Palmen Aus Plastik 2

von Bonez MC/Raf Camora

€ 9,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Label: VERTIGO
Format: CD
Genre: HipHop / Rap
Umfang: 15 Tracks, Gesamtspielzeit 45:59 Min.
Erscheinungsdatum: 05.10.2018


Rezension aus FALTER 8/2019

Der Megastar aus Fünfhaus

Vorbei an den Massenmedien wurde der Wiener Rapper RAF Camora vom Problemkind zum Idol einer Generation. Jetzt füllt er zwei Mal die Stadthalle

Einmal sollte das jeder Wiener erlebt haben: Was losgeht, wenn RAF Camora mit seinem schwarzen Maserati GranTurismo S durch die Straßen von Rudolfsheim fährt. Alle paar Wochen steigen dort spontane Siegesparaden für ihn: Die Kinder schreien los, machen Fotos, laufen ihm nach. Wie die Hütte Kopf steht, wenn er das Restaurant Kent im 16. oder die
Shishabar Essouira im 17. Bezirk betritt.

Die Stirn des Falter-Lesers legt sich in Falten: Wer ist RAF Camora? Die Antwort: der erfolgreichste österreichische Popmusiker neben Andreas Gabalier.

Der Erfolg des Mannes ist legendär, beim letzten Mal Durchzählen waren es 36 goldene und elf Platin-Schallplatten. Auf Spotify ist er der meistgestreamte Künstler in Deutschland, bis Oktober vergangenen Jahres wurden seine Lieder dort eine Milliarde Mal angehört.

RAF Camora ist Rapper, 34 Jahre alt, groß geworden in Wien, wohnhaft in Berlin, dort hat er seine Plattenfirma „Indipendenza“ und sein Tonstudio. Er gehört zu den Gefährlichen, den die Kinder und nicht die Kritiker gut finden, mit Problemwortschatz und auch modisch mit Gold behangen.

Wenn der deutschsprachige Hip-Hop von gewaltverherrlichenden Gangstern wie Bushido bis zu romantischen Gymnasiastinnenflüsterern wie Cro reicht, tendiert RAF Camora klar Richtung Straße. Einer von denen, die jederzeit etwas gegen deine Mutter ins Treffen führen könnten. Seine Texte sind mehr intuitiv als verkopft, im Studio ist sein erster Aufnahmeversuch meistens der beste. Die Themen sind obligat: Autos, Drogen, Frauen, auch Freundschaft und Depression. RAF Camora rappt auf Deutsch und mit dem gedämpften Johlen der Straße, als hätte er etwas wirklich Scharfes im Mund. Die Jugend schwört darauf.

Am 23. und 24. Februar wird RAF Camora mit seinem Kollegen Bonez MC vor jeweils mehr als 10.000 Fans in der Wiener Stadthalle auftreten. Von den vielen Orten, die der Mann namens Raphael Ragucci „Zuhause“ nennt, ist Wien noch immer sein schwerster Anker. Seitdem er erfolgreich ist und etwas herzuzeigen hat, kommt er auch wieder öfter hierher.

Die ersten Jahren von RAF Camoras Leben spielen im Turm eines Schlosses im Städtchen Vevey in der französischen Schweiz. Sein Vater ist Vorarlberger, seine Mutter eine Neapolitanerin. Der Großvater kam als süditalienischer Gastarbeiter in die Schweiz und kümmerte sich um die Weinberge eines Barons. Der Bub lernt Geige und dann Klavier, er sagt, er sei ein ruhiges Kind gewesen. Seine stärksten Erinnerungen an damals sind die Raben, die um das Schloss kreisten. Den Vogel wird er später zum Symbol seiner Kunstfigur machen.

Als Raphael acht Jahre alt ist, übersiedelt die Familie nach Wien. Sie hat noch nicht viel Geld, fährt schwarz mit dem Zug und zieht nach Rudolfsheim-Fünfhaus. Es ist das Jahr 1992, als sich die Gürtelbezirke mit Flüchtlingen aus dem Balkankrieg füllen. Auch Raphael sieht südländisch aus und spricht schlecht Deutsch. „Es war jedem egal, dass wir aus der Schweiz kommen. Ich war für alle dort ein Tschusch“, sagte er 2013 in einem Interview mit der Webseite rap.de. Wie prägend diese Art der Sozialisation für ihn war, merkt man nicht nur daran, dass RAF Camora ein Lied in bosnischer Sprache veröffentlicht hat.

Seine besten Freunde sind damals Roma und Kriegsflüchtlinge, sie werden keine Karrieren wie er hinlegen. Die Straßen des 15. Bezirks sind Raphael Raguccis Spielwiese. Er zieht um die Häuser und gewöhnt sich den Slang seiner Begleiter an. Damals turnte er gut, er war schlank und feingliedrig, heute eher spatenförmig. Die Musik wird für Raphael immer bestimmender. Er schreibt Songs für eine Gruftiband und spielt mit einer eigenen Metalband im Proberaum unter der Reindorfkirche.

Seine Mutter schleppt das Keyboard. Sie wird später Krankenschwester, Naturkosmetikherstellerin und Opernsängerin. Raguccis Vater wird Arzt. Die Eltern werden sich scheiden lassen, das Verhältnis zum Vater wird schwierig bleiben. Raphael Ragucci übernimmt den Mädchennamen seiner Mutter, für seine Familie tut er bis heute vieles. Er verehrt die Mutter, seine jüngere Schwester ist ihm heilig, er hat sie immer streng beaufsichtigt.

Langsam, aber sicher wird der junge Raphael zum Problemkind. Er bricht die Kassen von Zeitungsständern auf, verkauft und raucht Gras und stiehlt Fahrräder. Mit 15 läuft er von zu Hause weg, schläft in Clubs und auf dem Schulklo. Er ist ein Grätzelschreck und gleichzeitig gefragter, mehrsprachiger Mozartverkäufer vor dem Stephansdom.

Das Wien seiner Jugend beschreibt er als dunkel und feindselig, durch und durch unwirtlich. Die Menschen hier würden sich viel weniger vermischen als in Deutschland, sagt RAF Camora gelegentlich. Die Wiener würden meist weder ihre soziale Klasse noch ihren Bezirk verlassen.

Als er mit 15 Jahren und Dreadlocks ausbüxt, fährt er nach Marseille und kommt nach einem Jahr wieder nach Hause. Er kniet vor dem Direktor seiner Schule und bittet ihn, er möge ihn wieder aufnehmen. Raphael macht Matura im Musikgymnasium Hegelgasse und danach neun Monate Wehrdienst bei den Panzergrenadieren in Zwölfaxing.

Sein Lebensziel sah er schon als Bursch in der Musik. Die US-amerikanische Gruppe Cypress Hill hatte ihn zum Hip-Hop gebracht, Ragucci begann auf Französisch zu rappen und Beats auf dem Computer zu basteln, auf den sein Vater lange gespart hatte. 2007, mit 23 Jahren, zieht er nach Berlin, um Musiker zu werden. Den Deutschen verkauft er den 15. Hieb als Ghetto.

Zwölf Jahre und viele Alben später ist RAF Camora der vielleicht größte Champion seiner Zunft. Er gilt als besonders musikalischer Rapper, Kollegen lassen sich von ihm bei Kompositionen beraten. Mit dem Album „Palmen aus Plastik 2“ haben er und sein Geschäftspartner Bonez MC diverse Rekorde gebrochen. Lieder wie „500 PS“, „Ohne mein Team“ oder „Kokain“ sind Hymnen.

Man könnte diese Musik mühelos als stumpfsinnige Angeberei bezeichnen, als selbstherrliches Gaudium für Abgehängte. Tatsächlich ist es der Sound der Parks und der Autolautsprecher, der Shishabars und des Migrationshintergrunds.

Seine Texte sind nicht politisch wie jene von seinem ehemaligen Wiener Freund Nazar. Natürlich betastet er die Tabus, die deutsche Kollegen wie Bushido oder Kollegah brechen: „Verbrenn’ Nutten, wenn sie meinen Schwanz schlucken wie Flaschen Tabasco“ oder „Stürmen in sein Haus mit der Skimaske auf / Kriegswaffe an den Kopf, hol das Weed aus der Couch.“ So weit geht RAF Camora schon.

Die Musik dazu ist modern, mit jamaikanischen Dancehall-Rhythmen und Disco-Atmosphäre versetzt. RAF Camoras Lieder haben verhältnismäßig viel Melodie, Gesang und Leihgaben aus alten Pophits. Die Musik ist tanzbar, es zählt der Flow, das Gefühl, das sich beim Hören einstellt und den Alltag begleitet. Kurzum: Es ist Gebrauchskunst, zum baldigen Konsum.

In der Woche der Veröffentlichung seines jüngsten Albums im Oktober 2018 hat RAF Camora die Ö3-Verkaufscharts ruiniert: Er lag mit 13 Liedern auf den ersten 14 Positionen der Austria Top 40. Deswegen änderte der Sender den Zählmodus. Nun tauchen nicht mehr als drei Lieder eines Albums in den Single-Charts auf. Ö3 ließ die wöchentliche Chartshow damals ausfallen, spielte die 13 Lieder nicht in voller Länge und programmierte stattdessen eine Sendung über Chartphänomene. Diese Entscheidung hat Symbolkraft. Sie steht für den Umgang der Massenmedien mit dem Deutschrap.

Hip-Hop ist die dominante Jugendkultur. Im abgelaufenen Jahr lagen in Österreich zehn Deutschrap-Alben von Künstlern wie Ufo361, Olexesh, Capital Bra oder Azet auf Platz eins der österreichischen Charts. Global gesehen ist Hip-Hop der größte Musikmarkt, die Streamingdienste sind von Beats und Lines dominiert. Rapper bringen Modekollektionen heraus, große Marken suchen ihre Nähe.

Im aktuellen Popdiskurs spielen sie trotzdem eine untergeordnete Rolle. Medien beschränken die Berichterstattung über Künstler wie RAF Camora oder Azet auf das Notwendigste. Eine ganze Galaxie fliegt an der Mehrheit der Menschen sang- und klanglos vorbei: Deutschrapper gelten als Schmuddelkinder, als Symptom schlechter Zeiten, aber nur in seltenen Fällen als kulturell wertvoll. Während sich der hochgelobte, seelenvolle Rock in ein Nischendasein verjazzt, rümpft das Feuilleton die Nase über die Hörgewohnheiten der Jugend.

RAF Camora ist den österreichischen Medien bis heute böse, er fühlt sich unterrepräsentiert. „Fick ORF dann komplett seine Mutter, zehn Jahre ignoriert, ja natürlich verletzt es mich, Bruder“, rappt er in dem Lied „Vienna“. Auch mit dem Falter spricht er trotz mehrerer Anfragen nicht. Im Juni wird RAF Camora einer der Stars beim burgenländischen Nova Rock Festival sein. Wenn der Erfolg anhält, werden auch die großen Radiosender ihre Grundsätze über Bord werfen und die Welle übernehmen.

Der Deutschrap hat sich vor Jahren vom Mainstream verabschiedet und geduldig gewartet, bis die Masse zu ihm zurückkam. Um mit Fans in Kontakt zu treten, können RAF Camora und seine Kollegen gut auf die Deutungshoheit der Zeitungen verzichten. Rapper schufen sich eigene Medien und Kanäle. Spartenmagazine, Websites und vor allem Social Media sind die Erklärer der Hip-Hop-Welt. Alleine auf Instagram verfügt RAF Camora über einen 1,4 Millionen Follower großen Hallraum.

Nach dem Vorbild vieler US-amerikanischer Rapper ist aus RAF Camora inzwischen ein echter Geschäftsmann geworden. Er hat in Wien und Berlin Audioproduktion studiert, als Labelbetreiber ist er streng mit den Künstlern, die er unter Vertrag hat. Er tüftelt oft und lange am perfekten Beat.

In seltenen Interviews ist er sehr ernsthaft, er arbeitet viel und ist pünktlich. Nebenher entwirft Camora Kleidung, er investierte in Bitcoins und besitzt Wohnungen in Wien und Berlin. Im Jahr 2015 sollten Reisen zu den Samurai nach Japan und den Rastafari nach Jamaika den Horizont erweitern. Der Musiker versuchte, jenen Sound zu finden, der den Zeitgeist treffen würde. Es folgten die erfolgreichsten Werke.

Ein letztes eigenes Album will RAF Camora noch aufnehmen, danach will er nur Produzent und Talentsucher seiner Plattenfirma sein. Er weiß, dass er in zehn Jahren nicht mehr als Sprachrohr der nächsten Generation durchgehen wird.

So geht der Camora-Mythos. Das Kind, das es mit Fleiß und Geschmack aus der Gosse nach oben geschafft hat. Am 23. und 24. Februar wird er bei den Auftritten in dessen 15. Bezirk einen weiteren Höhepunkt erfahren. Zu erwarten ist ein sogenannter „Abriss“, eine ekstatische Party. Auf seine Fans kann RAF Camora zählen.

Kulturelle Kontur entsteht, wenn eine Kunstfigur die Sehnsüchte von Menschengruppen weckt, wenn sie Identifikation ermöglicht. Für Millionen junger Menschen von Sarajevo bis Hamburg ist RAF Camora so ein Leitstern. Er bietet ihnen Haltung und verarbeitet Themen, die sie interessieren. Wo sie etwas schmecken.

Hip-Hop ist und war eine Ausdrucksform von ärmeren, urbanen Schichten. Viele Menschen, die sich ein besseres Leben wünschen, hören Rap. Sie bezeugen den Aufstieg und die Authentizität einer Figur wie RAF Camora. Für sie ist er, mit seiner Rolex, seiner Followerzahl und seinem schwarzen Maserati GranTurismo S, ein Abgesandter aus einer aufregenden Welt. Er ist in ihrem Namen dort.

Lukas Matzinger in FALTER 8/2019 vom 22.02.2019 (S. 24)

Titelliste
1. 
Intro
Bonez MC / RAF Camora
0:35
2. 
Prominent
Bonez MC / RAF Camora
2:39
3. 
500 Ps
Bonez MC / RAF Camora
3:03
4. 
Kokain
Bonez MC / RAF Camora / Gzuz
3:29
5. 
Nummer unterdrückt
Bonez MC / RAF Camora
3:29
6. 
Von ihnen gelernt
Bonez MC / RAF Camora
3:52
7. 
Ja Mann!
Bonez MC / RAF Camora
3:08
8. 
Kompanie
Bonez MC / RAF Camora / Hanybal
2:39
9. 
Nein
Bonez MC / RAF Camora
3:15
10. 
Risiko
Bonez MC / RAF Camora
3:43
11. 
Krimineller
Bonez MC / RAF Camora / Kontra K
3:08
12. 
Prophezeit
Bonez MC / RAF Camora
2:42
13. 
MDMA
Bonez MC / RAF Camora
3:06
14. 
Alien
Bonez MC / RAF Camora
3:34
15. 
100
Bonez MC / RAF Camora / Trettmann / KitschKrieg
3:39

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen