Tonight: Franz Ferdinand

von Franz Ferdinand

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Label: DOMINO RECORDS
Format: CD
Genre: Rock englischsprachig
Umfang: 12 Tracks, Gesamtspielzeit 42:19 Min.
Erscheinungsdatum: 08.01.2010

Rezension aus FALTER 4/2009

In Selbsthypnose

Der 15. Dezember 2005 stellt in der Geschichte der Wiener Stadthalle ein markantes Datum dar. An diesem Abend spielten Franz Ferdinand als erste Indieband ihrer Art – vier Männer mit Gitarren, die Erfolg haben, aber kein Majorlabel hinter sich – ein Konzert in jener Halle, die sonst den Tina Turners, Queens oder Semino Rossis vorbehalten ist.
Nachdem kurz zuvor das zweite Album, "You Could Have It So Much Better", erschienen war und der Hype sich auf dem Höhepunkt befand, zog das Quartett mit seinen ebenso zackigen wie vifen Songs nicht weniger als 6000 Zuschauer in den 15. Bezirk. Zudem spielte es sagenhaft gut.
"Erstaunlich. Mir war nicht bewusst, dass wir da eine Pioniertat vollbrachten", meint Alex Kapranos dazu. Der heute 36-jährige Frontman erinnert sich freilich an den Gig und an die intensive, wenn auch für die Protagonisten mitunter irritierende Hochphase der Band: "Von heute aus betrachtet war es eine verrückte Zeit. Wir sind bis Ende 2006 getourt, bis zur totalen Erschöpfung. Danach mussten wir ein wenig zur Ruhe zu kommen. Anders hätten wir kein neues Material schreiben können."
Das "ein wenig" im vorletzten Satz werden Fans der Schotten als schamlose Untertreibung empfinden. Franz Ferdinand haben sich de facto sehr lange sehr rar gemacht. Auf das neue, am Freitag erscheinende Album "Tonight: Franz Ferdinand" mussten sie dreieinhalb Jahre warten.
Man sei jedoch nicht untätig gewesen, betont Kapranos: "Wir haben nur ein paar Monate Pause gemacht und die Arbeit an der neuen Platte bereits im Frühjahr 2007 aufgenommen. Alles in allem haben wir uns eineinhalb Jahre Zeit gelassen, um zu experimentieren und zu sehen, wo der Sound sich hinbewegt. Wir wollten ihm erlauben, sich zu entwickeln, natürlich zu entstehen. Wie auf den ersten beiden Alben wollten wir nicht mehr klingen."

Anders ausgedrückt: Franz Ferdinand haben einfach so lange zugewartet, bis auch der letzte Gitarrenpopfreund ihrer zahlreichen Epigonen überdrüssig wurde und der Sound, den sie selbst mit Stücken wie "Michael" oder "Take Me Out" begründet hatten, sich gänzlich totgespielt hat.
Während manche Kollegen sich inzwischen bemühen, den Erwartungen der breiten Masse gerecht zu werden, und andere aus Überzeugung oder notgedrungen wieder die Undergroundfahne hochhalten, wollen Kapranos, Nick McCarthy, Bob Hardy und Paul Thomson beweisen, dass es auch einen dritten Weg gibt. Auf "Tonight: Franz Ferdinand", dem die super­enthusiastische Single "Ulysses" vorausging, klingen sie anders – und sind sich doch treu geblieben.
Der mit Spannung erwartete Songreigen zum Thema Nachtleben geriet ihnen denn auch weder zum Elektronik- noch zum Discoalbum, wie im Vorfeld getuschelt wurde. Es ist immer noch eine Rockband zu hören, wiewohl eine in Experimentierlaune und mit vielen alten Synthesizern.
"Wir haben nur sehr wenig programmiert", erklärt Kapranos zur Entstehung. "Wir wollten zwar mehr Elektronik verwenden, aber gleichzeitig auch den Vibe einer Liveband behalten. Nehmen wir den zweiten Teil von ,Lucid Dreams', wo das Stück nochmal abhebt. Das ist alles live. Wir haben dafür eine Drum-Machine verwendet, doch nur, um den Synthesizer zu triggern, den Nick und ich gespielt haben. Er hat die Tasten gedrückt, ich habe an den Schiebern und Filtern herumgemacht, Paul hat dazu diesen robotischen Part getrommelt."

Das klingt nach launiger Gruppentherapie. Manchmal, erzählt der Sohn eines griechischen Vaters und einer englischen Mutter, sei es der Band dabei gelungen, sich im Studio in Trance zu versetzen: "Wir haben einen Teil eines Songs geloopt und 30 Minuten lang ununterbrochen angehört. Das funktionierte wie Selbsthypnose. In dieser Verfassung haben wir uns hingestellt und diesen Teil nochmal eingespielt."
Oder Kapranos und McCarthy übten sich in der selten ausgeübten Disziplin des Ums-Mikrofon-Herumsingens. Eine Technik, die sie sich von den Fiery Furnaces abgeschaut haben.
Wenn man nun noch weiß, dass für den Percussion-Part zumindest an einer Stelle von "Tonight: Franz Ferdinand" menschliche Knochen herhalten mussten, klingt es, als wären unsere Helden durch den Ruhm ein klein wenig gaga geworden.
Immerhin haben sie davon abgesehen, mit dem Produzententeam Xenomania, wie ursprünglich geplant, gemeinsame Sache zu machen. Dieses zeichnet für die in Großbritannien beliebte Girlgroup Girls Aloud verantwortlich, für die Kapranos ein längst nicht mehr geheimes Faible hegt.
Beinahe schon wundersamerweise ist das Ergebnis der langwierigen Forschungen und zeitweiligen Ablenkungen ein über weite Strecken sehr gelungenes Album mit dreiminütigen Popsongs zum Tanzen.
All zu weit hat sich der Vierer von seiner ursprünglichen Mission, die Mädchen zum Tanzen zu bringen, also nicht entfernt. Nur "Lucid Dreams", das den rhythmischen Block des Albums beendet und die Brücke zu zwei Schlussballaden bildet, dauert mit acht Minuten deutlich länger.
Im angesprochenen ­Instrumentalteil tun Franz Ferdinand so, als wären sie Daft Punk. Hier dürfen die Buben tanzen. Es sind wohl diese Minuten, an denen sich die Geister am meisten scheiden werden.
Im Anfangsstadium seien mehrere Stücke überlang gewesen, erzählt Kapranos noch. Das lange Herumspielen im Studio habe sie nach und nach wieder verkürzt: "Im Grunde unseres Herzens ist es der Popsong, den wir lieben. Es war nur ein langer Destillations- und Editierprozess, um dorthin zu kommen. Als Arbeitsweise ist das keineswegs revolutionär. Nehmen wir doch James Brown. Die Originalversion von ,Sex Machine' von seiner Band The J.B.'s ist 15 Minuten lang, die Single nur die drei besten Minuten."

In manchen frühen Rezensionen von "Tonight: Franz Ferdinand" stand in Anspielung auf den Titel des Vorgängers tadelnd zu lesen, man hätte es diesmal so viel besser haben können. Das ist als Kritik nicht nur billig, sondern auch überzogen. Tatsächlich verhält es sich unspektakulärer: Eine einstige Wunderband ist, wie so viele vor ihr, im Alltag angekommen. Von hier an heißt es für sie: auf hohem Niveau weiterwursteln. Revolutionäre Erschütterungen aber finden mittlerweile anderswo statt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 4/2009 vom 23.01.2009 (S. 29)

  Song-Titel
1.  Ulysses 3:11
2.  Turn It On 2:20
3.  No You Girls 3:41
4.  Send Him Away 2:59
5.  Twilight Omens 2:29
6.  Bite Hard 3:26
7.  What She Came For 3:33
8.  Live Alone 3:29
9.  Can't Stop Feeling 3:02
10.  Lucid Dreams 7:56
11.  Dream Again 3:18
12.  Katherine Kiss Me 2:55

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