Kinder Des Himmels

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Rezension aus FALTER 40/2008

Sein Block

Verzerrte Stimmen dringen aus Funkgeräten. Uniformierte Männer eilen umher. Mindestens acht Polizeibusse umstellen den Reumannplatz. Schaulustige drängen heran. Wo Polizisten eben noch genüsslich ihr Tichy-Eis geschleckt haben, herrscht hektische Aufbruchstimmung. Die Fans des polnischen Fußballteams Lech Posen sind gerade eingetroffen und machen sich mit Schlachtgesängen gegen die Austria auf den Weg zum Franz-Horr-Stadion. Nazar ist der Trubel nicht Unrecht, zumindest behauptet er das – immerhin lenke er von seiner Person ab. "Weißt du, eigentlich spazier ich untertags nur mehr selten über den Reumannplatz. Weil ich von den Kids dauernd wegen Autogrammen und Fotos angesprochen werde."
Dabei hat er auf den ersten Blick nichts Auffälliges an sich. Nazar, 24, trägt seine kurzen, schwarzen Haare leicht nach hinten gegelt. Ein dunkles Shirt bedeckt seine muskulösen, tätowierten Oberarme. Die Armani-Uhr sitzt perfekt. Ein junger Mann wie viele hier auf dem Reumannplatz, möchte man meinen. Doch Nazar ist ein aufgehender Stern am Street-Rap-Himmel.
Seit sein Debütalbum "Kinder des Himmels" im Juni erschienen ist, hat sich vieles für ihn verändert. Das neue Video läuft ständig auf MTV, die erste Auflage des Albums war in Deutschland innerhalb von nur einer Woche ausverkauft. Und in Favoriten, seinem Heimatbezirk, wird Nazar wie ein Held verehrt. Oder wie er selbst sagen würde: "übelst abgefeiert". Zahlreiche Nazar-Graffiti an den Wänden rund um den Reumannplatz zeugen davon. Die Jugendlichen lieben ihn vor allem wegen seiner Texte, die das vermeintlich raue Pflaster im Süden Wiens thematisieren. "Mein Bezirk war bis jetzt nur der Standort, wo gedealt wurde, Straßenfight, Kampfsport", rappt er in "Streetfighter Pt. 2". "Ich bringe Flammen über Wien, Junge, sag mir, wer jetzt schießt, wenn wir den Abzug ziehen", heißt es in einem anderen Track.
Ein urbaner Überlebenskampf, den der gebürtige Teheraner mit martialischen Wortsalven beschreibt. Und das in einer Stadt, die als eine der sichersten der Welt gilt. "Um es klarzustellen: Ich habe nie gesagt, dass ich ein Gangster bin oder dass es in Wien ein Ghetto gibt. Ich rappe einfach vom Straßenleben und der Kriminalität, mit der ich aufgewachsen bin", sagt Nazar. Dann legt er los, zeigt sein Favoriten.
Der Reumannplatz ist die erste Station der Tour zu den Schauplätzen seiner Jugend. Abgesehen von dem hooliganbedingten Polizeieinsatz ist es ein entspannter Spätsommertag an der U1-Endstation. Der Tichy hat noch einmal Hochkonjunktur, im Park wimmelt es von Spaziergängern. Früher sei das anders gewesen, erzählt der Rapper. "Da sind die Kinder nicht mit diesen Neon-Schwuchtelkapperln und Palitüchern herumgezogen. Der Zehnte war immer der Bezirk, in dem du gleich eine auf die Fresse bekommen hast, wenn du aus der U-Bahn heraufgekommen bist und dich deppert benommen hast." In seiner Jugend hätte er mit seinen Kollegen jede freie Minute hier verbracht, sagt er. Vom Läuten der Schulglocke bis zum Abendessen. Im Winter suchten sie in der U-Bahn-Station Unterschlupf. Bis zur großen Razzia. "Da wurden plötzlich Kameras in die Telefonzellen eingebaut und Fotos von uns gemacht. Und dann hat die Polizei an einem Tag 600 Briefe rausgeschickt, wir wurden alle vorgeladen."
Aber heute sei das alles vorbei. Zumindest für ihn. Er könne jetzt offen darüber reden, denn mit dem Straßenleben habe er mittlerweile abgeschlossen. Ganz und gar. Nicht etwa, weil er als aufsteigender Stern im Geld schwimmt. Sondern weil er, wie er sagt, einfach älter und verantwortungsbewusster sei als früher. Seine teils gewaltverherrlichenden Texte versteht er als eine Art Selbsttherapie. Eine Aufarbeitung seiner Jugendsünden.
Geboren wurde Nazar im Iran. Sein Vater starb im Golfkrieg. Als er drei war, flüchtete seine Mutter mit ihm und dem älteren Bruder erst in die Türkei, dann weiter nach Österreich. Über die erste Zeit in Traiskirchen weiß Nazar nur mehr wenig, erst mit dem Einzug der Familie im Karl-Wrba-Hof am Wienerberg tauchen Erinnerungen auf. "Damals hat es in dem Block nur sehr wenige Ausländerfamilien gegeben. Ein Chilene und ich, wir waren die einzigen Nichtösterreicher in unserer Volksschule." Freunde fand Nazar später im Jugendzentrum des Karl-Wrba-Hofs. Dort trafen sich damals alle ausländischen Kids aus Favoriten. Das Highlight sei ein ausrangierter Tramwaggon inmitten einer Disco gewesen. Nachts ist er oft aus dem Fenster seines Zimmers geklettert, um dort mit Kollegen zu feiern. "Wir haben gemeinsam Sport gemacht, die erste Zigarette geraucht, das erste Mal Gras probiert, zusammen Drogen verkauft und letztlich leider auch begonnen, Einbrüche zu begehen", sagt er. "Man wächst in so einer Siedlung mit dem ganzen Ding mit. In dieser Umgebung kannst du dir die Freunde nicht aussuchen", erinnert sich Nazar. "Und wenn du jung und richtig bescheuert bist, wie ich es war, dann passt dir das auch ganz gut."
Heute ist das Jugendzentrum Wie­nerberg, wo alles begann, geschlossen. Die Eisentür ist verriegelt, die Fenster vernagelt. Nur vereinzelte Graffiti verraten, dass hier mal ein Jugendtreffpunkt war. Nazar klärt auf: Das Zentrum habe immer mehr Kriminelle angelockt. Und als das Lokal in eine Drogenberatungsstelle umgebaut werden sollte, haben die Hofbewohner Alarm geschlagen. All das hat der Rapper aber nur aus zweiter Hand. Er selbst wohnt seit fünf Jahren nicht mehr hier. Und möchte auch nicht mehr zurück.
Als Nächstes führt er zum ÖBB-Areal. In den heruntergekommenen Straßen hinter dem Frachtenteil des Südbahnhofs hing Nazar früher gelegentlich mit seinen Kollegen herum – ein Ort, der das Klischee des Street-Rappers hervorragend bedient. Matschige Erde, blanker Beton, wild wucherndes Unkraut. Verfallene Backsteinhäuser mit der Aufschrift "Einsturzgefahr. Betreten strengstens verboten".
Was früher Nazars Revier war, dient heute als Treffpunkt für das vereinbarte Foto­shooting. Murat Aslan, Deutsch-Türke aus Berlin, 25, derzeit beliebtester Fotograf der deutschen HipHop-Szene, lichtet heute Nazar ab wie sonst etwa Sido oder Frauenarzt. "Bitte nicht von links, da überm Auge hab ich grad drei Einschusslöcher", scherzt Nazar und zeigt auf seine gut überschminkten Wimmerln. Vor dem Objektiv erweist sich der junge Rapper als alter Hase. Herschauen, wegschauen. Arme verschränken, Hände reiben. Murat sagt's, Nazar macht's. Die Posen kommen so geschwind, als hätte Nazar schon etliche Shootings hinter sich.
In Sachen Professionalität habe er eben viel in Berlin gelernt, sagt er anschließend in einem Café in der Nähe seiner Wohnung am Otto-Probst-Platz. Murat Aslan und er hätten sich an der Spree kennengelernt. Der Street-Rap-Veteran Azad, auf den er vor zwei Jahren gestoßen ist, habe ihn zum Texten inspiriert und gehöre zu seinen großen Helden, sagt er. Godsilla, Kaisa, Frauenarzt und andere böse Buben aus Berlin-Kreuzberg – Nazar kennt sie alle, seit er vergangenes Jahr in der deutschen Hauptstadt sein Album aufnahm. Viele von ihnen haben für "Kinder des Himmels" auch Wortspenden beigesteuert.
Aber hat man den Favoritner im großen Berlin gleich ernst genommen? "Klar, weil die auch mal Bock auf was Frisches haben", sagt er. "Außerdem unterscheidet sich Wien 10, wo ich aufgewachsen bin, nicht wesentlich von Kreuzberg. Bei uns haben die Jungs genau so breite Oberarme, schlagen genauso fest zu und verkaufen Koks mit der gleichen Stärke." Und doch käme ein Umzug an die Spree für ihn nicht infrage. Nazar hat oft darüber nachgedacht. Gerade in der Phase, als sein Video die MTV-Charts nach oben hüpfte und der Neid in Wien entsprechend überbordete. Dabei habe er in seinen Battle-Raps nie jemanden direkt angegriffen, beteuert er. Und vom letzten Versuch eines Umzugs in die deutsche Hauptstadt habe ihn die Krankheit seiner Mutter abgehalten.
Jetzt will Nazar überhaupt nicht mehr nach Deutschland gehen, sondern stattdessen der hiesigen Szene und den jungen Rappern etwas zurückgeben. Ihnen zeigen, dass man auch als "Schwarzkopf" in Österreich international durchstarten kann, wie er sagt. Und ganz nebenbei fügt er hinzu, dass es da ein laufendes Gerichtsverfahren gebe, weswegen er ohnehin nicht ausreisen dürfe.
Es war eine Geschichte, die ihm erstmals Schlagzeilen in Boulevardmedien brachte ("Wiener Rapper drohte mit Pistole", titelte die Kronen Zeitung). Sie passt anscheinend perfekt zum Image des bösen Street-Rappers. Ein eifersüchtiger Kollege habe versucht, ihm einen Raubüberfall anzuhängen, berichtet Nazar. Er habe ihn am Haustor abgefangen, dann kam es zur Rauferei. Und dann hieß es, Nazar hätte ihn überfallen. Letztlich konnte der Rapper aber vor Gericht beweisen, dass es sich bei dem Zwischenfall "nur" um Körperverletzung handelte. Nach fünf Wochen Untersuchungshaft in der Justizanstalt Josefstadt im Mai wartet nun die Verhandlung auf ihn. "Mein Anwalt sagt, dass es gut für mich aussieht. Ich stehe zu dem, was ich ausgesagt habe. Und dafür werde ich auch bestraft werden."
Nach dieser Episode ist Nazar vorsichtig geworden, was seine Privatsphäre betrifft. Seinen echten Namen beispiels­weise möchte er nicht in der Zeitung lesen. "Als mein Name mal bei einer Story im Bravo ­gefallen ist, hatte ich sofort 14 ­anonyme Anzeigen. Weil alle denken, ich sei in­zwischen Multimillionär." Das ist der selbsterklärte ­Meister der Straßenprovokation sicher nicht – auch wenn er mit Stolz sagt, dass er mittlerweile von seiner Musik leben kann. Und nicht nur das: Mit der ­Wiener ­Produktionsfirma Golden Girls plant er ­einen ­Kinofilm über sein ­Leben. Für die Grünen möchte er sich in der ­kommunalen Politik starkmachen. Und mit seinen Texten will er hoch, oder zumindest höher, hinaus. "Um ehrlich zu sein, mein Wortschatz ist schon wesentlich größer, als es meine Texte vermuten lassen. Meine ­Hörer sind aber halt auch nicht Leute, die den Standard lesen." Zumindest noch nicht.

Florian Obkircher in FALTER 40/2008 vom 03.10.2008 (S. 43)


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