We Need to Talk About Putin
Why the West gets him wrong, and how to get him right

von Mark Galeotti

€ 12,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Random House
Genre: Politik
Umfang: 143
Erscheinungsdatum: 21.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Putin verstehen – aber richtig

143 Seiten braucht der britische Historiker Mark Galeotti, um den russischen Präsidenten und seine Rolle zu reflektieren

Hundert Jahre ist es her, dass der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach seinen Probanden bunte Klecksbilder zeigte. Entscheidend war dabei nicht, wofür die Formen wirklich standen. Sondern nur das, was die Versuchspersonen in ihnen sahen. Dadurch wollte Rorschach Rückschlüsse auf ihre Psyche ziehen.

So ähnlich geht es der Welt heute mit Wladimir Putin, argumentiert der Russlandexperte Mark Galeotti in seinem neuen Buch „We Need to Talk About Putin“. Bisher ist es nur in englischer Sprache erhältlich.

Längst ginge es in der Diskussion nicht um den Mann im Kreml, sondern das Bild, das wir uns von ihm machen. Dämon der Weltpolitik, Retter des christlichen Abendlandes oder eher Widersacher der USA? Zeig mir, welchen Putin du siehst – und ich sage dir, wer du bist. Putin ist für Galeotti ein politischer Rorschachtest.

Der britische Historiker forscht seit dem Zerfall der Sowjetunion intensiv über Russland. Heute sei es wichtiger denn je, schreibt er, die Politik des Kreml richtig zu deuten. Inzwischen sei Moskau zurück auf der internationalen Bühne, von der Ukraine über Syrien bis Afrika. Mehr noch: Seit dem Sieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen habe sich ein regelrechter Medienhype um die russische Einflussnahme im Westen entwickelt.

Die Separatisten von Katalonien? Von russischen Trollen befeuert. Der Brexit? Von RT (früher Russia Today) herbeigesendet. Der Aufstieg der Rechtspopulisten? Liebesgrüße aus Moskau.

Guter Putin, böser Putin

Mark Galeotti beschreibt einen medialen Hype um einen „allmächtigen Putin“, der den Blick auf den Kreml erst recht verneble. Tatsächlich spielte Russland heute international eine größere Rolle als noch vor einigen Jahren, wenngleich viele Krisenherde Moskau selbst mitverursacht hat (Beispiel: Ukraine). Der russische Einfluss im Westen sei trotzdem maßlos überschätzt, findet Galeotti.

„Die Tendenz, Putin als einen machiavellistischen Strippenzieher zu sehen, der hinter allem steht, was im Westen falsch läuft, führt zum Trugschluss, alles sei Teil einer komplexen russischen Strategie“, schreibt Galeotti. „Dadurch laufen wir Gefahr, ihm zu viel Macht einzuräumen.“ Das Bild des Weltenlenkers, auf Augenhöhe mit dem Westen, spiele wiederum dem Kreml selbst in die Hände, der sich immer noch als globale Supermacht begreift – bei einer jährlichen Wirtschaftsleistung wie Spanien.

Auf nur 143 Seiten erörtert Galeotti die Klischees über den russischen Präsidenten und versucht, sein Handeln einzuordnen.

Ist Putin der Macho-Abenteurer der Geopolitik oder doch eher der risikoscheue Zauderer? Was treibt ihn an – sein Bankkonto oder doch der Platz in den Geschichtsbüchern? KGB-Mann, Sowjetnostalgiker oder Ultrakonservativer? „Putin ist keiner Ideologie verpflichtet“, hält Galeotti richtig fest. Genau das macht ihn zur Projektionsfläche für links wie rechts. Zum Tintenklecks der Weltpolitik. „Die enttäuschende Wahrheit für die neurechten Fanboys im Westen, die Putin als ihren idealen Patriarchen sehen.“

Bei aller Kritik an der Dämonisierung Putins taugt Galeottis Buch aber keineswegs als Fürsprecher für die sogenannten „Putinversteher“. Also jene Menschen, die aus komfortabler Distanz in Berlin oder Wien Moskaus imperialen Ansprüchen das Wort reden, die Annexion der Krim und den Krieg in der Ostukraine rechtfertigen und von einem Status quo ante träumen, als noch der Rubel zwischen Ost und West rollte. Wie von einer alten Romanze, von Sanktionen gänzlich ungetrübt.

„Solange Putin im Amt ist, werden sich die Beziehungen mit Russland wohl kaum verbessern“, glaubt Galeotti. Immerhin ist das Feindbild des Westens inzwischen zu einer wichtigen Machtressource des Kreml geworden. Putin verstehen, aber differenziert: Das Buch ist ein wichtiger Beitrag, um den heißen Russland-Diskurs in Krisenzeiten von Trump, Brexit & Co wieder seriöser zu gestalten.

Simone Brunner in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 15)


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