Rock Bottom

von Robert Wyatt

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Label: DOMINO RECORDS
Format: CD
Genre: Rock englischsprachig
Umfang: 6 Tracks, Gesamtspielzeit 39:31 Min.
Erscheinungsdatum: 08.01.2010

Rezension aus FALTER 52/2008

Dann ist es eben die Zeit der kleinen Biere

Als 63-jähriger Rollstuhlfahrer mit Rauschebart sieht er zwar nicht so aus, dennoch erfährt Robert Wyatt gerade eine Renaissance als populäres Pin-up der denkenden Independentszene. Mehr als irgendeine andere Musikerpersönlichkeit seiner Generation verströmt der umgängliche Übervater des britischen Art-Rock ungebrochene künstlerische Integrität - ein rares Gut in Zeiten einer nun vollends von der Werbewirtschaft gekaperten Musikindustrie.

Das sonst für schicke Bands wie Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys zuständige britische Label Domino Records hat diesen Herbst den Katalog an LPs und EPs wiederveröffentlicht, die der mit einer charismatischen Stimme gesegnete einstige Schlagzeuger von Soft Machine nach seinem verhängnisvollen Fenstersturz 1973 hervorgebracht hat. Unter dem Vorwand, dafür kräftig Werbung zu machen, trifft der Falter Wyatt und dessen Frau Alfreda Benge, die alle Covers ihres Mannes gestaltet und viele seiner Songs getextet hat, im Londoner Studio seines Freundes und Ex-Roxy-Music-Gitarristen Phil Manzanera. Vor dem großen Fenster rattern im Minutentakt U-Bahn-Züge über eine mehrgleisige Freilufttrasse.

Robert Wyatt: Man hört hier immer die Züge, die draußen vorbeifahren. Das macht mich sehr nostalgisch. In dem Eck von Lincolnshire, wo wir wohnen, gibt es leider keine Züge.

Falter: Ihre Jugend haben Sie aber in Kent verbracht?

Wyatt: Ich wurde aber nicht dort geboren, sondern in Bristol, auf der gegenüberliegenden Seite von England, weil meine Mutter für die BBC arbeitete und alle umgesiedelt wurden, um der Bombardierung von London zu entgehen. Meine Kindheit verbrachte ich wiederum in West Dulwich (Südlondon, Anm. d. Red.). Als mein Vater dann an Multipler Sklerose erkrankte, musste er in Frührente gehen. Er bekam 2000 Pfund dafür, und wir zogen nach East Kent. Für mich war das ein Desaster, denn ich war zehn, fast elf, an der Schwelle zur Pubertät und plötzlich umgeben von nichts als rostenden Scheunen und grünen Feldern. Das ist nicht gerade das, was man in diesem Alter sucht (lacht).

Wie man hört, war Ihre Schulzeit alles andere als idyllisch.

Wyatt: Allerdings. Ich machte dort eine sehr schlechte Figur, wurde oft mit dem Rohrstock geschlagen. Der Direktor war sehr gewalttätig. Ich war in keinem Gegenstand gut, außer in englischer Grammatik.

Immerhin war diese Schule in Canterbury aber auch der Ort, wo sich der Kern von Soft Machine formiert hat. Haben Sie wenigstens daran angenehme Erinnerungen?

Wyatt: Nein. Ich wäre liebend gern in London geblieben. Bei allem Respekt für die Musiker, in deren Gesellschaft ich mich schließlich fand: Ich wäre Ende der 60er wohl nicht in einem gar so tiefen Haufen Scheiße gelandet, wenn ich zuvor an einem anderen Ort mit anderen Leuten zusammengewesen wäre.

Geht Ihre nostalgische Liebe zur Bahn also auf jene Tage zurück, an denen Sie mit dem Zug von Kent hinauf in die Metropole fuhren?

Wyatt: Ganz genau. Wir fuhren immer rauf nach London, um Ornette-Coleman-Platten zu kaufen. In Kent gab es damals ungefähr sieben Jazzfans, und jeweils einer von uns kaufte eine bestimmte Platte, die wir uns dann gemeinsam anhörten. Manchmal sahen wir uns sogar ein Konzert an, Duke Ellington oder das Modern Jazz Quartet, das war schon was Besonderes. Wir überlegten ernsthaft, ob wir von zuhause weglaufen und in Soho bleiben sollten. Für immer. Aber wir taten's dann natürlich doch nicht.

Diese sieben Leute, von denen Sie sprechen, trafen sich alle im Haus Ihrer Eltern?

Wyatt: Nicht unbedingt. Ich weiß nicht, wo diese Geschichten herkommen.

Die Geschichte Ihres Elternhauses als Nabel der intellektuellen Szene von Canterbury und Wiege des britischen Prog Rock ist also bloß ein Mythos?

Wyatt: Nachdem ich 16 geworden war und die Schule verlassen hatte, ging ich nach Spanien, ein paar meiner Freunde machten sich unterdessen in unserem Haus breit. Ich habe Fotos davon gesehen: Sie hatten offenbar viel Spaß dort, aber ich war nicht dabei. In Wahrheit ist das wohl einer der Gründe, warum meine Eltern das Haus verkauften und auszogen - weil sie die alten Freunde von mir nicht loswerden konnten. Ich hatte zwar schon sehr früh Schulfreunde, mit denen ich zusammen Platten hörte, aber keiner von denen wurde Musiker. Da gab es diesen Typen namens Ted Bing, der wurde Nerzzüchter in Norwegen. Er ist wahrscheinlich der einzige Nerzzüchter, der Ornette Colemans gesamtes Frühwerk auswendig singen kann, aber er hatte immer große Vorbehalte gegenüber jenen von uns, die selbst Musiker werden wollten. Alle Musik, die verstärkt oder nur entfernt rockgruppenartig war, galt als Verrat, denn wir waren doch alle Avantgarde- und Jazz-Fans.

Hatten Sie denn selbst je Bedenken, die Grenze zum Rock 'n' Roll zu überschreiten?

Wyatt: Sicher nicht. Es war viel zu aufregend. Ich spielte Schlagzeug, und ich hatte mir die Jazztrommler genau angehört. Aber mit der Band spielten wir immer bei örtlichen Tanzveranstaltungen. Das Gefühl, einen Groove zu schlagen, zu dem der ganze Laden tanzte, war wunderbar. Das machte mich ganz lebendig.

Ging es in Ihrer Rockkarriere auch um die Loslösung von Ihrer bildungsbürgerlichen Herkunft?

Wyatt: Mein Vater starb, als ich 18 war, also konnte er nicht wissen, was ich später machen würde. Aber er war schockiert, als ich die Violine, die ich zwei Jahre lang gelernt hatte, gegen eine Trompete tauschte. Er sagte, es gäbe keine großen Konzerte für die Trompete. Ich antwortete, dafür gäbe es Miles Davis und Gil Evans, und das war etwas, was er wirklich nicht begreifen konnte. Das machte mich traurig. Ich liebte jedenfalls die Musik, mit der er mich großgezogen hatte: europäische klassische Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ihre Frau Alfie hat einmal in einem Interview enthüllt, dass Sie oft den ganzen Tag wütend sind, wenn in den Nachrichten ein Minister im Radio etwas gesagt hat, was Sie aufregt.

Wyatt: Schlaflose Nächte!

Ist also am derzeitigen Zusammenbruch des Kartenhauses der Finanzmärkte etwas dran, das den Antikapitalisten in Ihnen insgeheim befriedigt?

Wyatt: Es überrascht mich jedenfalls nicht, dass ein auf purem Kapitalismus beruhendes System instabil ist. Das scheint mir offensichtlich, auch wenn ich mit meinem sturen Standpunkt dazu schon einige Leute zur Verzweiflung gebracht habe. Aber wer seine ganze Jugend damit zugebracht hat, Cecil-Taylor-Platten zu hören, ist gewohnt, sich in einer kleinen Minderheit zu bewegen.

Sind Sie eigentlich immer noch Mitglied der Kommunistischen Partei?

Wyatt: Nun, in England identifizieren wir uns nicht wirklich über Parteien. Wir haben stattdessen Zeitungen. Es gibt Leute, die ihre langen Sonntagnachmittage mit dem Lesen des Observer oder des Independent on Sunday verbringen, andere wiederum widmen sie der Mail oder dem Telegraph. Für mich gibt es dagegen keine Sonntagszeitung, denn der kleine Stamm, dem ich angehöre, liest den Morning Star (kommunistische Tageszeitung, Anm. d. Red.). Wenn ich also eine Zugehörigkeit habe, ist es diese - trotz der Tatsache, dass mir die Sportberichterstattung und die Filmkritiken dort ebenso verblüffend sinnlos vorkommen wie überall sonst.

Sie sind es gewohnt, einer Minderheit anzugehören, aber Ihre Platten scheinen in den letzten Jahren eine höhere Popularität zu genießen als zur Zeit ihrer Veröffentlichung. Viele junge Bands sind erklärte Fans.

Wyatt: Nachdem ich keine Live-Gigs spiele, kann ich mich nicht wirklich so intensiv mit dem Feedback auseinandersetzen, mein Eindruck davon ist also sehr diffus. Aber es ist doch eher nur ein kleines Bier im Vergleich zum Stellenwert einiger Musiker, die ich kenne.

Im Musikgeschäft ist heutzutage ja fast alles nur mehr ein kleines Bier. Kann es sein, dass mit dem Schrumpfen des Mainstreammarkts die Musik für Enthusiasten proportional an Boden gewinnt?

Wyatt: Möglich, dann ist es eben small beer time, das ist mir nur recht. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, weil ich ein langsamer Arbeiter und Denker bin und die meiste Zeit über nicht weiß, wie ich meine Ressourcen verwalten oder das nötige Geld für meine Platten aufbringen soll. Trotzdem haben sich über die letzten drei, vier Jahrzehnte hinweg ein paar Stunden Musik angesammelt, die sich rückblickend wie ein ordentlicher Haufen Zeug ausnehmen. Das ist aber ein bisschen eine Illusion, pro Jahr kommt da nämlich nicht so viel raus. Was machst du sonst bloß die ganze Zeit, Robert? Haha!

Domino Records hat das jetzt alles übernommen, die sind sehr enthusiastisch, aber ich weiß nicht, ob es wirklich Bedarf für meine alten Platten gibt. Einige davon sind nie zuvor auf Vinyl erschienen. "Shleep" füllt zum Beispiel drei Seiten, also hab ich ein paar Schnipsel von zuhause für die vierte Seite herausgesucht. Das hat Spaß gemacht. Alfie? Die Artworks, die du für die CDs gemacht hast, waren nicht wirklich so klein, oder?

Alfreda Benge: Sie hatten ungefähr die Größe einer Single. Deswegen werden sie jetzt einen Rahmen haben. Als ich für die neue Ausgabe das Originalcover von "Rock Bottom" von der Wand nahm, waren die Ränder unter dem Bilderrahmen ganz braun.

Wyatt: Man hätte das ja retouchieren können, aber Alfie bestand darauf, dass es bleibt, wie es ist.

Es ist ja auch eine gute visuelle Metapher dafür, dass das alles altes Zeug ist.

Benge: Es ist altes Zeug, aber es ist dieselbe Ehefrau. Das ist nicht bei vielen Musikern so, die besorgen sich üblicherweise eine jüngere Version.

Wyatt: Es war nicht immer leicht für Alfie. Zum Beispiel mein bescheuertes Benehmen, als ich mich über Jahrzehnte hinweg täglich betrank. Heuer ist das erste Jahr, in dem ich es geschafft habe, etwas dagegen zu tun. Ich vermisse zwar die dramatische Abgründigkeit des Betrunkenwerdens, aber das Schöne an der Nüchternheit ist, dass ich mich daran erinnern kann, was ich gestern gesagt habe.

Benge: Er trank immer heimlich, versteckte die Flaschen. Jeden Abend schielte er. Bis ich mir nach ein paar Monaten schließlich dachte: Ich bin vollkommen allein. Die Person, die ich geheiratet habe, war eine Person mit Hirn, die zusammenhängend denken und kohärent sprechen konnte, ohne sich zu wiederholen. Ich dachte, ich hätte ihn verloren, er hätte mich verlassen. Jetzt hab ich ihn wieder zurück. Vielleicht hätte er weiterhin wundervolle Musik machen können. Aber er hätte ganz sicher keine Frau gehabt. Es war sinnlos, sinnlos.

Wyatt (verlegen): So, bitte …

Ja, das ist eine klare Diagnose. Der Kreis Ihrer Mitmusiker hat sich über die Jahrzehnte erweitert und verändert, aber all Ihre Platten ergeben nebeneinander ein sehr schlüssiges Bild: "Rock Bottom" von 1974 und "Comicopera" von 2007 stehen einander nicht allzu fern.

Wyatt: Es wäre sinnlos, wenn ich versuchen würde, mich neu zu erfinden. Die Musik, die ich mir heute anhöre, ist bloß eine Verfeinerung davon, was ich schon als Teenager gehört habe. Während ich mich also über die Infantilisierung der Politik ereifere, bin ich selbst für immer gefangen in der Adoleszenz eines Jazz-Fans aus den 50er-Jahren. Ich versuche immer noch herauszufinden, warum einerseits die Platten von Miles Davis und Gil Evans und andererseits Otis Reddings "Try a Little Tenderness" noch immer so endlos ergreifend sind. Wenn mein 18-jähriges Ich heute zu mir auf Besuch käme, würde es sich unter meinen Büchern, Bildern und Platten sehr zuhause fühlen.

Phil Manzaneras Studio, in dem wir sitzen, wurde auf dem kommerziellen Erfolg seiner Band Roxy Music erbaut. Und Ihr Freund Brian Eno hilft neben Ihnen auch Leuten wie Coldplay oder U2 aus. Ist Ihnen das bewusst, während Sie mit diesen Leuten arbeiten?

Wyatt: Absolut, die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Leuten, mit denen ich mich an beiden Enden des Spektrums treffe, sind enorm. Aber Pink Floyd oder David Gilmour machen ihre Millionen nicht, weil sie irgendjemand ausbeuten, sondern weil Millionen Menschen ihre Platten mögen. Sie sind also aus einem vollkommen anständigen Grund reich. Ich bin ganz zufrieden damit, mich in Sachen Einkommen und Hörerreichweite näher am Jazz- als am Rock-Ende der Skala zu bewegen. Als Soft Machine in den späten 60ern bei CBS unter Vertrag stand, drückte der Typ, der sich bei der Firma für uns einsetzte, es einmal so aus: "CBS kann sich nicht entscheiden, ob ihr unsere am schlechtesten verkaufte Rockband oder unsere bestverkaufte Jazzband seid." In dieser Grauzone fühle ich mich zuhause.

Wenn man sich Ihre Diskografie ansieht, erkennt man ein paar Jahre, wo nichts passiert ist, und andere, wo Sie sehr produktiv waren. Wo stehen Sie im Moment?

Wyatt: Was meine eigene Musik angeht, war das heuer für mich ein Jahr in der Wildnis. Aber das ist schon in Ordnung. Das Leben hat uns heuer einfach überholt, mit Alfies Augenerkrankung und unserem Kampf, Haltung zu bewahren, während wir Alkohol und Zigaretten zugleich aufgeben. Das war alles ein bisschen viel - a bit of a muchness.

Das Solowerk

Noch während seiner Zeit als Drummer bei Soft Machine, von denen er sich 1971 trennte, brachte Wyatt 1970 das Soloalbum "The End of an Ear" heraus. Es folgten "Rock Bottom" und "Ruth Is Stranger than Richard". In den 80er-Jahren brachte Wyatt zwei reguläre Alben heraus ("Nothing Can Stop Us" sowie "Old Rottenhat"), das gleiche gilt für die darauf folgende Dekade ("Dondestan" und "Shleep").

Mit Ausnahme von "End of an Ear" sind alle genannten Alben nun neu aufgelegt worden - dazu noch die sehr hübsche Box mit 5 EPs. Zuletzt waren die Alben "Cuckooland" 2003) und "Comicopera" (2007) erschienen

Wyatt & der Falter

Der bärtige Brite ist seit Jahren Anlass der Adoration. Der Musiker Christof Kurzmann (der damals auch für den Falter schrieb) spielte 1992 mit The More Extended Versions zwei Alben mit Wyatt-Stücken ein. 2006 veröffentlichte der Saxofonist Max Nagl das Wyatt-Tribute "Market Rasen" (mit Clemens Wenger und Herbert Pirker) auf Handsemmel Records (dem Label von Falter-Kulturchef Klaus Nüchtern). Das bislang letzte Wyatt-Interview erschien in Falter 40/07

Robert Rotifer in FALTER 52/2008 vom 26.12.2008 (S. 36)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Old Rottenhat (Robert Wyatt)
Dondestan (Revisited) (Robert Wyatt)
Shleep (Robert Wyatt)
Cuckooland (Robert Wyatt)
THE END OF AN EAR
Nothing Can Stop Us (Robert Wyatt)
Ruth Is Stranger Than Richard (Robert Wyatt)
  Song-Titel
1.  Sea Song 6:31
2.  A Last Straw 5:46
3.  Little Red Riding Hood Hit The Road 7:40
4.  Alifib 6:55
5.  Alife 6:31
6.  Little Red Robin Hood Hit The Road 6:08

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