THE LIFE AND MUSIC OF RICHARD

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Rezension aus FALTER 14/2006

Folkrock in XXXL

Wenn ein Mann jenseits der fünfzig, der sein schütter gewordenes Haar bei Konzerten gern mit Baseballkappen, Baretten und anderen Seltsamkeiten bedeckt, den Britney-Spears-Hit "Oops I Did It Again" covert, dann hat er entweder ein gröberes Problem in Sachen Selbstwahrnehmung oder sehr viel Humor. Auf den 1949 in London zur Welt gekommenen Richard Thompson trifft fraglos Zweiteres zu. Thompson begann seine ungeheuer produktive musikalische Karriere als blutjunger Leadgitarrist der Folkrockpioniere Fairport Convention und brachte in den Siebzigerjahren - neben Soloprojekten - eine Reihe von Alben mit seiner Frau Linda heraus, eine fruchtbare Kooperation, die mit dem grandiosen "Shoot Out the Lights" und der Scheidung des Ehepaars zu Ende ging.

Auch wenn CD 2 eine Art "Best of" enthält und 17 der dreißig (per Umfrage erhobenen!) besten R.T.-Songs enthält, nähert sich die fünf CDs umfassende Box "The Life and Music of Richard Thompson" (Free Reed/Lotus) dem Phänomen eher von der Maschekseite. Die von Nigel Schofield zusammengestellte und mit einem fast erschreckend informations-und kenntnisreichen Booklet versehene Kompilation geht zum Beispiel nicht chronologisch, sondern thematisch vor. Auf CD 1 wird Thompsons Welt mit Klassikern und Obskuritäten abgesteckt, sodass sich kleine Gruppen ergeben: etwa zum Thema "Hochzeit", zur Metapher des Seiltanzens oder zur hoffnungslosen Lage eines Kindes, mit der sich zwei düstere bis ultragrimmige, nichtsdestotrotz aber musikalisch berückende Songs befassen.

Thompson ist ein grandioser Story-Teller, der auch gerne in entlegene Rollen schlüpft. Darüber hinaus ist er, schenkt man Nick Hornby Glauben, "England's finest electric guitarist" - ein Aspekt, dem vor allem CD 3 mit ihren epischen Liveaufnahmen Rechnung trägt (wer etwa die aktuelle, nachgerade handzahme Einspielung der Cinemascope-Ballade "Calvary Cross" durch Tortoise & Bonnie Prince Billy kennt, soll sich zum Vergleich dazu diese Version von 1986 anhören).

Auf rund 340 Minuten breitet die vor allem auf unveröffentlichtes Material aus den 1980er-, 1990er-und 2000er-Jahren zurückgreifende Box den musikalischen und mythologischen Kosmos eines Musikers aus, dessen Spektrum zwischen Sarkasmus und Empathie, Ironie und Melancholie seinesgleichen sucht: Sie kann durchaus auch als Einstieg verwendet werden, entbindet freilich nicht vom Erwerb der Originalalben.

Klaus Nüchtern in FALTER 14/2006 vom 07.04.2006 (S. 68)


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