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Rezension aus FALTER 3/2007

Der Staub muss immer weg

András Schiff kommt mit seinem viel gelobten Beethovenzyklus endlich nach Wien. Ein Gespräch über Apostelbriefe, das Regietheater und den Unterschied zwischen Steinway und Bösendorfer. András Schiff hat lange gewartet. Gab der prominente Pianist aus Ungarn bei den Klavierwerken Bachs, Schuberts und Mozarts schon früh seinem Hang zur Vollständigkeit nach, so ließ er ausgerechnet den herausragenden Werkkomplex des 19. Jahrhunderts lange Zeit links liegen: Ludwig van Beethovens 32 Klaviersonaten kann man von Schiff erst seit drei Jahren hören. Worauf er so lange gewartet hat? "So ganz konkret - auf nichts. Ich bin einfach ein bisschen älter geworden. Aber ich kam bewusst spät zu Beethoven. Das war für mich als junger Mensch ein verschlossenes Kapitel, ich habe das nicht so gut verstanden und auch nicht so geschätzt, wie ich es heute tue."

Anfang 2004 war es dann soweit. Mit fünfzig Jahren hatte Schiff in der Tonhalle Zürich seinen ersten, auf drei Jahre angelegten Beethovenzyklus begonnen, demnächst schon wird er ihn in zwölf weiteren Städten komplettiert haben. Wien war bislang nicht darunter, erst jetzt kommt das Großprojekt in die Stadt. Nach dem Auftakt diese Woche wird sich Schiff bis Ende 2008 an acht Abenden im Theater an der Wien streng chronologisch durch das zwischen 1795 und 1822 entstandene Sonatenwerk Beethovens spielen.

Wie sehr sich die lange Vorbereitungszeit gelohnt hat, kann man aber teilweise jetzt schon hören. Die Konzertmitschnitte aus Zürich werden bei ECM auf CD veröffentlicht, die ersten drei Bände (opp. 2 und 7; opp. 10 und 13; opp. 14, 22 und 49) sind bereits erschienen. Sie zeigen Schiff als historisch bestens informierten und streng texttreuen Interpreten, der seine eher intellektuelle Lesart ausgesprochen feinsinnig und klangsinnlich auf verschiedenen Instrumenten umsetzt.

Falter: Es gibt das berühmte Diktum von Hans von Bülow, der Bachs "Wohltemperiertes Klavier" als das Alte Testament und Beethovens 32 Sonaten als das Neue Testament der Klaviermusik bezeichnete. Sehen Sie mittlerweile irgendwo so etwas wie die Apostelbriefe, einen dritten herausragenden Werkkomplex für Klavier?

András Schiff: Nein. Es gibt auch danach wunderbare Klaviermusik, von Schumann, Chopin oder Schubert, dessen Sonaten schon sehr nahe zu Beethoven stehen, nur nicht in dieser Ausgeglichenheit und Geschlossenheit. Und später dann die Werke von Debussy. Aber es gibt keinen vergleichbaren Werkkomplex. Beethoven hat es den Komponisten nach ihm wahnsinnig schwergemacht. Er gilt als Maßstab, und so etwas ist niemandem mehr gelungen.

Wie wäre es mit Schostakowitschs "24 Präludien und Fugen"?

Nehmen Sie mir das nicht übel, aber ich halte Schostakowitsch für einen sehr überschätzten Komponisten. Ja wirklich, ich komme da nicht mit. Er hat tolle Werke geschrieben wie das 8. Streichquartett oder einige der späteren Sinfonien. Aber manches finde ich unerträglich bombastisch und banal - und ich weiß, dass man das mit der Politik erklären kann. Die "Präludien und Fugen" sind exzellent, ja, aber sie neben Bach zu stellen, halte ich ehrlich gesagt für ein Sakrileg. Schostakowitsch selbst hätte das wohl genauso gesehen.

Noch ein Versuch: die 18 Etüden von György Ligeti?

Ja, die sind toll, und trotzdem würde ich sie nicht auf dieses Niveau setzen. Schauen Sie, von Bülows Vergleich mit den zwei Testamenten ist auch deshalb so treffend, weil er das geistige, spirituelle Element berücksichtigt. Diese Dimension spielt bei Bach und Beethoven eine große Rolle, aber bei Debussy finde ich sie nicht und schon gar nicht bei Ligeti. Die waren bewusste Atheisten. Lassen Sie uns weiter hoffen, dass noch etwas kommt.

Sind Beethovens Sonaten so etwas wie Sinfonien für Klavier oder, umgekehrt, sind die Sinfonien Sonaten für Orchester?

Abgesehen von der Form sind die Sinfonien keine Sonaten für Orchester. Umgekehrt gilt das sehr oft, das Orchestrale ist in den Klaviersonaten tatsächlich enorm wichtig. Wenn ich Beethoven höre oder spiele, denke ich äußerst selten an das Klavier, sondern an andere, an orchestrale oder kammermusikalische Klänge.

Obwohl Beethoven ein ausgezeichneter Pianist war und vom Klavier aus komponiert hat?

Er hat vom Klavier aus gedacht, aber immer auch darüber hinaus: Was kann ein Klavier nicht? Mozart oder Schubert sind par excellence Komponisten für die menschliche Stimme. Beethovens Musik ist eher instrumental, mehr Bildhauerei als Malerei, mehr Prosa als Poesie. Das Rhetorische spielt eine sehr große Rolle.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Rhetorik gilt er als eminent politischer Komponist, allerdings eher in den Sinfonien. Sehen Sie diesen Aspekt auch bei den Sonaten?

Na ja, nicht so ausgesprochen, Sonaten sind vielleicht nicht das optimale Medium, um politische Gedanken zu vermitteln. Doch es gibt immer wieder politische Hintergründe, etwa durch die Beziehung zu Erzherzog Rudolph, dem er so viele Sonaten gewidmet hat. Die "Les Adieux"-Sonate zum Beispiel, die einzige mit einem bestimmten Programm, da geht es explizit um den auf Wien vorrückenden Napoleon. Beethoven brauchte aber viel Geld und musste seine Sonaten gut verkaufen. Allerdings war seine Zielgruppe nicht nur das Bürgertum, sondern auch die Aristokratie, und da musste er wohl ganz pragmatisch denken.

Das vergangene Mozartjahr hat zumindest in Teilen eine Korrektur des Mozartbildes gebracht, wenn auch eher in biografischer als in interpretatorischer Hinsicht. Wäre so etwas auch für Beethoven fällig - vor seinem nächsten Jubiläum 2020, dem 250. Geburtstag?

Ja. Beethovens Biografie ist zwar bestens dokumentiert, da würde nicht viel Neues herauskommen. Es gibt aber immer noch das Bild des Titanen, und das muss retuschiert werden. Denn dieser Titan hat auch unglaublich intime und lyrische und witzige Werke geschrieben. Vieles wirkt wie eine Vorahnung auf Schubert, ganz und gar nicht brüllend, donnernd und kämpferisch. Das wollte man früher nicht wahrnehmen. Der Staub muss immer weg, aber letztlich gilt das für jeden Komponisten. Sie sagen ja ganz richtig, dass sich jetzt bei Mozart so viel getan hat. Wir dachten, dass wir ihn gut kennen. Aber mein Gott, wie kann man Mozart gut genug kennen?

Sehen Sie sich als Interpret eher in der Rolle eines Vermittlers, eines Auslegers oder eines Übersetzers?

Übersetzer? Ja. Am liebsten würde ich mich zur Rolle des Vermittlers bekennen. Und wenn Sie mit Ausleger so etwas wie das Regietheater meinen - damit habe ich ein Problem. Das finden ja viele notwendig und toll, aber als Musiker kann ich das nicht so sehen. Es ist nun mal eine Tatsache, dass ich kein Komponist bin - das wäre mein Traum -, also mache ich das Zweitbeste: Ich interpretiere Stücke von großen Komponisten, und dabei ist mir ein Text ziemlich heilig. Ich verstehe nicht, warum das im Theater anders sein muss, warum man bei einem Stück von Shakespeare die Reihenfolge ändert. Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn ich das bei einer Beethovensonate machen würde: erstmal den zweiten Satz, dann vielleicht den vierten, und die Durchführung lass ich aus, weil die find ich so fad. Solche Dinge passieren im Theater jeden Tag, ich finde das skandalös. Herr Regisseur, wenn Sie so gescheit sind, dann schreiben Sie Ihr eigenes Stück. Aber das von Herrn Shakespeare lassen Sie in Ruhe! Und ich rede noch gar nicht von der Regie, sondern nur von der Texttreue. Aber gut, das ist mein Problem, das ist sehr persönlich.

Als Pianist sind Sie ja nicht davon betroffen.

Noch nicht. Aber ich warte schon: Wann kommt die erste Inszenierung der Beethovensonaten von Peter Sellars! Man inszeniert alles. In unserer Zeit ist das Auge wichtiger als das Ohr.

Vielleicht geht es solchen Regisseuren weniger ums Auslegen als vielmehr ums Vermitteln.

Schaun Sie, ich bin ja nicht naiv. Wir versuchen werktreu zu sein, aber wir sind Menschen von heute und haben in den letzten zweihundert Jahren einiges erlebt, das wir nicht ausblenden können. Wenn wir Beethoven betrachten, ist das wie im Rückblick durch ein Fernrohr. Und wenn ich heute Beethoven spiele, dann weil ich davon überzeugt bin, dass diese Musik zeitlos ist, aktuell und für heutige Menschen relevant. Ich spiele einen Beethoven von heute und für heute, nicht von 1815, denn das könnte ich auch mit einem Instrument von damals nicht machen.

Nach der romantischen Aufführungstradition und der Originalklangpraxis ist, gleichsam als Synthese, in letzter Zeit häufig von der historisch informierten Aufführungspraxis die Rede. Können Sie für sich damit etwas anfangen?

Ja, das gefällt mir sehr. Im Konzertsaal spiele ich auf modernen Flügeln, aber ich gehe auch zu den Quellen, ich spiele und studiere die alten Instrumente, vom Clavichord bis zum Fortepiano, und versuche, diese Kenntnisse zu übersetzen. Es ist höchste Zeit für ein größeres Verständnis beider Seiten geworden. Die Originalklangpropheten waren anfangs schon sehr stur und dogmatisch, während die andere Seite - sagen wir: die Nachfolger Karajans - völlig ignorant musizierte. Man muss ein Violinkonzert von Mozart ja nicht gleich mit Darmsaiten und klassischem Bogen spielen, aber man könnte sich doch wenigstens Leopold Mozarts Violinschule besorgen und auch lesen. Aber wie viele berühmte Geiger hatten dieses Buch nie in der Hand!? Es ist schon unglaublich, wie wenig neugierig viele Leute sind.

Einer der großen Streitpunkte unter Interpreten sind Beethovens eigene, oft ignorierte Metronomangaben. Von den Klaviersonaten gibt es ja nur für die "Hammerklavier-Sonate" solche Tempoangaben, aber ausgerechnet die gelten als unspielbar schnell.

Das möchte ich so nicht sagen. Ich hatte im Musikverein das berühmte Metronom von Beethoven in der Hand und hab es selber ausprobiert. Also, diese Argumente, es habe falsch geschlagen, die stimmen nicht. Es schlägt ein bisschen jambisch, aber richtig. Es ist also arrogant, die Tempoangaben zu ignorieren, wie das viele meiner Kollegen tun. Sehr berühmte Pianisten, von Backhaus bis Kempff und weiter, spielen so schwerfällig, wie das Beethoven unter Garantie nicht wollte. Und schon sind wir wieder beim Klischee vom Titan, aus gemeißeltem Marmor. Aber wenn man Beethoven wörtlich nimmt, dann ist das eine explosive, oft tänzerische und witzige Musik.

Eine andere oft ignorierte Spielanweisung Beethovens ist das durchgehaltene Pedal im ganzen ersten Satz der berühmten "Mondscheinsonate".

Auch da ist mir der Text heilig. Viele Kollegen behaupten, das gehe auf modernen Klavieren nicht. Aber es geht, ich spiele wirklich in einem Pedal. Allerdings drücke ich es nicht bis zum Boden durch. Es ist ein gutes Beispiel für die genialen Ideen Beethovens. Er wollte, dass die Harmonien verschwimmen, dieser fantastische, mystische Klang ist gewollt. Übrigens klingt das auf modernen Instrumenten gar nicht so viel anders als auf den alten. Ich möchte, sobald der CD-Zyklus fertig ist, als Ergänzung noch einige Sonaten auf historischen Instrumenten einspielen. Nicht alles, nur einige gezielte Vergleiche.

In den Konzerten und auf CD spielen Sie moderne Instrumente sowohl von Bösendorfer als auch von Steinway. Sie zeichnen sich also als ein neutraler Kenner beider Welten aus. Wie würden Sie den Unterschied beschreiben?

Das ist wie der Unterschied zwischen dem Wiener Dialekt und Hochdeutsch. Ich liebe den Wiener Dialekt und möchte im Theater einen Nestroy nur so hören. Auch Schubert hat, obwohl er ein Universalgenie ist, etwas sehr Wienerisches für mich. Für ihn wäre ein Steinway das falsche Instrument, viel zu neutral, viel zu objektiv. Umgekehrt wollen Sie Goethes "Faust" eben nicht im Wiener Dialekt hören, und dementsprechend Bach nicht auf dem Bösendorfer. Beethoven ist ein Zwischending. Auch wenn er das meiste hier in Wien geschrieben hat, würde ich es trotzdem nicht als typisch wienerische Musik bezeichnen. Die lyrischeren Stücke spiele ich lieber am Bösendorfer, die dunkleren und dramatischen lieber am Steinway. Orchestrale Stücke wie Opus 111 oder die "Appassionata" sind für mich am Bösendorfer kaum möglich. Umgekehrt ist es etwa bei Opus 109, da brauche ich gerade den Bösendorfer, weil er weicher, farbiger, obertonreicher ist und besonders viele Schattierungen im leisesten Bereich ermöglicht. Einen guten Bösendorfer kann man viel leiser spielen als einen Steinway. Und da kommen dann tatsächlich so manche klangliche Erinnerungen an das Hammerklavier auf.

In Wien spielen Sie den Zyklus im Theater an der Wien. Ist das akustisch überhaupt dafür geeignet?

Das weiß ich ehrlich gesagt noch gar nicht. Ich habe dort bislang nur Oper gehört, und das war wunderschön. Aber ich bin sehr optimistisch.

Warum sind Sie eigentlich so selten mit Musik des 20. Jahrhunderts zu hören?

Na ja, ziemlich selten. Ich habe mein Leben damit verbracht, die klassische Musik gut spielen zu lernen. Die zeitgenössische Musik erfordert längst schon eine eigene Spezialisierung, da kann ich einfach nicht mithalen. Aber ich spiele viel von György Kurtág, wahnsinnig gern und so oft ich kann, nicht nur, weil er mein Lehrer war. Das ist eine Musik, die mich unmittelbar anspricht und fasziniert, weil sie eine so starke Verbindung zur Vergangenheit hat. Wenn man hört, wie er Schubert oder Beethoven unterrichtet, oder wie er Bach spielt, das ist wirklich einmalig und rührend. Ich kenne viele heutige Komponisten, denen diese Demut und diese Verbindung zur Geschichte fehlt. Aber ich möchte durchaus mehr Neue Musik spielen.

Wie wäre es denn einmal mit den bereits erwähnten Etüden von Ligeti?

Ach, Ligeti! Ich hatte eine schlechte persönliche Erfahrung mit ihm, das kann ich auch ruhig erzählen, weil ich ihn respektiere. Ich habe ihn einmal gefragt, ob ich seine Etüden spielen dürfe. Und er antwortete sehr von oben herab: "Na ja, wenn Sie sich fünf Jahre ihres Lebens nehmen und in dieser Zeit nichts anderes machen, als meine Etüden zu studieren, dann schaffen Sie es - vielleicht." Das war's. Schade.

Carsten Fastner in FALTER 3/2007 vom 19.01.2007 (S. 64)


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