Die Entstehung der Nacht

von Die Goldenen Zitronen

Derzeit nicht lieferbar

Label: Buback/Hoanzl
Erscheinungsdatum: 16.10.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Eine Ohrfeige sollte kürzer sein als ein Kuss

Poesie und Protest, Jörg Haider und Silbermond: das famose neue Album der Goldenen Zitronen

Ein elektronischer Rhythmus stolpert daher, begleitet von synthetischem Blubbern. Ein Trommelwirbel hebt an, ein Glockenspiel formuliert ein kleines Motiv; der Rhythmus kehrt verändert zurück, wirkt jetzt forscher, bedrohlicher. Erst zur Hälfte des Fünfminutensongs "Zeitschleifen" schneidet Schorsch Kameruns Stimme in die Musik: "Sie hasste die Aussprache, er hasste den Streit, sie hasste die Versöhnung, seine Gleichförmigkeit." – So leise und verspielt beginnt "Die Entstehung der Nacht", das famose neue Album der Goldenen Zitronen.

Thematisch befindet sich die Hamburger Band mit der Reflexion über eine zerfallende Beziehung in nächster Nähe zu Jochen Distelmeyer: "Bleiben oder gehen", fragt der ehemalige Blumfeld-Sänger auf seinem aktuellen Solodebüt "Heavy". Musikalisch liegen Welten zwischen der prächtigen Popmelancholie Distelmeyers und der störrisch-sperrigen Aufgekratztheit der Goldenen Zitronen.
Dabei haben beide lange als zentrale Vertreter des sogenannten Diskurs­pop gegolten. Diskurspop, das stand für das Ringen um eine neue Sprache im deutschen Pop, um inhaltliche Debatten, um die Verlängerung linker Politik mit den Mitteln der Stromgitarre. Hamburg war das Zentrum dieser Szene, Bands wie Blum­feld, Cpt. Kirk & und Kolossale Jugend, Tocotronic und Die Sterne haben sie geprägt.
Als vergleichsweise alte Hasen hatten die 1984 gegründeten und über den Umweg Funpunk beim Popdebattierklub gelandeten Goldenen Zitronen schon damals einen Sonderstatus inne. Heute sind sie die Einzigen, die das Diskursfähnchen noch hochhalten. "Dieser sogenannte Diskurs im Pop ist längst kein Thema mehr, leider", sagt Schorsch Kamerun, der als Theatermacher heuer auch bei den Wiener Festwochen gastierte. "Ich glaube aber, dass unsere Band die Ansätze davon modern weiterspinnt. Wir glauben ungebrochen an Einmischung und diskursive Aufladung. Aktuell warten wir auf neue Partner, denn die meisten anderen verfolgen diese Prinzipien nicht mehr."
Die Goldies, wie man sie liebevoll nennt, waren schon immer eine politische Band; anfangs instinktiv, aus einer punkigen Verweigerungshaltung und dem Kontakt zur Hamburger Hausbesetzerszene heraus, später theoretisch fundiert und an jeweils aktuelle Debatten gekoppelt. Dass sie dabei nie Bewegungssoundtracklie­feranten im Sinne von Ton Steine Scherben, sondern weit stärker Kommentatoren des Geschehens waren, hat sich nur als Vorteil erwiesen.
Die Goldenen Zitronen sind dadurch künstlerisch spannend geblieben und nie zu Flugblattverkündern verkommen. "Es ist nicht so einfach, den Königsweg aus Wut, Betroffenheit, Kunstwillen, intimem Empfinden, Fluchtwünschen, Angriffsgelüsten zu finden", sagt Kamerun. "Nach wie vor interessiert mich aber keine stilistische Festschreibung in Sachen Text. Ich empfinde das als tödlich."
"Jeder kann ein kleiner König sein, im Sinne des Erfinders, doch bei der Masse an Juwelen bleibt keine Zeit mehr für die Krönung", lautet ein aktueller Zitronen-Kommentar zur Zeit. Konkreter wird es in "Des Landeshauptmanns letzter Weg", das sich sehr deutlich formuliert, aber ganz ohne Häme mit dem Tod Jörg Haiders, des "Händlers der Angst und des Ressentiments", beschäftigt.
"Wir waren fasziniert davon, wie ein ganzes Land ein Identitätsproblem offenlegt, wenn sich ein zwar meistgehasster, aber anscheinend unterbewusst auch am stärksten bewegender Superpopulist – zumal auf diese Art und Weise – verabschiedet und der Verlust dann durch alle Reihen trauerschwängert", erklärt Kamerun. "Normal ist das nicht, liebe Österreicher, und deshalb ganz klar ein Thema für die Goldies."

Ein anderes Thema ist das allgemeine Biedermeier im deutschen Pop. "Aber der Silbermond" kombiniert die Komplexe Globalisierungskritik und Finanzkrise mit der Sehnsucht nach Beständigkeit und Sicherheit, die die junge deutsche Schlagerpopband Silbermond kürzlich in einem Chartshit formulierte. "Ich habe es lange Zeit verstanden, dass man sich in dieser ganzen Super­mobilität und Flexibilität wieder enger orientiert oder privater wird, obwohl wir als Punks doch einst genau das Gegenteil davon wollten", sagt Kamerun. "Aktuell glaube ich aber, dass es völlig falsch ist, wenn junge Menschen meinen, es würde besser laufen, wenn man zurückgenommener, kleiner wird."
Musikalisch spielen die als offenes, unhierarchisches Kollektiv organisierten Goldenen Zitronen heute freier auf als je zuvor. In Hamburg steht ihnen ein eigenes Studio zur Verfügung, in dem unterschiedliche Ideen ohne Zeitdruck ausformuliert werden. Techno trifft auf Krautrock, New Wave auf Elektro, psychedelisches Gedaddel auf Hippieballaden.
Hippieballaden? Ja, tatsächlich, gemeinsam mit der Künstlerin Michaela Melián als Gastsängerin covern die Goldies "Beautiful People", den Unity-Schlager des Blumenkinds Melanie. Anstatt einer akustischen Klampfe ertönt ein Analogsynthesizer, das Utopisch-Hoffnungsfrohe im Vortrag weicht abgeklärter Melancholie.
Ist die Punkband Die Goldenen Zitronen auf den Hippie gekommen? Kamerun: "Hippie ist nicht gleich Hippie. Ich hatte ja die Idee, die Platte ‚George Harrison' zu nennen. Als Bezeichnung einer Phase. Außerdem glaube ich schon, dass unsere Ideale tatsächlich mehr einer 1967er- denn einer 1976er-Prägung entspringen, natürlich mit anderen ästhetischen Vorzeichen. Ich verstehe ‚Die Entstehung der Nacht' als einen Versuch von gemeinsamer Empfindung, jedenfalls auf der musikalischen Seite. Das Gute an uns ist dann noch, dass jede unserer kleinen Erleuchtungen ohne Guru geboren wurde."

An der Songform rüttelt die Band bei aller Freisinnigkeit kaum. Trotz einer konsequenten Relativierung des Strophe-Refrain-Strophe-Schemas und der Dominanz des Rhythmischen über das Melodische sind fünf Minuten Laufzeit die Obergrenze eines Liedes; meist reichen dreieinhalb. "Vielleicht hoffen wir dadurch erkennbar zu bleiben", sagt Kamerun. "Und dann können wir unsere Herkunft als Rockmusiker nicht gänzlich verleugnen. Irgendwie ist unser Charakter ein schneller, direkter. Wenn es gut läuft, kann in dreieinhalb Minuten alles vermittelt sein. Eine Ohrfeige sollte auch kürzer sein als ein Kuss. Und die Goldies sind eben immer noch kein Kuschelröckchen."

Gerhard Stöger in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 30)


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