STRAWBERRY JAM

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Rezension aus FALTER 38/2007

Ein waberndes Etwas

Schlafende Bären soll man bekanntlich nicht wecken. Die Herren Avey Tare und Geologist, ihres Zeichens fünfzig Prozent der New Yorker Band Animal Collective, kennen da aber weder Furcht noch Erbarmen. Und so wird ihr Kollege Panda Bear – bürgerliche Namen tun nichts zur Sache – gnadenlos aus dem Dämmerschlaf gerissen, als der Falter zum Gespräch vorstellig wird. Man ist schließlich ein Kollektiv – und wer gerade vor Ort ist, muss auch mitreden.
Eigentlich sind Animal Collective zu viert, ein junger Mann namens Deakin komplettiert die Besetzung der stilistisch wandlungsfähigen und mit Begriffen wie "Weird Folk", "Psychedelikrock", "Free Noise" oder "Future Pop" behelfsmäßig beschriebenen Gruppe, die seit Jahren als eine der spannendsten Bands unserer Zeit gilt. Dass sie bei ihrem ersten Wienbesuch Ende Juli nur zu dritt auftauchten, ist nichts Außergewöhnliches. Zwei der vier Musiker genügen laut Panda Bear als Mindestanforderung dafür, unter dem Namen Animal Collective zu agieren. Avey Tare führt etwas genauer aus: "Das kollektive Arbeiten ist ein Schlüsselelement unserer Musik. Jeder von uns drückt ihr seinen individuellen Stempel auf, wobei es aber nicht darum geht, dass sich der Einzelne als Person verwirklicht, sondern dass kollaborativ gearbeitet wird. Ob das Kollektiv aus zwei, drei oder vier Personen besteht, ist im Endeffekt nicht so wichtig."
Den Wahrheitsbeweis dafür liefern Animal Collective, die analoges und digitales Instrumentarium ganz selbstverständlich kombinieren und bei aller Lust an der Improvisation den Song nie aus den Augen verlieren, wenige Stunden nach dem Gespräch auf der Bühne der Wiener Arena. "Das ist ein waberndes Etwas – aber ein tolles waberndes Etwas", urteilt eine Besucherin, die den Auftritt ohne einschlägiges Vorwissen, aber mit großer Begeisterung verfolgt. Fans wundern sich derweil, dass sie kaum einen der Songs wiedererkennen – und mutmaßen, dass im Konzert wohl schon das Material der übernächsten Platte zu hören sei.
Dass Animal Collective entgegen aller Businessregeln schon Wochen vor der Veröffentlichung eines neuen Albums – die ausgelassene und zugängliche kleine Popwundertüte "Strawberry Jam" ist erst jetzt im September erschienen – auf Tour gehen, ist ebenso typisch für die freisinnige Band wie die Tatsache, dass sie veröffentlichte Stücke nur selten live aufführt. "Das Material einer aktuellen Platte immer wieder live zu spielen, würde uns extrem langweilen", erklärt Avey Tare. "Um interessiert und enthusiastisch zu bleiben, müssen wir die Sache auf unsere Art angehen: Wir machen nur, was wir aufregend und spannend finden. Die Hauptmotivation liegt in unserer jeweils momentanen Energie und unseren jeweils aktuellen Überlegungen, wodurch wir uns naturgemäß ständig verändern und weiterbewegen."
Mit dieser unkonventionellen Art verkörpern Animal Collective das Gegenteil des gängigen Indierock-Bandmodells. "Natürlich gibt es eine Reihe klassischer Rock-'n'-Roll-Acts, die wir gut finden", sagt Geologist. "Eine Rückkehr zu den Wurzeln, wie sie etwa die Strokes und die White Stripes propagieren, finden wir auch cool, für uns selbst war das aber nie ein Thema, denn mit diesem archetypischen Rockgehabe konnten wir nie etwas anfangen. Wir hatten auch nie das Ziel, selbst Rockstars zu werden."
Die Popularität der Gruppe ist in den letzten Jahren dennoch konstant gestiegen, die Plattenverkäufe hinken der Menge an Konzertbesuchern bislang aber merklich hinterher. "Unser Publikum holt sich die Musik wohl zu beträchtlichen Teilen aus dem Netz", mutmaßt Geologist. Böse sei man deshalb aber niemandem. "Früher waren viele tolle Platten ausschließlich Sammlern und Freaks bekannt", sagt Avey Tare. "Heute kann sich jeder alles aus dem Internet holen – und teilweise hat die Downloadkultur bei allem Overkill sicher auch zu musikalischen Horizonterweiterungen geführt. Wächst du heute als Zwölfjähriger in Ohio auf, so bist du längst nicht mehr auf Mainstreammüll aus dem Radio angewiesen, sondern du kannst auch in der Provinz deutsche Krautrockbands aus den Siebzigern wie Neu! und Can entdecken."
Dass ihre Musik von Kritikern gerne mit Drogen in Verbindung gebracht wird, amüsiert Animal Collective. Man habe in jungen Jahren durchaus einschlägige Erfahrungen gemacht, man wolle darauf aber nicht reduziert werden. "Wer es dabei belässt, unsere Platten als Drogenmusik zu etikettieren, hat definitiv etwas missverstanden", sagt Avey Tare. "Es kann schon sein, dass unsere Herangehensweise an Musik durch gewisse Erfahrungen beeinflusst ist. Aber letztlich brauchst du keine Substanzen, die dich woanders hinbefördern, das kann auch die Musik selbst leisten."

So ist "Strawberry Jam", der Titel des neuen Albums, auch keine Referenz an die genau vierzig Jahre zurückliegende Drogen- und Psychedelikphase der Beatles ("Strawberry Fields Forever"). Man habe bloß ein Glas Erdbeermarmelade geöffnet, so die simple Erklärung, und mit einem Mal befunden, dass die eigene Musik doch idealerweise genau so klingen solle, wie diese Marmelade aussieht: synthetisch, futuristisch, süß – und wie eine Alienlandschaft. "Man muss keine Drogen nehmen, um ein psychedelisches Erlebnis zu haben", sagt Avey Tare lachend. "Es kann auch genügen, ein Glas Erdbeermarmelade aufzumachen.

Gerhard Stöger in FALTER 38/2007 vom 21.09.2007 (S. 66)


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