Sturm & Dreck

von Feine Sahne Fischfilet

€ 21,00
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Label: Audiolith
Format: CD
Genre: Punk
Umfang: 12 Tracks
Erscheinungsdatum: 12.01.2018

Rezension aus FALTER 4/2018

Es wird immer räudiger

Troublemaker mit Haltung: Die ostdeutsche Punkband Feine Sahne Fischfilet verbindet Sauflied mit gelebtem Antifaschismus

verfassungsschutzbericht:
gerhard stöger
Es klingt wie ein guter PR-Gag: Am 12. Jänner sollte die aufstrebende ostdeutsche Band Feine Sahne Fischfilet ihr neues Album „Sturm & Dreck“ veröffentlichen, am 19. Dezember eine Hallentournee als Support der Toten Hosen beginnen. Just am 18. Dezember aber musste sich Jan „Monchi“ Gorkow, ihr 30-jähriger Sänger, vor Gericht verantworten. In Güstrow, einer Kleinstadt seines Heimatbundeslands Mecklenburg-Vorpommern.
„Landfriedensbruch“ lautete der Vorwurf, der Bruch des Friedens lag zum Zeitpunkt der Verhandlung bereits gut zwei Jahre zurück. Asylwerber hatten damals zu einer Demo aufgerufen, lokale Neonazis im Internet zum Angriff geblasen. Die anwesende Polizei – Fotos und Videoaufnahmen dokumentieren es – schaute weithin untätig zu, den Schutz der demonstrierenden Asylwerber besorgten lokale Antifaschisten.

Während die Ermittlungen gegen die Neonazis im Sand verliefen, wurden linke Aktivisten angeklagt. Darunter Monchi, der schließlich im großen Tourbus samt „Sturm & Dreck“-Logo bei Gericht vorfuhr. Der Prozess endete mit einem Freispruch; der Belastungszeuge, ein Polizist, hatte sich in Widersprüche verstrickt und konnte sich letztendlich nicht mehr erinnern. Immerhin sorgte er für Erheiterung, als er den „Schlachtruf“ der Demonstranten als „Barista, Barista, Antifascista“ wiedergab. Tags darauf veröffentlichten Feine Sahne Fischfilet ein angriffslustiges Videostatement, und spätestens da wird klar: Was wie ein PR-Gag aussieht, ist in Wahrheit ein schlechter Witz.
Am 22. Dezember spielte die Band als Hosen-Vorprogramm in der Wiener Stadthalle, am Vortag gab sie im Radiokulturhaus-Café Interviews. „Als ich die Ladung bekam und das Prozessdatum sah, dachte ich mir nur: okay, abgefuckt“, kommentiert der Sänger das Timing.
„Aber wir versuchen, so etwas volley zu nehmen und mit einer beschissenen Situation offensiv umzugehen. Der Freispruch ist eine Selbstverständlichkeit, da muss ich nicht Danke sagen. Aber der Preis, den man dafür zahlt, ist räudig: Du bist zigmal beim Anwalt und machst dir einen Riesenkopf, und bei uns in der Gegend haben alle Medien drüber berichtet, was natürlich die gesamte Familie betrifft. Aber wichtig ist nicht das Verfahren, wichtig ist, das Augenmerk auf die geilen Leute in den Dörfern und kleinen Städten im Osten zu richten. Genau dieses Gefühl wollen wir auch mit dem neuen Album vermitteln: In stürmischen, dreckigen Zeiten den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern nach vorne zu gehen.“

Monchi ist ein Bauchmensch, was keine Anspielung auf seine üppige Leibesfülle sein soll. Die Worte sprudeln aus ihm heraus, er wägt nicht lange ab, sondern verwendet seinen liebsten Kraftausdruck im Extremfall dreimal pro Satz. „Natürlich wird es noch beschissener, das ist noch nicht der Siedepunkt der Scheiße, sondern es wird immer bekackter“ lautet der, beherzt redundant. Ähnlich oft wie „Scheiße“ sagt Monchi „räudig“, was in erster Linie „extrem arg, verachtenswert, letztklassig, richtig schlimm“ bedeutet, in Ausnahmefällen aber auch „ärgstens geil“ meinen kann.
„Sturm & Dreck“ ist das fünfte Album der Band, die seit rund zehn Jahren besteht und nach einer langen, kargen Do-it-yourself-Phase inzwischen auch ohne die Toten Hosen vor größerem Publikum auftritt; in der aktuellen sechsköpfigen Besetzung mit zwei Bläsern spielen Feine Sahne Fischfilet seit 2009 zusammen. Angefangen hat alles damit, dass der Bassist Kai Irrgang am Musikgymnasium Monchi fragte, ob er in seiner Band singen wolle; sie sollte bald wichtiger als die weitere Schulkarriere der beiden werden. „Wir waren Troublemaker und mussten dann kurz vorm Abi von der Schule runter“, erinnert sich Monchi. „Sie war eh okay, aber wir sind halt nur mehr zu den Fächern gegangen, die wir geil fanden. Geschichte, Sozialkunde und so.“
Lokal machten sich Feine Sahne Fischfilet bald dadurch einen Namen, dass sie ihre Auftritte zur Neonazi-freien Zone erklärten – im deutschen Osten offenbar keine Selbstverständlichkeit. Das Label als singende Antifaschisten rief auch den Staatsschutz auf den Plan: Der Verfassungsschutzbericht setzte sich mit der Band auseinander und konstatierte wegen einzelner Songtexte eine „explizit antistaatliche Haltung“. Die Band bedankte sich artig für die PR und wurde mit einem Präsentkorb vorstellig. Galten sie im Osten als linke Zecken, hatten Feine Sahne Fischfilet zeitgleich in Berlin Auftrittsverbot – pubertäre frühe Lieder waren durch sexistische Texte ungut aufgefallen.

„Als wir angefangen haben, fanden halt alle in der Band Nazis scheiße“, erzählt Monchi. „Kämen wir aus Kreuzberg, hätte sich kein Schwein dafür interessiert, weil das dort ja Standard ist. Bei uns aber, gerade einmal zwei Autostunden weiter, hat es schon gereicht, zu sagen, dass wir keinen Bock auf Nazis bei unseren Konzerten haben, um als linksradikal zu gelten.“
Die Übergänge zwischen Kunst und politischem Aktivismus sind hier fließend. „Was uns beschäftigt und antreibt, sind gewisse Inhalte, und diese Inhalte äußern wir über Musik“, sagt Jacobus North, einer der zwei Trompeter. „Natürlich kann man das als politische Kunst beschreiben, wir halten uns aber nicht mit Definitionen auf, weil es ja eigentlich egal ist. Worum es geht, ist, dass man ein bisschen was bewegt.“
In ihren Liedern Stellung zu beziehen ist nur die eine Facette des Engagements. Die andere sind politische Aktionen im deutschen Osten, 2016 etwa die Reihe „Noch nicht komplett im Arsch“. Kultur und Politik in der Provinz, umgesetzt in Kooperation mit lokalen Initiativen – mit der Bandinfrastruktur als praktische Unterstützung. „Es ging darum, dem Klima um die sogenannte Flüchtlingskrise entgegenzuwirken und dieser Ohnmacht, die gerade auch in Mecklenburg-Vorpommern herrschte, etwas entgegenzusetzen“, sagt North. „Wir sind in Orte gefahren, in denen sonst nie wer vorbeikommt, auch als Hilfe zur Selbsthilfe. Denn es gibt überall gute Leute, nur wissen sie oft nichts voneinander. Wir hatten nie die Illusion, den Einzug der AfD in den Landtag verhindern zu können. Wir wollten einfach ein bisschen was säen, das später wachsen kann.“
Wie genau der Aktivismus aussieht? Hier erzählt der Sänger aus seinem Alltag.

Falter: Geht es Ihnen ausschließlich darum, die Guten zu stärken, oder suchen Sie mit Ihren Aktionen auch die Diskussion?
Monchi: Du kommst ja andauernd mit Leuten in Berührung, wenn du in der Kneipe sitzt. Auch aus Leuten, die man jahrelang kennt, kann plötzlich Scheiße rauskommen. Wir leben in keiner Blase, 21 Prozent der Leute in Mecklenburg-Vorpommern haben AfD gewählt. Entsprechend wichtig ist es, in alltäglichen Situationen zu streiten und argumentativ fit im Kopf zu sein.

Also: mit Rechten reden?
Monchi: Priorität hat ganz klar, die Guten zu stärken. Wir sind keine Sozialarbeiterband, es geht nicht darum, eingefleischte Nationalisten zu bekehren. Das sind Überzeugungstäter, bei denen gibt es nichts zu reden. Heute kannst du in Deutschland sagen, was du willst, eigentlich ist keiner mehr ein Nazi. Aber nur weil sich gesamtgesellschaftlich alles nach rechts verschoben hat, kann man es doch weiterhin klar benennen: Das sind Rassisten, das sind Nazis, Punkt, aus die Maus. Mit solchen Menschen gibt es nichts zu diskutieren, und da müssen wir unsere Kraft nicht verschwenden.

Sondern?
Monchi: Es bringt viel mehr, wenn wir unsere eigenen Sachen reißen, mit ganz vielen verschiedenen Leuten. Wir machen unser eigenes Dorffest. Nicht in der Großstadt, sondern da, wo ich aufgewachsen bin. Mit dem Fußballverein, der Feuerwehr, dem Pferdesportverein. Und dann tauchen da plötzlich 3500 Leute auf. Das ist ein Statement: ein cooles Dorffest, bei dem niemand in Naziklamotten reinkommt. Das stößt auch Leute vor den Kopf, aber das ist genau der richtige Weg.

„Wir sind zurück in unserer Stadt, mit zwei Promille durch die Nachbarschaft“ heißt es im ersten Lied des neuen Albums „Sturm & Dreck“. „Wir sind zurück in unserer Stadt und scheißen vor eure Burschenschaft.“ Subtil geht natürlich anders, was auch für die Musik gilt: Ohrwurmpunkrock, mit zackigen Ska-Bläsern aufgebrezelt. Pop-Connaisseure und Rock-Feinschmecker werden mit schreckgeweiteten Augen reagieren; wer aber nichts dagegen hat, ein Lied bereits beim zweiten Hören mitsingen zu können und vielleicht auch das Treiben auf großen Rockfestivals zu schätzen weiß, ist hier durchaus gut aufgehoben.
„Ich kann immer noch nicht singen und spiel jetzt bei Rock am Ring“, shoutet Monchi selbstironisch. Bei Treffen mit einstigen Schulkollegen erntet er heute Kopfschütteln. „Manche von denen können fünf Instrumente gleichzeitig spielen. Davor habe ich extremen Respekt, aber im Endeffekt treten sie immer vor denselben 50 Leuten auf. Und dann komme ich dicker Bastard mit meinen Festivalgeschichten. Ich kann verstehen, dass sich die denken: Was? Der?!? Wie unfair! Und ich denke: Ja, schon irgendwie hart. Aber auch geil!“
Feine Sahne Fischfilet schlagen zwischendurch auch andere Töne an. Mit „Niemand wie ihr“ singt Monchi seinen Eltern ein Liebeslied – sie hatten einst 23.000 Euro aufgebracht, nachdem er als ­19-­jähriger Fußball-Hooligan beim Abfackeln eines Polizeiautos erwischt worden war. „Angst frisst Seele auf“ wiederum ist ein Mutmacher-Song, der weniger durch ­Rainer Werner Fassbinder als vielmehr durch Katharina König inspiriert wurde, eine Politikerin der Linken und enge Freundin des Sängers.
Die Naziband Erschießungskommando hatte 2016 einen an König gerichteten Mordaufruf in Liedform veröffentlicht. „Sie hat es mir geschickt und gesagt, dass sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Ich bin echt nicht nahe am Wasser gebaut, aber das war wirklich räudig“, erzählt Monchi. „Drei Minuten lang geht es darum, wie sie abgeschlachtet wird. ‚Angst frisst Seele auf‘ ist unsere Antwort. Unabhängig von der Entstehungsgeschichte können da sicher viele Leute etwas reininterpretieren. Aber bei Katharina zu sitzen und ‚wir haben da etwas für dich‘ zu sagen, war echt der Hammer. Genau um so was geht es mit der Band.“
Was die nähere Zukunft an politischen Entwicklungen im Rechtsruck-Europa bringen wird? „Es ist räudig, und es wird noch viel, viel räudiger“, meint Monchi plastisch drastisch. „Nur ist es genau jetzt nicht an der Zeit, den Kopf hängen zu lassen. Klar ist man mal mutlos und hat Angst. Aber: Davon nicht lähmen lassen! Nach vorne!“

Wie passt das denn zusammen, Sauflieder und politische Reflexion?
Monchi: Man hat ja Widersprüche in sich. Ich lese auch mal ein Buch, aber manchmal pisse ich mich beim Saufen an. Es gibt nicht nur das eine, und ich finde es komisch, das vorzugeben. Feiern, Bock auf Leben und nicht alles zerdenken gehört genauso dazu. Klar ist es nicht gerade eine Masterarbeit, „ich scheiße vor eure Burschenschaft“ zu sagen. Aber es ist bestimmt ein geiles Gefühl, das im Suff zu zelebrieren. Und es gibt vielleicht auch wieder Kraft für die reflektierten Momente. Weil nur reflektieren, da würde ich kaputtgehen.
Jacobus North: Bei uns zieht sich diese Widersprüchlichkeit durch alles. Ich lese gerne mal eine Kunstzeitung, aber dann trinke ich wieder 15 Bier und weiß nicht mehr, wer ich bin.
Monchi: Ich hätte keinen Bock, die ganze Zeit nur zu saufen, aber ich hätte auch keinen Bock, ständig nur schlau zu labern. Es ist wichtig, da einen Ausgleich zu finden, das gibt einem auch Kraft.

Wie lange liegt Ihr letzter Vollrausch
denn jeweils zurück?
North: Was für eine gemeine Frage – zwei Tage. Der Abend nach dem ersten Konzert mit den Hosen war der mit den 15 Bier.
Monchi: Den letzten Vollrausch hatte ich zu meinem 30. Geburtstag, das war vor zwei Monaten.

Und das letzte gelesene Buch?
North: Ich lese gerade eines.
Monchi: Aber welches? Ha, er liest keines!
North: Doch, es ist in meinem Beutel, mir fällt nur der Titel gerade nicht ein.
Monchi: Meines ist „Ein deutsches Mädchen“ von Heidrun Benneckenstein, einer Neonazi-Aussteigerin. Ich habe es vor zwei Wochen gelesen, aber es ist nicht gut. 

Gerhard Stöger in FALTER 4/2018 vom 26.01.2018 (S. 32)

  Song-Titel
1.  Zurück In Unserer Stadt  
2.  Alles Auf Rausch  
3.  Angst Frisst Seele Auf  
4.  Schlaflos In Marseille  
5.  Zuhause  
6.  Alles Anders  
7.  Dreck Der Zeit  
8.  Ich Mag Kein Alkohol  
9.  Suruc  
10.  Wo Niemals Ebbe Ist  
11.  Wir Haben Immer Noch Uns  
12.  Niemand Wie Ihr  

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