Les Urnes de l'Opera

von Various

Derzeit nicht lieferbar

Label: EMI
Erscheinungsdatum: 26.06.2009

Rezension aus FALTER 29/2009

Knisternde Zukunftsnostalgie: Aus den Urnen der Pariser Oper weht der Hauch der Geschichte

So schön haben sich das die Herren von der Pariser Oper am 24. Dezember des Jahres 1907 vorgestellt: In einer feierlichen Zeremonie begrub eine befrackte Delegation zwei versiegelte Urnen im Keller des traditionsreichen Hauses. Der Inhalt: je zwölf Schellackplatten mit populären Arien, gesungen von den beliebtesten Interpreten der Epoche, darunter Nellie Melba, Enrico Caruso, Fjodor Schal­japin, Reynaldo Hahn.
Diese Beispiele höchster Sangeskunst, aufgezeichnet mit der avancier­testen Technik der Zeit, wolle man der Nachwelt überliefern, erklärte ein Minister. Genau 100 Jahre später sollten die Urnen wieder geborgen werden. Für alle Fälle – wer weiß schon, was die Zukunft bringt? – legte man die Bauanleitung für ein Grammophon bei.

Was für eine bildmächtige Idee! Der geschichtsbewusste Geist des Historismus verbindet sich da mit dem technischen Stolz und der Zukunftsgläubigkeit der Moderne. Fünf Jahre später wurden noch zwei weitere Urnen versenkt, dann lief die Zeit und brachte zwei Weltkriege, die Stereofonie, die Compact Disc, iTunes.
Und schließlich war es so weit: Nach genau 100 Jahren wurde der Schatz geborgen. Fachleute in Schutzanzügen und Atemmasken machten sich unter höchsten restauratorischen Vorsichtsmaßnahmen daran, die Urnen zu öffnen. Die bestens konservierten Schellacks wurden analog und digital abgetastet und nun vom altehrwürdigen britischen Tonträgerunternehmen EMI auf CD veröffentlicht.
Was für ein Jammer, dass die Frist nicht schon vor zehn Jahren abgelaufen ist, als die Geschäfte für die Musikindustrie noch besser liefen. Dann wäre diese einzigartige Hinterlassenschaft wohl in einer prächtigen Luxus­edition erschienen, samt Ledereinband und Goldschnitt.
So aber gibt's nur eine billig produzierte Plastikbox; noch nicht einmal eine Übersetzung des ohnehin knappen französischen Begleittextes wollten sich die geschichtsvergessenen Erben leisten. So schnöde haben sich das die Herren von der Pariser Oper
sicher nicht vorgestellt.

Carsten Fastner in FALTER 29/2009 vom 17.07.2009 (S. 26)


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