Prekariat Und Karat

von Yasmo & Die Klangkantine

€ 19,30
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Label: INK MUSIC
Format: CD
Genre: HipHop / Rap
Umfang: 12 Tracks, Gesamtspielzeit 43:18 Min.
Erscheinungsdatum: 01.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Rap mit Partitur

Yasmin Hafedh, bekannt als Yasmo, will keine Quotenfrau sein. Und lieber über Hip-Hop als Feminismus reden

Neulich wurde ein leicht schmieriger Journalist bei Yasmo vorstellig. Wie das denn sei als Frau in einer typischen Männerdomäne, fragte er die Rapperin gönnerhaft. Und warum sie ein frauenverachtendes Wort wie Bitch verwende. Ausreden durfte sie bei dem Interview selten, konkret zu ihrer Musik befragt wurde sie gar nicht.

Das Gespräch hat in der Form nie stattgefunden. Es handelt sich um ein Stück auf Yasmos neuem Album „Prekariat und Karat“, den Reporter gibt Christoph Grissemann. Der Song beruht auf dem realen Interview-Erfahrungsschatz der Schnellsprecherin aus Wien, die 2011 mit dem Album „Keep it realistisch“ musikalisch debütierte. Seither veröffentlichte sie vier Alben und spielte unzählige Shows. Bis sie tatsächlich als Rapperin wahrgenommen wurde, war es ein beschwerlicher Weg.

Die 28-Jährige wird nach wie vor oft als Quotenfrau besetzt, die über Selbstermächtigung sprechen soll. „Natürlich rede ich gerne über Feminismus“, sagt sie. „Und bei einer Studentenzeitung stört es mich nicht, wenn nur solche Fragen kommen. Aber ich mache auch andere Sachen, als junge Frauen zu empowern, und über die würde ich noch lieber reden. Zum Beispiel Musik.“

Yasmo heißt bürgerlich Yasmin Hafedh und wurde in Wien geboren. Der Vater ist Tunesier, die Mutter Deutsche. Von ihr bekam sie ein quasi makelloses Deutsch ohne Färbung mit, das ihr in der Schule den Stempel „Piefke“ einbrachte. Mit 16 begann sie, an Poetry Slams teilzunehmen und sich als Rapperin zu versuchen.

Schon damals handelte sie frei nach dem Motto „Wenn du willst, dass etwas passiert, musst du es selber machen“ und war im Einbaumöbel, einem kulturellen Freiraum am Gürtel, Mitbegründerin einer Freestyle-Session. „Meine Freunde haben damals alle Indierock gehört“, erklärt sie ihr jugendliches Engagement. „Ich brauchte Hip-Hop-Freunde.“ In dem kleinen Rahmen konnte sie langsam ihre Rap- und Reim-Skills aufbauen. Das freie, spontane Rappen ohne vorher geschriebene Texte betrieb sie zwei Jahre intensiv. Dann erst wagte sie sich an eigene Songs.

In der Hip-Hop-Szene hat Yasmo über die Jahre ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Sie bewegt sich vorrangig in einem studentischen Rap-Kontext, der in Genderfragen als halbwegs fortschrittlich gelten sollte. Doch auch da fühlte sie sich nicht immer ausreichend ernst genommen. Diverse junge Männer fühlten sich zu Urteilen wie „Lieb, was du da machst“ oder „Eh sehr gut für eine Frau“ berufen.

Dass diese Kommentare mit der Zeit weniger wurden und mittlerweile gar nicht mehr kommen, führt die Rapperin auf einen einzigen Grund zurück: ihren wachsenden Erfolg. „Den Hip-Hop-Respekt habe ich mir über die Reichweite geholt. Du kriegst den, zumindest als Frau, nur durch Prestige.“

Für ihr neues und bislang bestes Album „Prekariat und Karat“ hat Yasmo zum zweiten Mal mit dem Musikerkollektiv Klangkantine zusammengearbeitet. Anstatt den im Hip-Hop gängigen, einfachen Weg einzuschlagen und sich von Produzenten mit Beats versorgen zu lassen, geht die Wienerin einen Umweg. Ihre Stücke erarbeitet sie in einem langwierigen Prozess gemeinsam mit ihren Musikern, die meisten davon Jazzer und Absolventen der Linzer Bruckner-Uni. Einer studiert dort sogar Neue Musik.

Für manche mag das schockierend klingen, aber bei der Arbeit wird regelmäßig auf Partituren zurückgegriffen. Mehrfach gehen zwischen dem Gitarristen Ralf Mothwurf und Bassisten Tobias Vedovelli, die beim Komponieren federführend sind, und Yasmo Entwürfe hin und her, ehe ein Stück wirklich Form annimmt. Und dann will es noch eingeprobt werden.

Die Zusammenarbeit mit der Klangkantine, die ihr einen fetten, Bigband-haften Sound zaubert, ist für Yasmo ein Herzensprojekt. Neun Menschen stehen auf der Bühne und ein Tonmann reist mit. Die Gagen sind entsprechend gering, jeder bekommt 150 Euro pro Auftritt. Die Zahl nennt sie ungefragt. Weil sie es wichtig findet, dass im Kulturbereich mehr und offener über Geld gesprochen wird. Das Gagendumping sei ein Problem: „Es gibt leider viele Situationen, wo die Instrumentalisten gratis spielen, gerade wenn sie noch studieren.“

Obwohl sie diese Woche zwei Abende hintereinander das Porgy & Bess füllt, verdient Yasmo momentan mit ihrem zweiten Standbein Poetry-Slam mehr Geld. Rap-Texte verlangen mehr Arbeit an der Form, allein schon weil sie auf einen Groove passen müssen. Ihre Slam-Beiträge können manchmal rhythmisiert sein, müssen es aber nicht. Dafür behandeln sie immer ein bestimmtes Thema, als Rapperin ist sie mit der Zeit beim Schreiben freier und abstrakter geworden.

So hat auf „Prekariat und Karat“ auch ein Song Platz gefunden, in dem sie den berühmten Essayisten Walter Benjamin disst. Als Langzeitstudentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaften, die nach ein paar Jahren Pause nun endlich ihren Abschluss machen will, wurde sie einmal zu oft mit dem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ konfrontiert. „Für mich wird Kunst erst zu Kunst, wenn eine Rezeption vorhanden ist“, sagt sie. „Der Rezipient macht das Kunstwerk aus.“

Ihre Master-Arbeit schreibt Yasmo über „Poetry-Slam als modernes Theater“. Außerdem ist seit längerem ein Roman im Entstehen. All das wird aber noch ein wenig warten müssen. Denn nach der Tour ist vor dem Popfest, das sie heuer gemeinsam mit der Musikerkollegin Mira Lu Kovacs (Schmieds Puls) kuratiert. Auch da herrscht noch lang keine Geschlechtergleichheit: „Die Anträge von Frauen, die beim Popfest spielen wollen, sind meist sehr vorsichtig formuliert. Männer sind offensiver und sagen: ,Wir sind eure Band fürs
Popfest!‘“

Yasmin Hafedh in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 34)

Titelliste
1. 
Aura
Yasmo & Die Klangkantine
3:22
2. 
Komm her
Yasmo & Die Klangkantine
3:36
3. 
Mach, mach, mach
Yasmo & Die Klangkantine
3:28
4. 
Gib mir das
Yasmo & Die Klangkantine
3:04
5. 
Lovesong
Yasmo & Die Klangkantine
3:39
6. 
Fresh water pearl
Yasmo & Die Klangkantine
2:23
7. 
Interview
Yasmo & Die Klangkantine / Grissemann, Christoph
4:06
8. 
Gut genug
Yasmo & Die Klangkantine
4:35
9. 
Hör zu
Yasmo & Die Klangkantine
3:59
10. 
Popsong
Yasmo & Die Klangkantine
2:58
11. 
Ein Uns
Yasmo & Die Klangkantine / Gaier, Max
4:33
12. 
Meine Nerven
Yasmo & Die Klangkantine
3:35

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