James Blake

von James Blake

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Label: POLYDOR
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 11 Tracks, Gesamtspielzeit 38:04 Min.
Erscheinungsdatum: 04.02.2011


Rezension aus FALTER 6/2011

Mit einem Ohr in der Zukunft

Elektronik-Wunderkind und futuristischer Soulsänger: der Dubstep-Produzent James Blake

Vor elf Jahren debütierte James Blake, damals 20 Jahre alt, auf dem winzigen Dubstep-Label Hemlock Recordings mit der EP "Air & Lack Thereof", die er in seinem Jugendzimmer am PC und mit ein paar Keyboards aufgenommen hatte. Kein Mensch kannte ihn.
2010 brachte er auf etwas größeren Szene-Labels wie R&S drei weitere Maxis raus. Bald kannten und schätzten DJs, Blogger und Musikjournalisten den Engländer für seinen eigenständigen Stil, der sich vom Baukastenprinzip anderer Jugendzimmer-Beatbastler abhob. Sein britischer Allerweltsname tauchte in diversen Jahresbestenlisten auf und sprach sich rum.
Nun veröffentlicht Blake sein Debütalbum, das er lakonisch "James Blake" betitelt hat. Über einen Vertriebsdeal ist der Londoner inzwischen beim Major Universal gelandet. Die Feuilletons sind voll mit Artikeln über seinen Sound ("Irritierende Momente ereignisloser Stille", konstatiert der Rezensent der NZZ kribbelig), die BBC hat ihn unter den Newcomern des Jahres auf Platz zwei gereiht.
James Blake hat sich rasant entwickelt. Bemerkenswert daran ist, dass sein steiler Aufstieg wenig bis nichts mit den Hype-Mechanismen der Branche zu tun hat. Der Musiker, von dem es bis dato kaum Interviews gibt, hat das Zimmer im elterlichen Haushalt nicht etwa gegen ein professionelles Studio getauscht. Es wurde auch kein externer Produzent hinzugezogen. Und dass er seine Musik verwässert habe, kann man Blake schon gar nicht vorwerfen.

Gewandelt, das hat er sich aber doch. Fast übergangslos wurde aus dem Elektronik-Wunderkind eine Art futuristischer Soulsänger mit Dubstep-Begleitmusik. Als einziger Zwischenschritt steht die erstaunliche EP "Klavierwerke" aus dem Herbst 2010, auf der Blake zum ersten Mal seine Stimme erhob. Außerdem ließ er mit dem Titel durchklingen, eine gediegene Klavierausbildung erfahren zu haben. Kunst, ick hör dir trapsen.
Pophits im engeren Sinne sucht man auf "James Blake" denn auch vergeblich, Songs nach dem Strophe-Refrain-Schema detto. Seine Stücke sind eher freie Meditationen über einem Grundmotiv als konventionelle Songs. An Musikalität und Seele wird trotzdem nicht gespart.
Der erste Pluspunkt ist Blakes noch bubenhaftes Organ, mit dem er sich charmant unbeholfen zwischen Soul-Crooning, Anklängen an Antony Hegarty und Autotune-Spielereien Marke Kanye West bewegt. Etwas unbeholfen wirkt der junge Mann wohlgemerkt nur im Umgang mit der Stimme. Hier menschelt er, während er sich im Dialog mit Keyboards und ­Soundsoftware als Virtuose erweist.

Gutes Anschauungsmaterial für seine künstlerische Methode liefert das Stück "The Wilhelm Scream", benannt nach dem berühmten Filmschrei aus dem alten Hollywood. Über einem spartanischen, praktisch nur aus einer Bassdrum bestehenden Beat und ein paar locker gegriffenen Keyboard-Figuren aus dem Handbuch der Soul-Harmonielehre wiederholt er zwei Vierzeiler immer und immer wieder. Das Repetitive aus der Dance-Music holt er damit rüber in den Pop.
Der Transport funktioniert gleichzeitig auch in die Gegenrichtung. Im Verlauf des Stücks dreht Blake tüchtig am Effektrad. Nach drei Minuten erstickt ein dichter Hallnebel förmlich Stimme, Keyboard und Schlagzeug. Pop wird mit den grellen Soundsignalen einer Clubnacht vertraut gemacht. Künstlerisch wertvoll klingt das Ganze obendrein. Und am Ende implodiert alles, und die knabenhafte Stimme steht allein im Raum. Für James Blake vermutlich eine Fingerübung, für den Hörer atemberaubend.
In "To Care (Like You)", einem weiteren Höhepunkt des Albums und dem einzigen Song, zu dem man theoretisch tanzen könnte, singt er mit sich selbst Duett. Die zweite Stimme ist derart extrem bearbeitet, dass sie wie eine Frauenstimme wirkt. Und das abgedrehte "Lindisfarne I" besteht überhaupt nur aus wild verzerrtem Gesang, flirtet mit elektronischem Jazz.

Noch schöner ist das Feist-Cover "Limit ­to Your Love", das konventionellste, einzige sollbruchstellenfreie Stück auf der Platte. Blake bedient sich der Pianoakkorde des Originals und strippt den Rest runter auf einen wummernden Dub-Groove, der nach dem Einsatz eines Subwoofers bettelt. So könnten Massive Attack heute klingen, hätten sie sich nicht irgendwann verlaufen.
Auf Beats greift der Londoner in den elf Stücken auffallend selten zurück. Sie dienen ihm vor allem als Kontrast zu seinem Gesang und zur Tastenarbeit. Umso mehr Eindruck machen die spartanischen Grooves, wenn sie losrollen. "Funk is what you don't play", diese alte Regel hat er auch schon verinnerlicht.
Aus dem Dubstep-Underground kommen derweil die ersten Vorwürfe, Blake habe das Genre verraten oder nur als Steigbügel verwendet. Was so kleinkrämerisch gedacht wie unsinnig ist. In Wahrheit ist er nach dem Phantommann Burial erst der zweite Dubstepper, dem es gelingt, aus einem Genre, das sich zumeist in ein paar geilen Sounds und tiefen Bässen erschöpft, Musik zu formen, die man sich in allen Lebenslagen anhören kann.
Zukunftsmusik? Ein oft missbrauchter Begriff, den man – mit Vorsicht verwendet – hier durchaus heranziehen kann. James Blake beweist, dass aufregend neue Popmusik immer noch möglich ist.

Sebastian Fasthuber in FALTER 6/2011 vom 11.02.2011 (S. 28)

Titelliste
1. 
Unluck
3:04
2. 
The Wilhelm Scream
4:36
3. 
I Never Learnt To Share
4:57
4. 
Lindisfarne I
2:43
5. 
Lindisfarne II
3:04
6. 
Limit To Your Love
4:37
7. 
Give Me My Month
1:54
8. 
To Care (Like You)
3:50
9. 
Why Don't You Call Me?
1:26
10. 
I Mind
3:31
11. 
Measurements
4:22

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