Blackstar

von David Bowie

€ 9,60
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Label: SMI COL
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 7 Tracks, Gesamtspielzeit 41:13 Min.
Erscheinungsdatum: 08.01.2016


Rezension aus FALTER 45/2018

Das Buch David

Loving the Alien: In einem 800 Seiten starken Buch erzählen 182 Weggefährten, wie sie den Popkünstler David Bowie erlebt haben

Der Folkmusiker, der sich David Bowie nannte, war 22 Jahre alt und hatte bereits eine erfolglose LP veröffentlicht, als er von zu Hause auszog und im Londoner Vorort Beckenham ein Zimmer mietete. Zum Einstand spielte er seiner Vermieterin (und Liebhaberin) Mary Finnigan und deren beiden Volksschulkindern in der Küche eines seiner Lieder vor. „Das wird bestimmt ein Hit!“, prophezeiten ihm die begeisterten Kids. Sie sollten recht behalten: Ein paar Monate später, im November 1969, stand „Space Oddity“ auf Platz fünf in den Charts, der junge Untermieter hatte seinen ersten Hit gelandet.

Was danach geschah, ist weitgehend bekannt. David Bowie (1947–2016) machte eine Karriere, die nicht nur in der Rockmusik ihresgleichen sucht. Er surfte souverän durch Images, Musikstile und Genres, setzte für mehrere Musikergenerationen die Maßstäbe und war auch kommerziell – 140 Millionen verkaufte Tonträger! – enorm erfolgreich. Der Mann ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, die Bowie-Literatur füllt längst einige Regalmeter. Das Buch aber, das der englische Magazinjournalist Dylan Jones nun vorlegt, ist auch für Fans von Interesse, die schon alles über David Bowie zu wissen glaubten.

Jones, seit 1999 Chefredakteur der britischen Ausgabe von GQ, hat für seinen aus O-Tönen montierten 800-Seiten-Ziegel mit 182 Personen aus Bowies Umfeld geredet. Das chronologisch aufgebaute Buch streift alle seine Alben und Kinofilme, auch Bowies Kunstsammlung wird besprochen. Im Mittelpunkt aber steht nicht das Werk, sondern der Mensch – soweit man das bei einem Mann überhaupt auseinanderhalten kann, der noch seinen Tod mit gespenstischer Raffinesse in Szene gesetzt hat.

Weil Bowie naturgemäß einen sehr prominenten Bekanntenkreis hatte, finden sich unter den Interviewten – neben Freunden und Geliebten, Mitmusikern und Journalisten – eine Menge illustre Namen. Kollegen wie Bono, Boy George, Debbie Harry, Paul McCartney, Moby oder Neil Tennant kommen ebenso zu Wort wie der Filmemacher Martin Scorsese, die Künstlerin Tracey Emin, das Supermodel Kate Moss oder der Comedian Ricky Gervais. Die Bowie-Zitate im Buch stammen aus den sieben Interviews, die der Autor im Lauf der Jahre mit dem Künstler geführt hat.

Einige der besten Anekdoten liefern aber nicht Celebrities, sondern Leute wie Bowies Jugendfreund George Underwood, der folgende Schnurre erzählt: „Kurz bevor wir die Schule verließen, hatten wir eine Berufsberatung. Wir stellten uns in einer Reihe auf, und die Dame fragte uns, was wir nach der Schule werden wollten. Die einen sagten: ,Na ja, ich werde in der Firma meines Vaters arbeiten‘, die anderen wollten Busfahrer oder so werden. Direkt vor mir stand David in der Schlange, der besagter Frau erklärte: ,Ich möchte Saxofonist in einem Modern-Jazz-Quartett werden.‘“

Owen Frampton, Vater des Musikers Peter Frampton und einer von Bowies Lehrern an der Bromley Technical High School, sagt über seinen Schüler: „David war schon mit 14 Jahren eine Kultfigur.“ Als Bowie seinen ersten Hit hatte, kam das nicht überraschend, eher im Gegenteil. „Die ganzen sechziger Jahre hindurch wurde David Bowie immer als das nächste große Ding angekündigt“, erinnert sich der Musikjournalist Nick Kent. „Jedes Jahr im Dezember machten all diese Musikjournale ihre Vorhersagen für das darauffolgende Jahr. Und alle waren sich einig, dass das nächste Jahr das Jahr für David Bowie werden würde – was nie passierte.“ Dass der Durchbruch auf sich warten ließ, war für den Fotografen Mick Rock ein Geheimnis von Bowies Erfolg: „Er hatte Zeit gehabt, sich zu entwickeln, darum war er so gut. Er hatte Zeit gehabt, im eigenen Saft zu schmoren.“

Für Dana Gillespie, eine Bowie-Vertraute der frühen Jahre und in Wien als einstige Sängerin der Mojo Blues Band bekannt, ist „Hunky Dory“ (1971) sein persönlichstes Album. „Die Songs kamen von Herzen, denn er war noch nicht so weit herumgekommen. ,Hunky Dory‘, das war einhundertprozentig er.“ Bowie war mit seiner Frau Angie inzwischen in eine viktorianische Villa („Haddon Hall“) gezogen, wo ständig Musiker und Freunde abhingen. „Ich erinnere mich daran, dass wir alle in Haddon Hall saßen, und er rief: ,Schnell, schnell, es kommt Kabuki!‘“, erzählt Gillespie. „Und dann starrten wir alle auf den Fernseher, wo Kabuki-Theater lief.“

Als Bowie im Juli 1972 in Maske und Kostüm der androgynen Kunstfigur Ziggy Stardust in der populären BBC-Sendung „Top of the Pops“ auftrat, war das für viele Menschen eine Offenbarung. Was Bowie damit für die gesellschaftliche Akzeptanz von Queerness geleistet hat, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Für alle, deren sexuelle Identität irgendwie von der Norm abwich, muss es ungeheuer befreiend gewesen sein, Bowie als Ziggy im Mainstream-TV „Starman“ singen zu sehen. Bowie-Biografin Wendy Leigh: „Seine Botschaft war, dass es okay ist, sich als Frau zu verkleiden, schwul, bisexuell oder trisexuell zu sein, alles in Ordnung.“

Ein paar Monate vor der Sendung hatte der Künstler im New Musical Express bekannt: „Ich bin schwul und bin es immer gewesen.“ Das aufsehenerregende Outing muss allerdings stark relativiert werden: Bowie hatte zwar homosexuelle Affären, war hauptsächlich aber ein ladies’ man. Es gab Zeiten, da hatte er in jedem Stadtteil eine Geliebte, seine Ehe war ausdrücklich nicht mit sexuellen Exklusivrechten verbunden, und Groupies hat er selten des Hotelzimmers verwiesen. Eines von ihnen, Josette Caruso, begleitete Bowie während der US-Tournee 1972 und hat diese Zeit in bester Erinnerung. „Er war recht gut ausgestattet – ich meine, wirklich gut – und konnte richtig gut ficken“, erzählt sie. „Er kannte sich wirklich mit dem Körper einer Frau aus. Er war ein englischer Gentleman, ihm ging es nicht nur um sich selbst. Der Sex war wunderbar.“

„Wahrscheinlich hat er mit Tausenden geschlafen“, schätzt der Deep-Purple-Bassist Glenn Hughes, mit dem Bowie 1974 und 1975 in Los Angeles viel Zeit verbrachte. Zusammengeschweißt hat die beiden vor allem ihr gemeinsames Interesse daran, sich Unmengen Kokain reinzuziehen. Hughes: „Wir haben nie im selben Bett geschlafen, weil wir nie geschlafen haben.“ Noch in den frühen 90er-Jahren soll Bowie derartig viel gekokst haben, dass einer seiner Dealer sich fragte, welche Drogen er sonst noch nahm, um sich diese Mengen überhaupt einverleiben zu können.

Seinem musikalischen Output hat das Zeug nicht geschadet. In einer Phase, als er nur noch aus Haut und Knochen bestand, nahm er mit „Station to Station“ (1976) eines seiner besten Alben auf. Danach ging Bowie mit seinem Kumpel Iggy Pop nach Berlin, wo er 1977 die Klassiker „Low“ und „,Heroes‘“ einspielte.

Der Elektronikmusiker Brian Eno, dem dabei eine wichtige Rolle zukam, konnte sich über den Lebenswandel seiner Kollegen nur wundern: „Ich fand das immer sehr paradox, dass zwei verhältnismäßig berühmte Leute morgens um halb sechs nach Hause wankten, und dann schlürfte David ein rohes Ei, und das war dann alles an Nahrung, was er an dem Tag zu sich nahm. Es war ein ziemliches Elend.“ Die unterschiedlichen Lebensrhythmen schlugen sich auch im Produkt nieder: Laut Nick Kent gibt es auf „Low“ deshalb so viele Instrumentalstücke, weil Eno untertags so oft allein im Studio saß.

Die 1980er waren Bowies künstlerisch schwächste Phase, finanziell aber hatte er mit dem Album „Let’s Dance“ (1983) neue Dimensionen erreicht. Aus steuerschonenden Gründen lebte er damals in der Schweiz und langweilte sich zu Tode, wie der Schriftsteller Hanif Kureishi („The Buddha of Suburbia“) berichtet. „Der Einzige, der ihn besuchte, war Roger Moore. Zuerst war es wohl sehr witzig mit ihm, weil er lustige Geschichten über die Bondfilme erzählte. Aber dann kam er jeden Abend wieder und erzählte ein ums andere Mal dieselben Storys. Bowie fürchtete sich schon davor, dass es an der Tür klingelte und der verdammte Roger Moore wieder davorstand.“

Dass es auf 800 Seiten zu Redundanzen kommt, liegt in der Natur der Sache, schärft das Bowie-Puzzlebild aber eher noch. Fast alle beschreiben ihn nicht nur als hochintelligenten und sagenhaft talentierten Mann, sondern auch als sehr charmanten, witzigen und netten Kerl. „Er hatte eine große Begabung dafür, Leuten das Gefühl zu geben, sie seien etwas Besonderes“, sagt Chris Sullivan, der eine kleine Rolle in dem Film „Absolute Beginners“ spielte.

Bowie pflegte seine Freundschaften, rief immer wieder an oder schickte ein E-Mail. Meistens aber brach der Kontakt nach einiger Zeit abrupt ab. Irgendwann hatte Bowie das Gefühl, weiterziehen zu müssen, da war er ziemlich gnadenlos. „Er ließ Menschen einfach fallen“, weiß Hanif Kureishi, dem es auch so ergangen ist. „Das tat mir leid, denn ich mochte ihn wirklich. Aber ich verstehe, dass es schwierig ist, mit einem Rockstar befreundet zu sein, wenn man selbst keiner ist.“

Auch der Londoner Modemacher Paul Smith zählte zu Bowies Bekanntenkreis. Einmal, erzählt Smith, war ein Kunde im Laden, um für seinen Sohn einen Anzug zu kaufen. „Der Junge probierte einen an, kam aus der Umkleidekabine und betrachtete sich in einem großen Spiegel. Da öffnete sich die Tür einer anderen Kabine, David kam heraus und meinte zu ihm: ,Wow, du siehst toll aus! Du siehst wirklich toll aus, Mann!‘ Der Junge wäre fast in Ohnmacht gefallen, er wurde kreidebleich. So war David einfach. Er schien ständig irgendwo aufzutauchen.“

Wolfgang Kralicek in FALTER 45/2018 vom 09.11.2018 (S. 38)



Rezension aus FALTER 52/2015

Zweiter Anlauf, erstes großes Alterswerk

Die Single war kein leeres Versprechen: David Bowie feiert seinen 69. Geburtstag mit einem exzellenten neuen Album

Die Welt kennt keine Geheimnisse mehr, im Pop ist es kaum anders. Und doch gelang David Bowie Anfang 2013 eine veritable Überraschung. Jahrelang war der britische Sänger nach einer Herzattacke 2004 aus dem Rampenlicht verschwunden gewesen und ins Private abgetaucht. Am 8. Jänner 2013 aber, seinem 66. Geburtstag, veröffentlichte er aus heiterem Himmel die berückende Single „Where Are We Now?“; das zugehörige Album „The Next Day“ folgte einige Wochen später.
Es war eine gute Platte – und letztlich doch eine milde Enttäuschung. Weil das risikoarme Albumganze nicht hielt, was die waidwunde Single versprochen hatte. Und weil man sich vom ersten Alterswerk des großartigsten aller Popsänger einfach ein kleines bisschen mehr als solide Kost auf passablem Niveau erwarten durfte.

Am 8. Jänner wird Bowie 69. Wieder erscheint zum Geburtstag neue Musik, und wieder geht dem Album eine sensationelle Single voraus. „Blackstar“, ein zehnminütiges Ungetüm, ist rein formal der wohl ungewöhnlichste Bowie-Song seit dem ähnlich dimensionierten Mittsiebziger-kalt-warm-Monster „Station to Station“; eigenwillig, zerfahren, faszinierend, magisch. Elektronik und Jazzschlagzeug; ein schönes, aber keineswegs nur dezent behübschendes Saxofon; gequälter Gesang, flehend, erschütternd, entkörperlicht, far out.
Mittendrin ein Bruch, der Song verwandelt sich, beginnt zu grooven, kurz hängt der Himmel voller Geigen. Dann aber landet „Blackstar“ wieder beim Ausgangspunkt. Dazu ein Video, das den Sänger als blinden Propheten von der Apokalypse künden lässt. Es ist, als hätte der erratische alte Poptragöde Scott Walker, der in den Sixties mit den Walker Brothers ein Teeniestar war und seit Jahrzehnten nur mehr verstörende Signale aus dem Kunstelfenbeinturm sendet, seine Version eines leichten Popsongs aufgenommen. Das neue Album heißt wie der Vorbote, und „Blackstar“ ist darauf auch das außergewöhnlichste der sieben Lieder.

Anders als beim Vorgänger „The Next Day“ hat die Single diesmal aber nicht zu viel versprochen: „Blackstar“, nahe am Jazz gebaut, wagemutig und doch voller Popsensibilität, ist im zweiten Anlauf tatsächlich Bowies erstes großes Alterswerk. Die zwei neuen Stücke der 2014er-Best-of-Compilation „Nothing Has Changed“ sind in anderen Versionen vertreten. Das eine fällt durch lustig-manierierten Gesang, geradlinigen Beat und kontrolliertes Getröte auf, das andere durch einen Stolperbeat, eine Gitarre, die Akzente setzt, anstatt Akkorde zu spielen, und den Verzicht auf allzu viel Melodie zugunsten von ordentlich Schubkraft.
„Lazarus“ ist vor Kitsch und Theatralik zwar nicht ganz gefeit, rührt aber auf Anhieb; „Girl Loves Me“ changiert zwischen Experiment und Nettigkeit, „Dollar Days“ ist ein schöner, vergleichsweise konventioneller Midtemposong, und „I Can’t Give Everything Away“ stellt als versöhnlicher Abschluss das Gegenstück zum Einstieg mit „Blackstar“ dar.
Es wäre dann auch das Einzige, das man Bowie hier vorwerfen könnte: dass ihn die Lust an der Irritation gegen Ende ein wenig verlässt.

Gerhard Stöger in FALTER 52/2015 vom 25.12.2015 (S. 47)

Titelliste
1. 
Blackstar
9:57
2. 
'Tis A Pity She Was A Whore
4:52
3. 
Lazarus
6:22
4. 
Sue (Or In A Season Of Crime)
4:40
5. 
Girl Loves Me
4:51
6. 
Dollar Days
4:44
7. 
I Can't Give Everything Away
5:47

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