Egypt Station

von Paul McCartney

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Label: CAPITOL RE
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Erscheinungsdatum: 21.09.2018

Rezension aus FALTER 48/2018

Dear Boy

Anlässlich seiner Konzerte in der Wiener Stadthalle: eine Würdigung des größten Popgenies aller Zeiten, Sir James Paul McCartney

I hope you never know, dear boy, how much you missed“, sang ein sardonischer Paul McCartney 1971 in „Dear Boy“. Eindeutig eine Botschaft an John Lennon, wurde damals gemutmaßt. Schließlich lagen die beiden Musiker ein knappes Jahr nach dem Ende der Beatles noch im Clinch miteinander. McCartney, immer schon ein Meister der verklausulierten Song-Botschaften, wies das aber zurück. Ein Lied für John? Aber nein! Trotzdem konterte Lennon wenige Monate später mit der wüsten Attacke „How Do You Sleep“.

„Dear Boy“ befand sich auf McCartneys Album „Ram“: einer Abrechnung mit den ehemaligen Bandkollegen, einer Abrechnung mit den Rockkritikern, die ihn damals vorschnell als den Bösewicht bei der hässlichen Beatles-Trennung ausgemacht hatten, und nicht zuletzt einer Abrechnung mit seinem vorigen Leben. Dem Leben als größter, immer vergnügter Popstar, als Projektionsfigur für Millionen, die in ihm die Verkörperung des euphorischen Sixtiestraums sahen.

Die Seventies begannen mit Katzenjammer. Der vordergründige Optimismus und die poptastischen Hooklines von „Ram“ täuschten über die Gekränktheit ihres Urhebers hinweg und trugen dem Album gar den Vorwurf der Banalität ein. Tatsächlich war „Ram“ ein Befreiungsschlag. Auf keinem Album davor und danach ist Paul McCartney wütender, emotionaler und gleichzeitig in seinem ganz speziellen Perfektionismus getriebener.

Und „Dear Boy“? Der Song handle vom Ex seiner Frau Linda, erklärte er mit der für ihn typischen Unschuldsmiene. Wie dem auch sei, eines kann als gesichert gelten: Sich selbst meinte Sir Paul mit der Textstelle „Never know how much you missed“ garantiert nicht. Kaum ein 28-Jähriger hatten zu diesem Zeitpunkt erlebt, was er erlebt hatte, nur wenige würden danach noch erleben, was er erleben sollte.

James Paul McCartney wird am 18. Juni 1942 im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs in eine solide und fleißige Liverpooler Arbeiterfamilie hineingeboren. Der Vater ist im Baumwollhandel tätig und begeisterter Hobbymusiker mit einer Vorliebe für leichten Jazz und gepflegte Unterhaltungsmusik; die Mutter arbeitet als Krankenschwester. Im Haushalt der McCartneys sind Disziplin und Ehrgeiz gefordert, gleichzeitig wird viel gelacht, musiziert und für damalige Verhältnisse äußerst liebevoll miteinander umgegangen; der um zwei Jahre jüngere Bruder Michael ist ein Lausbub wie Paul.

1956 verstummt das Lachen. McCartneys Mutter Mary – der Name sollte sich durch sein Werk ziehen, auch seine älteste Tochter trägt ihn – stirbt an Brustkrebs. Kurz darauf schreibt der Teenager seinen ersten Song: „I Lost My Little Girl“.

Ein Jahr später stößt McCartney zu einer Amateurband namens The Quarrymen. Sie spielt Skiffle, eine Art Rock ’n’ Roll für Arme, und wird von einem betrunkenen 16-jährigen Rowdy namens John Lennon angeführt. Bald schleust McCartney seinen Kumpel George Harrison in die Truppe musikalischer Analphabeten ein. Das Niveau steigt und die Band wechselt zum echten Rock ’n’ Roll. 1960 benennt sie sich in The Beatles um und nimmt ein erstes Profi-Engagement in Hamburg an, der damals freizügigsten und promiskuitivsten Stadt der Welt.

McCartney beginnt nun mit Lennon gemeinsam, fieberhaft eigene Songs zu schreiben. Ein gewagter Move, schließlich interpretieren Rock-’n’-Roll-Bands Anfang der 1960er-Jahre noch fast ausschließlich Lieder aus fremder Feder. In Hamburg treffen die Beatles mit Klaus Voormann, Jürgen Vollmer und Astrid Kirchherr zudem auf Intellektuelle, die mit ihrer Musik etwas anfangen können. Die drei kultivierten deutschen Beatniks sind ein erster kosmopolitisch-künstlerischer Einfluss abseits der rauen Rockwelt. Nachdem Vollmer in einem Nouvelle-Vague-Film einen seltsamen Haarschnitt gesehen hat, verpasst er Lennon und McCartney Ende 1961 deren ersten „Pilzkopf“.

Zur selben Zeit finden die Beatles in Brian Epstein, einem Plattenladenbesitzer ohne weitere Erfahrung im Musikgeschäft, den Manager, der ihnen ihren langersehnten Plattenvertrag bringt; George Martin wird ihr kongenialer Produzent. In den folgenden gerade einmal sieben Jahren nehmen sie 13 Langspielplatten und unzähligen Singles und EPs auf, touren bis zu ihrem Rückzug von der Bühne 1966 unermüdlich, drehen mehrere Spielfilme und definieren das, was wir Rockmusik nennen. Das Quartett macht Pop zur neuen Leitkultur und verschiebt die Grenzen des Möglichen, musikalisch wie sozial.

Sind Popstars davor naive Spielbälle in einem schmierigen Business, wollen die Beatles der Schläger sein und nicht der Ball; sie wollen artikulieren, was ihnen wichtig ist, anstatt sich als reine Reklamefläche benutzen zu lassen. Die vier Mitglieder steigen in den 1960ern zu den berühmtesten Menschen der Welt auf und zum wohl einzigen Mal überhaupt gelingt es einer Band, sowohl künstlerisch als auch kommerziell auf Jahre hinaus die Nummer eins zu sein.

Anders als der goscherte John Lennon genießt der Sunnyboy Paul McCartney nicht unbedingt den Ruf des Revoluzzers. Und doch ist er es, der Selbstbewussteste der Fab Four, der diese Macht bereits ab den mittleren Sixties vermehrt nutzt, um auf die Haltung der Band zu Themen wie Vietnam und die erstarkende Bürgerrechtsbewegung hinzuweisen. 1967 nimmt McCartney auch erstmals zu Drogen Stellung. Seine öffentliche Forderung, Marihuana zu legalisieren, und sein Bekenntnis, LSD genommen zu haben, bringen das Underground-Phänomen der von Kalifornien ausgehenden psychedelischen Bewegung in den Mainstream.

Auch künstlerisch ist er wagemutiger und experimentierfreudiger, als ihm oft zugeschrieben wird. Innovative Geniestreiche wie die später in der elektronischen Musik nachhallenden Tape-Loops in „Tomorrow Never Knows“, das irre Rückwärts-Gitarrensolo in „Taxman“ oder schier die den Summer of Love definierenden Gesamtkonzepte zu „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und „Magical Mystery Tour“ sind sein Werk.

Zur selben Zeit scherzt George Harrison noch, Avantgarde sei Französisch für „’aven’t got a clue“. John Lennon tönt noch drastischer und bezeichnet sie schlichtweg als Scheißdreck, was sich erst ab seiner von McCartney vermittelten Begegnung mit der Künstlerin Yoko Ono ändern sollte.

Auf dem soeben 50 Jahre alt gewordenen „Weißen Album“ der Beatles glänzt McCartney mit einer Bandbreite, die von Reggae („Ob-La-Di Ob-La-Da“) über Proto-Metal („Helter Skelter“) und sozialkritische Balladen („Blackbird“) bis zur Rock-’n’-Roll-Parodie „Back in the USSR“ reicht. Auf mehreren Songs spielt er nicht nur Gitarre, Klavier und sein Stamminstrument Bass, sondern ersetzt auch Ringo Starr am Schlagzeug. Starr hatte die Sessions für einige Tage verlassen, nachdem er der ewigen Belehrungen McCartneys überdrüssig geworden war. Hier zeigt sich die Achillesferse unseres Helden: McCartney ist Perfektionist, Workaholic und Kontrollfreak.

Diese Wesenszüge waren ganz sicher entscheidend mitverantwortlich am unschönen Beatles-Ende 1970, und sie führten in den frühen 70ern zu einer breiten Front der drei anderen Bandmitglieder, der Medien und Teilen der Öffentlichkeit gegen McCartney. Dass er mit Liedern wie „Yesterday“, „Hey Jude“ oder „Let It Be“ einige der größten Gassenhauer der Popgeschichte geschrieben hat und auch gerne einmal seiner Schwäche für die leichteren Klänge („Martha My Dear“, „Maxwells Silver Hammer“) frönte, überschattet bis heute seine Rolle als coole Sau, Innovator, Experimentiergeist und gegenkulturelle Ikone.

2018 ist McCartney ein 76-jähriger Opa, den Fans von Justin Bieber und Taylor Swift nicht wirklich zuordnen können. Seinem Management ist es schleichend gelungen, das Image vom oberflächlichen Kitsch-Onkel zum würdevollen Renaissance-Mann umzumodeln, der selbst bei einer Zusammenarbeit mit Rap-Weirdo Kanye West und R-’n’-B-Superstar Rihanna gute Figur macht („FourFiveSeconds“, 2015).

Da Sir Paul in seinem gelungenen Alterswerk nicht so furztrocken rüberkommt wie Bob Dylan, gleichzeitig aber auch in Sachen Berufsjugendlichkeit nicht mehr mit Mick Jagger wetteifert, ist es in der Rezeption seiner Person wie immer: schwierig. Beim eingetragene Markenartikel John Lennon verhält es sich ungleich einfacher. Als mit Peace-Symbolen verziertes Kaffeehäferl wurde er zu einer Karikatur seiner selbst; der Mensch John Lennon hätte diese Verkitschung mit wütendem Sarkasmus gegeißelt.

McCartney blieb die popmarketingtechnische Gunst eines frühen Märtyrertodes erspart. Doch jedes neue Lied wird gemessen an Meisterwerken wie „Eleanor Rigby“, „Penny Lane“ oder „Maybe I’m Amazed“ und immer wieder mit John Lennons einstigen Sternstunden verglichen. Paul hat’s nicht leicht.

Nicht leicht hatte er es auch im Dezember 2004. Damals musste sich der arbeitswütige Sir an einem seiner wenigen freien Tage mit einem vor Glückshormonen überschäumenden Wiener Fan arrangieren. Ich war nach London gereist, um Beatles-historisch wichtige Orte anzusehen. McCartneys Londoner Stadthaus, das er 1965 gekauft hatte, ist nur einen kurzen Fußmarsch von den legendären Abbey Road Studios entfernt.

Ich traf ihn, einen Kinderwagen mit seiner Tochter Bea schiebend und von einem Bodyguard begleitet, überraschend tatsächlich dort an. Während der fünfminütigen Unterhaltung war ich begeistert von seiner Freundlichkeit, seiner Offenheit, seinem Schmäh und, ja, seiner Beatle-Haftigkeit. Aus einem fanatischen Fan wurde ein nerdiger Überfan. Ich komplettierte meine McCartney-Sammlung und stieß auf zuvor wegen schlechter Kritiken ignorierte Alben wie „Red Rose Speedway“ (1973) „Off The Ground“ (1993) oder „Driving Rain“ (2001); allesamt Kleinode, die viel besser sind als ihr Ruf und die perfekte akustische Umsetzung der jeweiligen Lebensumstände McCartneys darstellen: Ein Leben als Popmusik-Tagebuch, Chroniken eines Ungreifbaren, dessen große Romantik und Sehnsucht im Normalen und Bodenständigen liegen und der das Banale aufregend klingen lässt, schillernd und in den besten Momenten entwaffnend naiv.

McCartney bietet so viel mehr als schnöde „Silly Love Songs“, wie Mitte der 70er ein Welt-
hit inklusive Killer-Bassline klug selbstironisch hieß, und natürlich auch mehr als „Pizza and Fairy Tales“. Mit diesen Worten hatte ihn der in New York lebende John Lennon zu dieser Zeit bei einem Telefonat kritisiert. McCartney reagierte mit „Fuck off, Kojak“ und legte auf. Lennon wusste es letztlich eh besser. 1980 hörte er McCartneys Hit „Coming Up“ und war derart begeistert, dass er seinen fünfjährigen Musik-Ruhestand umgehend beendete und das – schlussendlich tragische – Comebackalbum „Double Fantasy“ aufnahm.

Die beiden hatten sich längst ausgesöhnt und respektierten sich als Freunde und Künstler. Für Anfang 1981 hatte Lennon erstmals seit zehn Jahren eine Reise in seine englische Heimat geplant – unter anderem, um mit den restlichen Beatles ein gutes Jahrzehnt nach dem Zerwürfnis über etwaige gemeinsame Projekte zu sprechen. Dazu sollte es nicht kommen, am 8. Dezember 1980 wurde Lennon von einem verrückten Fan erschossen. In seiner Hinterlassenschaft fand man ein Demotape, auf dem „For Paul“ stand. 1995 entstand daraus die posthume Beatles-„Comeback“-Single „Free As a Bird“.

Anfang der 1980er hatte McCartney ein Comeback der Band viel weniger nötig als jeder der anderen Fab Four. Er war soeben als erfolgreichster Musiker aller Zeiten ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen worden; er war als einziger Beatle die ganzen 70er-Jahre hindurch als waschechter Solo-Popstar durchgegangen und familiär hatte er mit der US-Fotografin Linda Eastman und den Kindern – darunter die spätere Modeschöpferin Stella – sein Glück gefunden. Durch Lennons Tod sollte er viel von seinem Antrieb verlieren; das erste danach entstandene Album „Tug of War“ (1982) stellt eine Wasserscheide in McCartneys Leben und Wirken dar. Wings, sein megaerfolgreiches 70er-Jahre-Bandprojekt, war Geschichte, das Familienleben stand nun im Vordergrund. Mithilfe des Beatles-Produzenten George Martin wurden für „Tug of War“ ein letztes Mal große Geschütze aufgefahren, neben dem Lennon-Tribute „Here Today“ berührt vor allem auch die Reflexion über das Altern und die Vergänglichkeit des Seins im Titelstück.

Der Rückzug ins Private führte in der Folge zu spießigen und enttäuschenden Machwerken, die McCartneys Image nachhaltig beschädigten. Hits mit Stevie Wonder („Ebony and Ivory“) und Michael Jackson („Say Say Say“, „The Girl Is Mine“) vermochten das nicht zu kaschieren. Erst mit „Flowers in the Dirt“ (1989) begann eine langsame Renaissance, zumindest künstlerisch. Für Hits am Fließband waren längst andere zuständig.

Alben wie „Flaming Pie“ (1997) fanden durchaus Gnade bei den Kritikern, zugleich versuchte sich McCartney ab den 90ern auch in anderen künstlerischen Bereichen wie klassischer Musik, Malerei und Poesie. Nebenbei fand er Zeit, um beim Projekt The Fireman mit einem Musiker der britischen 80er-Jahre-Rock-Finsterlinge Killing Joke Musik zu machen, die ihm für sein Stammpublikum als zu gewagt erschien.

1998 starb seine Frau Linda an Brustkrebs, eine weitere Zäsur in seinem Leben. In 29 Jahren Ehe war Paul angeblich nur während eines mehrtägigen Haftaufenthalts wegen Drogenbesitzes in Japan anno 1980 von ihr getrennt gewesen. Nach einer grandios gescheiterten Ehe mit dem ehemaligen Model Heather Mills ist er seit 2011 mit der New Yorker Unternehmerin Nancy Shevell verheiratet. Mutmaßlich glücklich.

Als findiger Geschäftsmann, zu dem er sich neben all seinen anderen Qualitäten im Lauf der Jahre auch noch entwickelt hat, erfand sich Paul McCartney im vergangenen Vierteljahrhundert noch einmal als Live-Entertainer neu. Er ist nun der fab one für alle Babyboomer und Zuspätgeborenen, die in seine Disney-World-haften dreistündigen Konzerte pilgern, um ihn vor allem Beatles-Oldies singen zu hören.

Nach und nach vergaß dieses Monument von lebender Legende, wie groß, wie eklektisch, wie positiv abgedreht sein Schaffen bisweilen war. Nostalgie ist nun die bevorzugte Waffe eines Ausnahmekünstlers, der so lang ein Getriebener seiner eigenen Genialität gewesen ist. Sein großes Alterswerk hat McCartney 2005 mit „Chaos and Creation in the Backyard“ vorgelegt. Auch das heuer erschienene Album „Egypt Station“ enthält einige schöne Songs, bei durchwegs eigenständigem Charakter lässt es sowohl die ungebrochene Experimentierwut als auch das nach wie vor in ihm schlummernde Popgen zumindest anklingen.

So gibt es auch 2018 definitiv schlechtere Optionen, bis zu 488 Euro auszugeben, als den Besuch eines Paul-McCartney-Konzerts. Uninspirierte Teleprompter-Ansagen hin, schiefe Töne einer immer brüchiger werdenden, einstmals so unpackbar grandiosen Rockstimme her: Es ist Paul McCartney, der da am 5. und 6. Dezember in der Wiener Stadthalle gastiert. Erweisen wir ihm die Ehre!

Stefan Redelsteiner in FALTER 48/2018 vom 30.11.2018 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Chaos and Creation in the Backyard (Paul McCartney)
FLOWERS IN THE DIRT (SPECI (Paul McCartney)
McCartney (Paul McCartney)
McCartney II (Paul McCartney)
Wild Life (Super DLX Ed.) (3CD+DVD) (Paul & Wings McCartney)
BAND ON THE RUN (SUPER DEL (paul & Wings Mccartney)
Ram (Special Edition) (paul & Linda Mccartney)
TUG OF WAR (SPECIAL EDITIO (Paul McCartney)

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