In Colour

von Jamie XX

Derzeit nicht lieferbar

Label: Young Turks/XL/Beggars Group/Indigo
Format: LP + Downloadcode(ehemals LP + Download)
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 22 Tracks, Gesamtspielzeit 85:20 Min.
Erscheinungsdatum: 29.05.2015


Rezension aus FALTER 22/2015

Jamie says: Kosen statt Klotzen

Jamie xx, Kopf der Band The xx, veröffentlicht mit seinem Solodebüt ein sanftes Meisterwerk für Club und Kopfhörer

Der erfolgreiche DJ von heute hat beim Auflegen statt der Plattentasche für gewöhnlich nur mehr einen USB-Stick dabei. Bei seinem Set reißt er möglichst oft die Arme in die Höhe und verpasst dem Publikum eine Sektdusche, um es am Kreischen zu halten. Der erfolgreiche DJ von heute ist Entertainer, seine Musik funktionale Nebensache. Jamie Smith alias Jamie xx ist ein erfolgreicher DJ und Produzent - allerdings repräsentiert er das genaue Gegenteil.

Der 26-jährige Brite bezeichnet sich selbst als Musiknerd alter Schule. Er sammelt leidenschaftlich Vinyl und empfindet es als größtes Glück, im Secondhand-Plattenladen alte Soul-Raritäten auszugraben. Auf der Bühne schaut er selten ins Publikum, stattdessen mixt er sich höchst konzentriert durch die Musikgeschichte: von House über Afrobeat bis zu Sixtiespop.

Sein Anliegen ist es, die Tänzer auf eine Reise mitzunehmen und die Musik - anstatt sich selbst - ins Rampenlicht zu rücken. Trotzdem versteht Smith seine verhaltene Bühnenpräsenz nicht als Reaktion auf den Typus Superstar-DJ, sondern eher als unliebsame Marotte. "Ich würde gern etwas mehr aus mir herausgehen, aber ich kann nicht aus meiner Haut", sagt der für seine Einsilbigkeit in Interviews bekannte Künstler.

Ironischerweise ist es genau diese ungekünstelte Zurückhaltung, die seine Musik auszeichnet - und Smith zu einem der besten Elektronikmusiker der Gegenwart macht.

Als The xx veröffentlichte er 2009 mit zwei ehemaligen Schulkollegen aus dem Stand die Konsensplatte des Jahres. Den drei blassen, schwarz gekleideten Teenagern aus Südlondon gelang mit dem schlicht "xx" betitelten Album ein ungeahntes Kunststück: Ihre fragilen, jedem Trend widerstehenden Songs, die in ihrem melancholischen Minimalismus an die britischen Postpunk-Minimalisten Young Marble Giants erinnerten, begeisterten nicht nur Musikkritiker, sondern überraschenderweise auch Mainstream-Popstars wie Rihanna und Shakira, die ihre Stücke coverten und letztendlich mit dazu beitrugen, dass sich "xx" über eine Million Mal verkaufte.

Seitdem zählt Smith, der bei The xx für das so dezente wie effektive Elektronik-Fundament verantwortlich zeichnet, zu den gefragtesten Produzenten überhaupt. Er ist auch einer der facettenreichsten. 2011 veröffentlichte er einerseits eine feingliedrige Remix-Platte von Songs der US-Soul-Legende Gil Scott-Heron.

Andererseits produzierte er Hits für Rap-Giganten wie Drake und Remixes für Kollegen wie Adele und Florence and the Machine, die sich stets durch seine unverwechselbare Handschrift auszeichneten: verspielte Melodien, verwaschene Beats, Steel-Drums und clever gestreute Referenzen in Form von Soul-Samples. Tracks zwischen anspruchsvoller Indie-Disco und wohliger Club-Euphorie.

Diese Elemente bilden nun auch die Grundlage von Smiths erstem richtigem Soloalbum "In Colour". Entstanden ist es vorwiegend im Laufe des vergangenen Jahres, als er und seine Bandkollegen mit ihrer zweiten Platte "Coexist" auf Welttournee waren. Nicht unbedingt, weil er sich auf Reisen besonders inspiriert fühlt, sondern weil er sich in den letzten fünf Jahren kaum eine Verschnaufpause gegönnt hat.

War er nicht gerade mit The xx unterwegs, gondelte Smith mit der Plattentasche durch die Welt oder war mit Stars wie Alicia Keys im Studio. Gerade letztere Zusammenarbeit hatte indirekte Folgen für sein Album. "2011 flog ich nach New York, um sie zu treffen, während ich mitten in den Arbeiten am zweiten The-xx-Album steckte", sagt er. "Das war ein irrer Tapetenwechsel: vom Kellerstudio in London in einen riesigen Hightech-Tempel. Die ganze Zeit schwirrten Techniker, Managertypen und Plattenfirmenmenschen um mich herum. Alle schauten mir auf die Finger. Eine sehr unangenehme Situation."

Sein Schluss aus dieser Erfahrung: Das eigene Album sollte so intim wie möglich entstehen. Außer einem Ausreißer -dem gut gelaunten Dancehall-Track "I Know There's Gonna Be (Good Times)", bei dem er zwei Rapper ans Mikrofon holte -arbeitete er ausschließlich mit seinen Bandkollegen Romy Madley Croft und Oliver Sim. Entsprechend stringent wirken die elf Songs. "In Colour" klingt, ähnlich Smiths DJ-Sets, wie eine persönlich gefärbte Ode an die Geschichte der Clubmusik.

Mit dem grobkörnig losrumpelnden Eröffnungsstück "Gosh" zollt er den britischen Dance-Genres Jungle und Garage Tribut, zu denen er als Jugendlicher erste Club-Luft schnupperte; in "Loud Places" platziert er ein fast unbearbeitetes Sample von Idris Muhammads Discoklassiker "Could Heaven Ever Be Like This" zwischen die Gesangsteile von Madley Croft.

"Es ist eine einfache Art, den Hörern meinen Musikgeschmack näherzubringen und mit ihnen zu kommunizieren", sagt Smith. "Weil ich nicht selbst singe, repräsentieren diese Samples meine Stimme." Auf die Frage, warum er nicht selbst zum Mikrofon greift, winkt er lächelnd ab: "Das will niemand hören, glaub mir!"

Diese Bescheidenheit und Zurückhaltung ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Sie spiegeln sich wider in den sanften Klangtexturen und geschmeidigen Melodien. Quasi nach dem Motto: Warum klotzen, wenn man kosen kann? Trotzdem will Smith das so nicht ganz gelten lassen. Denn eigentlich ziele der Albumtitel "In Colour" genau auf dieses scheinbare Missverständnis ab.

"Der Titel ist eine Reaktion darauf, wie The xx anfangs vielfach wahrgenommen wurden", setzt er zu einer ausnahmsweise doch etwas längeren Antwort an. "Als scheue Teenager, die traurige Songs schreiben und immer Schwarz tragen. Schwarz angezogen sind wir noch immer, aber wir sind heute selbstbewusster. Wir lieben es zu tanzen, wir hören beschwingte Musik. Mit dem Albumtitel wollte ich das klarstellen. Zeigen, dass wir Farben mögen - und dass wir glückliche, junge Menschen sind."

Florian Obkircher in FALTER 22/2015 vom 29.05.2015 (S. 30)

Titelliste 1
1. 
Gosh
Jamie Xx
4:51
2. 
Sleep Sound
Jamie Xx
3:52
3. 
SeeSaw
JAMIE XX
4:28
4. 
Obvs
Jamie Xx
3:51
5. 
Just Saying
Jamie Xx
1:23
6. 
Stranger In A Room
JAMIE XX
2:57
7. 
Hold Tight
Jamie Xx
4:03
8. 
Loud Places
JAMIE XX
4:43
9. 
I Know There's Gonna Be(Good Times)
JAMIE XX
3:33
10. 
The Rest Is Noise
Jamie Xx
4:58
11. 
Girl
Jamie Xx
4:01
Titelliste 2
1. 
Gosh
Jamie Xx
4:51
2. 
Sleep Sound
Jamie Xx
3:52
3. 
SeeSaw
JAMIE XX
4:28
4. 
Obvs
Jamie Xx
3:51
5. 
Just Saying
Jamie Xx
1:23
6. 
Stranger In A Room
JAMIE XX
2:57
7. 
Hold Tight
Jamie Xx
4:03
8. 
Loud Places
JAMIE XX
4:43
9. 
I Know There's Gonna Be(Good Times)
JAMIE XX
3:33
10. 
The Rest Is Noise
Jamie Xx
4:58
11. 
Girl
Jamie Xx
4:01

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