Years Of Refusal

von Morrissey

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Label: DECCA
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 12 Tracks, Gesamtspielzeit 43:25 Min.
Erscheinungsdatum: 13.02.2009

Rezension aus FALTER 28/2009

Der Mann mit der glitzernden Dornenkrone

Das ewige Problem mit dem Älterwerden, der Würde und dem Rock 'n' Roll. Der fettgewordene Elvis hatte es, die Rolling Stones ebenso, als sie im Jet-Set-Glamour verlorengingen. Von Pete "I hope I die before I get old" Towns­hend und all den anderen zahmgewordenen Rockrabauken ganz zu schweigen.
Steven Patrick Morrissey wollte das Problem mit dem Druckverlust durch Alterung einst nachhaltig lösen. Als Freund radikaler Ansagen schlug der britische Sänger vor, Popmusiker einfach zu erschießen, sobald sie 30 werden. Morrissey war Mitte 20, als er das sagte; er sang damals bei einer Indie-Band namens The Smiths.
Mit ihr schuf der charismatische Sonderling die formvollendetste, schönste und tröstendste britische Popmusik der 80er-Jahre; er schrieb Lieder, deren poetische Titel bereits von ihrer Einzigartigkeit kündeten: "How Soon Is Now?", "Bigmouth Strikes Again", "Heaven Knows I'm Miserable Now", "Half a Person", "Some Girls Are Bigger Than Others", "Unhappy Birthday", "Sweet and Tender Hooligan".
Im Herbst 1987 trennte sich das Quartett, kaum fünf Jahre nach seiner Gründung, im Streit. Morrissey war achtundzwanzigeinhalb; die Zeit drängte. Nur wenige Monate später erschien sein Solodebüt mit dem bezeichnenden Titel "Viva Hate!" und dem Hit "Everyday Is Like Sunday". Ein Loblied auf den Müßiggang? Mitnichten. "Come Armageddon! Come ­Armageddon! Come!", fordert Morrissey unmittelbar vorm ersten Refrain, in dem es schließlich heißt: "Everyday is like sunday / everyday is silent and grey."
Er singt diese bitteren Worte nicht etwa zornig oder resigniert, sondern sanft und zärtlich. Euphorische Streicher und eine unwiderstehliche Melodie legen ebenfalls eine falsche Fährte. Umso stärker wirkt der Gift und Galle spuckende Text, nimmt man ihn erst bewusst wahr: Da sitzt jemand in einem langweiligen Seebad und wünscht sich eine befreiende Bombe herbei. "Come! Come – nuclear bomb!"
Die Atombombe wurde nicht gezündet, und mit dem jungen Sterben ist es auch nichts geworden; am 22. Mai feierte Morrissey heuer seinen 50. Geburtstag – mit einem Konzert in seiner Heimatstadt Manchester. Dass er sich, bei aller Faszination für ein schnelles Leben à la James Dean, als 50-Jähriger in überragender Form befindet, ist ebenso typisch für Morrissey wie die produktive Spannung zwischen Form und Inhalt, die seine Lieder prägt.

Welche unglaublichen Dramen dieser Mann in wenigen Sätzen ausbreitet! "Take me out tonight / where there's music and there's people / who are young and alive", lauten die noch unschuldigen ersten Zeilen in "There Is a Light That Never Goes Out", dem perfektesten aller Smiths-Lieder. Auf der Suche nach dem Leben flüchtet der Sänger aus einem Zuhause, in dem er nicht mehr willkommen ist; er will das rettende Auto nicht mehr verlassen, das ihn wegbringt. "Und wenn uns ein Doppel­deckerbus rammt – was gäbe es Schöneres, als an deiner Seite zu sterben?", singt er im herzzerreißenden Refrain und setzt mit jubilierender Stimme noch einen drauf: "Und wenn uns ein Zehntonner beide ­tötet – es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein."
Warum der Ausreißer das Glück im ­gemeinsamen Tod sucht, erklärt die zweite Strophe. Als das Auto durch einen Tunnel fährt, fühlt er den Moment gekommen, dem Menschen am Steuer seine Liebe zu gestehen – "aber dann kam diese Angst, und ich traute mich nicht". Gelenkt hat den Wagen damals, so vermutet die Smiths-Forschung, Morrisseys kongenialer Song­writing-Partner Johnny Marr, der Gitarrist und musikalische Direktor der Band.
Bis heute ist dieses Hadern mit der Liebe und ihrer Unerfüllbarkeit ein ständig wiederkehrendes Motiv in den Texten des Künstlers, der angeblich nie fiktiv, sondern stets autobiografisch schreibt und auf Fragen zu seinem Leben im Umkehrschluss antwortet, dass man alle Antworten in seinen Liedern finde. Als Morrissey 2004 nach siebenjähriger Zurückgezogenheit mit dem Album "You Are the Quarry" eindrucksvoll zurückkehrte, vergab er darauf sogar Jesus persönlich für das Übermaß an Liebe und Verlangen, das er ihm mit auf dem Weg gegeben hat, ohne für das passende Gegenüber zu sorgen.
"Years of Refusal", das heuer ­erschienene dritte Album seit dem ­fulminanten Comeback, packt die Zurückweisung gleich in den Titel. "Nobody wants my love, nobody needs my love", klagt der Sänger. Das Liebesglück, das er im opulenten Vorgänger "Ringleader of the Tormentors" vor drei Jahren besungen hatte, war also. Gleich­zeitig heißt es am Beginn der neuen Platte geradezu trotzig: "I'm doing very well / I can block out the present and the past now."
Bei aller hingebungsvoll kultivierten Eigensinnigkeit wirkt der stets unversöhn­liche Morrissey heute doch entspannt wie nie zuvor. Er wirkt dabei aber, und das ist wohl sein zentraler Motor, kein bisschen abgeklärt; nach mehr als einem Vierteljahrhundert im Geschäft brennt unverändert das Feuer der Leidenschaft.

Seine Selbstverliebtheit kombiniert der Oscar-Wilde-Fan mit Selbstironie, Interviews mit ihm sind voll Witz und Charme, die ­aktuelle Platte strotzt trotz einiger gar grob rockender Momente wieder vor großartigen Songs. Der Mann weiß, dass er zu den größten lebenden Popdenkmälern zählt, er hält aber nichts davon, stillzuhalten und der Patina beim Wachsen zuzusehen.
Ebenso wenig mag Morrissey der Idee einer Reunion seiner legendären Band abgewinnen, von der die Indiepopwelt seit vielen Jahren träumt. "Ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht", sagte er vor drei Jahren im britischen Musikmagazin Uncut über seine Exbandkollegen. "Alles, was ich über sie weiß, ist unerfreulich, also wozu um alles in der Welt sollten wir wieder gemeinsam auf der Bühne stehen? Ich würde eher meine eigenen Hoden essen als The Smiths zu reformieren – und das will bei einem Vegetarier etwas heißen."

Gerhard Stöger in FALTER 28/2009 vom 10.07.2009 (S. 22)


Rezension aus FALTER 7/2009

Als Sänger der Indiepopgötter The Smiths wurde Morrissey in den 80er-Jahren zur Stimme für düsterromantische Teenager aller Altersklassen. Die 90er-Jahre waren nicht seine Dekade, dafür feierte er in den Nullerjahren das fulminanteste Comeback der jüngeren Popgeschichte. Mit dem dritten Album seit der künstlerischen Wiederauferstehung verabschiedet sich die Drama-Queen von der getragenen Opulenz des Vorgängers "Ringleader of the Tormentors". Dramaturgisch geschickt aufgebaut, setzen die zwölf Songs vorwiegend auf druckvollen Rock, der einmal sogar von glühenden Mariachi-Bläsern befeuert wird, lassen dabei aber auch Platz für Subtilität. (Universal)

Gerhard Stöger in FALTER 7/2009 vom 13.02.2009 (S. 23)

  Song-Titel
1.  Something Is Squeezing My Skull 2:38
2.  Mama Lay Softly On The Riverbed 3:53
3.  Black Cloud 2:48
4.  I'm Throwing My Arms Around Paris 2:31
5.  All You Need Is Me 3:13
6.  When I Last Spoke To Carol 3:24
7.  That's How People Grow Up 2:59
8.  One Day Goodbye Will Be Farewell 2:57
9.  It's Not Your Birthday Anymore 5:10
10.  You Were Good In Your Time 5:01
11.  Sorry Doesn't Help 4:03
12.  I'm OK By Myself 4:48

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