Live 5:47 Falco feat. Donauinsel Tribute-Stars

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb