Funeral

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rough Trade/Beggars Group
Genre: Pop/Rock
Erscheinungsdatum: 01.01.2011

Rezension aus FALTER 30/2017

Überwältigung war gestern: Arcade Fire verirren sich

Der Mann ist ein lausiger Prophet. Als Win Butler bei dem über weite Strecken sehr tollen Konzert seiner Band Arcade Fire neulich in Linz zwischen zwei Liedern einige Sätze an sein Volk richtete, verkündete er vollmundig, dass demnächst ein heftiger Regenguss herunterprasseln würde. Hundertprozentig, davon verstünde er etwas. Es blieb bis zum Ende des Konzerts trocken. Nur nachdem die Kanadier trotz heftiger Liebesbekundungen des Publikums keine zweite Zugabe spielten, fielen ein paar vereinzelte Tröpfchen. Vielleicht waren es auch Fantränen.
Die Szene ist eine Nebensächlichkeit, an der man allerdings ablesen kann, dass Butler gerade keinen Lauf hat. Zu Zeiten von „Funeral“ (2004) und „Neon Bible“ (2006) wäre ihm so etwas nicht passiert. Diese beiden Platten waren eindrucksvolle Übungen in Sachen Überwältigungspop. Seine Band begründete damit ihre Weltkarriere, und letztlich zehrt sie bis heute davon.

Auch das neue Album „Everything Now“ gibt ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Der Titelsong legt eine Rückkehr zum hymnischen Sound der frühen Jahre nahe, wobei das Pathos durch eine an Abba geschulte Leichtigkeit und ein gewisses Oldies-Radio-Gefühl abgemildert wurde. Der Song steht freilich allein da. Es folgt New-Wave-Sound der Marke Talking Heads („Signs of Life“) oder ein Eindringen ins Territorium der Industrialrock-Schmerzensmänner Nine Inch Nails („Creature Comfort“).
Wo sind die Lebenszeichen von Arcade Fire? Waren die letzten (Doppel-)Alben „The Suburbs“ und „Reflektor“ ambitionierte Versuche, sich weiterzuentwickeln, fehlt es „Every­thing Now“ an einer klaren Linie. In „Peter Pan“ und „Chemistry“ versucht die Band mit Off-Beats herumzuspielen. Aber sie spielt eben nur herum, zwingend klingen die Resultate nicht. In der Mitte dümpelt „Everything Now“ gar dahin wie eine Sammlung von B-Seiten-Material.
Auch bei den Texten hat sich Win Butler nicht viel angetan. Er probiert es mit „Weniger ist mehr“, nur liegt ihm der Minimalismus-Schmäh nicht. Erst gegen Ende, in „Put Your Money on Me“ und „We Don’t Deserve Love“, hat man wieder das Gefühl, er will einem etwas erzählen – sofern man ihm dann überhaupt noch zuhört.

Sebastian Fasthuber in FALTER 30/2017 vom 28.07.2017 (S. 25)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

NEON BIBLE
Everything Now
Everything Now (Day Version) (Arcade Fire)
Everything Now (Night Version) (Arcade Fire)

Rezension aus FALTER 11/2005

Jauchzend am Grab Endlich regulär erhältlich: "Funeral", das ergreifende Debüt des US-kanadischen Kollektivs Arcade Fire. Echte Popauskenner dürfen jetzt kurz skeptisch die Augenbrauen in die Höhe ziehen. Denn als Connaisseure wissen sie natürlich schon seit Monaten Bescheid und hören seitdem nichts anderes mehr als "Funeral", das erstaunliche erste Album von Arcade Fire. Tatsächlich ist diese bittersüße, von persönlichen Verlusten (neun Menschen im Umkreis der Band verstarben während der Aufnahmen) und der umso größeren Sehnsucht nach einem intensiven, erfüllten Leben geprägte Song-Wundertüte in den USA bereits vergangenen Herbst erschienen. Anfangs eher unbeachtet, zog sie langsam immer größere Kreise - bis die in Montreal von US-amerikanischen und kanadischen Musikern betriebene Nobody-Truppe Arcade Fire irgendwann das heißeste Ding von überhaupt und "Funeral" die erklärte Lieblingsplatte von David Bowie - einem ihrer musikalischen Patenonkel - war. Zu diesem Zeitpunkt tauchten dann auch die ersten Exemplare in heimischen Liebhaber-Plattengeschäften auf. Oder besser: Sie tauchten unter die Budel, denn die heiße Importware wurde streng gehütet (schöner Plattenverkäufer-Satz: "Die darf ich nicht hergeben") und nur nach Eintragung in ellenlange Wartelisten ausgegeben. Absurd? In Zeiten einer in Selbstauflösung befindlichen Major-Industrie gehört solchem Prozedere wahrscheinlich sogar die Zukunft. Nach begeisterten Artikeln in der Fachpresse fand sich nun mit einiger Verspätung schlussendlich doch noch ein Vertrieb, der "Funeral" regulär im Sinne der Marktwirtschaft unters Volk bringt. Gut so, denn von seiner zwischen Grabesstimmung und Grandezza schwankenden Intensität hat der bewusst auf Zeitlosigkeit angelegte Tonträger in der Zwischenzeit nichts verloren, eher im Gegenteil. Einen Nachteil hat die verzögerte Veröffentlichung allerdings: Arcade Fire selber, die sich kürzlich auf Interviewtour durch Europa befanden, wollen nicht mehr wirklich über "Funeral" reden. Am liebsten würden sie den Promotion-Heckmeck ganz sein lassen und einfach nur neue Songs aufnehmen. Vor allem Gründer und Leader Win Butler ist vom Status seiner Band als neuer Indie-Liebling von Berlin bis New York - das er ironischerweise 2001 gen Montreal verließ, um in einer Stadt mit leistbaren Wohnungsmieten hypefrei und in Ruhe arbeiten zu können - momentan eher irritiert und lässt sich beim Telefoninterview entschuldigen. Seine Lebensgefährtin und Co-Sängerin Régine Chassange springt zwar gern ein ("wir sind keine Band, in der es Konkurrenzdenken gibt, wir sind eine Familie"), erweist sich aber als hartnäckig einsilbig: "Yes." Oder auch: "No." Sowie: "A bit of both." Wobei man der Guten gar nicht böse sein kann. Tatsächlich erklärt sich der ergreifend schöne Pathos-Pop, den Arcade Fire im Spannungsfeld von Gitarren und Streichern und von Vorbildern wie David Bowie und Bands wie den Flaming Lips (der theatralische Ton in Butlers flehendem bis himmelhoch jauchzendem Gesangsvortrag) oder Pulp (der marschierende Discorhythmus aus deren kommerziell erfolgreichsten Jahren Mitte der Neunziger) erschaffen, selbst. Nüchterne musikologische Detailanalysen würden der Magie dieser Musik nur sehr bedingt gerecht werden. Man muss nur hören, um zu glauben. Und das ist nun auch ohne Bestechungsversuche im Plattenladen möglich.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2005 vom 18.03.2005 (S. 63)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb