Begone Dull Care

von Junior Boys

€ 19,30
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Label: DOMINO RECORDS
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 8 Tracks, Gesamtspielzeit 47:29 Min.
Erscheinungsdatum: 08.01.2010

Rezension aus FALTER 30/2009

Jeremy Greenspan von den Junior Boys ist eine wandelnde Thesenschleuder. Aber schon eine halbe Stunde in seiner Gesellschaft reicht, um zu merken, dass diese Thesen einander oft grundsätzlich widersprechen.
So lobt der Kanadier etwa die elektronische Seite des deutschen Krautrocks, insbesondere seiner Lieblinge Cluster und Neu! als den derzeit größten Einfluss auf sein Schaffen: "In dieser Musik liegt eine sehr unbombastische Ruhe, jeder Klang ist wohlüberlegt, alles ist zurückhaltend und sehr sauber. Es treibt dahin, aber die Spannung wird nie aufgelöst. Das haben wir auf unserer letzten Platte auch sehr bewusst so gemacht. Es geht darum, die emotionale Belohnung für die Hörer zu vermeiden."
Erwähnte halbe Stunde später postuliert Greenspan dagegen mit derselben aufgeregten Überzeugung: "Wir wollten immer schon Popmusik machen, die schamlos elektronisch ist, aber nicht in die typische Falle des Genres fällt, zu sauber, zu bemüht, zu sehr durchdacht zu klingen."
Selbst für diesen offensichtlichen Widerspruch hat er allerdings auch schon wieder eine passende These zur Hand. Greenspan zieht einen direkten Vergleich von der eigenen Musik zur Arbeit des kanadischen Animationskünstlers Norman McLaren. Der aus Schottland nach Kanada ausgewanderte Mitbegründer des National Film Board of Canada spezialisierte sich auf dynamisch editierte, abstrakte Animationen, die er durch die chemische und mechanische Manipulation von Film erzeugte.
"Vor zwei Jahren hab ich eine Retro­spektive zu McLarens Arbeiten gesehen und begonnen, mich ernsthaft für sein Leben und seine Techniken zu interessieren. Ich fühlte mich ihm verbunden, ich erkannte eine direkte Parallele zwischen uns: Er wollte nicht, dass seine Arbeit zu aufwendig wirkt, obwohl sie in Wahrheit sehr, sehr arbeitsintensiv war. Und bei der Entstehung dieser Platte hatte ich das Gefühl, dass wir vor den gleichen Herausforderungen standen wie McLaren damals."

Es ist die blanke Unschuld von Greenspans argumentativem und künstlerischem Ehrgeiz, die solch herrlich prätentiöse Ansagen wieder sympathisch macht. Seine schrullige Verstiegenheit findet ihren pragmatischen Widerpart in Matt Didemus, dem – gemäß der klassischen Form des elek­tronischen Bubenduos – für den Maschinenraum zuständigen Sekundanten. Didemus lebt in Berlin, einer der Wiegen seiner deutschen musikalischen Inspiration, während Greenspan, der Sänger und Oberideologe, in Ontario die Stellung hält.
Wenn Letzterer etwas kryptisch erklärt, er wolle Songs machen, die "nie den Dancefloor im Hinterkopf, aber immer einen Groove haben", dann weiß Didemus folgendermaßen zu übersetzen: "Das Problem an reiner Tanzmusik ist ihre Strom­linienförmigkeit. Sie ist, zu besessen von ihrer Funktionalität und nicht von ihrer Form. Es gibt aber auch das furchtbare experimentelle Klischee der ‚Indietronica', in das wir auch nicht fallen wollen."
Greenspan relativiert, er finde es "im Prinzip höchst unterstützenswert", wenn in der Gitarrentradition der Indieszene auf­gewachsene Musiker sich an elektronischem Instrumentarium versuchen. Bloß hätten er und Didemus als Kinder der Dance-Szene einen diametral entgegengesetzten Zugang zur selben Materie: "Ich glaube, das hat alles sehr viel mit unserem Alter zu tun. Matt und ich sind 29, und als Kids haben wir gelernt, wie man Dance-Tracks macht. Damals gab es noch nicht die gelangweilte Abgeklärtheit gegenüber Dance-Music. Da war alles noch in vollem Gange, aber die Schützengräben der verschiedenen Spielarten waren schon so tief, dass es für uns unmöglich war, in dieses Feld vorzudringen. Wir waren zu kanadisch, zu jung, zu weit weg, also blieb uns nichts anderes übrig, als etwas völlig anderes zu machen."
Wie so oft im Pop führte der Weg nach vorn erst einmal die sprichwörtlichen zwei Schritte zurück: "Erst durch unser Interesse an Dance-Music lernten wir viel Musik aus den 80ern von Leuten wie Japan oder John Foxx kennen. All die Dance-Musiker, die älter waren als wir, waren mit New Wave groß geworden und hatten diese Sounds für sich adaptiert. Aber als wir diese Quellen entdeckten, eröffnete sich für uns ein ganzes Reich neuer Möglichkeiten. Ich dachte mir: Wenn es schon zu meinen Fertigkeiten gehört, harmonische Abläufe zu schreiben, wieso mache ich dann eigentlich keine Songs?"
Tatsächlich haben die Junior Boys sich auf der mittlerweile ein gutes Jahrzehnt dauernden Reise von Greenspans Anfängen mit seinem ursprünglichen Partner Johnny Dark Ende der 90er über ihre Alben "Last Exit" (2004) und "So This Is Goodbye" (2006) bis zum diesen Frühling erschienenen "Begone Dull Care" graduell von einem lose in Songstrukturen gefassten Dance-Idiom in Richtung eines vollständig ausgeformten, teils atmosphärischen, teils unverschwitzt tanzbaren Erwachsenenpops bewegt.

Bisweilen erinnert das Resultat dieser Mutation an die funkigen Momente von Steely Dan, im Fall des letzten (kleinen) Hits ­"Hazel" an Prince oder den weißen Soul von Hall & Oates. Und dann wieder an den erwähnten linearen Puls des Krautrock, siehe "Dull to Pause", das in seinem Titel Alfred Lord Tennysons "Ulysses" zitiert ("How dull it is to pause, to make an end, to rust unburnished, not to shine in use!").
"Wir machen keine Musik für Clubs, weil es keine Clubszene gibt, mit der wir uns identifizieren können", meint Jeremy Greenspan. Ein Dilemma, an dem sich kaum etwas ändern wird, bis endlich ein flotter Tanzschuppen mit Bücherecke und regelmäßigen Podiumsdiskussionen aufmacht.

Robert Rotifer in FALTER 30/2009 vom 24.07.2009 (S. 25)


Rezension aus FALTER 22/2009

Dieses kanadische Duo steht für retrofuturistischen Elektropop mit melancholischem Grundton. So klingt das, wenn man mit Kraftwerk, 80er-Pop und Techno aufgewachsen ist. Leider kann das dritte Album mit den Vorgängern "Last Exit" (stotternde Grooves und bittersüße Melodien) und "So This Is Goodbye" (etwas weniger stotternde Grooves und bittersüße Melodien) nicht mithalten. Die Monotonie der Beats, die inzwischen stur geradeaus marschieren, wäre nicht das Problem, wären nur die Songs prägnanter. Das hat schon seine Momente, als Ganzes ist es leider etwas "dull" – langweilig.

Sebastian Fasthuber in FALTER 22/2009 vom 29.05.2009 (S. 31)

  Song-Titel
1.  Parallel Lines / Des Lignes Paralleles 6:32
2.  Work / Le travail 6:30
3.  Bits & Pieces / Peu & rapiece 4:01
4.  Dull To Pause / Alour Dissez Pour Faire Une Pause 4:52
5.  Hazel / Noisette 6:31
6.  Sneak A Picture / Par image 7:00
7.  The Animator / L'animateur 5:07
8.  What It's For / Ce qui est lui pour le mouchard 6:56

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