Western Stars

von Bruce Springsteen

€ 21,40
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Label: SMI COL
Format: CD
Genre: Rock englischsprachig
Umfang: 13 Tracks, Gesamtspielzeit 50:39 Min.
Erscheinungsdatum: 14.06.2019


Rezension aus FALTER 24/2019

Ehrgeizige Queen, sentimentaler Boss

Madonna ist aktuell wieder im Einklang mit dem Zeitgeist, Bruce Springsteen schaut lieber zurück

Das neue Madonna-Album „Madame X“ hat schon im Vorfeld zwei denkwürdige Auftritte hervorgebracht. Der erste ereignete sich am 1. Mai bei den Billboard Music Awards in Las Vegas, wo die Sängerin mit ihrem jungen kolumbianischen Reggaeton-Kollegen Maluma die Single „Medellín“ präsentierte. Sie strahlte eine enorme Zuversicht aus. Während des kurzweiligen Auftritts zeigte sie ein einnehmendes Lächeln, das signalisierte: Seht her, ich bin immer noch die Größte – und es macht mir sogar Spaß.

Die zweite Performance ereignete sich beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv und ging in die Hose. Der neunminütige Auftritt sollte Vergangenheit und Zukunft zusammenführen, Madonna brachte ihren 30 Jahre alten Hit „Like a Prayer“ und die neuen Stücke „Future“ und „Dark Ballet“. Ihr Gesang klang von Anfang bis Ende schief, die Bewegungen wirkten unsicher. Als Perfektionistin ließ sie die Fehler ausbügeln: Im am Tag danach veröffentlichten Video ist zumindest mit der Stimme alles in Ordnung. Doch die halbe Welt hatte das Fiasko mitbekommen. „I’m so sorry, but it was awful in real life“, so ein Youtube-Kommentar.

Am Beginn des Songs „Medellín“, mit dem ihr neues Album eröffnet wird, nimmt Madonna eine Pille und ist wieder 17 Jahre alt. Sie glaubt immer noch, dass ein guter Song wie ein Jungbrunnen wirken kann. „Du kannst nicht immer 17 sein“, mahnt dagegen ein deutscher Schlager aus den 1970ern. Manchmal jedoch gelingt es dem Superstar, die Zeit anzuhalten und sogar zurückzudrehen.

Nicht alles auf „Madame X“ ist toll, es gibt auch Meterware und das hochnotpeinliche „Killers Who Are Partying“, in dem die Sängerin die Unterdrückten dieser Welt rettet: „I will be poor if the poor are humiliated. I’ll be a child if the children are exploited.“ Doch nach drei mauen Alben, auf denen sie von R’n’B-Pop bis EDM dem aktuellen popmusikalischen Geschehen nur mehr hinterherhechelte, ist sie aktuell wieder im Einklang mit dem Zeitgeist und surft erfolgreich auf der Latinpop-Welle.

Sie ist der letzte Popstar ihrer Ära, der immer noch Aktualität für sich beansprucht. Am liebsten würde sie auch 2019 die Hitlisten dominieren. Ihre Konkurrenz kommt längst aus der übernächsten Generation, die Queen of Pop steigt mit rund 40 Jahren jüngeren Sängerinnen wie Ariana Grande oder Billie Eilish in den Ring.

Die Rahmenbedingungen, die im Musikgeschäft Erfolg und relativen Misserfolg definieren, haben sich in den letzten Jahren gründlich verändert. Niemand verkauft heute mehr Platten in zweistelliger Millionenzahl, auch ein Superstar wie Madonna nicht. Nummer eins der Charts ist, wer bei Streaming-Services wie Spotify die Nase vorn hat. Das sind junge Acts mit noch jüngeren Fans, die über genug Freizeit verfügen, um sich einzelne Songs täglich zehn, 20 Mal oder noch öfter anzuhören.

Madonna kann dieses Match fast nicht gewinnen. Dafür macht „Madame X“ mehr Spaß als kalkulierter Teenie-Pop. Die bizarrste Nummer ist gleichzeitig die beste: „God Control“ beginnt mit einem gemurmelten Rap, der an die Trap-Welle im Hip-Hop angelehnt ist, und entwickelt sich über einen Zwischenteil mit sakralem Chor zu einem Disco-Feuerwerk. Der Text handelt vom Problem der USA mit Schusswaffen, zwischendurch plaudert Madonna aber auch aus dem Nähkästchen der ewig Jugendlichen: „Each new birthday gives me hope / That’s why I don’t smoke that dope.“

Während sie unablässig Zeitgenossenschaft für sich beansprucht, tuckert Bruce Springsteen lieber gemütlich durchs Land und schaut zurück. Sein neues Album „Western Stars“ klingt zunächst gänzlich untypisch. Die E Street Band hat kurz Pause, stattdessen sind orchestrale Klänge angesagt. Springsteen verneigt sich vor kalifornischem Pop der ausgehenden 1960erJahre, vor Interpreten wie Harry Nilsson oder Glen Campbell und den brillanten Arrangements von Burt Bacharach oder Van Dyke Parks.

Dass der Boss zu Streichern, Bläsern und Piano singt, könnte manche Fans verstören, denn weder ist hier der für ihn typische hemdsärmelige Rock zu hören noch der erdige akustische Sound, der seine jüngeren Solo-Veröffentlichungen auszeichnete. An einigen Stellen wird „Western Stars“ fast schon kitschig. Wie um seine Anhänger zu beruhigen, versichert Springsteen in aktuellen Interviews, er wolle im Herbst wieder mit seiner Stammcombo ins Studio gehen – als wäre die aktuelle Platte ein Ausrutscher.

Vielmehr ist dieser Songzyklus, um das Pferdebild am Cover aufzugreifen, ein schöner Ausritt in nostalgische Gefilde. Als solcher steht er in Spring-
steens Diskografie auch nicht allein da. Auf „The Ghost of Tom Joad“ (1995) hat er sich einst mit dem Sound, der in seiner Kindheit aus dem Radio kam, auseinandergesetzt. Nun dreht er das Rad ein paar Jahre weiter und schwelgt, durchaus sentimental, in Erinnerungen an die Musik, die seine Jugendjahre geprägt hat.

Es bleibt nicht bei einer Hommage und bloßer Nachahmung, er drückt dem Ganzen seinen Stempel auf. Aus dem sprichwörtlichen Sunshine-Pop aus Kalifornien wird in seiner Anverwandlung etwas Dunkleres. Die Songs sind bevölkert von beschädigten Gestalten, einem abgehalfterten Schauspieler etwa oder einem gescheiterten Musiker. Sie ziehen ziellos durchs Land, versuchen in Bewegung zu bleiben, wie die Songtitel vor Augen führen: „Hitch Hikin’“, „The Wayfarer“, „Tucson Train“, „Somewhere North of Nashville“.

Bei Madonna ist oft die Rede davon, wie sie sich unablässig neu erfindet, Ästhetiken aufgreift und musikalische Identitäten annimmt. Das kann auch Bruce Springsteen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 24/2019 vom 14.06.2019 (S. 31)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Madame X (Madonna)
Titelliste
1. 
Hitch Hikin'
Springsteen, Bruce
3:35
2. 
The Wayfarer
Springsteen, Bruce / Scialfa, Patti
4:18
3. 
Tucson Train
Springsteen, Bruce
3:29
4. 
Western Stars
Springsteen, Bruce
4:39
5. 
Sleepy Joe's Cafe
Springsteen, Bruce
3:12
6. 
Drive Fast (The Stuntman)
Springsteen, Bruce
4:16
7. 
Chasin' Wild Horses
Springsteen, Bruce
5:03
8. 
Sundown
Springsteen, Bruce / Scialfa, Patti
3:15
9. 
Somewhere North of Nashville
Springsteen, Bruce / Scialfa, Patti
1:53
10. 
Stones
Springsteen, Bruce
4:45
11. 
There Goes My Miracle
Springsteen, Bruce
4:03
12. 
Hello Sunshine
Springsteen, Bruce
3:54
13. 
Moonlight Motel
Springsteen, Bruce
4:17

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