Ein Lied mehr-The Anthology Archives 1

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Rezension aus FALTER 16/2007

Jenseits von jedem

Die Hamburger Diskursrock-Mitbegründer Blumfeld lösen sich auf. Mit neuer CD-Box im Gepäck gastiert Deutschlands beste Popband noch einmal in Wien.

"Ein Lied mehr ist eine Tür,

ich frag mich bloß wofür.

Denn das, was dahinter liegt,

scheint keinen Deut besser als das hier."

Blumfeld: "Ghettowelt", 1991

So wortreich die Hamburger Band Blumfeld ansonsten aufzutreten pflegte, so knapp fiel ihr Abschiedsstatement heuer im Jänner aus. "Ein Kreis schließt sich", vermeldete sie. "Nach 16 Jahren Blumfeld hat Autor, Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer in Absprache mit den übrigen Bandmitgliedern Andre Rattay (Schlagzeug), Vredeber Albrecht (Keyboards) und Lars Precht (Bass) beschlossen, die Band aufzulösen." Schon bei den Aufnahmen zum letztjährigen Studioalbum "Verbotene Früchte" hätte er das Gefühl gehabt, damit etwas abzuschließen, lässt Distelmeyer in aktuellen Interviews wissen. "Aufs Ruvre bezogen war das der richtige Zeitpunkt", sagt er im Musikexpress, "dem Kosmos Blumfeld ist nichts mehr hinzuzufügen." Im Spex nennt er die Auflösung eine selbstbewusste künstlerische Entscheidung. "Die Leute fragen: Wieso jetzt auflösen? Hat das was mit der Krise von irgendwas zu tun? Vertrauensverlust in die Verheißungen von Popkultur? Alles Kram, der mich nicht für fünf Pfennig interessiert hat", meint Distelmeyer da. "Wenn's am schönsten ist, soll man gehen."

Mit dem Intellektuellen-Popblatt Spex war Blumfeld stets eng verbunden, hier hatte die Karriere der anfangs noch im Trio agierenden und im Laufe der Jahre mehrfach umbesetzten Band auch begonnen. "Einen Texter von seinem Rang sucht man in Deutschland lang", schrieb Diedrich Diederichsen im Herbst 1991 über Blumfelds Debütsingle "Ghettowelt", die von der Redaktion in der Folge auch zur Single des Jahres gekürt werden sollte. ",Ghettowelt' zweifelt das Prinzip des Popsongs an sich an, durch Emotionalisierung zu überzeugen, zu überreden, mithin das, woran der stets erschüttert wirkende, ernsthaft melancholische Distelmeyer nicht unbeteiligt ist." Die solcherart umrissene Musik korrespondierte mit dem Stil des damals sehr einflussreichen Popkritikers: Wie Diederichsens Artikel waren auch Blumfelds Lieder in ihrer komplexen Sprache nicht leicht fassbar, aber ungemein spannend und ergiebig.

Die Hamburger polarisierten von Beginn an. Dem ehrfürchtig von "Diskurspop" sprechenden Fan lieferten sie nicht nur großartige Lieder, sondern auch ein Wirrwarr an Aussagen und Verweisen. Andere provozierte und verschreckte die nach Franz Kafkas Kurzgeschichte "Blumfeld, ein älterer Junggeselle" benannte Band. Nicht nur einmal wurden Distelmeyer & Co als "verkopft" oder "pseudointellektuell" kritisiert - um in ihrem zweiten, von größerer Zugänglichkeit und einer einfacheren Sprache geprägten Karriereabschnitt gar als "Schlagerband" verunglimpft zu werden. Blumfelds Songtexte prägte vor allem in den ersten Jahren eine eigenwillige Poesie; anfangs schien es, als würde Distelmeyer die Worte ausspucken anstatt sie zu singen. Dabei verwendete er eine Sprache, die es im deutschen Pop zuvor nicht gegeben hatte. Vom "Selbstbetrugsdezernat" sang er, dem "Spaßtyrann", der "Weltallergie" oder dem "Gummipuppenfriedhof". Und er kreierte potenzielle T-Shirt-Slogans der etwas anderen Art. "Wir sind politisch und sexuell anders denkend" etwa; "Dieser Zustand ist nicht tanzbar" oder schlicht: "Stirb oder sei wie wir".

Parallel zur gegenwärtig laufenden Abschiedstour haben Blumfeld ihre ersten drei Alben, "Ich-Maschine" (1992), "L'Etat et moi" (1994) und "Old Nobody" (1999) auf ihrem eigenen Label Blumfeld Tonträger wiederveröffentlicht; der Hardcorefan kann auch zur 5-CD-Box "Ein Lied mehr. The Anthology Archives Vol. 1" greifen. Als Dreingabe enthält sie den im August 2006 im Radiokulturhaus entstandenen Konzertmitschnitt "Live in Wien" sowie eine fünfte CD mit Bonustracks, vorrangig Neueinspielungen ausgewählter alter Songs.

Gerade diese drei Alben - ihnen folgten noch "Testament der Angst" (2001), "Jenseits von jedem" (2003) und das wegen seiner Naturlyrik sehr kontrovers diskutierte "Verbotene Früchte" - bilden ein im deutschsprachigen Pop der letzten zwanzig Jahre unerreicht dichtes und facettenreiches Werk. Vom harschen Postpunk der Anfangsphase entwickelten sich Blumfeld über harmonischen Indierock zur lichtdurchfluteten und elektronisch gestützten Popschönheit von "Old Nobody", die stellenweise auch schon den Folk-Pop der Spätphase andeutet.

Ein einziges neues Lied enthält die CD-Box, ein Lied mehr eben. "Deutschland der Deutschen" heißt es, Distelmeyer vertont darin zur gezupften Akustikgitarre seine Eindrücke von der Fußball-WM. Noch einmal verdeutlicht der für seine profilierte politische Haltung bekannte Musiker, dass ihm deutscher Nationalstolz auch dann zuwider ist, wenn er als kollektiver Partytaumel daherkommt. Die letzte Strophe spricht Distelmeyer in denkbar schlichten Worten und mit romantisch-düsterem Blick über sich selbst: "Hab alles verloren und weiß nicht wohin in den kommenden Jahren. Ob Zweifel ob Zorn, es macht keinen Sinn, die Freunde, die keine waren. Und draußen, da wehen die Fähnchen im Wind, doch andere werden sie hissen. Ich sitze im Zug mit Mutter und Kind, alleine mit meinem Gewissen." Wirklich sorgen muss man sich um den Diskurspop-Posterboy indes nicht. "Ich werde schon noch weiter Songs schreiben und singen", erklärte er unlängst. "Das ist ja mein Ding."

Gerhard Stöger in FALTER 16/2007 vom 20.04.2007 (S. 60)


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