Shifty Adventures In Nookie Wood

von John Cale

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Label: DOMINO RECORDS
Format: LP + Downloadcode(ehemals LP + Download)
Genre: Rock englischsprachig
Erscheinungsdatum: 28.09.2012


Rezension aus FALTER 40/2012

Ein Schäferstündchen im Spukwald

Auch als 70-Jähriger blickt John Cale nach vorne: Über Velvet Underground will er nicht sprechen, dafür über Hip-Hop

Ich bin Komponist, kein Verwalter der Vergangenheit!" Das stellt John Cale gleich zu Beginn des Gesprächs fest. Sein Blick ist entschlossen, die Miene ernst. Das Ambiente dagegen: bizarr. Mit knallgrünem Hemd, violetter Samtjacke und weißem, wuscheligem Haar sitzt er streng aufrecht auf einem schmucken viktorianischen Polstersessel. Gäbe es in Tim Burtons LSD-Märchen "Alice im Wunderland" einen übelgelaunten Grafen, der Musiker wäre in diesem Moment die Idealbesetzung.
Über den 45. Geburtstag des Meisterwerks "The Velvet Underground & Nico" will er nicht sprechen. Auch nicht über seine damaligen Bandkollegen. Am besten die Vergangenheit überhaupt ausklammern. "Nichts für ungut, aber ich will das nicht noch einmal durchkauen", sagt er höflich, aber bestimmt. "Es gibt doch so viel Neues zu besprechen."
Das gibt es in der Tat. Denn während Lou Reed seine Poesie von den Stadionrockern Metallica vertonen lässt, ist sein ehemaliger Bandkollege John Cale ein Suchender geblieben: "Du musst dich weiterbewegen, immer wieder von Neuem anfangen. In der Musik und überhaupt." Mit diesen Worten kündigte Cale "Shifty Adventures in Nookie Wood" an. Es ist das 15. Studioalbum des 70-jährigen Walisers.

Schon der Titel wirft Fragen auf. "Fragst du eine Frau, ob sie Lust auf ‚Nookie' hat, weiß sie genau, was du meinst", sagt er mit einem anrüchigen Grinsen, das seinen flaumigen Unterlippenbart in die Länge zieht. Nookie ist ein amerikanischer Slangausdruck für Geschlechtsverkehr.
Ein spätes sexuelles Bekenntnis in 50 Graustufen ist die Platte aber keineswegs, ihr Titel bezieht sich vielmehr auf einen Zeitungsartikel, den Cale vor ein paar Jahren gelesen hat. "In Japan gibt es einen Wald am Fuße des Fuji", erzählt er mit gruseliger Märchenonkelstimme. "Bei Familien ist er als Campingort sehr beliebt. Gleichzeitig zieht er mehr Selbstmörder an als jeder andere Ort des Landes. Niemand weiß warum, auch die Polizei rätselt. Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Wenn ich an Wälder denke, fühle ich ein faszinierendes Unbehagen. ‚Nookie Wood' ist ein düsterer Ort."
Man hört es der Platte nur ­bedingt an. Statt mit "Twin Peaks" ­flirtet Cale mit Hip-Hop. Songs wie "Vampire Café" klingen so schön hatschert funky, als hätten hippe R&B-Produzenten ihre Finger im Spiel gehabt. Und der hohe Auto-Tune-Einsatz – auch bekannt als "Cher-Effekt" – lässt vermuten, dass Cale zumindest ein Kanye-West-Album auf dem iPod hat.
"Ach, ich bin kein großer Fan des Effekts, er wird schnell nervig", winkt er ab. "Für den Song ‚Mothra'‚ habe ich ihn verwendet, um eine Roboterstimme zu simulieren. Bei einigen anderen Stücken war es einfach eine nette Spielerei." Hip-Hop hält er aber in der Tat für innovativ. Deshalb änderte er auch seine Arbeitsweise: Statt sich zum Songschreiben an ein Klavier zu setzen, programmierte er diesmal erst einen Beat und arrangierte die Instrumente dann um ihn herum.

Den Rapper Snoop Dogg schätzt er, ebenso den Produzenten Danger Mouse, der unter anderem hinter den Gorillaz steckt. Mit ihm produzierte Cale den Eröffnungssong "I Wanna Talk 2 U": "Als Sänger musst du oft warten, wenn der Produzent am Computer arbeitet, aber Danger Mouse war mir immer einen Schritt voraus. Ich habe viel von ihm gelernt."
Genau darin liegt die große Qualität des späten Cale. Auch als 70-Jähriger offen zu sein, hungrig zu bleiben und den Kontakt mit jungen Musikern zu suchen. Vor vier Jahren lud er Kollegen wie Mercury Rev oder CocoRosie zu einer Serie von Tribute-Konzerten für die 1988 verstorbene Velvet-Underground-Sängerin Nico ein. Auch die österreichische Künstlerin Soap&Skin war dabei. "Sie hat eine umwerfende Stimme", lobt Cale. "Sie wirkt sehr scheu. Ich weiß noch, als sie auf die Bühne kam, sah sie fast ein wenig verängstigt aus, aber ihr Auftritt war toll."
Dann der kolossale Fehltritt in Form eines ungeschickten Kompliments: Wie innovativ er doch sei, vor allem angesichts der jüngsten Arbeiten seines alten Freundes Lou Reed. Cale antwortet nicht, blickt ausdruckslos ins Leere. So, als habe man plötzlich den Stecker gezogen. Das Unwort ist gefallen: Lou Reed. Nach Sekunden, die sich wie Stunden anfühlen, sagt er mit karger Stimme: "Ich weiß nicht. Jedem das Seine. Wir wären dann hier fertig, oder?"

Florian Obkircher in FALTER 40/2012 vom 05.10.2012 (S. 28)


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