Sog I Bin Weg

von Sigrid Horn

€ 16,80
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Label: BADER MOLDEN RECORDINGS
Format: CD
Genre: Austro Pop
Umfang: 14 Tracks, Gesamtspielzeit 50:05 Min.
Erscheinungsdatum: 05.10.2018


Rezension aus FALTER 40/2018

„Es geht immer ums Überleben“

Reduziert, eindringlich und berückend schön: Die neuen Alben der Musikerinnen Sigrid Horn und Cat Power

Bei Schauspielern ist das anders, niemand würde den Leinwand- oder Bühnenmörder tatsächlich einsperren wollen. Plärrt ein junger, schmolllippiger Rocksänger hingegen „I can’t get no satisfaction“, liegt die Wirkung nicht zuletzt darin, dass er diese Unzufriedenheit glaubhaft verkörpert. Ganz ähnlich bei der traurigen Songwriterin und ihrem vertonten Tagebuch des Unglücks.

Sigrid Horn weiß um die Gefahr, als Liedermacherin mit ihren Inhalten in eins gesetzt zu werden. Und sie weiß auch um die emotionale Wucht ihrer bisweilen düster gestimmten Kunst. Konzerte spielt Horn häufig alleine, den ausdrucksstarken Mundartgesang nur mit Klavier und Ukulele begleitet. Oft hat sie die Augen auf der Bühne geschlossen, versunken in der Musik. Doch zwischen den Liedern scherzt und lacht sie.

„Ich will das Publikum ja nicht total runterziehen“, sagt die 28-jährige Wienerin. „Deshalb habe ich immer das Gefühl, dass ich zwischendurch ein bisschen nett sein muss, um die Stimmung aufzulockern. Konzerte sind für mich extrem anstrengend, ich bin danach immer durch den Wind und kaum ansprechbar, weil da irre viel Energie hineinfließt. Aber ich bin eigentlich auch auf der Bühne gut drauf, denn an sich bin ich eine Frohnatur.“

Eine Frohnatur? Gleich die ersten Zeilen von Sigrid Horns Solodebüt legen eine ganz andere Fährte. „Deck mi zua / I leg mi in Dreg / Waun ana frogd wo i bin / Sog i bin weg“, singt sie mit durchdringender Intensität. Dass dem Lied eine gewisse Todessehnsucht innewohnt, ist ihr bewusst. „Eigentlich geht es aber um das Aufbrechenwollen, darum, sich treiben und bedingungslos in etwas hineinfallen lassen zu können“, erklärt die Sängerin. „Einfach weg, das muss ja nicht im Suizid enden. Es geht in meinen Liedern immer ums Überleben.“

Horn ist keine Ich-Erzählerin, ihre Songs sind eher poetische Verdichtungen von Erlebnissen und Beobachtungen als konkrete Beschreibungen. Das Themenspektrum ist breit, von konfliktbeladenen Familiengeschichten reicht es bis zu sexueller Leidenschaft, vom humorvoll Leichten zum Gewichtigen in geschickter Verpackung, vom Flüchtlingsschicksal zum Protestlied, das den erhobenen Zeigefinger weglässt und lieber jazzig gefärbt tänzelt.

Trotz der reduzierten Mittel ist die Musik reich an Facetten. Der Wiener Songwriter und Autor Ernst Molden hat das Album mit Horn gemeinsam produziert, erschienen ist „Sog i bin weg“ auf seinem Label Bader Molden Recordings.

Sigrid Horn wuchs als Tochter eines bildenden Künstlers und einer Lehrerin im niederösterreichischen Mostviertel auf, ihr erstes Lied schrieb sie mit sechs Jahren über einen ermordeten nigerianischen Freiheitskämpfer. Es folgten selbstverfasste Gedichte, der Besuch der lokalen Musikschule und erste eigene Akkorde. Bald sang Horn bei Wosisig, die mehrmals beim Protestsongcontest aufgetreten sind; „Mundart-Chanson-Punk“ lautete die Selbsteinschätzung.

„Es hat immer ein Mordskrawall sein müssen“, erinnert sie sich an die Band – und dass sie selbst als „Öko-Hippie-Punk“ ein rebellischer Teenager gewesen sei: „Ich hatte immer ein großes Mitteilungsbedürfnis und musste jedem sagen, wie oasch alles ist.“ Mit 18 ging Horn nach Wien, studierte Musik und Spanisch, versuchte sich kurz als Rapperin und etwas länger als Poetry Slammerin; ermuntert von Ernst Molden fand sie wieder zurück zum Liederschreiben.

Derzeit schließt sie gerade eine Berufsausbildung ab. Aus Vernunft, das Herz gehört der Musik. „Ich möchte so viel wie möglich live spielen“, sagt Horn. „Es ist nach wie vor unglaublich, dass sich irgendwer anhören will, was ich eigentlich nur für mich gemacht habe. Gleichzeitig gibt es aber schon wieder neue Lieder, die darauf warten, auf ein Album zu dürfen.“

Von übermäßiger Produktivität kann bei Chan Marshall keine Rede sein, emotional und im Zugang zur Musik hingegen gibt es durchaus Parallelen zu Horn. Ihr Debüt hat die als Cat Power bekannte US-Musikerin mit der fast durchsichtigen und gleichzeitig doch unerschütterlichen Stimme 1995 veröffentlicht. Nun folgt mit „Wanderer“ erst ihr neuntes Werk, zwei Coverversionenplatten sind da bereits mitgezählt. Das letzte Album „Sun“ liegt sechs Jahre zurück. Versuchte sich die 46-Jährige darauf in schillerndem Pop voll elektronischer Elemente, setzt sie nun – wie Horn – auf akustische Klänge, Reduktion und atmosphärische Verdichtung.

Das Hakenschlagen zeichnet die Karriere dieser Künstlerin aus, die für Abstürze und das Ringen mit Dämonen ähnlich bekannt ist wie für ihre zartbitteren Lieder. Kratzbürstiger Lo-Fi-Indierock war von ihr ebenso schon zu haben wie schwelgerisch-soulige Pracht. Goldene Schallplatten hat sich Cat Power damit keine ersungen, dafür aber eine weltweite Anhängerschaft, die sich nun über eine der stärksten Arbeiten ihrer Karriere freuen darf. „Wanderer“ ist zart, gefühlsintensiv, bluesig gestimmt und von entwaffnender Schönheit.

„It’s up to you to be a superhero“, hat Cat Power 2012 im außergewöhnlichsten Song auf „Sun“ gesungen, einer wohl auch an sich selbst adressierten elfminütigen Mutmacherhymne mit dem Punkopi Iggy Pop als Background-Brummbär. In der aktuellen Single „Woman“ verkündet sie: „The doctor said I was not my past / He said I was finally free.“ Als Gaststimme ist Chan Marshalls Freundin Lana Del Rey zu hören, der US-Popstar mit der düsteren Aura. Was für eine wunderbare Kombination!

Gerhard Stöger in FALTER 40/2018 vom 05.10.2018 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wanderer (Digipak) (Cat Power)
Titelliste
1. 
Woiza
3:20
2. 
Umständ
3:00
3. 
Familiensochn
2:35
4. 
Kassandra
4:52
5. 
Maria
4:11
6. 
Huankind
6:14
7. 
Daham
3:17
8. 
Zombies
2:34
9. 
Zwanzig
2:37
10. 
Baun
3:50
11. 
Luftschloss
3:08
12. 
Feia
3:15
13. 
Dromedar
4:08
14. 
Föhla
3:04

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