Watschenmann

von Karin Peschka

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Verlag: Müller, Otto
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: ca. 300 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2014

Wien, 1954. Die harten Nachkriegsjahre sind vorbei, Wiederaufbau und wirtschaftlicher Aufschwung prägen die Zeit. Doch nicht jeder findet Halt in einer Gesellschaft, die versucht, Krieg und Gewalt in die Vergangenheit abzuschieben. Lydia, Dragan und Heinrich gehören
zu den Entwurzelten, die in einem Schuppen hausen und – jeder für sich – ein anderes Bild der Nachkriegsgesellschaft skizzieren. Der Serbe Dragan kämpft um eine Art Normalität, die er nicht findet. Lydia verliert sich in der Hoffnung, ihr Verlobter würde eines Tages aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren. Heinrich, der „Watschenmann“, hat sich eine eigene Gedankenwelt zurecht gelegt. Er zieht durch die Straßen und provoziert Passanten, ihn zu schlagen. Physische und verbale Hiebe steckt er ein, um den „Kriegswurm“ freizulegen, der sich immer noch tief in den Menschen verbirgt. Heinrich entzieht sich Schmerz und Demütigung, indem er an ein Reptil oder einen Raben denkt, „an einen, der sich gegen den Wind stemmt.“ Mit ungeheurer Sprachwucht erzählt dieser Roman von der ambivalenten Beziehung dreier Menschen, die sich Stabilität und Halt geben, die sich schlagen und beleidigen, die an der Hoffnung festhalten.

Rezension aus FALTER 41/2014

"Normalität, das ist eine Hur'"

Mit dem Nachkriegsroman "Watschenmann" ist Karin Peschka ein beeindruckendes Debüt geglückt

Die Kapitelüberschriften sind schon einmal sehr gut: "Der Kummerl. Ein Schauspiel. Heinrich zweifelt"; oder: "Lydia putzt. Waschküchenbad. Die Wahrheit"; oder: "Die Königsfrage. Ohrfeigen. So einfach geht das."
Karin Peschka ist keine, die einfach drauflos erzählt, sie weiß um die Bedeutung von Struktur. Ihr soeben erschienener Debütroman gliedert sich nicht nur in besagte Kapitel, sondern auch in zehn Monate, denen als Teaser jeweils ein kleines Motto vorangestellt ist. Im August zum Beispiel: "Helene spuckt in die Tasse, wischt sie aus mit dem Ginger. ,Die gibst dem Cousin', sagt sie zur Tant'." Und weil der Leser den Cousin schon kennt, lächelt er innerlich schmutzig und denkt sich: "vergönnt!"

"Watschenmann" spielt im besetzten bzw. befreiten Wien der 1950er-Jahre, Wiederaufbau ist angesagt: Das Fundament für den Ringturm ist ausgehoben, am Sonntag gehen die "Büro-Väter" und die "Hausfrauen-Mütter" Baugrube schauen. Stalin ist tot, Franz Jonas Bürgermeister von Wien und als solcher die Sonne des Wohlstands, die über dem Horizont lächelt, wenn auch nicht auf alle. Lydia zählt nicht dazu, bleibt aber bei ihrem gebetsmühlenartig wiederholten Credo: "Der Jonas ist ein feiner Herr."
Von denen, die nicht im Lichte stehen, erzählt der Roman: von der Gelegenheitsprostituierten Lydia, die auf ihren Schuster wartet, und von Dragan, der in Serbien mal geboxt hat. Beide sind irgendwie ein Liebespaar (wobei die Liebe nicht immer sehr schön aussieht) und kümmern sich um Heinrich, der irgendwie ihr Ziehsohn ist: eigentlich ein erwachsener junger Mann, benimmt er sich die meiste Zeit wie ein verwirrtes Kind.
Heinrich ist der Titelheld, über dessen wahnhafte Vorstellungen man in die desolate Welt des Romans eingeführt wird, die ein bisschen so anmutet wie George Grosz plus Otto Dix mit einem Kreidestrich Käthe Kollwitz. Eines muss man der Autorin dabei gleich einmal hoch anrechnen: So unzimperlich sie das teils brutale, teils burleske, hauptsächlich aber beschissen arme Leben ihrer Protagonisten auch beschreibt, so verzichtet sie doch darauf, grelle Effekte um ihrer selbst willen zu setzen, und auch vom Elendskitsch hält sie sich fern. Und wenn es mitunter etwas zu sehr kollwitzert, liegt das meist daran, dass ein paar Sätze zu viel dastehen, obwohl es der Leser ohne sie auch kapiert hätte.
Dem Klappentext kann man entnehmen, dass Peschka 1967 als Wirtstochter im oberösterreichischen Eferding aufgewachsen ist und als Sozialarbeiterin tätig war; also, so schließt man, Besseres zu tun hat, als sich dem Ennui von Wohlstandsbiografien zu widmen, der in der zeitgenössischen Literatur ja auch gerne mal genommen wird.
Man spürt, dass sie ihren Figuren wohl will, und sie gestattet diesen auch den ein oder anderen kleinen Triumph. Da sie aber nicht erfasst werden von den Wohlfahrtsprogrammen der Sozialdemokratie, die die Mütter am Muttertag mit dem Bus auf den Kahlenberg fahren lässt, gilt für sie die zweite Strophe der "Internationale", die nicht zitiert wird, aber gewissermaßen den Subtext bildet: "Es rettet uns kein höh'res Wesen,/ kein Gott, kein Kaiser noch Tribun / Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun!"

Das Defilee der Erniedrigten und Beleidigten, das die Autorin da aufführt, ist immer auch eines der Erniedrigenden und Beleidigenden (es wird wirklich gotterbärmlich grauslich geschimpft und geflucht), ohne dass der Roman dabei je in Buñuel'sche Desillusioniertheit verfiele. Typen wie die "drei Grazien", also der blinde Paul, der buchstäblich aus dem letzten Loch pfeifende Peter und deren Schwester, die harsche Helene; wie der vor sich hinsabbernde "Kummerl" oder der gruselig geile Gespenster-Nazi "Lichterl-Sigi" sind schon recht groteske Gestalten. Aber der stets hilfsbereite GI Elmer und die greise, aber äußerst patente "Tant'" – beide, so steht's im "Dank" der Autorin, realen Personen nachempfunden – sorgen dafür, dass nicht zu kurz kommt, was im politischen Kontext "Solidarität" genannt wird und in einem anderen "Barmherzigkeit". Oder um es in Lydias Worten zu sagen: "Helfen muss man, ob man was hat oder nicht. Verrecken soll keiner müssen."

Erzählt ist der Roman in einer eigenartigen und riskanten Mischung aus Innenperspektive und auktorialen Kommentaren. Die Autorin will sich dem Wahn ihres Titelhelden, der sich – quasi als ein Katalysator der Katharsis – zur Verfügung stellt, damit sich andere an ihm den Krieg aus dem Leib und der Seele prügeln mögen, nicht gänzlich anvertrauen. Das spröde, sich der Umgangssprache anschmiegende, aber auch poetisch (über-)ambitionierte Idiom überzeugt durch den eindringlichen, ruppigen Rhythmus von teilamputierten, zu anaphorischen Reihungen neigenden Hauptsätzen.
Das geht nicht immer gut, denn Abstrakta wie "Konstante", "Immensität" oder "Komponenten" fügen sich schlecht in den Sprachfluss. Kompensiert werden solche Ausrutscher aber immer wieder durch Satzfolgen, die einen umhauen in ihrer grandiosen Schlichtheit: "Ihn erwartet die Remise, dort lehnt sein Fahrrad, das trägt ihn heim."
"Normalität, das ist eine Hur'", heißt es einmal. Karin Peschka ist klug und anständig genug, daraus nicht die falschen Schlüsse zu ziehen, und den "Wiederaufbau" schlechterdings als verlogene Kosmetik zu denunzieren. Sie weiß, dass man der Lydia, dem Dragan und dem Heinrich Normalität nur wünschen kann, dass man diese herbeizwingen und -zaubern muss. Das ist das Ethos dieses beeindruckenden Romans, und es nistet just im sprachlichen Trümmerbruch; dort, wo GI Elmer sein Denglisch auspackt: "If something is kaputt, macht nix! I'll fix it, bestimmt."

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2014 vom 10.10.2014 (S. 9)


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