A Weekend in the City

von Bloc Party

Derzeit nicht lieferbar

Label: Wichita
Erscheinungsdatum: 02.02.2007

Rezension aus FALTER 18/2007

"Nicht viel zu feiern"

Die demnächst in Wien gastierende britische Band Bloc Party liefert einerseits den Sound zum fröhlichen Wochenendabsturz und steht anderseits dem Spaßdiktat sehr skeptisch gegenüber.

Schweigsam unter der Woche, verlange ich heut Nacht das, was mir zusteht", heißt es im Song "The Prayer" von Bloc Party. Ihr Sänger und Texter Kele Okereke singt ihn aus der Position eines grauen Durchschnittsmenschen, der um ein bisschen Party bettelt und endlich im Mittelpunkt stehen möchte. Akutes Samstagnachtfieber und dazu noch die üblichen Antörner, die von null auf hundert bringen sollen: Aus Spaß wird schnell Exzess, und die Sause endet nur allzu oft in Gewalt, wie Bloc Party auf ihrem Album "A Weekend in the City" berichten.

Das Anfang des Jahres erschienene zweite Album des britischen Quartetts hat sich zu einem der Dauerbrenner der Musiksaison entwickelt, am Wochenende gastiert die Band damit in Wien. "A Weekend in the City" erzählt, zu einem aufwendig produzierten Wall Of Sound, elf lose miteinander verbundene Geschichten aus dem Leben in der großen Stadt, wo man sich immer mehr aufs Wochenende und den dann dringend nachzuholenden Spaß konzentriert.

"Alle richten ihr Leben auf die Zeit von Freitagabend bis Sonntagmittag aus", meint Bloc-Party-Drummer Matt Tong (Sänger Okereke gibt sehr ungern und höchst selten Interviews). "Das zeigt, wie wenig ihre Jobs, die so viel Raum und Zeit einnehmen, den Leuten bedeuten. Das ist auch kein Wunder. Die wenigsten haben eine Perspektive und sie bekommen keine Anerkennung für ihre Arbeit. Die Belohnung holen sie sich selbst am Wochenende. So wie Kinder sich auf Süßigkeiten stürzen, saufen sie eben rein."

Bloc Party wollen ausdrücklich "nicht die Moralapostel spielen", sie verharren auf ihrem Beobachterposten. Interessant ist die Perspektive, die Bloc Party einnehmen, denn als erfolgreiche Rockband, die den Sound zum allwöchentlichen Absturz liefert, ist sie ja auch nur ein Teil einer großen Unterhaltungs- und Zerstreuungsindustrie. Persönlich halten die Musiker vom Glitzer inzwischen allerdings einigen Abstand. Gleich im eröffnenden "Song For Clay (Disappear Here)" erzählt Okereke von den noblen Dinners und Highlife-Partys, die er nach dem Erfolg des gehypten Erstlingswerks "Silent Alarm" (2005) besuchte - und von der absoluten Leere, die er empfand: "Blasen steigen in der Sektflöte hoch / Aber wenn ich küsse, empfinde ich nichts."

Die übliche britische Rockband besteht aus vier Schulkumpels, die ähnlich aussehen und sehr stolz auf ihre Heimat sind. Bei Bloc Party verhält es sich etwas anders. Während Gitarrist Russell Lissack und Bassist Gordon Moakes britische Wurzeln haben, kommen Okerekes Eltern aus Nigeria, Tong hat chinesische Vorfahren. Begegnet sind die vier einander in East London, einer traditionell von Einwanderern bewohnten Gegend und heute ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Kulturen.

Mit dem britischen Nationalstolz, den sich immer noch so viele junge Bands auf ihre Fahnen schreiben, braucht man Bloc Party nicht zu kommen. "Worauf beruht dieser Patriotismus denn?", ereifert sich Matt Tong. "Er gründet darauf, dass wir vor sechzig Jahren einen Krieg gewonnen haben und vor vierzig Jahren ein Fußballspiel. Wenn es nicht traurig wäre, wäre es schon wieder lustig: England ist grau, das Essen ist hier schlecht und nichts funktioniert richtig, aber keiner versucht, es zu ändern. Stattdessen feiert man einfach alles, was an diesem Land schlecht ist."

So verkrochen sich Bloc Party vergangenen Sommer, als die Fußball-WM auch in England das Leben bestimmte, ins Studio, um den Nachfolger zu ihrem Debüt "Silent Alarm" aufzunehmen. "Wir wollten uns nicht hetzen lassen und haben lange am Sound herumgetüftelt", erzählt Tong. "Wir haben versucht, eine größere Bandbreite zu erzielen, aber auch experimentell zu sein."

Bloc Party bezeichnen sich als typische Rockband mit Bass, Schlagzeug und zwei Gitarren. "Wir sind aber keine typische englische Band", betont Tong. "Besonders schade finde ich, dass es zwischen den Kulturen in England kaum zu einem Austausch kommt. Es gibt zwar in gewissen Teilen von London eine enorme Vielfalt, aber die Leute leben nebeneinander her, ohne sich gegenseitig wahrzunehmen."

Wenn man einander aber mal bemerkt, kann das böse Folgen haben. Der Tod von Christopher Aleneme, einem Freund von Okerekes Familie, der einem rassistischen Mord zum Opfer fiel, legt einen Schatten über "A Weekend in the City". Eine weitere traurige Inspiration für Okerekes düstere Texte lieferte die Ermordung eines homosexuellen Barkeepers nach einer sogenannten "Happy Slapping"-Attacke.

"Wir wollen nicht depressiv sein, aber es gibt momentan eben nicht so viel zu feiern", gibt der Schlagzeuger abschließend zu Protokoll. "Es geht nicht darum, ein düsteres Bild von England zu malen, es geht um ein realistischeres Bild, als man es sonst sieht." Spricht's, und bestellt sich ein Bacon Sandwich. Bis vor kurzem hätte man Bloc Party unbedingt für strenge Vegetarier gehalten, aber diese noch kürzlich als Post-Punk-Revivalisten stigmatisierte und nun möglicherweise bald als gutes Gewissen des Nullerjahre-Rock geltende Band steckt voller Überraschungen. Vielleicht wird ihr nächstes Album ja eine lupenreine Feelgood-Platte.

Sebastian Fasthuber in FALTER 18/2007 vom 04.05.2007 (S. 63)


Rezension aus FALTER 6/2007

In der Indiedisco

Man kann dem Problem des schwierigen zweiten Albums also auch durch Arbeitsbeschleunigung entgehen. Nur ein knappes Jahr nach der Europaveröffentlichung ihres Debüts legen die New Yorker Indieschrammelrocker Clap Your Hands Say Yeah mit "Some Loud Thunder" (Wichita/Edel) nach. Der ästhetischen Geschlossenheit des Vorgängers stellt das Quintett um Sänger und Songwriter Alec Ounsworth nun eine in unterschiedliche Richtungen weisende und letztlich nur durch den markanten Gesang zusammengehaltene Songsammlung gegenüber, die zwischen doppelbödiger Pianoballade, Velvet-Underground-Reminiszenz, fiebrig-elektronischem Tanzstück und kollektivem Taumel fast alle Stücke spielt.

Deutlich länger haben sich Bloc Party für ihr zweites Album Zeit gelassen. "A Weekend in the City" (Wichita/ Edel) bricht mit dem kommerziell ungemein erfolgreichen Dance-Punk-Sound des Debüts "Silent Alarm" und baut die elektronischen Anteile aus, wobei sich der moderne Rockentwurf des Londoner Quartetts auch zusehends epische Breitwandgesten und scheinbar ruhige, tatsächlich aber sehr aufwühlend-emotionale Passagen gestattet. Beim ersten Hören ist man da noch etwas ratlos, bei näherer Beschäftigung erweisen sich diese elf Songs als vielschichtige Großtat und großes Zukunftsversprechen der gegenwärtig wohl wichtigsten Band Englands.

Mit "Lie Lover Lie" (Because/Warner), dem Debüt des Quartetts The Blood Arm, kann man sich die Zeit ebenfalls äußerst kurzweilig vertreiben: flott gehaltener, verspielter, ins Ohr gehender und in die Beine fahrender Neo-New-Wave-Pop mit Pfiff und überbordendem Herz, der zwar britisch klingt, tatsächlich aber aus Los Angeles kommt.Auf der Suche nach dem schlicht hedonistischen Indiediscokracher ist man dieser Tage mit den ebenfalls britischen Klaxons gut bedient, die als Speerspitze eines neuen Trends namens "New Rave" gelten ("Rave" wie in: Drogen als nächtlicher Glückstreibstoff). Ihr Debüt "Myths of the Near Future" (Universal) rauscht in elf euphoriedurchtränkten, auf Füllmaterial großzügig verzichtenden Songs daher. Vor allem über den Faktor Rhythmus funktionierend, vergessen sie aber auch nie auf die Melodieführung, wodurch diese Musik selbst beim ebenso nüchternen wie einsamen Hören in den eigenen vier Wänden großen Spaß macht.

Gerhard Stöger in FALTER 6/2007 vom 09.02.2007 (S. 60)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Lie Lover Lie (The Blood Arm)
Some Loud Thunder (Clap Your Hand Say Yeah)
Myths Of The Near Future (Klaxons)

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