Café Drechsler

von Café Drechsler

Derzeit nicht lieferbar

Label: Emarcy
Erscheinungsdatum: 14.07.2003

Rezension aus FALTER 26/2002

Groove unplugged

Café Drechsler ist nicht nur der Name eines Wiener Kaffeehauses, sondern auch des heißesten Dancefloor-Trios der Stadt. Das Besondere an den drei Musikern: Ihr unvergleichlicher Groove kommt rein akustisch zustande.

Der kürzeste Auftritt des Café Drechsler fand vor ein paar Monaten in einer Wiener U-Bahn statt. Nachdem sich die drei Musiker wochenlang um alle möglichen Genehmigungen bemüht hatten, bestiegen sie mit ihren Instrumenten einen der silbernen Waggons und legten los - zum Wohlgefallen der überraschten Fahrgäste. Doch nach zehn Minuten hieß es Ende der Vorstellung: Ein Polizist tat seine Pflicht und verwies die drei Herren an Saxophon, Kontrabass und Minischlagzeug des Zuges. Der kurze Gig in der Wiener Untergrundbahn entsprach durchaus dem Konzept des Trios: an ungewöhnlichen Orten auf gleicher Ebene mit dem Publikum rein akustisch Musik zu machen und so die Umgebung möglichst in einen vibrierenden Tanzboden zu verwandeln.

Gefunden haben sich die drei Musiker durch Zufall: Ein angehender Toningenieur musste für seine Diplomarbeit Aufnahmen machen und lud sich Alex Deutsch, Ulrich Drechsler und Oliver Steger ein, die noch nie im Trio miteinander gespielt hatten. Dennoch klappte das spontan organisierte und improvisierte Zusammenspiel auf Anhieb. Und weil der Toningenieur dem Cover der Demo-CD den Schriftzug des Café Drechsler verpasste, hatte man auch gleich einen passenden Namen. Das war vor zwei Jahren. Seitdem bescheren Dutzende von Auftritten in Wiener Cafés und Bars dem Trio eine wachsende Fangemeinde.

Die bislang hingegen eher bescheidene mediale Resonanz mag damit zusammenhängen, dass sich die Musik der Band nicht wirklich zuordnen lässt. Galt für den No-Wave-Gitarristen James "Blood" Ulmer "Jazz is the teacher, funk is the preacher" als Motto, so kommen beim Café Drechsler noch etliche andere Berater hinzu: Drum 'n' Bass, TripHop, selbst Minimal Music. Daraus machen die drei Musiker eine eigenständige Groove-Melange, die jedenfalls rein akustisch erzeugt wird und ordentlich in die Beine fährt. Mit stilistischen Selbstbeschreibungen tun sich im Übrigen auch die drei Musiker schwer. Vor wenigen Tagen sind sie als Eröffnungsband bei einem Trash-Metal-Hardcore-Fest am Millstätter See aufgetreten. "Da sind wir mit Erstaunen zur Kenntnis genommen worden", erinnert sich Saxophonist Ulrich Drechsler. Und Schlagzeuger Alex Deutsch zitiert einen Zuhörer, der nach dem Konzert meinte: "Des war leiwand. Und gar ka Jazz. Weil Jazz pack i überhaupt net."

Wenn auch nicht immer hörbar, so ist der Jazz durchaus der gemeinsame Hintergrund des Café Drechsler: Alex Deutsch spielte acht Jahre lang als gefragter Jazzdrummer in den USA mit allen möglichen Größen des Fachs. Er unterrichtete aber auch am Jazzkonservatorium in Graz, wo er Lehrer des in Hamburg aufgewachsenen Saxophonisten Ulrich Drechsler war. Der wiederum bildet heute mit dem Kontrabassisten Oliver Steger ein gemeinsames Duo, das der Musik von Thelonious Monk gewidmet ist. Außerdem spielen die beiden im Quartett Poesis, das mit einer gelungenen Bearbeitung von Schuberts "Winterreise" hat aufhorchen lassen.

Im Café Drechsler freilich klingt viel anderes durch, zum Beispiel Oliver Stegers Leidenschaft für Drum 'n' Bass. Entsprechend ostinat sind seine hypnotischen Basslinien, die doch stets minimalistisch variiert werden. Das Spiel von Alex Deutsch wiederum ist nachhaltig von den Beats der elektronischen Tanzmusik geprägt - was er freilich aus seinem Minischlagzeug herausholt, lässt jeden Drumcomputerprogrammierer erblassen. Und der R&B-geschulte Ulrich Drechsler am Saxophon weiß, dass Intensität auch in Wiederholung und Variation liegen kann. Nur das Grundprinzip des Café Drechsler ist dem Jazz entlehnt: Alles ist improvisiert beziehungsweise in Echtzeit komponiert.

War angesichts des anhaltenden DJ-Booms schon zu befürchten, dass echte Musiker mit echten Instrumenten einer aussterbenden Spezies angehören, so gibt das Café Drechsler jedenfalls wieder Hoffnung, dass die Zukunft der Clubmusik doch nicht allein den Plattenspielerspielern gehört. Dennoch hat man auch das Ziel, "Tracks zu spielen, die man in einem Club auflegen kann", wie Alex Deutsch bekennt. Und wohl auch deshalb gibt es nach einer inoffiziellen und so gut wie vergriffenen Live-CD, die sehr jazzig und funkig daherkommt, demnächst ein erstes richtiges Album.

Das improvisatorische Herstellungsprinzip blieb indes dasselbe: "Wir haben innerhalb von zwei Tagen vierzig Nummern aufgenommen, praktisch ohne jedes vorgefertigte Material. Dann wurden einfach die besten dreizehn genommen", erzählt Ulrich Drechsler von der Produktion. Zusätzlich hat sich das Trio einige Mitmusiker wie die Sängerin Orieta Pires oder den Perkussionisten Cheikh M'Boup eingeladen, die ebenfalls Spontaneität beweisen mussten - bis hin zu den Texten. Entsprechend weit reicht das Spektrum der Tracks: von typischen Café-Drechsler-Nummern über innovativen Brasil-Pop bis hin zu einem potenziellen Sommer-Dancefloor-Hit ("You don't get it").

Ob die CD, die hierzulande ab 1. Juli und im übrigen Europa ab September im Handel sein wird, am sympathischen Untergrunddasein des Café Drechsler mit Konzerten in der U-Bahn, Cafés und Bars der Stadt etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Alex Deutsch jedenfalls ist skeptisch, denn "je näher wir bei den Leuten sein können, desto lieber ist es uns". Das Trio sei halt nun einmal keine bühnenaltarfetischistische Stadionband, sondern eine Clubband. "Und wenn wir jemals im Konzerthaus spielen sollten", ergänzt Ulrich Drechsler, "dann nur, wenn sie vorher die Sitzreihen rausreißen. Damit die Abonnenten tanzen können."

in FALTER 26/2002 vom 28.06.2002 (S. 62)


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