Der Fall des Präsidenten

Thriller
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FALTER-Rezension

„Eigentlich bin ich proamerikanisch“

Mit 1,8 Millionen verkauften Exemplaren seines Technikthrillers „Blackout“ war Marc Elsberg einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der vergangenen Jahre. Das Schöne daran: Der Erfolg ist gerechtfertigt. Der Wiener ist der rare Fall eines redlichen Bestsellerautors, der Unterhaltung mit Haltung verbindet und aus dessen Büchern man mitunter auch etwas lernen kann.

Nun führt er mit „Der Fall des Präsidenten“ schon wieder die Bestsellerliste an. Der neue Roman basiert auf ausgiebigen Recherchen und umfasst ziemlich viel trockene juristische Materie, allerdings eingebunden in einen packenden Politthriller-Plot. Das Interview fand bei einem Spaziergang durch die Höfe des Alten AKH in Wien statt.

Falter: Herr Elsberg, die Reichen werden immer reicher, die Mächtigen mächtiger. Für ihr Handeln verantworten müssen sie sich nur in Ausnahmefällen. In Ihrem Roman ist es anders. Da wird ein Ex-US-Präsident verhaftet, weil ihm der Internationale Strafgerichtshof (ICC) Kriegsverbrechen vorwirft. Haben Sie sich beim Schreiben gedacht: Ha, denen zeig ich’s?

Marc Elsberg: Vielleicht liegt es auch in der Natur des Krimis und Thrillers. Das sind sehr konservative Genres, in denen am Ende die Ordnung wiederhergestellt sein soll. Ich bin während des Schreibens oft im Wickelwackel: Wie lasse ich es ausgehen? Zu solchen Geschichten gehört ein Mindestmaß an positiver Aussicht. Aber ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Es geht in meinem Roman ja nicht endgültig gut aus.

Sie werden als Autor von Wissenschaftsthrillern gerühmt, der aktuelle Themen und Szenarien wie einen großen Stromausfall top recherchiert in Romanform („Blackout“) aufbereitet. Aber es schwingt immer auch etwas anderes mit. Kann es sein, dass Sie im Grunde ein Moralist sind?

Elsberg: Die Idee des Geschichtenerzählens war immer, eine Form von Moral zu transportieren. Ganz kann man sich dem nicht entziehen. Natürlich habe ich bestimmte Haltungen. Ich finde es auch nicht problematisch, wenn das rauskommt. Ich versuche aber, verschiedene Positionen abzubilden. Auch Haltungen, mit denen ich nicht unbedingt einverstanden bin, möchte ich nicht von vornherein denunzieren, weil sie womöglich ihre Berechtigung haben. Man kann dem so genannten Krieg gegen den Terror der USA und ihrer Verbündeten diverse Dinge vorwerfen. Auf der anderen Seite ist so eine Situation nie nur schwarzweiß. Jemand, der Drohnenschläge befiehlt, mag dafür gute Gründe haben. Diese Ambivalenz kann man schon aufzeigen.

Juristerei ist als trockenes Thema verschrien, der in Den Haag angesiedelte Internationale Strafgerichtshof dürfte vielen gar nicht bekannt sein. Was hat Sie an dem Stoff gereizt?

Elsberg: Es ist nicht nur trockene Materie, sondern oft auch unverständlich. Gerade für das Internationale Recht gilt das. Etwas, das in anderen Rechtssystemen eine Straftat ist, ist es in diesem Kontext mitunter nicht. Aber das Thema Recht gibt spannende Geschichten her. Nicht umsonst ist John Grisham mit seinen Justizthrillern so erfolgreich geworden. Mich haben internationale Rechts- und Verantwortungsfragen interessiert, weil sie in einer globalisierten Welt immer wichtiger werden.

Das Krimigenre bricht das meist auf regionale Strukturen runter.

Elsberg: Genau. Es geht zum Beispiel um Menschenhandel, aber zuständig ist die Kommissarin vor Ort. Ich fand es spannend, das einmal auf internationaler Bühne zu behandeln. Der ICC kommt in der Spannungsliteratur bis jetzt so gut wie nicht vor, vielleicht kennen ihn auch deshalb die Leute nicht. Das Krimigenre ist oft nicht sehr zeitgemäß. Die Ermittler rennen immer noch potenziellen Verdächtigen nach, statt einfach mal auf deren Handydaten zu schauen.

„Der Fall des Präsidenten“ ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte. Eine junge Juristin nimmt es darin quasi im Alleingang mit einer Weltmacht auf. Da geht es nicht mehr nur um Recht, sondern um Macht.

Elsberg: Das ist einer der archetypischen Erzähltopoi, auf den man gerade als Krimi- und Thrillerautor sehr gern zurückgreift. Ein unterlegener Ermittler muss gegen jemand Übermächtigen vorgehen. David hat Goliath aufgrund überlegener Technologie besiegt, denn er hatte seine Steinschleuder. Beim „Präsidenten“ spielen auch Geschick, Glück und andere Dinge rein. Wichtig ist, dass überhaupt Regeln und Gesetze existieren, die es ermöglichen, einen Übermächtigen anzuklagen.

Wobei die USA den ICC gar nicht akzeptieren. Wie kommt das?

Elsberg: Die haben das Ende der 1990er zwar unterschrieben und sollten es später ratifizieren. Aber dann kam 9/11. Mit allen Folgen, die wir kennen, darunter Folterungen und schwarze Gefängnisse. Den Amis war relativ schnell klar, es könnte sie in Schwierigkeiten bringen, den ICC zu unterstützen. Darum haben sie die Unterschrift zurückgezogen. Als Nicht-Unterstützer finden sie sich in guter Gesellschaft, etwa mit dem Iran oder Nordkorea.

Man lernt auch etwas aus Ihren Büchern. Was ist der ASPA?

Elsberg: Der American Service-Members’ Protection Act. Ein faszinierendes Ding! Da haben die Amerikaner zuerst beschlossen, dass sie die Zuständigkeit dieses Internationalen Strafgerichtshofs für US-Bürger nicht anerkennen. Und mit dem folgenden Gesetz, dem ASPA, haben sie sich selbst die Erlaubnis gegeben, alle Mittel, auch Gewalt, anwenden zu dürfen, wenn der ICC einen US-Bürger verfolgen oder gar festnehmen sollte.

Die USA kommen in Ihrem Roman also nicht allzu gut weg. Drüben würde man wohl sagen: Der Verfasser dieses Buches ist ein Amerika-Feind.

Elsberg: Gerade in der gegenwärtigen Lage findet man in den USA sicher beides: Leute, die dem Roman zustimmen, und solche, die mich ganz klar für einen Amerika-Hasser halten. Es gibt auch schon Reaktionen von Europäern, die in die Richtung gehen. Dabei bin ich eigentlich proamerikanisch. Die USA sahen sich einmal gewissen Werten verschrieben, ja sie sehen sich immer noch so, bloß handeln sie anders. Heute befehlen ihre Präsidenten Folterungen. Einst wurden die Menschenrechte durch die ehemalige First Lady Eleanor Roosevelt mitbegründet. Die würde sich heute im Grab umdrehen. Genauso wie viele Amerikanerinnen und Amerikaner, die gegen die Nazis in den Krieg gezogen sind.

Vor genau zwölf Monaten waren Sie in den USA, um für den Roman zu recherchieren. Dann grätschte Corona rein. Wie haben Sie das letzte Jahr erlebt?

Elsberg: Ich bin in Österreich direkt im Lockdown gelandet. Für einen Autor, der den ungeheuren Luxus genießt, vom Schrei-ben leben zu können, war’s nicht so viel anders. Ich sitze immer zuhause und schreibe. Jetzt bin ich eben noch mehr zuhause gesessen. Normalerweise bin ich relativ oft unterwegs, weil mich Industrie und Politik zu Vorträgen und Diskussionen einladen. Das ist weggefallen.

Anfangs meinten einige, die Pandemie könnte auch Positives bewirken. Stichwort: Solidarität. Inzwischen sieht es wieder sehr düster aus.

Elsberg: Die Voraussagen, dass es in unserer Gesellschaft einen Wandel zu mehr Kooperation geben wird, habe ich von Anfang an nicht geglaubt. Natürlich wäre es eine höchst sinnvolle Entwicklung, wie ich in meinem letzten Roman „Gier“ zeige. Aber so einfach ist das nicht. Solidarität wird eine Zeit lang gehalten, solange die Grundbedürfnisse zufriedengestellt sind. Doch irgendwann bröckelt sie. Gerade hier wäre die Politik sehr wichtig. Sie könnte helfen, Solidarität zu befördern. Die Frage ist, ob es die Verantwortlichen können und überhaupt wollen.

Haben Sie eine Antwort darauf?

Elsberg: Diese Ideologie des unbegrenzten Wettbewerbs und Egoismus der vergangenen Jahrzehnte, die von manchen immer noch weitergetragen wird, war sicher nicht hilfreich. Obwohl da in den letzten Jahren ohnehin ein gewisser Wandel erkennbar ist.

Wie sieht es mit dem Kulturbereich
aus? Sie wären bestimmt ein guter Campaigner.

Elsberg: Ich weiß nicht, ob ich der Richtige wäre. Ich bin halt der, der es selber nicht braucht. Das hätte einen Hautgout von „mit vollen Hosen ist leicht stinken“. Wobei es für jene, denen es schlecht geht, auch schwer ist, aus der ihnen zugeschriebenen Opferrolle heraus zu argumentieren. Aber ja: Ich bin absolut dafür, dass Kultur viel mehr unterstützt und gefördert wird, nicht nur in Krisenzeiten und nicht nur die ohnehin erfolgreichen großkulturellen Institutionen.

Braucht es mehr Förderungen oder vielleicht auch ein Grundeinkommen?

Elsberg: Das wäre eine ganz eigene Diskussion. Das Grundeinkommen ist ein möglicher Wohlstandsverteilungsmechanismus von vielen. Ob es bedingungslos sein soll, weiß ich nicht. Kooperation basiert immer auf Reziprozität. Der Kulturbereich ist wahrscheinlich mit am meisten betroffen von der Spaltung der Gesellschaft. In der Literatur gab es vor 30 Jahren noch eine Mittelgruppe mit einem Einkommen wie ein durchschnittlicher Angestellter. Die ist inzwischen praktisch verschwunden. Die Verlage müssen mit den paar wirklich erfolgreichen Büchern den ganzen Rest quersubventionieren und hoffen, dass daraus neue Superstars wachsen. Es wird in dem Geschäft immer schwieriger, ein normales, bürgerliches Leben mit durchschnittlichem Einkommen zu führen.

Sie haben selber lange gebraucht, ehe Sie von Ihren Büchern leben konnten. Wie wurde aus dem Werber Marcus Rafelsberger der Bestsellerautor Marc Elsberg?

Elsberg: Ich komme ursprünglich aus der Bildecke und habe auf der Angewandten zumindest angefangen zu studieren. Als Österreich 1995 der EU beigetreten ist, bin ich nach Hamburg gegangen. Das war damals das Mekka der deutschsprachigen Werbung. Zu der Zeit habe ich auch zu schreiben begonnen. Mein erstes Buch war eine Politsatire, inspiriert vom Aufstieg Jörg Haiders. Das war nicht ganz mein Genre, aber ich hatte Blut geleckt. Dann habe ich es mit Krimis versucht, auch mit eher mäßigem Erfolg. Das lief lang neben der Werbung.

Und irgendwann haben Sie sich gesagt: Es gehört ganz anders gemacht und ein anderer Name muss her?

Elsberg: Das ging Hand in Hand. Mein damaliger Agent sagte zur Idee von „Blackout“, dass das nicht ins Programm des Verlags passe. Es war zu international, zu groß. Und anderes. Da wollte ich es erst recht wissen. Gleichzeitig habe ich meinen Taufnamen ein bisschen abgekürzt. Ich gebe zu, ich habe irgendwo gelesen, dass Namen von Bestsellerautoren oft dreisilbig sind: Stephen King, John Grisham. In das Schema passt Marc Elsberg hinein.

Jetzt kehren Sie an die Angewandte zurück und unterrichten dort Storytelling. Was unterscheidet Ihren Ansatz von Schreibschulen?

Elsberg: Ein Unterschied ist, dass ich nicht mit aspirierenden Autorinnen und Autoren arbeiten werde, sondern mit angehenden Grafikerinnen, Künstlern und Architektinnen. Letztendlich geht es aber immer darum, seinen eigenen Weg zu gehen. Sonst könnte man das Zeug von Computern ­schreiben lassen. Was man früher Groschenromane nannte, wird in ein paar Jahren womöglich eine künstliche Intelligenz produzieren können. Die eigene individuelle Erfahrung macht erst was Interessanteres daraus. Die muss man entwickeln. Man muss vielleicht auch die üblichen Regeln brechen. Dazu sollte man sie aber kennen. Ich habe mich schon in der Werbung intensiv mit Theorien und Mustern des Geschichtenerzählens auseinandergesetzt. Oft hat man ein Bild im Kopf und weiß nicht, was man damit anfangen soll. Dafür braucht es Theorien und Wissen. Danach kann man wieder auf die Intuition zurückfallen.

Welches Bild hatten Sie beim Schreiben des „Präsidenten“ im Kopf?

Elsberg: Es war kein Präsident in Handschellen, sondern ein Kind in Angst. Das war das treibende Bild, das mich beim Thema Kriegsverbrechen verfolgt hat: jemand, der völlig wehrlos und unschuldig zum Handkuss kommt.

Sebastian Fasthuber in Falter 12/2021 vom 26.03.2021 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 4250938700008
Erscheinungsdatum 01.03.2021
Umfang 608 Seiten
Genre Belletristik/Krimis, Thriller, Spionage
Format Hardcover
Verlag Blanvalet
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