Kings and Queens

von Jamie T

Derzeit nicht lieferbar

Label: EMI
Erscheinungsdatum: 28.08.2009

Rezension aus FALTER 36/2009

"Ich bin der Federgewichts-Champion"

Als der Falter Jamie T zum letzten Mal begegnete, saß er in dem versifften, aber gemütlichen 12 Bar Club in der Londoner Denmark Street und beobachtete das Treiben in der popgeschichtsträchtigsten aller Londoner Seitengassen. Einst wimmelte es dort nur so vor Studios und Verlegerbüros.
Heute locken dagegen bloß noch die paar verbliebenen Gitarrenhändler das musizierende Milieu bzw. – wie wir dem Text der Eröffnungsnummer "368" von Jamie Ts zweitem Album "Kings and Queens" entnehmen – so manchen drogensüchtigen Gelegenheitsdieb an: "Is it the clothes or the bullet holes or the shit up your nose / That makes you contort your body like that / Like a Denmark Street thief feeding the crap."
Es sind derlei schon auf seinem Debütalbum "Panic Prevention" (2007) erfolgreich formulierte Sittenbilder als Personenbeschreibungen, die Jamie Treays – so heißt er mit vollem Namen – zu einem der verlässlichsten Chronisten des von der Rezession gebeutelten Britannien machen.
Unser Interview findet an einem zivilisierteren Ende der Stadt in den Hallen seiner Plattenfirma statt. "Hilfe, da ist einer, den ich lieber nicht treffen will", sagt Jamie T und duckt sich hinter eine der Trennwände des Großraumbüros der EMI-Zentrale. Auf der anderen Seite springt ein Mitarbeiter der PR-Abteilung hinter seinem Schreibtisch hervor. Wir flüchten vor ihm in den bereitstehenden Aufzug. "Ich ruf dich an!", ruft der junge Popstar seinem Verfolger durch die sich schließenden Türen der Liftkabine zu.
Wie Jamie T erklärt, während der Panoramalift uns an Etagen der Betriebsamkeit vorbei erdwärts befördert, wolle der aufdringliche Mann von der Firma den jungen Rapper und Sänger beharrlich "zu irgend so einem Piratenradio-Ding" überreden.
Es ist die ganz normale, verkehrte Welt der verwirrten Popindustrie Ende der Nullerjahre, wo selbst die Bekämpfer des Urheberrechtsbruchs nach dem – notfalls vorgetäuschten – Glamour des Illegalen schielen, ohne zu merken, dass ihr Schützling bereits zwei Schritte weiter ist und längst den eigenen Backlash persifliert.

Im Video zu seiner letzten Single "Sticks and Stones" mimt Jamie T mit seiner Crew die für Hip-Hop-Videos typischen Posen jugendlichen Schabernacks samt zweideutigen Handgesten. Synchron zur Musik erscheint bedeutungsvoll ein Bahnsteigschild mit der Aufschrift "Hampton Wick", so als wäre jener gutbürgerliche West-Londoner Vorort das Londoner Äquivalent von Compton, L.A. oder der Bronx. "Das habe ich eingebaut, weil gewisse Leute immer behaupten, ich tue so, als wäre ich aus dem Ghetto", erklärt der eigentlich in einem sehr gewöhnlichen Winkel von Wimbledon aufgewachsene Treays, "ich dachte mir, ich könnte mich über diese Schandmäuler lustigmachen, indem ich in einer wohlhabenden Gegend wie Hampton Wick so ein Video drehe."
Eine der Strophen beschreibt, wie Jamie vom gegenüberliegenden Bahnsteig aus als lightweight prick gehänselt wird. Im echten Leben, sagt er, seien ihm solche Worte von selbsternannten Blockwarten des britischen Working-Class-Machismo schon einige Male an den Kopf geworfen worden. Für Bahnhofsschlägereien entschieden zu schmächtig, reicht er die schlagfertige Replik nun in seinem Songtext nach: "Ich bin der Federgewichts-Champion!"
Tatsächlich ergibt sich gerade aus der sorglosen Leichtigkeit, mit der Jamie und sein Heimstudio-Produktionspartner Ben Bones markante Melodien, aufgeweckte Beats und juvenile Wortverspieltheiten in ihren großen Kochtopf werfen, der herzhafte Geschmack der Brühe. Ein Song wie "Spiders Web" bombardiert uns mit geladenen Reizwörtern wie Obama, Osama, Intifada und steinewerfenden Kindern im Gazastreifen, entpuppt sich aber bei genauerem Hinhören als das ziellose Gebrabbel eines vor dem Fernseher herumlümmelnden Nichtstuers, der sich auf den Newskanal verirrt hat.
"Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß", meint der von der Revolutionsromantik der alten Clash beseelte Songwriter, "ist, dass ich keine Ahnung habe, wovon ich rede. Man weiß nicht mehr, woran man glauben soll, also saugt man einfach alles auf, ohne je zu verstehen, was wirklich los ist."
Selbst wenn sein Autor sich da selbst nicht so sicher ist, lässt "Kings and Queens" sich auf seine Art dennoch als ein zutiefst politisches Album verstehen, und zwar aus der konfusen Perspektive eines im verdrängten Dauerkriegszustand aufgewachsenen britischen 23-Jährigen. In "British Intelligence" begegnet er etwa der Überwachungsgesellschaft mit Spott und Paranoia zugleich, während sich hinter einer Nummer mit dem scheinbar brisanten Titel "Castro Dies" nicht viel mehr als eine Metapher für Dinge verbirgt, die man tun sollte, bevor es zu spät ist. Zum Beispiel nach Kuba fahren, bevor Castro stirbt.

Die irrwitzige Vermischung konträrer Elemente zur musikalischen Rahmung dieser unkontrollierten Gedankeneruptionen entspricht jedenfalls keiner eklektischen Mission, sondern bloß dem völlig kontextunabhängigen, allesfresserischen Musikkonsum der Download-Generation, der sich auch in Jamie Ts Wühlverhalten in den staubigen Plattenregalen der Charity-Shops manifestiert.
So beginnt ein Song namens "The Man's Machine", der null mit dem Kraftwerk-Album "Die Mensch-Maschine" gemein hat, mit einer gesampelten Ansage aus einem billig erstandenen Livealbum der Skinhead-Band Angelic Upstarts, während die übernächste Nummer von einem Schnipsel aus Hippie-Folk-Königin Joan Baez' "Queen of Hearts" eingeleitet wird.
Besagter Song heißt zwar "Earth Wind & Fire", klingt aber im weiteren Verlauf keineswegs nach Jazz, Funk oder Soul, sondern eher nach den frühen U2. Ein Vergleich, der Jamie T schockiert an den Kopf fassen und laut auflachen lässt. "Ich muss dir ein Geheimnis erzählen", sagt er, "der Schlagzeugbeat in ‚Sunday Bloody Sunday' war für mich der allererste Auslöser, ein Musikinstrument zu spielen. Aber U2 sind schon ein sehr, sehr schuldiges Vergnügen, das irgendwo mit einer gigantischen Zitrone als Bühnendeko endet. Das geht wirklich nicht."
Na bitte, auch die Download-Generation kennt also noch Distinktionsgrenzen.

Matthias Dusini in FALTER 36/2009 vom 04.09.2009 (S. 34)


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