Nach Der Verlorenen Zeit (Deluxe Edition)

von Tocotronic

€ 15,10
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Label: Rock-O-Tronic
Format: CD
Genre: Rock deutschsprachig
Umfang: 23 Tracks, Gesamtspielzeit 69:36 Min.
Erscheinungsdatum: 19.10.2007

Rezension aus FALTER 30/2018

Im Zickzack durch die Zeit

Die beste deutsche Popband wird 25 und feiert mit einem Konzert in der Wiener Arena. Unser ABC fasst Tocotronic in 30 Begriffe

Für junge Leute“, stand auf dem Flyer, mit dem Tocotronic zu ihrem ersten Konzert einluden. Es fand am 27. Juli 1993 im Hamburger Proberaum des Trios statt, bald nach der Gründung. Zwei Jahre später waren Dirk von Lowtzow (Gitarre, Gesang), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) die aufregendste Popgruppe deutscher Zunge und die Stimme einer Generation.

Würde Erfolg in Kritikerlob gemessen, wären sie heute Superstars: Regelmäßig werden Tocotronic in Fachzeitschriften und im Feuilleton als klügste, beste und wichtigste deutsche Popband gefeiert. Zuletzt Anfang des Jahres, anlässlich des zwölften Albums „Die Unendlichkeit“, einer gesungenen Autobiografie. Tatsächlich sind die nach einem Gameboy-Vorläufer benannten Diskursrocker – auf dem ersten Demotape stand 1993 noch „Cooles Ding“ als provisorischer Bandname – stets ein mittelständisches Unternehmen geblieben, zu eigen, zu unberechenbar, zu renitent für den ganz großen kommerziellen Erfolg.

Exakt 25 Jahre und einen Tag nach ihrem Konzertdebüt spielen Tocotronic – seit dem Einstieg des Gitarristen Rick McPhail 2005 ein Quartett – in der Wiener Arena. Zur Einstimmung: ein Band-ABC, von „A“ wie „Alkoholmädchen“ bis „Z“ wie „Zitate“.

Alkoholmädchen

Trauriges altes Lied von Udo Lindenberg, das Tocotronic zu Beginn ihrer Karriere live spielten. Später coverten sie Hartes wie die US-Punks Saccharine Trust und die norwegischen Arschraketen-Rocker Turbonegro, aber auch die Clubgröße DJ Pierre (→ Variationen): Seine House-Hymne „Muzik“ mutierte so zum stumpfen Schlagzeug-Bass-Gitarre-Rumpler. Seit 2007 haben Tocotronic ein Stück des Free-Jazz-Giganten Albert Ayler im Liveprogramm: Ihr eigener Klassiker → „Freiburg“ fusioniert mit „Music Is The Healing Force Of The Universe“ zum orgiastischen Freak-out.

Ästhetik

Trainingsjacken vom Flohmarkt, biedere Cordhosen und viel zu enge T-Shirts mit seltsamen Werbeaufdrucken, so sah die Banduniform der frühen Jahre aus. Gedacht als Statement gegen die Härte des Punk- und die coole Schäbigkeit des Grunge-Looks, wurden Tocotronic in ihrem Anti-Style ungewollt zu Trendsettern. Als der Mauerblümchenlook schick und die Trainingsjacke zum Must-have wurden, wechselte die Band auf schlichtes Schwarz samt Lederjacke.

Beschwerdeführung

Tocotronic sind Meister der Nörgelei, die bisweilen auch in Verachtung umschlägt (→ Freiburg); ihr drittes Album hieß 1996 konsequenterweise „Wir kommen um uns zu beschweren“. Das Unbehagen kann diffus, aber auch ganz konkret sein: „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“, heißt ein Lied der „Beschweren“-Platte, ein noch älteres „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“. 2005 wurde deutscher Nationalstolz mit „Aber hier leben, nein danke“ kommentiert, einer meisterhaften Mischung aus Protestlied, Poesie, Rockbrett, Wut und Eleganz (→ Xenophobie).

Caven, Ingrid

Deutsche Schauspielerin und Sängerin (Jg. 1938), die Anfang der 1970er mit Rainer Werner Fassbinder verheiratet war; über die Ehe hinaus verband die beiden auch eine intensive Arbeitsbeziehung. 2010 spielte Caven die Hauptrolle im Video zum Song „Im Zweifel für den Zweifel“; ihr altes Chanson „Die großen weißen Vögel“ läuft bei Tocotronic-Konzerten seit vielen Jahren als Abspannmusik.

Digital ist besser

Das an nur vier Tagen aufgenommene Debütalbum erfand die deutschsprachige Rockmusik 1995 neu: Übermut und Melancholie, Lo-Fi-Rumpelrock, nörglerisches Innehalten, T-Shirt-Slogans en masse und das kunstvolle Spiel mit Alltagssprache und Insidergags. Das Titelstück ist ein Loblied auf die schlichte Digitaluhr, in Abgrenzung zur bunten Swatch – und eine der vielen Toco-Außenseiterhymnen: „Auf der Straße denken Leute: ‚Wie sieht der denn aus?‘ / Dass Leute doof sind, setz’ ich als bekannt voraus. / In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt, / in einer Gesellschaft wie dieser bin ich nur im Weg.“

Entenhausen

Tocotronic sind Comicfans mit einem besonderen Faible für Rolf Kaukas „Fix und Foxi“ sowie Erika Fuchs (1906–2005), die „Micky Maus“ jahrzehntelang kongenial ins Deutsche übersetzt hat. 15 Jahre nach ihrem Debüt tauchten Tocotronic, leicht verfremdet, sogar selbst in Entenhausen auf: „Jetzt ist Schluss mit dem Rumgejaule“, poltert Donald Duck in der Geschichte „Die neue Monotronic“, erschienen im Heft 26/2010. „Aber Monotronic ist echt angesagt“, protestieren seine Neffen Tick, Trick und Track, die weiter Musik hören wollen. „Zumindest bei Leuten mit gutem Geschmack“, assistiert Daisy, Donalds ewige Angebetete. „Ich liebe diese Gruppe. Und wer sie nicht leiden kann, den kann ich auch nicht leiden.“

Freiburg

„Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“, hebt das von Thomas Bernhard beeinflusste erste Lied auf → „Digital ist besser“ an, begleitet von zähflüssig dröhnender Musik. Dirk von Lowtzows Hass richtet sich gegen Radfahrer, Backgammon-Spieler und Tanztheater. „Ich bin alleine und ich weiß es und ich find es sogar cool und ihr demonstriert Verbrüderung“, heißt es weiter, der titelgebende Städtename kommt im Text nie vor. Der aus Offenburg in der baden-württembergischen Provinz stammende Sänger hatte vor seinem Umzug nach Hamburg kurz in der beschaulichen Universitätsstadt gelebt. Bis heute ist „Freiburg“ ein Konzerthighlight (→ Alkoholmädchen); eine Liveversion ist 1995 ausgerechnet beim Freiburger Minilabel Richie Records erschienen.

Grunge

Der Erfolg von Nirvana stellte die Musikwelt Anfang der 1990er auf den Kopf, die Schmuddelkinder aus den Kellern der Nacht waren plötzlich die neuen Popstars. Auch bei Tocotronic hing ein Nirvana-Poster im Proberaum, wie das Cover ihrer 1994 selbstproduzierten Debütsingle zeigt. In gewisser Weise waren Tocotronic dann auch die deutschen Nirvana, eine Band, auf die alle gewartet hatten, ohne es zu wissen; eine Band, die mit individuellem Anderssein zu einer kollektiven Stimme wurde. Dabei hieß es in einem Lied der ersten Single: „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, und werden’s auch niemals sein. Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, was bildest du dir ein?“

Hamburger Schule

Reflektierte, gesellschaftskritische und unkonventionell getextete deutschsprachige Gitarrenmusik wurde in den 1990er-Jahren „Diskurspop“ genannt. Oder auch „Hamburger Schule“, weil fast alle relevanten Protagonisten der Hansestadt entstammten. Die neben Tocotronic populärsten Vertreter waren Blumfeld und Die Sterne; die Wegbereiter hörten auf Namen wie Kolossale Jugend, Huah!, Cpt. Kirk &, Die Regierung oder Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs. Das Lied „Wir sind neu in der Hamburger Schule“ vom zweiten Tocotronic-Album „Nach der verlorenen Zeit“ ironisierte das Thema liebevoll: „Ich bin neu in der Hamburger Schule / Und lern’ kein Griechisch und kein Latein / Und doch scheint mir die Hamburger Schule eine Eliteschule zu sein.“

Ich-Fixiertheit

In der frühen Sturm-und-Drang-Phase glichen Tocotronic-Texte kunstvoll komprimierten Tagebucheinträgen. Entsprechend oft taucht das Wort „Ich“ in den Titeln auf, von „Ich glaube, ich habe meine Unschuld verloren“ und „Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss“ (→ Zitat) über „Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren“ und „Ich mag dich einfach nicht mehr so“ bis zu „Ich mache meinen Frieden mit euch“ und „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“. Den höchsten „Ich“-Faktor hat die dritte Platte „Wir kommen um uns zu beschweren“ (→ Beschwerdeführung): Gleich acht der 16 Lieder beginnen mit „Ich“.

Jugendbewegung

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ war der erste Hit der Band; den titelgebenden Satz hatte ihr Sänger im Sommer 1994 bereits als Gast auf dem Blumfeld-Album „L’Etat Et Moi“ gesprochen (→ Hamburger Schule). Der mit fünf Minuten Laufzeit längste Song auf → „Digital ist besser“ ist eine brüchige Hymne mit kurioser Vorgeschichte. In den Linernotes ihres „Best of“-Albums bezeichneten Tocotronic ihn 2006 als das unauthentischste Stück Rockmusik, das je geschrieben wurde: „Es entstand weder im Straßenkampf noch im Schwange einer exzessiven Rockshow, sondern während einer langweiligen Vorlesung als ein durchgeknalltes ‚strukturalistisches Diagramm‘ auf einem Stück Papier. Mehr Theorie als Praxis, mehr Form als Inhalt. Es klingt etwas lächerlich, ist aber wahr: Anstatt ‚heiße Riffs‘ zu proben, schmökerten wir lieber in ‚Merve‘-Bändchen.“

Kunstaffinität

Wenn er nicht selbst auf der Bühne steht, ist Dirk von Lowtzow eher in der Kunstgalerie als im Rockclub anzutreffen. Als Kritiker war der Sänger und Gitarrist lange für die Zeitschrift Texte zur Kunst tätig, bei der er noch heute im Beirat sitzt. Tocotronic zeichnet überhaupt eine Affinität zur bildenden Kunst aus, ähnlich den US-Kollegen Sonic Youth. So sind sie eng mit der deutschen Künstlerin Cosima von Bonin befreundet, und wie Sonic Youth einst verwenden auch Tocotronic gerne Kunstwerke als Covermotive: „Kapitulation“ zierte 2007 ein Ölgemälde des US-Künstlers Thomas Eakins (1844–1916), der Blumenstrauß auf → „Schall & Wahn“ stammt vom holländischen Künstlerpaar Jeroen de Rijke und Willem de Rooij. „Tocotronic“ (alias „Das Weiße Album“) von 2002 wiederum zitiert das monochrome Cover, das Richard Hamilton 1968 für die Beatles entworfen hat.

Letzte Lieder

Normalerweise dünnen Popplatten gegen Ende hin aus. Tocotronic hingegen haben einige ihrer bemerkenswertesten Lieder am Schluss versteckt. → „Digital ist besser“ klingt mit dem doppelbödigen „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“ aus, „Es ist egal, aber“ mit dem postadoleszenten Spätabendblues „Nach Bahrenfeld im Bus“, „K.O.O.K.“ mit „17“, dem vielleicht traurigsten und mit über elf Minuten Laufzeit gewiss längsten Lied der Band. „Neues vom Trickser“ beschließt das „Weiße Album“ mit einem der leichtfüßigsten Popsongs im gesamten Oeuvre, „Explosion“ pulverisiert als Monolith am Ende von „Kapitulation“ alles und jeden, „Gift“ lässt → „Schall & Wahn“ mit einem bezaubernd toxischen Schlaflied verhallen, und „Date mit Dirk“, dem folkigen Hidden Track des „Roten Albums“ von 2013, ist eine herrliche Studie in Sachen Narzissmus.

Merchandise

Das allererste Bandshirt zierte der krakelige Slogan „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ (→ Jugendbewegung), später stand „Tocotronic hat mein Leben zerstört“, „Die Folter endet nie“ oder „Fuck it all“ auf den Leibchen der Band. Aber es gab stets auch ausgefallenere Merchandise-Produkte: Polohemden mit gesticktem Bandschriftzug etwa, Schweißbänder, einen knallpinken Button mit einem selbstgezeichneten Gitarren-Vogel als Bandmaskottchen, diverse Aufnäher für die Jeansjacke, eine Casio-Digitaluhr, ein Skateboard, ein Kuscheltier namens Daphne oder einen Kunstdruck der 99 Thesen zum Album → „Wie wir leben wollen“.

Nekronomikon

Fiktives Werk des 1937 verstorbenen US-Science-Fiction-Autors H. P. Lovecraft, das eine „dämonische Kosmologie“ beinhalten soll und in unterschiedlichen Bereichen der Populärkultur stark nachhallt. Bei Tocotronic taucht das Nekronomikon 2002 im Lied „Das böse Buch“ auf.

Offensichtlichkeit

Die frühen Tocotronic waren so herrlich authentisch, die mittleren aber leider schrecklich rätselhaft, heißt es vielfach. Wahr ist: Dirk von Lowtzow hat seine Texte immer schon kunstvoll gefertigt, nur erweckten sie anfangs den Eindruck, flapsig und nebenbei hingeworfen aus dem Leben gegriffen zu sein, während sie sich später verstärkt in Richtung Assoziation und Sprachspiel entwickelten, bevor 2015 mit dem „Roten Album“, einer relativ direkten Konzeptplatte über die Liebe, wieder eine neue Ära eingeläutet wurde. Den Übergang zwischen den ersten zwei Phasen markierte 1999 das Album „K.O.O.K.“, das bezeichnenderweise ein Lied namens „Die neue Seltsamkeit“ enthält. 2002 hieß es in „Neues vom Trickser“ (→ Letzte Lieder) dann: „Aber eines ist doch sicher: Eins zu eins ist jetzt vorbei“; die nächste Platte erklärte 2005: „Pure Vernunft darf niemals siegen“.

Österreich-Connection

Tocotronic haben ein ausgeprägtes Österreich- und ein noch weit ausgeprägteres Wien-Faible. Vor der Bandgründung hat ihr Sänger Dirk von Lowtzow sogar einmal hier gewohnt, der Liebe wegen. Ein im Herbst 1994 mit wackeliger Handkamera gefilmtes Konzert im Art Club, einem temporären Kunstraum im Alten AKH, fand später Eingang in die DVD „10th Anniversary“. Der Tiroler Musiker Hans Platzgumer produzierte das vierte Album „Es ist egal, aber“, die steirische Theremin-Spielerin Dorit Chrysler ist auf → „Wie wir leben wollen“ zu hören, und Wanda-Produzent Paul Gallister hat einige Arrangements zum aktuellen Album → „Die Unendlichkeit“ beigesteuert. Mit DJ DSL hat Dirk von Lowtzow kurz nach der Jahrtausendwende sogar eine Coverversion von Kurt Sowinetz’ Misanthropieklassiker „Alle Menschen san ma zwider“ aufgenommen.

Punkarsch

Im Unterschied zu dem als Student zugereisten Dirk von Lowtzow sind die anderen Gründungsmitglieder, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank, in Hamburg aufgewachsen, wo sie mit Punkarsch schon vor Tocotronic eine gemeinsame Band hatten. Fünf 1992 eingespielte Songs sind 2003 als Vinylsingle erschienen, dem Fanzine Ox zufolge ist darauf „kellerasseliger Rumpelpunk“ zu hören.

Quite Cool

1995 veröffentlichten Tocotronic als Gag eine Single mit zwei bewusst holprig ins Englische übertragenen Songs; „Du bist ganz schön bedient“ wurde zu „You Are Quite Cool“. Eine englische Version des Albums „K.O.O.K.“ streckte die Fühler 1999 ernsthafter in Richtung internationaler Markt aus. Dieser zeigte sich von den seltsamen Hamburgern aber unbeeindruckt.

Rock-O-Tronic Records

1994 der Debütsingle wegen ins Leben gerufene bandeigene Veröffentlichungsplattform. Der Name und das Logo sind an Rock-O-Rama Records angelehnt (→ Zitate), eines der ersten deutschen Punklabels überhaupt. Obwohl Tocotronic längst beim Musikmulti Universal unter Vertrag stehen, ziert das Logo „Rock-O-Tronic Records“ noch heute jede ihrer Veröffentlichungen.

Science-Fiction

Als Sympathisanten der Grenzüberschreitung, der Flucht aus dem Alltag und der politischen Utopie pflegen Tocotronic auch ein Science-Fiction-Faible, das sich etwa in der Wertschätzung für den Autor H. P. Lovecraft (→ Nekronomikon) niederschlägt, in Songtiteln wie „Dark Star“ (ein John-Carpenter-Filmtitel → Zitate) und „Hifi-Science-Fiction“ oder im Artwork des Albums „K.O.O.K.“, das eine Raumschiff-Illustration zierte.

Schall & Wahn

Mit ihrem neunten Album standen Tocotronic 2010 erstmals auf Platz eins der deutschen Charts. „Schall & Wahn“ hat seinen Titel bei William Faulkner geborgt (→ Zitate), das Original, 1929 als „The Sound and the Fury“ erschienen, zählt zu den Schlüsselwerken in der US-Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Platte „Schall & Wahn“ ist ein sanfter Riese, manisch und niedergeschlagen zugleich. Keine ihrer Platten verbindet harten Rock so selbstverständlich mit harmonischem Pop-Jubilieren und fast kunstliedartiger Schönheit.

Tribute-Songs

Im Laufe der Jahre haben Tocotronic neben diversen Coverversionen (→ Alkoholmädchen) auch zwei Tribute-Songs aufgenommen, also Verneigungen vor anderen Künstlern. „Ich hab geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“ grüßt den Sänger der britischen Band The Fall, bekannt als größter Gift-und-Galle-Spucker der Popgeschichte; „Die Sache mit der Team Dresch Platte“ verneigt sich mit charmant holprigem Text vor einer tollen queer-feministischen US-Punkband der mittleren 1990er: „Ich weiß, sie singen nicht für mich, ich weiß, und trotzdem glaube ich, dass ich sie verstehen kann, obwohl ich bin ein Mann und trotzdem find’ ich sie super.“ Umgekehrt hatten Tocotronic Pech: „Ich hab mit Tocotronic Bier getrunken und du hast sie nur live gesehen“, machte sich die Wiener Band Heinz in den 1990ern wichtig. Die Begeisterung bei den solcherart „Gewürdigten“ hielt sich in Grenzen.

Unendlichkeit, Die

Das Anfang 2018 veröffentlichte zwölfte Tocotronic-Album ist eine Konzeptplatte im Zeichen des Autobiografischen: Kindheitsmomente werden da besungen, jugendliches Aufbegehren, der Spießrutenlauf als stolzer Außenseiter in der Provinz, die Stromgitarre, Hamburg, Berlin, der Tod eines Freundes, Suchterfahrungen und die Liebe. Klingt gewollt, ist tatsächlich aber eine schöne Popplatte.

Überfluss

Tocotronic sind Freunde der Maximalforderung. „Alles muss im Überfluss vorhanden sein, dann sind wir nie allein“ heißt es in „Hi Freaks“ von 2002; „Alles was ich immer wollte war alles“ titelt das Schlussstück von → „Die Unendlichkeit“. In „Aus meiner Festung“, 2007 auf „Kapitulation“ erschienen, singt Dirk von Lowtzow: „Kommt alle mit, kommt alle her, alle zugleich, denn mehr ist mehr.“

Variationen

Tocotronic haben eine für Gitarrenbands untypische Nähe zur elektronischen Clubkultur, was sich unter anderem in einer Vielzahl an Remixen ihrer Songs niederschlägt. Zum Album „K.O.O.K.“ von 1999 ist sogar eine eigene Remix-Platte erschienen. Hier findet sich die schönste aller Tocotronic-Bearbeitungen, das auch im Original prächtige Liebeslied „Jackpot“ im K.O. Kompakt Mix von Tobias Thomas & Olaf Dettinger.

Wie wir leben wollen

Zum 20. Geburtstag schenkten sich Tocotronic 2013 die (größen-)wahnsinnigste Platte ihrer Karriere: Begleitet von 99 so unterhaltsamen wie durchgeknallten Thesen, setzten die 17 Lieder von „Wie wir leben wollen“ auf eine eigenwillig verwaschene Soundästhetik; die Texte wiederum lieferten Bilder und Atmosphären, keine klaren Erzählungen. Es gab Zitate allerorts, Manierismen wurden gepflegt, nicht versteckt. 70 Minuten Musik wie ein bei vollem Bewusstsein erlebter Rausch. So manchen hat das überfordert, dabei ist „Wie wir leben wollen“ neben „Es ist egal, aber“ das heimliche Meisterwerk der Band. Die offensichtlichen und entsprechend kanonisierten sind → „Digital ist besser“, das „Weiße Album“ und „Kapitulation“; an „K.O.O.K.“ scheiden sich die Geister. Gilt es den einen als großer Wurf, sehen die anderen darin ein mit Hits gespicktes Werk des Übergangs.

Xenophobie

Aus ihrer dezidiert linken politischen Haltung haben Tocotronic nie ein Geheimnis gemacht, viele einschlägige Benefizkonzerte zeugen davon. Klassische Protestlieder singen sie trotzdem keine, Politisches wird wenn schon, denn schon poetisch verpackt. So etwa in „Solidarität“ (2015), einem zarten Song über das Schicksal geflüchteter Menschen, oder in „Alle Zonen“ (2013), das sich „für Asyle ohne Grenzen“ ausspricht. Tagespolitische Kommentare gibt Dirk von Lowtzow bisweilen spontan zur akustischen Gitarre im Internet ab. „Fuck you Frontex“ sang er 2014 über die EU-Grenzschutzagentur, zuletzt hat er seine Stimme gegen den deutschen Innenminister Horst Seehofer und für Flüchtlingshelfer erhoben: „Tschüss Horst, Rausschmiss jetzt“ singt er in dem fast kinderliedartigen Ohrwurm, in dem auch der österreichische Kanzler („und nimm den Sebastian mit“) Berücksichtigung findet.

Young, Neil

Nicht nur sein charakteristisches Mundharmonikaspiel, auch die berühmte Textzeile „Hey, hey, my, my“ haben Tocotronic auf dem Album „Es ist egal, aber“ zitiert. Während Dirk von Lowtzow den Songwriter-Nobelpreisträger Bob Dylan skeptisch beäugt, bricht er für die kanadische Rockikone jederzeit eine Lanze. „Seine Musik berührt mich“, erklärte er 2007 im Falter. „Vielleicht ist Neil Young ein Fall für das Sprichwort ‚Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln‘, aber gerade mit Crazy Horse gibt es fantastische Aufnahmen, die zeigen, wie eine Rockband zusammenspielen kann, ohne redundant, kitschig und machistisch zu werden. Und das, obwohl ihre Musik alle klischeehaften Rock-Ingredienzien hat.“

Zitate

Das Werk von Tocotronic ist ungemein anspielungsreich, bereits „Meine Freundin und ihr Freund“ zitierte 1994 Eric Rohmers Nouvelle-Vague-Film „Der Freund meiner Freundin“. Das Album „Nach der verlorenen Zeit“ bediente sich 1995 im Titel beim Autor Marcel Proust, der Song „Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss“ grüßte den Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein. Dann wieder wurde der Filmregisseur Kenneth Anger („Lucifer Rising“) zitiert oder Gilles Deleuzes Aufsatz „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ in einen Hit übersetzt („Sie wollen uns erzählen“). Referenzen aus Film, Theorie, Kunst und Pop purzeln durchs gesamte Werk, Handapparat ist beim Hören trotzdem keiner nötig. „Es ist völlig egal, ob man diese Referenzen kennt, das ist für uns einfach nur ein Spiel“, erklärte Dirk von Lowtzow 2015 im Falter. „Uns macht es Spaß, und wer die Referenz erkennt, teilt diesen Spaß vielleicht. Zu verstehen gibt es da aber nichts. Es hat weit mehr mit dem Herz als mit dem Kopf zu tun, Zugang zu unserer Musik zu finden.“































Gerhard Stöger in FALTER 30/2018 vom 27.07.2018 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Kapitulation (Tocotronic)
Tocotronic (Das Rote Album (Tocotronic)
Grotesque (Re-Release,Digipak) (The Fall)
Daumen Im Wind (Udo Lindenberg)
Digital Ist Besser (Deluxe Edition) (Tocotronic)
K.O.O.K.(Deluxe Edition) (Tocotronic)
Es Ist Egal,Aber (Deluxe Edition) (Tocotronic)
Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren (Deluxe Edition) (Tocotronic)
Kook Variationen (Tocotronic)
Der Abendstern (Ingrid Caven)
Alle Menschen San Ma Zwida (Kurt Sowinetz)
Music Is The Healing Force Of The Universe (Albert Ayler)
Personal Best (Team Dresch)
Schall und Wahn (Tocotronic)

Rezension aus FALTER 46/2007

Rock! O! Tronic!

Dass eine Rockband knapp eineinhalb Jahrzehnte nach dem ersten Proberaumbesuch in der Form ihres Lebens spielt, kommt eher selten vor. Bei Tocotronic ist genau dieses Phänomen gerade zu beobachten. Mit "Kapitulation" haben sie die zentrale Gitarrenplatte des laufenden Jahrgangs aufgenommen, und die Tour zum Album zeigte die Hamburger so gelöst, spielfreudig und konzentriert wie schon lange nicht mehr. Wie weit draußen das Quartett um den Songwriter Dirk von Lowtzow inzwischen agiert, demonstrierte alleine die letzte Zugabe der aktuellen Konzerte: Der Hasslied-Klassiker "Freiburg", der 1995 ihr Debüt eröffnete, artet zur Free-Rock-Orgie samt Schlagzeugzerlegung, Feedbackmassaker und einem entrückt den Jazzgott Albert Ayler zitierenden Sänger aus: "Music" brüllt er, "is the healing force of the universe". Ein Livemitschnitt dieses formidablen Irrsinns ist jetzt auch auf CD zu haben, die 2007er-Version von "Freiburg" beschließt den Bonusblock der Wiederveröffentlichung des Toco-Debüts "Digital ist besser".
Nachdem ihr langjähriges Plattenlabel L'Age D'or pleite ging, haben sie die bandeigenen Rock-o-Tronic Records (Hoanzl) wiederbelebt, um nach und nach alle Alben wieder herauszubringen – versehen mit ausgiebigen Linernotes und historischen Texten und erweitert um Raritäten und Livefundstücke. Neben "Freiburg" enthält das unvermindert entwaffnende LoFi-Sloganpunk-Debüt jetzt unter anderem noch die einst mit dem Kassettenrecorder im Proberaum aufgenommene erste Vinylsingle der Band.
Das ebenfalls 2005 veröffentlichte Minialbum "Nach der verlorenen Zeit" hat die Zeit nicht ganz so gut überdauert, der Bonus aber ist mit 13 rumpeligen Liveaufnahmen aus Heinz Karmers Tanzcafé, dem damaligen Wohnzimmer der Hamburger Musikszene, ein echtes Fangeschenk. Das Highlight darunter bildet das schon leicht illuminiert tönende und gegen ein viel zu unaufmerksames Silvesterpartypublikum antretende Cover von Udo Lindenbergs "Alkoholmädchen".
"Tocotronic" schließlich, das auch als "Weißes Album" bekannte 2002er-Mammutwerk, legt nur Superpitchers Minimal-Techno-Remix von "Hi Freaks" mit drauf, mehr Platz war auf der CD nicht übrig.

Gerhard Stöger in FALTER 46/2007 vom 16.11.2007 (S. 70)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Digital Ist Besser (Deluxe Edition) (Tocotronic)
  Song-Titel
1.  Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss 2:06
2.  Du bist ganz schön bedient 3:13
3.  Gott Sei Dank, Haben Wir Beide Uns Gehabt 2:42
4.  Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht 2:00
5.  Ich werde nie mehr alleine sein 0:52
6.  Michael Ende, Du Hast Mein Leben Zerstört 3:11
7.  Ich mag dich einfach nicht mehr so 4:45
8.  Ich bin neu in der Hamburger Schule 2:59
9.  Es ist einfach Rockmusik 2:25
10.  Hauptsache ist 1:59
11.  Ich Muss Reden, Auch Wenn Ich Schweigen Muss (Live, 1995) 2:54
12.  Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht (Live, 1995) 2:08
13.  Jungs, hier kommt der Masterplan (Live, 1995) 2:32
14.  Michael Ende, Du Hast Mein Leben Zerstört (Live, 1995) 3:52
15.  Digital ist besser (Live, 1995) 2:15
16.  Drei Schritte vom Abgrund entfernt (Live, 1995) 1:53
17.  Ich glaube ich habe meine Unschuld verloren (Live, 1995) 1:47
18.  Letztes Jahr im Sommer (Live, 1995) 3:17
19.  Samstag Ist Selbstmord (Live, 1994) 4:16
20.  Hamburg rockt (Live, 1994) 2:59
21.  Drüben Auf Dem Hügel (Schnelle Version) (Live, 1994) 3:05
22.  Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein (Live, 1994) 5:07
23.  Alkoholmädchen (Live, 1994) 7:19

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