And The Anonymous Nobody

von De La Soul

€ 19,30
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Label: AOI RECORDS
Format: CD
Genre: HipHop / Rap
Umfang: 17 Tracks, Gesamtspielzeit 67:59 Min.
Erscheinungsdatum: 26.08.2016


Rezension aus FALTER 34/2016

Der Hip-Hop der mittleren Jahre

Beginner und De La Soul feiern Comebacks zwischen Massenentertainment und Experiment

Die ersten Worte auf dem neuen Beginner-Album spricht Torch. Der Heidelberger Rapper war Pionier der deutschen Hip-Hop-Szene, seine Gruppe Advanced Chemistry bildete mit gesellschaftskritischen Texten („Fremd im eigenen Land“) den Underground-Antipoden zu den Pop-Rappern Die Fantastischen Vier. 2001 reichte er auf Jan Delays erstem Soloalbum „Searching for the Jan Soul Rebels“ die Fackel weiter.

Diesmal dürfen Delay, der sich als Teil des Hip-Hop-Trios Beginner Eizi Eiz nennt, und seine Kollegen Denyo und DJ Mad für ihren Albumtitel sogar den Namen von Torchs Crew verwenden. Die Geste wirkt wie eine Absicherung der mit Spannung erwarteten Rückkehr der Beginner. Denn im Grunde handelt es sich dabei um ein streng kommerziell ausgerichtetes Comebackwerk nach allen Regeln der Marketingkunst. Die Promotion im Vorfeld war so perfekt getaktet, dass alles andere als Position eins in den deutschen Charts für die Hamburger Band eine Enttäuschung wäre.
Massenentertainment mit Geschmack sowie einem Hauch von politischem Bewusstsein war freilich früher schon die Stärke der Beginner, die bis 2003 unter dem Namen Absolute Beginner firmierten. Als 14-jährige Gymnasiasten mit dem Rap-Virus infiziert, verbrachten sie ihre Jugend auf den ersten Hip-Hop-Jams in Jugendzentren. Mit ihren in jahrelangem Feilen entwickelten Skills erreichten sie anfangs nur einen kleinen Hörerkreis.
Später entwickelte sich daraus ein echter Hip-Hop-Boom. Ende der 1990er-Jahre schaffte die Gruppe mit dem Album „Bambule“ den Durchbruch, die Stücke „Hammerhart“ und „Liebes Lied“ wurden Hits und der Beginner-Slang mit Ausdrücken wie „derbe“, „Flash“ oder „Digger“ Teil der Jugendsprache. Kurz darauf startete Jan Delay, der näselnde Part des Trios, auch eine Solokarriere im Zeichen von Reggae und Funk und wurde eine Art Udo Lindenberg 2.0.

Beginner veröffentlichten 2003 mit „Blast Action Heroes“ noch ein erfolgreiches Album, verschwanden dann aber von der Bildfläche. Die Hip-Hop-Landschaft veränderte sich zu der Zeit radikal. Figuren wie Sido und Bushido übernahmen das Ruder, der Ton im deutschen Rap wurde rauer, statt Liebe wurde Hass gepredigt. Jan Delay bespielte in der Folge mit Band die großen Festivalbühnen, irgendwann war aber auch bei seiner Solokarriere die Luft raus. Auf dem Rockalbum „Hammer & Michel“ (2014) klang er zuletzt wie eine müde Selbstparodie.
Die Rückkehr der Beginner ist ein Drahtseilakt. Die Schwierigkeit liegt darin, die Fans von einst nicht mit zu modernem, gangstamäßigem Hip-Hop zu verstören und andererseits die an Härteres gewöhnten Kids abzuholen. Die erste Single „Ahnma“, auf der der junge Hamburger Straßenrapper GZUZ zu hören ist, war insofern ein perfekter Schachzug, polarisierte und brachte die Band zurück ins Gespräch. Im von Gaststars durchsetzten Kostümvideo zur zweiten Single „Es war einmal“ tritt GZUZ nun als studentischer Fan der Band verkleidet auf und kommentiert: „Ich verstehe nicht, was dieser Proll im letzten Beginner-Video zu suchen hat.“
Wiewohl ihre Rap-Skills nicht mehr auf dem allerneuesten Stand sind, verhelfen diese Fähigkeit zur Selbstironie und ihr halbwegs intakter Wortwitz Beginner zu einem am Ende doch deutlichen Punktesieg über die heutige Ego-Koks-Rapper-Generation. Musikalisch lassen sie zwischen Anklängen an aktuelle Sounds von Trap bis Cloud Rap und zeitlos funkigen Stücken auch nichts anbrennen.

De La Soul wollen gar nicht erst mit ihren Nachfolgern um Youtube-Klicks in Konkurrenz treten. Wie Beginner hat das US-Trio eine längere Pause hinter sich. Bewiesen sie mit frühen Alben wie „3 Feet High and Rising“ (1989), das bis heute als Meilenstein des Genres gilt, wie spielerisch man mit Samples arbeiten kann, gehen sie auf ihrem neuen Werk „and the Anonymous Nobody“ einen völlig anderen Weg: Eigensampling. Sie nahmen mit einer Band zig Stunden Musik auf und bauten ihre neuen Stücke anschließend aus diesem Soundmaterial zusammen.
Das Resultat ist eine von Funk bis Rock und Electropop reichende Platte ohne Scheuklappen. De La Soul erlauben sich lange Instrumentalpassagen und lassen den Gaststimmen – darunter David Byrne, Snoop Dogg und Damon Albarn – höflich den Vortritt. Trotzdem verliert das Album nicht den Faden, sondern wartet mit einer stimmigen Dramaturgie auf. Im Mittelteil entfernt es sich weit von Hip-Hop, ein Stück darf sogar Justin Hawkins von den Glamrock-Wiedergängern The Darkness singen, am Ende landet man aber wieder bei Beats und Raps.
Die Plattenfirmen zeigten sich angesichts von Nummern, bei denen es mitunter mehrere Minuten dauert, bis überhaupt gerappt wird, nur verhalten euphorisch. Daraufhin beschlossen De La Soul, die Platte lieber in Eigenregie zu veröffentlichen, um keine Kompromisse eingehen zu müssen. Als erster Hip-Hop-Act ihres Formats finanzierten sie das Unterfangen via Crowdfunding.
Ihre Fans, die inzwischen selbst längst in den mittleren Jahren sind, ließen sie nicht im Stich und überwiesen prompt. Die Belohnungen dafür reichten von handgeschriebenen Textblättern bis hin zu gemeinsamen Sneaker- und Spielzeug-Einkaufstouren mit den Musikern. Die für die Produktion benötigten 110.000 Dollar waren binnen weniger Stunden erreicht, am Ende kamen sogar 600.000 zusammen. Den Differenzbetrag verpulverten De La Soul für sinnlosen Luxus: Sie engagierten ein großes Orchester.

Sebastian Fasthuber in FALTER 34/2016 vom 26.08.2016 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Advanced Chemistry (Beginner)
Titelliste
1. 
Genesis
De La Soul / Scott, Jil
1:36
2. 
Royalty capes
De La Soul
3:46
3. 
Pain
De La Soul / Snoop Dogg
4:39
4. 
Property of spitkicker.com
De La Soul / Marciano, Roc
5:32
5. 
Memory of... (us)
De La Soul / Estelle / Rock, Pete
4:55
6. 
CBGB's
De La Soul
1:20
7. 
Lord intended
De La Soul / Hawkins, Justin
7:16
8. 
Snoopies
De La Soul / Byrne, David
4:15
9. 
Greyhounds
De La Soul / Usher
5:26
10. 
Sexy bitch
De La Soul
1:31
11. 
Trainwreck
De La Soul
3:17
12. 
Drawn
De La Soul / Little Dragon
5:33
13. 
Whoodeeni
De La Soul / 2Chainz
4:31
14. 
Nosed up
De La Soul
3:57
15. 
You go Dave (A Goldblatt presentation)
De La Soul / Goldblatt, David
1:20
16. 
Here in after
De La Soul / Albarn, Damon
5:41
17. 
Exodus
De La Soul
3:24

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