Vertical Abscent

von Moritz Von Oswald

Derzeit nicht lieferbar

Label: Honest Jons Records / EMI
Erscheinungsdatum: 26.06.2009

Rezension aus FALTER 30/2009

Stillstand = Rückschritt / Techno = Jazz

Jazz Is the Teacher" lautete der Name einer Maxi-Single von Moritz von Oswald. Der heute legendäre Produzent veröffentlichte sie Anfang der 90er mit dem Detroiter Kollegen Juan Atkins sowie Thomas Fehlmann, mit dem er zehn Jahre zuvor schon in der NDW-Band Palais Schaumburg gespielt hatte, unter dem Namen M500 & 3MB.
Davon abgesehen ist der nun 47-Jährige bislang nicht als jazzaffin auffällig geworden. Er hatte freilich anderes zu erledigen. Wie kaum jemand sonst gelang es dem Ururenkel Otto von Bismarcks, Techno seinen Stempel aufzudrücken. Er hat unter den Pseudonymen Basic Channel und Maurizio mit seinem langjährigen Studiopartner Mark Ernestus die Minimal- und Dub-Techno-Ästhetiken geprägt, zeitlos gute Platten aufgenommen und das ganze Genre salonfähig gemacht.
Heute wird in den Clubs in aller Welt Musik gespielt, die sich von seiner Pionierarbeit herleiten lässt, wenn auch das wenigste davon nur annähernd so originär klingt. Von Oswald selbst hat schon Ende der 90er erkannt, dass Stillstand Rückschritt bedeutet, und ist tief in die Welt des Dub eingetaucht. Er mischte alte jamaikanische Platten neu und speckte unter dem Namen Rhythm & Sound die Echokammermusik auf ihre essenziellen Bestandteile ab.
Daneben schulte er als Chef-Masterer des Weltmusiklabels Honest Jon's sein Gehör weiter. Oder er schuf zusammen mit Carl Craig im Rahmen der "Recomposed"-Serie der Deutschen Grammophon eine nicht nur unpeinliche, sondern höchst gelungene Komposition auf der Basis von Ravels "Bolero" und Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" in einer Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Karajan. Und, und, und. Alleine die Aufzählung von Oswalds wichtigster Arbeiten würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Aktuell vollzieht der stille Star, der im vergangenen Herbst einen leichten Schlaganfall erlitten hat und seither das Mischpult nur mehr mit einer Hand bedienen kann, eine neuerliche Häutung. Früher verweigerte er Interviews und zeigte nicht einmal sein Gesicht, heute blickt er mit teutonischer Miene vom Cover der monatlichen Elektronikbibel The Wire.
Diese Transparenz ist wohl auch seinem neuen Projekt geschuldet. Gemeinsam mit dem Berliner Max Loderbauer (Synths) und dem finnischen Dub-Techno-Schöngeist Vladislav Delay (Percussion) hat er im Vorjahr das Moritz von Oswald Trio ins Leben gerufen.
Nicht nur der Name und der Titel seines ersten Albums ("Vertical Ascent") erinnert an John Col­tranes­ ekstatisches Free-Jazz-Album "Ascension". Auch die Schrankenlosigkeit und Freiheit, die aus den vier überlangen, live eingespielten und arrangierten Stücken strömt, legt nahe, dass sich Techno 2009 tatsächlich anschickt, in die Fußstapfen seines Lehrers Jazz zu steigen. Schaden kann es beiden nicht.

Sebastian Fasthuber in FALTER 30/2009 vom 24.07.2009 (S. 26)


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