JARVIS

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Rezension aus FALTER 50/2006

"Jesus, that is shit!"

Jarvis Cocker, Kopf der intellektuellen Britpop-Band Pulp, ist nach Paris übersiedelt und hat dort sein erstes Soloalbum aufgenommen. Ein Gespräch über das Böse in der Welt und in uns selbst, über Kultur als Betäubungsmittel und sein Leben ohne Gott in Frankreich.

Als verschrobener, langgliedriger Sänger der Band Pulp verkörperte Jarvis Cocker Mitte der Neunziger den Britpop für denkende Menschen. In der klischeebeladenen Zwickmühle zwischen Blur (Middle Class) und Oasis (Working Class) sprachen Pulp für die "Different Class" all jener, die weder da noch dort reinpassen wollten. "Different Class" hieß folglich auch ihr mit weisen Sozialkommentaren und Pubertätserinnerungen in Gassenhauerformat prallgefülltes, kommerziell erfolgreichstes Album von 1995. Damals hatte die aus dem nordenglischen Sheffield stammende Band bereits eine lange Durststrecke der Erfolglosigkeit hinter sich, und der plötzliche Ruhm mündete geradewegs in die auf "This Is Hardcore" (1998) dokumentierte Depressionsphase.

Drei Jahre später engagierte Cocker sein Idol Scott Walker als Produzent von Pulps vorläufigem Schwanengesang "We Love Life" und verzog zwecks Familiengründung mit seiner französischen Frau nach Paris. Seither war es bis auf ein paar Nebenprojekte wie den maskierten Electro-Trash-Act Relaxed Muscle, ein bisschen Songschreiben mit Charlotte Gainsbourg und einen kurzen Auftritt im letzten Harry-Potter-Film eher ruhig um Jarvis Cocker geworden. Weil dem 43-jährigen Familienvater bei seinen Spaziergängen durch den Jardin des Tuileries aber partout frische Verse in den Kopf schossen, hat er jetzt ein ebenso klassisches wie zorniges Soloalbum herausgebracht. Die im Sommer vorausgeschickte Online-Single "(Cunts Are Still) Running The World", jene unflätig zornige Protestnummer wider die bösen Mächtigen, sollte sich als falsche Fährte erweisen. Vielleicht hat er sie deshalb auch als "hidden track" ans Ende eines weit subtileren Albums verbannt, das die Zielscheiben seines politischen Sarkasmus lieber an die eigene Brust heftet. Der Falter traf Cocker im Hotel Amour in der Pigalle zum Gespräch über alte Zeiten, neue Songs und die Quantentheorie.

Falter: Fühlen Sie sich nach vier Jahren Paris eigentlich schon wie ein Einheimischer hier?

Jarvis Cocker: Nein, mir ist immer noch ständig bewusst, dass ich ein Ausländer bin. Aber immerhin grüßen die Geschäftsleute mich schon, wenn ich zur Tür reinkomme. Die ersten zwei Jahre beachteten sie mich nicht, und dann entschieden sie sich alle zur gleichen Zeit dafür, "Bonjour" zu mir zu sagen. Ab da war ich akzeptiert, zwar nicht als einer von ihnen, aber als Teil der Landschaft.

Kommt das Fremdsein der Beobachterrolle entgegen, die Sie beim Songschreiben so gern einnehmen?

Ja, ich bin eher einer, der zuschaut, als einer, der Situationen in Gang setzt. Ich habe mich damit abgefunden, dass das ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Auch wenn ich darüber selbst nicht immer glücklich bin.

Die Pariser Fassaden, vor denen Sie auf den Fotos im CD-Booklet stehen, vermitteln eine Atmosphäre wie aus einem Nouvelle-Vague-Film, die sehr gut zu ihrer Musik passt.

Paris ist eben viel intakter als englische Städte, weil die Franzosen sich nie so sehr in Kriege verwickelt haben und daher nie bombardiert wurden. Meine Wohnung ist in einem klassischen Gebäude der Haussmann-Ära aus den 1880ern. Als ich da zum ersten Mal reingegangen bin, dachte ich mir: "Jesus, das ist ja wie ein Palast!" Die Fähigkeit der Franzosen, ihre Kultur zu bewahren, erstickt allerdings auch die Gegenwart - selbst wenn es um ein verhältnismäßig junges Phänomen wie die Popkultur geht. Alle französischen Stars aus den Sechzigern, die noch leben, machen immer noch Platten und sind immer noch populär, aber soweit ich das beurteilen kann, machen die nichts von irgendeiner Bedeutung. Abgesehen davon, dass sie den Leuten, die ihre Platten kaufen, einen beruhigenden Sinn von Kontinuität vermitteln.

Ihr neues Album "Jarvis" dagegen wirkt stellenweise geradezu wie ein Angriff auf Sie selbst. "I Will Kill Again" etwa beschreibt einen Mann, der für sich und seine Familie eine Festung gebaut hat, um sie von der bösen Welt fernzuhalten. Er setzt sich abends mit einer Flasche Wein ans Internet, bestellt ein paar Platten, schaut sich zwischendurch nackte Frauen an, und dann spielt er einem auf der akustischen Gitarre was Hübsches vor. Das könnten ja eigentlich auch Sie selber sein, oder?

Ja, dieser Song handelt eigentlich von mir. Sogar das mit der akustischen Gitarre. Wenn man älter wird, ist man versucht, ein bisschen weicher zu werden und akustische Balladen zu spielen. Ich wollte es mir nicht so leicht machen. Eines der wiederkehrenden Themen dieser Platte ist die Anerkennung des Guten und des Bösen in einem selbst. In der zweiten Strophe desselben Songs stelle ich die beliebte Frage: "Wäre es nicht nett, wenn wir alle in Frieden leben könnten?" Sicher wäre das nett. Es wäre auch nett, wenn Fische keine Gräten hätten und man sie sich einfach in den Mund stopfen könnte. Aber statt sich eine Utopie auszumalen, in der wir alle ständig lieb zu einander wären, ist es besser, sich den konstruktiven und den destruktiven Impulsen in uns zu stellen. Leute, die die negativen Aspekte ihrer Persönlichkeit zu verleugnen versuchen, ziehen irgendwann einmal los und schlachten zehn Menschen ab, weil diese negativen Tendenzen sich aufstauen, bis sie explodieren.

Die Realität, der Sie sich da stellen, nimmt sich zum Teil ziemlich düster aus. Sei es jetzt die herannahende Klimakatastrophe in "Heavy Weather" oder den Untergang des westlichen Imperiums in "From Auschwitz to Ipswich". Da werden schon allerhand apokalyptische Ereignisse heraufbeschworen.

Die finden ja auch statt, oder? Aber gerade mit dem "Auschwitz to Ipswich"-Song will ich sagen: Wenn das, was sich derzeit in der Welt abspielt, als Konflikt zwischen uns Guten im Westen und den Bösen da drüben charakterisiert wird, dann ist wirklich bald alles im Arsch, denn so klar ist die Situation einfach nicht. Die erste Zeile dieses Lieds ist ein Zitat aus einer Rede von Tony Blair nach den Terroranschlägen in London am 7. Juli 2005: "They want our way of life." Er behauptete damit, dass wir im Westen das moralisch überlegene Beispiel eines gutgeführten Lebens abgeben. Wenn man sich überlegt, wie viele Leute in England Antidepressiva nehmen und wie rasant die Übergewichtsrate steigt, dann sieht es nicht so aus, als wären jene, die dieses gute Leben genießen, sonderlich glücklich.

Apropos Übergewicht: In "Fat Children" wird ein Mann von fetten Jugendlichen seines Mobiltelefons beraubt und dabei tödlich verletzt. Die Polizei ist indessen viel zu beschäftigt damit, jemand anderem "aus keinem bestimmten Grund" ein paar Kugeln in den Kopf zu jagen. Das erinnert an jenen Fall, als Scharfschützen der Londoner Polizei in der U-Bahn einen vermeintlichen Attentäter töteten. Aber ihr Song ist kein geradliniges, liberales Statement gegen sinnlose Polizeigewalt, weil auch die mörderischen "Fat Children" gar nicht gut wegkommen.

Es ist vor allem ein lustiger Song, das ist schon auch wesentlich. Alle kriegen ihr Fett ab. Der Erzähler stirbt. Die Polizei bringt Leute um. Die Eltern sind schuld, weil sie ihre Kinder nicht richtig erziehen. Und die Kinder sind alle übergewichtig und werden sehr jung sterben. Ich mag solche Sachen. Ich finde das spaßig.

Haben Sie Bilder von Ihrer Frau und Ihren Kindern in Ihrem Telefon gespeichert, wie der Mann im Song?

Ja, habe ich. Und als ich vor drei Wochen in Sheffield mit meiner Liveband die neuen Songs probte, ging Richard Hawley, der Gitarrist, los, um seiner Tochter zum Geburtstag eine Gitarre zu kaufen. Während er im Gitarrengeschäft war, kamen zwei fette Mädchen zur Tür herein und stahlen sein Mobiltelefon. Der Song wurde für ihn also wahr. Nur dass er nicht gestorben ist.

Neben Richard Hawley, der schon bei Pulp im Hintergrund mitwirkte, spielt mit Steve Mackey ein ehemaliges Kernmitglied der Band auf allen Songs ihrer Solo-CD den Bass. Haben Sie nie daran gedacht, gleich eine neue Pulp-Platte zu machen?

Ich war mir ganz sicher, dass es keine Pulp-Platte sein konnte, und ich hatte meine Bedenken, dass es zu sehr danach klingen könnte, wenn Richard und Steve dabei sind. Aber wenn man mit Leuten arbeitet, die man schon kennt, spart man viel Zeit. Und man kann unhöflich zu ihnen sein. Man kann sagen: "Du, was du da in diesem Song spielst, ist absolute Scheiße." Wenn du das zu einem Sessionmusiker sagst, packt er seine Gitarre in den Koffer und geht aus dem Studio, weil du ihn beleidigt hast.

Stimmt es, dass Sie Ihre Texte bei Pulp vor dem Rest der Band bis zu den Aufnahmen geheimhielten?

Ich hielt sie nicht geheim, ich hab sie nur immer erst in allerletzter Minute geschrieben. Bei dieser Platte war ich viel vernünftiger. Nachdem ich keine Gruppe hatte, mit der ich im Proberaum gemeinsam Entscheidungen treffen konnte, nahm ich meine Songs mit dem Typen auf, der mein Londoner Haus bewohnt und sich im Keller ein Studio eingerichtet hat. Die Nummern mussten also von vornherein gut genug sein, dass sie mir vor ihm nicht peinlich waren. Mir war nämlich sehr bewusst, dass man beim selbstständigen Arbeiten absoluten Müll produzieren kann. Manchmal zeigen sie im Fernsehen diese Porträts von Popstars, da bekommst du immer ihr Heimstudio vorgeführt und weißt sofort, dass sie dort nie einen anständigen Song fertigbringen werden. Weil niemand da ist, der sagt: "Jesus, that is shit."

Wie Sie schon anklingen ließen, ist "Jarvis" eigentlich ein moralisches Album. In "Disney Time" prangern Sie sogar die Realitätsflucht an, die Porno für die Erwachsenen darstellt und Disney für Kinder.

Da ging es mir darum, dass Kultur heute oft als elektronischer Babysitter verwendet wird. Ein Bekannter war letztens in New York und hat sich dort einen neuen Apartment-Komplex zeigen lassen. Diese Wohnungen hatten fast keine Küche mehr, sondern waren nur auf ein gigantisches Wohnzimmer hin ausgerichtet, in dem man mit seinem riesigen Breitwand-Plasma-Bildschirm, Internet und DVD-Sammlung eine Umgebung kreieren kann, die alle Unannehmlichkeiten der Welt ausblendet. So wird Kultur zum Betäubungsmittel.

Popkultur war ja immer schon eskapistisch, aber gerade das Wissen, dass ihre wunderbare Welt keine reelle war, gehörte zu ihrem magischen Reiz. Stört es Sie, wenn Pop so tut, als sei eine perfekte Welt real?

Genau. Man kann das gut an Filmen mit computergenerierten Animationen beobachten. Wenn man einen Dinosaurier von Ray Harryhausen (Pionier der Monsteranimation in Hollywood-Filmen, Anm. d. Red.) herumgehen sieht, dann weiß man, dass er nicht echt ist, weil man den projizierten Hintergrund erkennt, und sobald er einen Menschen aufhebt, um ihn zu verspeisen, verwandelt der sich in eine kleine Puppe. Das basiert alles auf der Aufhebung des eigenen Unglaubens. Wohingegen in "Fluch der Karibik" wirklich ein Typ einen Oktopus als Gesicht hat. Es ist also keine Flucht vor der Realität mehr, sondern die Verwirklichung einer glaubhaften anderen Realität. Alles bewegt sich in Richtung freie Assoziationen und eine Art von luzidem Träumen, das keinen Respekt mehr vor Naturgesetzen hat. Vor kurzem hab ich mich gefragt, ob die physische Welt für die Kinder in ein bis zwei Generationen genau so irreal sein wird wie für uns die freie Natur. Wir wissen, dass es sie gibt, und hin und wieder gehen wir auf einen Spaziergang da hin, weil wir ein bisschen frische Luft schnappen wollen. Aber wir kennen sie nicht, und wenn ich dort alleingelassen wäre und für mich selbst sorgen müsste, würde ich wahrscheinlich ziemlich schnell sterben.

In "Quantum Theory", dem Schlusssong, findet sich die Zeile: "Heute morgen wachte ich auf, Gott war tot, aber ich lebte weiter." Ein Kommentar zu einer gottlosen Welt?

Der Mann in dem Song bedauert einiges an seinem Leben und findet eine Art Paralleluniversum, in dem er viele seiner Fehler nicht begangen hat. Ich hatte große Bedenken wegen dieser "Gott ist tot"-Zeile, weil das ja schon ein eher großes Statement ist. Ich verstehe auch die Quantentheorie nicht ganz, schließlich bin ich kein Wissenschaftler, aber ich weiß, dass ein Teil davon der Erklärung gewidmet ist, warum die Schwerkraft stark genug ist, uns auf der Erde zu halten, und schwach genug, dass wir uns bewegen können. Da gibt es diese Leute, die glauben, der größte Teil der Schwerkraft verstecke sich in einer parallelen Dimension, und daher spürten wir ihn nicht. Die Idee des Songs ist, dass der Erzähler den Schlüssel zum Geheimnis des Universums findet, aber dadurch entfesselt er auch die volle Macht der Schwerkraft. Er ist frei, aber er kann sich nicht mehr bewegen. Er ist der Illusion des Glaubens entflohen, kann ohne diese Struktur aber nicht mehr agieren.

Sind Sie in einem konventionellen Sinn gläubig?

Nein. Ich glaube schon, dass der menschliche Geist erstaunliche Sachen vollbringen kann, aber ich stimme nicht mit der religiösen Annahme überein, dass das Individuum sich dabei mit einer äußeren Macht in Verbindung setzt. In Sheffield wohnte ich gegenüber einer charismatischen Kirche, wo sie einander Hände auflegen und sagten: "You've been hit! Hit by the spirit!" Sie wollten immer, dass ich zu ihren Treffen komme. Wenn du einen Haufen Leute in einem Raum versammelst, die sich alle auf etwas Bestimmtes konzentrieren und gemeinsam Musik hören, kann ich mir schon vorstellen, dass man beim Handauflegen so was wie einen elektrischen Schlag spürt. Aber sie schienen geradezu Angst davor zu haben zuzugeben, dass das aus ihren eigenen Händen kam. Sie führten es lieber auf eine äußere Macht zurück, weil sie sonst für sich selbst Verantwortung übernehmen hätten müssen. Und trotzdem: Für mich wäre ein Leben ganz ohne spirituelle Dimension eine ziemlich brutale, schreckliche, bedeutungslose Übung.

Robert Rotifer in FALTER 50/2006 vom 15.12.2006 (S. 24)


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