More Than A Feeling

von Die Goldenen Zitronen

€ 16,80
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Label: Buback/Indigo
Format: CD
Genre: Punk
Erscheinungsdatum: 08.02.2019


Rezension aus FALTER 5/2019

Die Band, die auf die Nerven geht

Wohin mit Nazis? Und was heißt Volk? Die Polit-Punks Die Goldenen Zitronen melden sich in alter Frische zurück

Zu Jahresbeginn twitterte die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann „Nazis raus“ und entfachte damit die wohl deutscheste aller Debatten neu. Die berühmten zwei Worte bieten schier endlosen Diskussionsstoff. Wer zählt (wen) als Nazi? Und: Was bedeutet „raus“ in dem Zusammenhang? So kommt man nicht weit. Die Punkband Die Goldenen Zitronen entlarvte schon vor Jahren in ihrem Song „Flimmern“ die Absurdität des Slogans: „Was sollen die Nazis raus aus Deutschland? Was hätte das für ein’ Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“

Dieser Tage veröffentlicht die Gruppe linker Kunstvögel um Sänger Schorsch Kamerun mit „More Than a Feeling“ ein neues Album. Es ist eine Einladung, eigene und andere Standpunkte gründlich zu hinterfragen. „Nazis raus“ ist ein simpler Spruch, der sich in sozialen Medien und auf Demo-Plakaten gut macht. Die Goldenen Zitronen indes sind eine Band, deren Inhalte sich nicht so einfach verkürzen lassen.

„Übriggebliebene ausgereifte Haltungen“ heißt ein 2007 veröffentlichter Dokumentarfilm von Peter Ott, der sie über ihre Eigenheiten und Widersprüche porträtierte. Ein plausibler Ansatz, denn nach unbeschwerten Anfängen als Fun-Punks in den 1980ern („Am Tag als Thomas Anders starb“) war es mit den Goldenen Zitronen eigentlich immer kompliziert. Anfang der 90er wurde ihre Musik explizit politisch und dann immer spröder, sperriger, kunstiger. Über ihre Entwicklung ließe sich wie über „Nazis raus“ trefflich streiten: Vertragen Lieder so viel Text? Wie kompliziert darf es in einem Dreieinhalb-Minuten-Song werden? Und natürlich: Ist das überhaupt noch Punk?

Ein Song auf dem neuen Album heißt lapidar „Es nervt“. Tatsächlich ist das eine Eigenheit der Band – und mehr Qualitätsmerkmal als Manko. Ihre Musik lässt sich nicht nebenbei hören und eignet sich nicht als Party-Soundtrack. Sie ist anstrengend, in den besten Fällen aber auch erfrischend, fällt aus dem Rahmen und zwingt zum Nachdenken. Wobei sich auf „More Than a Feeling“ trotz aller Sturheit bisweilen eine gewisse Altersmilde einzuschleichen scheint. Bei Songs wie „Nützliche Katastrophen“ oder „Bleib bei mir“ wirkt die Musik zumindest gleichberechtigt. Die Kohl-Ära-Rückschau „Das war unsere BRD“ wird von funky Discopop untermalt. Irgendwo spielt sogar jemand schön Gitarre. Das hätte es früher so nicht gegeben. Es tut der Platte jedoch gut. Ältere Zitronen-Werke litten mitunter an einem Overload an Text, Haltung, Meinung, hier lässt sich beim Hören auch durchatmen.

Als thematische Klammer des Albums dient der Begriff „Mauer“, der im zweiten und im vorletzten Song prominent vorkommt. „Baut doch eine Mauer um den scheiß Kontinent“, heißt es in „Gebt doch endlich zu euch fällt sonst nichts mehr ein“ beinahe resignativ. Differenzierter wird es in „Mauern bauen (testweise)“.

Hier zeigt sich, dass die Goldenen Zitronen oft dann am besten sind, wenn sie unangenehme Fragen stellen. In dem Fall sind es entlarvende, die sich an wegen drohender „Umvolkung“ besorgte Bürger richten. „Was meinen Sie mit Volk?“, heißt es da. „Meinen Sie damit, dass meine Nase nicht okay ist? (…) Oder meinen Sie damit, dass Sie besondere Autos fahren? (…) Meinen Sie, dass Sie nur Schweine essen wollen?“ Eine Antwort gibt es am Schluss auch: „Dann kann man ja die Mauer mal um Sie herum bauen, testweise.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 5/2019 vom 01.02.2019 (S. 35)


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