GULDA MOZART TAPES

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Rezension aus FALTER 8/2006

Mozart im Ferrari

Zehn Mozart-Sonaten, gespielt von Friedrich Gulda, erscheinen 25 Jahre nach der Aufnahme auf CD. Eine wunderbare Entdeckung.

Muss man diese "Mozart Tapes" haben? Im Februar 1981 unternahm der als schwierig verschrieene und wegen seiner Protestaktionen gegen den konventionellen Konzertbetrieb berüchtigte Pianist Friedrich Gulda eine Tournee, bei der er sämtliche Mozart-Sonaten und-Fantasien spielte. Er trat dabei in München, Paris und Mailand auf. Das war's. Wien und Salzburg mied er. Die Kritik jubelte, das Publikum war hingerissen. Auch deswegen, weil Gulda nicht am Clavinova saß, sondern am Flügel. Das war nicht selbstverständlich. Auf seiner letzten Aufnahme mit Mozart-Sonaten ("Mozart Lives!" beim Label Amadeo) begleitete Gulda in einigen Passagen sich selbst mit Clavinova-Streicherklang; fast möchte man sagen, er beschmierte sich selbst mit akustischem Streichkäse.

Gulda und Mozart, das grenzte an Inkarnation. Nicht nur dass der Pianist an Mozarts Geburtstag starb, am 27. Jänner 2000, nicht nur dass er sagte, am liebsten würde er da oben mit Mozart auf einer rosa Wolke vierhändig spielen. Nein, Gulda fühlte sich selbst als eine Art Mozart. Er fand ein naives Bild dafür. Er setzte sich die Sonnenbrille auf, startete seinen Ferrari, zog das Kapperl in die Stirn und brauste los: Luxus, Glanz, Geschwindigkeit. Wenn er Mozart spielte, gab es Augenblicke, in denen man dachte, es geht nicht besser. Umso schlimmer war es für Publikum und Kritik, von Gulda alles Mögliche zu bekommen, nur nicht das, was er am besten konnte: Bach, Beethoven, Schubert und vor allem Mozart. Aber die Tragik der Figur Gulda ist nicht unser Thema, denn die "Mozart Tapes" sind Zeugnisse des anderen Gulda, bei dem man keine Gulda-Komposition als Zuwaag' hinnehmen musste, was das Konzertpublikum damals von Gulda nicht mehr zu erwarten wagte.

In seinem Sommersitz am Attersee bereitete sich Gulda auf die Tournee vor; im Gasthaus Post nahm er zur Kontrolle sein Programm auf. Zehn Sonaten und eine Fantasie (c-moll, KV 475) sind erhalten. Allerdings nur auf Kontrollbändern, was manche technische Unzulänglichkeit entschuldigt. Da und dort fehlen Takte; in der Durchführung des Presto von KV 280 gleich zweimal dieselben zwei; aber die hat Gulda wohl beim Spielen ausgelassen.

Obwohl in Guldas eigenem Studio ein Steinway stand, hatte er sich für den Bösendorfer Imperial des im Winter geschlossenen Gasthof Post entschieden; er gewann ihm einen erstaunlich unlieblichen Ton ab. Schlank, spitz, scharf, voll Energie. Man glaubt zu verstehen, was er mit dem Bild vom Ferrari meinte: Geschwindigkeit am Limit, klarer Rausch mit souveräner Technik, am Boden bleiben und doch abheben. Attacke. Manches klingt mitunter forciert, gewiss. Aber es ist von einer vorwärts stürmenden Energie, die nie den Atem verliert. Der Vergleich drängt sich auf: Was Glenn Gould für Bach, ist Friedrich Gulda für Mozart. Beide Interpreten spielen "ihre" Musiker mit unmittelbar einleuchtender Exzentrik, unerbittlicher Motorik, in sich beschleunigend, ohne dass das Tempo angezogen würde. Die Atemlosigkeit bleibt beim Zuhörer.

Die "Mozart Tapes" hatten ein merkwürdiges Schicksal. Gulda zog es vor, sie nicht zu veröffentlichen, und schenkte sie seinem Tonmeister. Als dieser starb, gelangten sie zu Guldas Sohn Rico, der sie nun zur Veröffentlichung freigab. Er hat gut daran getan. Denn merkwürdigerweise gibt es bisher wenige Mozart-Einspielungen Guldas. Um die Eingangsfrage also zu beantworten: Ja, man muss diese "Mozart Tapes" haben. Im Schrank stehen sie neben Guldas Beethoven-Sonaten, seiner Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers" und seiner vorletzten Platte mit Schuberts Impromptus und Moments musicaux mindestens mit gleichem Recht.

Armin Thurnher in FALTER 8/2006 vom 24.02.2006 (S. 61)


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