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Rezension aus FALTER 28/2006

Pianotrio goes Pop

Harmonischer Wohlklang, allerdings ohne jede Rockattitüde, ist auch das Signum des Tord Gustavsen Trio aus Norwegen, das mit "The Ground" seine zweite Platte für die renommierte Münchner Plattenfirma ECM einspielte. Ihre Lehrjahre absolvierten die drei bestens eingespielten Herren als Begleittrio der norwegischen Pop-Jazz-Prinzessin Silje Neergard, ehe sie sich im vergangenen Jahr mit ihrem hochmelodiösen Down-Tempo-Jazz endgültig selbstständig machten. Was sie sich ohne weiteres leisten können, landeten sie mit ihrem Album, das mitunter schon ein bisserl am Kitsch entlangschrammt, gar auf Platz eins der norwegischen Pop-Charts. Es beginnt wie ein Klavierstück von Erik Satie, während im Hintergrund ein leises Winseln zu hören ist. Bald schleicht sich ein Thema ein, dass man irgendwie kennt, aber in der Dur-und nicht in der Mollvariante. Außerdem kann es doch nicht sein, dass ein Jazztrio ?

Doch, diese drei Herren können und machen sich tatsächlich über Queens notorische Siegerhymne her. Und dafür, dass so etwas in der Besetzung Klavier, Kontrabass und Schlagzeug eigentlich nur scheitern kann, entfaltet "We Are the Champions" in der Interpretation von The Bad Plus eine erstaunliche Dynamik, die so manchem Zuhörer im Tokioter Jazzclub Blue Note ein fröhliches Jauchzen entlockt. Neben eigenem Material versammelt die Platte "Blunt Object - Live in Tokyo" (Sony/BMG) auch noch ein Stück von Aphex Twin und Blondies Klassiker "Heart of Glass". In allen Fällen spielen die drei Kraftmeier rund um Tastentiger Ethan Iverson mit Electronica-Anleihen ebenso wie mit ironischen Discoparaphrasen und Freejazzzitaten, ohne dabei je die Grundlagen traditioneller Harmonik und Tonalität völlig aufzugeben. Wieder anders in Richtung Pop bewegt sich das Debütalbum des Trio Elf, dessen Name ein Akronym für Walter Lang, Sven Faller und Gerwin Eisenhauer ist. Ein wenig auf den Spuren von Medeski, Martin & Wood (die übrigens mit "Note Bleu" kürzlich ein Best-of-Album ihrer Blue-Note-Jahre, also seit 1998, vorgelegt haben), transponieren die drei deutschen Musiker auf "Elf" (Enja/Edel) einige Jazz-und Bossa-Nova-Klassiker sowie gleich zwei Nummern von Aphex Twin in eine Art "Drum 'n' Bass 'n' Piano", der sich im Gegensatz zu The Bad Plus ab und an auch elektronischer Hilfsmittel bedient. Clubmusik, auch - aber nicht nur - für Jazzclubs.

Klaus Taschwer in FALTER 28/2006 vom 14.07.2006 (S. 59)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

BLUNT OBJECT - LIVE IN TOKYO
Elf (Trio Elf)

Rezension aus FALTER 41/2005

Dånkeschoen!

Was ging wohl ab, wenn Ingmar Bergman mal ordentlich einen drauf machen wollte - mit Bibi, Erland, Ingrid & Ingrid? Eine Erntedanksause mit Soletti-Igel, Flaschendrehen, Apfeltauchen - das volle Programm eben. Und was hat Ingmar aufgelegt, wenn er dann auch noch eine kesse Sohle aufs Parkett legen wollte? Oder tanzen Skandinavier gar nicht? Zieht man die letzten Veröffentlichungen des Münchner Labels ECM (Vertrieb: Lotus) heran, das seine Ohren immer schon stark Richtung Norden ausgerichtet hat, wird man zu der Einsicht gelangen: eher nicht. Andererseits haben die Finnen ja bekanntlich diesen Tango-Fimmel. Und Jon Balke hat sich für sein Album "Batagraf" gleich vier Co-Perkussionisten geholt, um auf Bata-Trommeln den rigiden Grooves des Computerzeitalters zu entkommen. Das lässige Zusammenspiel mit Keyboards, Saxofon und Trompete ist auch recht gefällig, aber insgesamt lappt das Ganze mit seinen Werwolfchören und medienkritisch gemeinten Wortspenden doch etwas unschön ins Esoterische.

Dann schon lieber gleich Kirchenjazz. "Parish" (also: Gemeinde) heißt das Album, auf dem Schlagzeuger Thomas Stroenen Feinarbeit an Fellen und Töpfen verrichtet und sich gemeinsam mit Bobo Stenson, Fredrik Ljunkvist und Mats Eilertsen zwischen freier Improvisation im Pfarrhaus und fröhlich groovender Folklore ansiedelt, aber nur selten zu der lyrischen Bündigkeit von Nummern wie "Quartz" findet.

Überzeugender und wesentlich homogener ist "Goodbye" ausgefallen, wo Pianist Bobo Stenson gemeinsam mit Anders Jormin (b) und Paul Motian (dr) wieder aufs Schönste beweist, dass das Bill-Evans-Trio (in dem Motian ja seinerzeit das Beserl übers Becken führte) würdige Nachfolger gefunden hat. Etwas simpler im Gemüt, aber gewiss nicht weniger gottgefällig wandelt das Tord Gustavsen Trio auf "The Ground" am Rande des Frohsinns ("Edges of Happiness") und verbreitet skandinavische Saudade: harmonieseliger Topfennegergospel für die ganze Familie.

Etwas simpler im Gemüt, aber gewiss nicht weniger gottgefällig wandelt das Tord Gustavsen Trio auf "The Ground" am Rande des Frohsinns ("Edges of Happiness") und verbreitet skandinavische Saudade: harmonieseliger Topfennegergospel für die ganze Familie.

Von ähnlicher Stimmungslage und bestens als akustisches Begleitprogramm für ein gelungenes Erntedankfest geeignet ist "Northbound", das ECM-Debüt der finnischen Pianistin/ Harfenistin Iro Haarla (Witwe von Edward Vesala). Klanglich ein wenig an Tomasz Stanko erinnernd, macht sich hier eine melancholisch getönte, aber völlig unverquaste Inbrunst breit (jawohl: breit!), und wenn Trygve Seim wieder einmal den Coltrane für Introvertierte gibt, rührt das schon schwer ans Herz - vorausgesetzt, man hat eines.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2005 vom 14.10.2005 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Walzertraum-Graf von Luxembg

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