Jamie Lidell

von Jamie Lidell

€ 19,30
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Label: WARP
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 11 Tracks, Gesamtspielzeit 48:19 Min.
Erscheinungsdatum: 15.02.2013


Rezension aus FALTER 7/2013

Jamie, der abstrakte Soultyp

Avantgarde-Elektronik, Motown-Soul, Knister-Funk und Massenappeal: Jamie Lidell kann alles.

Teufel noch einmal, was für ein Kerl! Zur Begrüßung erhebt er sich aus dem gepolsterten Sessel. Augenkontakt. Ein Lächeln, ein fester Händedruck, ein Klopfer auf die Schulter. Nicht zu hart, nicht zu amikal. "Hallo, mein Name ist Jamie", sagt der Mann mit sanfter Stimme.
Jamie Lidell ist ein Typ, wie man ihn sich als besten Kumpel wünscht. Höflich, eloquent, fesch, talentiert, von Überheblichkeit keine Spur. Niemand verkörpert den eleganten Gentleman zwischen Soultradition und Elektronik-­
avantgarde so perfekt wie der 39-jährige Brite. Kein Künstler wechselte im letzten Jahrzehnt so leichtfüßig die Schubladen wie er. Sein neues Album unterstreicht das einmal mehr.

Ende der 1990er-Jahre kreierte Lidell zusammen mit dem Soundvisionär Christian Vogel als Supercollider futuristischen Knister-Funk, sein Solodebüt "Muddlin Gear" war 2000 ein vertracktes Elektronikwerk. Mit "Multiply" folgte der totale Kurswechsel: Lidell flirtete mit klassischen Motown-Klängen, tauschte die Synthesizer gegen organische Instrumente und stellte seine soulige Stimme voll ins Schaufenster.
Ein Album in der Tradition von David Bowies "Young Americans": Ganz ohne Authentizitätsängste frönt ein weißer Brite seiner Soulobsession. "Multiply" erschien 2005, noch ein Jahr bevor Künstlerinnen wie Amy Winehouse und Duffy Soul wieder chartstauglich machten.
Seine Plattenfirma reagierte mit einem erstaunten "Du machst jetzt Soul? Das klingt ja total normal!", als sie "Multiply" zum ersten Mal hörte. "Sie hätten eine weitere verschrobene Platte erwartet", erinnert sich Lidell. "Aber ich sah ‚Multiply' als Zwischenalbum. Weil ich klassische Soulsongs mit Elektroniktracks mischte. Vermutlich war das der Grund, wa­rum sie nicht so einschlug wie die von Amy Winehouse. Sie hatte ihr Image total auf dieses Soulding abgestimmt, ich wollte dagegen immer der abstrakte Soultyp sein."
Mit den beiden Nachfolgern tauchte Lidell noch tiefer in die R&B-Klangwelt der 1960er-Jahre ein, es gab opulente Orchesteraufnahmen und Stargäste von Feist bis Beck. Gut für die Verkaufszahlen, schlecht für die Credibility: Viele Kritiker warfen ihm vor, seine Musik zu verwässern.

Trotzdem bereut Lidell seinen Ausflug
in den Mainstream nicht: "Ich mag diese Songs bis heute. Vielleicht hätte ich mich weniger daran orientieren sollen, was die Leute von mir hören wollen. Ich ging damals einige künstlerische Kompromisse ein, bügelte einige Songs glatter als notwendig. Aber ich wollte eben schauen, was möglich ist. Ich wollte größer werden, mehr Platten verkaufen – und das hat ja auch geklappt."
Drei Jahre sind seit dem letzten Album vergangen. Drei Jahre, in denen sich Lidell auf neue Richtungssuche begab. Geholfen hat ein Umzug ins Country-Mekka Nashville. Nach den Wahlheimaten London, Berlin und New York ist das nicht die offensichtlichste Destination, aber der richtige Ort, um dem stressigen Jetsetleben zu entkommen, auf der Veranda bei einem Glas Whiskey Gitarre zu spielen – und endlich Platz zu haben, die Synthesizersammlung aufzubauen.
"Meine Wohnung in New York war sehr klein", sagt Lidell. "Zu klein für meine ganzen Elektronikkisten. Es machte mich wahnsinnig, diese Schätze in Schachteln gelagert zu wissen. In Nashville hab ich im Keller des Hauses mein Reich eingerichtet, es gibt Platz ohne Ende."
Diese neue Arbeitssituation hat ihre Spuren auf Lidells fünftem Album hinterlassen, die Elektronik steht wieder im Vordergrund: Er experimentiert mit Sounds, schickt seine Stimme durch Effekte, zitiert Prince und den Electro-Funk der 1980er. Der kolportierte Flirt mit Country erweist sich allerdings als reines Gerücht.
"Das wäre gar zu einfach gewesen", sagt er und lächelt verschmitzt. "Trotzdem ist die Atmosphäre dort sehr inspirierend. Jeder in Nashville hat etwas mit Musik zu tun. Der Handwerker, der mir beim Renovieren half, ist ein Grammy-prämierter Tontechniker, meine Immobilienmaklerin arbeitete einst mit Grace Jones und David Bowie."
Direkten musikalischen Einfluss auf "Jamie Lidell" hatte dagegen sein neuer bester Freund in Nashville: Avantgarderegisseur Harmony Korine, der ihn mit aktuellem Hip-Hop versorgte. Und dann wäre da noch Lidells neuer Lieblingssender.

"In Nashville verbringt man viel Zeit
im Auto, deshalb höre ich oft Radio. Die meisten Sender spielen Country, aber es gibt eine tolle Funk-Station. Deren Hymne ist ‚Atomic Dog' von George Clinton, und dieses Lied wirkte sich stark auf mein Songwriting aus. In New York würde einem der Sender angesichts des Überangebots gar nicht auffallen. Es ist schon lustig, wie sich eine örtliche Veränderung auf deinen Stil auswirken kann."
Dann unterbricht ihn die Pressedame mit dem Hinweis, dass die Interviewzeit vorüber sei. "Wie schade. Ich hätte gerne noch weiter mit dir geplaudert", sagt er – und man glaubt es ihm. Auch wenn er das vermutlich auch dem nächsten Journalisten erzählen wird. Ist eben einfach ein guter Typ, dieser Jamie Lidell.

Florian Obkircher in FALTER 7/2013 vom 15.02.2013 (S. 29)

Titelliste
1. 
I'm selfish
4:54
2. 
Big love
4:44
3. 
What a shame
4:37
4. 
Do yourself a faver
4:07
5. 
You naked
4:48
6. 
Why_ya_why
3:34
7. 
Blaming something
4:40
8. 
You know my name
4:18
9. 
So cold
3:56
10. 
Don't you love me
4:16
11. 
In your mind
4:25

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