Lovetune for Vacuum Ltd.

von Soap & Skin

Derzeit nicht lieferbar

Label: Solfo Music
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 13 Tracks, Gesamtspielzeit 41:30 Min.
Erscheinungsdatum: 06.03.2009

Rezension aus FALTER 9/2009

Ein Kind von Traurigkeit

Die junge Frau auf der Bühne ist ganz in Schwarz gekleidet, ihr bleiches Gesicht wird von wirrem, dunklem Haar umrahmt, sie wirkt schüchtern. Sie steht hinter einem Klavier und singt "Spiracle", ihre Lied gewordene Reflexion einer kaputten Kindheit. "Please, help me", fleht sie mit brüchiger Stimme an einer Stelle des Songs, an einer anderen dreht sie sich vom Mikrofon weg und brüllt endlos wirkende, durchdringende Sekunden lang unverstärkt ins Auditorium.
Sie brüllt mit einer Intensität, dass die Luft zu gefrieren scheint – und das Publikum mit der bangen Frage zurückbleibt, ob diese junge Frau einfach ein unglaubliches Talent zur dramatischen Pose hat oder ob das dargestellte Leid womöglich doch eine authentische Erzählung ist.
Die junge Frau heißt Anja Plaschg, als Musikerin nennt sie sich Soap&Skin. Wie genau Mensch und Kunstfigur zu trennen sind, weiß bislang nicht einmal sie selbst.
Anja Plaschg ist gerade einmal 18 Jahre alt und wird doch schon seit zwei Jahren als Wunderkind gehandelt, als "Österreichs next Popmodel". Ihre MySpace-Seite wurde bis jetzt 550.000-mal angeklickt, ihre raren Konzerte haben die Botschaft vom steirischen Popwunder bereits europaweit verbreitet.
Noch vor der Veröffentlichung eines regulären Tonträgers hat sich das deutsche Feuilleton vor ihr auf die Knie geworfen; bei dem in Berlin uraufgeführten Theaterstück "Nico – Sphinx aus Eis" hat sie vergangenen Herbst mitgewirkt und wurde für ihre Lieder als Star des Abends gefeiert.
Plaschg könnte auf einer rosa Wolke schweben – und erscheint doch als eine verwunschene Prinzessin, die keinen Weg aus ihrem Dornenreich findet. Der Aufregung um Soap&Skin gegenüber zeigt sie sich skeptisch: "Man kann es schwer ernst nehmen, wenn sich etwas so hochspielt."
Vor eineinhalb Jahren hieß es erstmals, dass ihr Albumdebüt "jetzt dann" erscheinen werde; die daran geknüpfte Erwartungshaltung ist mit jedem verstrichenen Tag nur noch größer geworden. Man kann den Druck also in etwa erahnen, unter dem die junge Musikerin während dieser Zeit gestanden sein muss.

Soap&Skin gilt als schwierige Künstlerin. Eine junge Diva sei sie, heißt es, eine sehr spezielle, eigenwillige Person. Tatsächlich war auch ihr Treffen mit dem Falter an zwei ungewöhnliche Bedingungen geknüpft. Anja Plaschg wollte sich nicht fotografieren lassen, und sie untersagte, das Gespräch in Interviewform zu drucken. "Ich will das nicht", lautet die ebenso lapidare wie verwirrende Erklärung der Musikerin. "Dass man sich vorstellt, dass ich irgendwas aussage. Ich sage nichts aus."
Eine komplizierte Zicke also? Mitnichten. Anja Plaschg ist definitiv kein netter, umgänglicher Kumpeltyp. Sie macht aber auch keine nette, umgängliche Musik. Vielmehr schafft sie große, fast überlebensgroße Kunst im Songformat, die im deutschsprachigen Raum einzigartig dasteht und selbst im internationalen Pop gegenwärtig eigentlich nur mit dem New Yorker Schmerzensmann Antony verglichen werden kann.
Diese ungewöhnliche junge Frau ist keine Diva, die Aufregung um der Aufregung selbst willen stiftet. Sie ist eine geradezu beängstigend ernsthafte Künstlerin, der es zuallererst um Genauigkeit geht. Eine unbedingte Genauigkeit, die ihre Musik und ihr Auftreten prägt, die sie sich aber auch im Umgang mit ihr wünscht. Die Qualität ihrer Musik gibt ihr jedes Recht dazu.
Nach der im Herbst veröffentlichten EP "Untitled" erscheint das erste Album "Lovetune for Vacuum" (siehe S. 27) am 6. März in Österreich, die Woche darauf in Deutschland, im April europaweit. Mit Pias steht eine große internationale Independent-Firma mit langjähriger Erfahrung hinter Soap&Skin, unter anderem hat das Label die isländischen Postrock-Melancholiker Sigur Rós vom Geheimtipp zu Popstars der Alternative-Welt aufgebaut.
Ein Weg, der auch für die junge Steirerin vorgezeichnet ist. "Lovetune for Vacuum" ist die wohl wichtigste österreichische Popplatte der Nullerjahre, und es dürfte seit dem "DJ-Kicks"-Album von Kruder & Dorfmeister die erste Veröffentlichung aus dem heimischen Musik-Underground sein, die weltweit wahrgenommen werden wird.

"Wenn es denn einen gerechten Gott der Alternative-Musik gibt, müsste Soap&Skin bald in einem Atemzug mit den großen, sich bewusst auch als tragisch inszenierenden Entäußerungskünstlerinnen des Pop genannt werden", formuliert der ­Wiener Journalist Fritz Ostermayer, der in ­seiner FM4-Sendung "Im Sumpf" sehr früh zum ersten Mentor der jungen Musikerin wurde.
"Sie müsste in einer Reihe stehen mit Nico, Diamanda Galas, Lydia Lunch, P.J. Harvey, von mir aus auch mit Cat Power – aber sicher nicht mit Feist."
Anja Plaschg irritiert die Vorstellung einer Popstar-Zukunft. "Was soll dann sein?", fragt sie mit leiser Stimme und macht eine lange Pause, denkt nach, ringt um Worte. "Ich bleibe sowieso alleine. Und wenn ich das merke, kann es für mich noch schwieriger werden. Das macht mir Angst. Aber ich weiß auch, dass ich nur das machen kann, was ich da mache."
Das, was sie macht, ist scheinbar sehr simpel: Die vor allem von Techno und Klassik geprägte Musikerin kombiniert Klavier, Stimme und ein wenig ­Elektronik – und erzielt damit doch magische Ergebnisse.
"Soap&Skin hat keine Angst vor unzeitgemäßer Subjektbehauptung, vor romantischer Seelenschau, klassisch tot exerzierten Akkordzerlegungen, keine Angst vor plakativen Affekten und Effekten", sagt Fritz Ostermayer, der seine Einschätzung merklich genau abwägt.
"Und sie hat die Größe, all dies mit einer Ernsthaftigkeit zu behaupten und zu interpretieren, dass einem Angst werden könnte um die Reife und Ausgereiftheit dieser schier solipsistischen Kunst. Dass solche Musik dazu von einem sehr jungen Menschen kommt, lässt zur Angst auch noch ein wenig Bange kommen – Bange um die Zukunft einer Musikerin, die jetzt bereits alles gibt und sagt. Wo steht denn so eine in zehn Jahren?"
"Anja Plaschg ist eine extrem talentierte Musikerin, kann sehr gut Songs schreiben und auch arrangieren", findet der österreichische Elektronikstar Christian Fennesz, mit dem Soap&Skin kurzzeitig gearbeitet hat. "Sie weiß sehr genau, was sie will, und vor allem, was sie nicht will. Sie hat sehr früh zu einem unverwechselbaren Stil gefunden. Ihre Musik ist unglaublich intensiv und spricht sehr viele an – manchen ist sie vielleicht sogar zu intensiv."
Wo diese Intensität bei einem derart jungen Menschen herrührt? "Die Anja ist eine alte Dame", antwortet Fennesz scherzhaft auf diese zentrale Frage im künstlerischen Kosmos von Soap&Skin. "In Wirklichkeit ist sie schon mindestens 75 Jahre alt."

Als jüngstes von vier Kindern wird Anja Plaschg­ 1990 im oststeirischen 2000-Einwohner-Dorf Gnas geboren, wo ihre Eltern einen Schweinemastbetrieb führen. "Inmitten des Vulkanlandes, eingebettet in eine Landschaft der sanften Hügel, schattigen Wälder und bunten Felder und Wiesen, ist die Gnaser Region der Inbegriff des grünen Herzens Österreichs" – so stellt sich die Heimat von Soap&Skin auf der Gemeindehomepage vor.
Siebenjährig beginnt Anja Plaschg mit dem Klavierspiel, später kommt Geigenunterricht dazu. Zu Beginn ihrer Pubertät provoziert sie in der Hauptschule durch punkiges Outfit, nihilistische Gesten und eine ausgeprägte Skepsis Autoritäten gegenüber; ein überforderter Lehrer ruft einmal mit der erschütternden Erkenntnis zuhause an, dass es sich bei der Tochter wohl um eine Satanistin handle.
Das Klavierspiel ist mehr Pflichtübung als Freude, bis mit 13 über Nacht ein ex­tremer Wandel eintritt. Plaschg verliert sich in der Musik, übt hingebungsvoll, bis zu zwölf Stunden täglich; die Musik wird ihr zum Medium. Als sie 14 ist, zeigt ihr der älteste Bruder Wolfgang, dass man auch am Computer Musik machen kann. Innerhalb eines Tages entsteht aus dem Nichts ein erster Song, der später ohne jegliche Nachbearbeitung auf FM4 laufen wird.
Anja selbst hat keine Ahnung, was genau da vor sich geht, steckt aber bald das E-Piano an den Computer an, besorgt sich ein billiges Mikrofon und baut das elterliche Büro so zum Aufnahmestudio um. Auf MySpace veröffentlicht sie erste Lieder unter dem Künstlernamen Soap&Skin.
Düster und beklemmend sind diese Lieder, gleichzeitig wunderschön. "Als Anja Plaschg kann ich das Tun von Soap&Skin mit zunehmendem Alter besser reflektieren", erklärt sie heute. "Soap&Skin kann das aber nicht. Wenn Musik entsteht, fühle ich mich wie ein Gefäß, durch das etwas durchgeht. Etwas, das aus der Hinterkammer meines Kopfes kommt. Oder von ganz unten." Anja Plaschg und Soap&Skin wirklich auseinanderzuhalten, das will der 18-Jährigen nicht gelingen.
"Soap&Skin ist ein Konzentrat", erklärte Anja Plaschg unlängst in der Titelgeschichte des feministischen deutschen Popblattes Missy Magazine. "Manchmal habe ich das Gefühl, das ist ein Monster, das ich aus mir selbst heraufbeschworen habe."
Dass die Musik ihrer Tochter in eine sehr düstere Richtung geht, schockiert Anja Plaschgs­ Eltern nicht wirklich. "Wir haben sie immer beim Üben am Klavier erlebt, da hat sie lustige und fröhliche Stücke gespielt", erinnert sich ihr Vater. "Dass ihre Eigen­kreationen direkt in die andere Richtung gegangen sind, dieses Düstere, Tiefergreifende – wir haben es so akzeptiert." Es passe halt zu ihr, ergänzt die Mutter.
Anja Plaschg scheint überhaupt Glück mit ihren Eltern zu haben. Franz und Maria Plaschg sind nicht einmal verstört, als ihre Tochter nackt in den Schweinestall geht, um ein Video zu drehen: "Das war ja nicht unästhetisch", findet die Mutter. "Außerdem waren wir praktisch dabei, als sie das gefilmt hat."
Die Aufnahme entstand gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Evelyn; dass sich auch der Vater bei den Dreharbeiten im Schweinestall aufhalten würde, war nicht geplant. "Ich hab gerade meine Viecher durchkontrolliert", erinnert sich Franz Plaschg. "Auf einmal ging die Tür auf, und da standen die zwei Mädchen: flackerndes Licht, Latex über die Fußerl drübergezogen, dazu Latexhandschuhe und einen weißen Mantel, ansonsten nackert – und eine Kamera in der Hand. ‚Was ist da los, was wollt ihr denn?', habe ich gefragt. ‚Papa, Papa', kam die aufgeregte Antwort. ‚Du musst jetzt rausgehen.' Da habe ich schon gewusst, was los ist."
"Wir sind durch unsere Kinder geformt worden", erklärt Maria Plaschg diese Offenheit der avantgardistischen Kunst ihrer Tochter gegenüber. "Früher waren wir viel konservativer." "Die Zeiten bringen immer wieder etwas Neues", fügt ihr Mann an. "Da muss man sich ein bisschen anpassen, damit man mitwachsen kann."
Mit 15 verschickt Soap&Skin erste Demos; das Berliner Techno-Label Shitkatapult veröffentlicht ihre entrückte Ballade "Mr. Gaunt Pt. 1000". Anja geht derweil nach Graz, um die Ortweinschule zu besuchen, ein Kunstgymnasium. Das Leben im Internat hält sie ebenso wenig aus wie den Schulbetrieb. "Das Lernen war nicht das Richtige", meint die Mutter.

"Sie hat nach Wien gedrängt, weil sie unbedingt in die Kunst rein wollte", erinnert sich der Vater. "Wir waren natürlich ganz perplex, haben aber gesehen, dass sie es in Graz nicht mehr aushält. Uns wurde klar, dass wir ihr den Weg freimachen müssen – und diesen Weg ist sie auch gegangen."
Anja Plaschg bewirbt sich – nicht als Musikern, sondern als Malerin – 16-jährig an der Akademie der bildenden Künste in Wien und kommt in die Klasse von Daniel Richter (siehe Interview unten); nach drei Semestern wird sie das Studium zugunsten der Musik abbrechen.
Im Mai 2007 spielt die Neo-Wienerin ein Konzert im Mak, das zu einem Szeneauflauf sondergleichen wird und mehr als 500 Leute anlockt. Das Konzert selbst ähnelt einer Freakshow, wobei es freilich weniger ums Begaffen als vielmehr ums ehrfürchtige Bewundern geht.
Soap&Skin fühlt sich merklich unwohl, das Konzert schrammt nahe am Abbruch vorbei. Sie weint auf der Bühne, weiß mit den vielen Menschen nicht umzugehen, vergräbt sich nach dem Konzert tagelang in ihrer Wohnung. Später wird es nicht nur einmal passieren, dass sie Konzerte kurzfristig absagt – aus gesundheitlichen Gründen.
Heute weiß Anja Plaschg um die Grenzen von Soap&Skins Belastbarkeit genauer Bescheid. "Ich kann maximal drei Konzerte in Folge spielen, mehr geht sich kraftmäßig nicht aus", sagt sie. Entsprechend gestaltet sich ihr Tourplan für die nächsten Monate: Auf höchstens drei Konzerte folgen zumindest vier freie Tage.

Soap&Skin ist keine Drama-Queen, keine Schaustellerin düster-romantischer Jugendlichkeit. Sie spielt ihre Musik nicht, sie lebt und durchlebt sie, daher auch diese extreme körperliche Belastung. Und daher auch diese bis hin zur Verstörung reichende Faszination, die sie auslöst.
Beim Songwriting folgt sie keinem ausgearbeiteten künstlerischen Konzept, sondern verlässt sich einzig auf ihre Intuition. "Die Angst ist sehr präsent", beschreibt sie ihre Arbeitsweise. "Sie ist aber auch Mittel, manchmal sogar Hilfsmittel."
Wirkt sich Angst nicht eher lähmend aus? "Nein. Die Angst vor der Angst ist das Lähmende. Und das habe ich gelernt loszuwerden und die Angst zuzulassen, weil ich dadurch Zustände erreiche, die sehr an persönliche Grenzen gehen. Und das will ich ja auch, nur das interessiert mich."
Ihre Lieder entstehen durchwegs zuhause; die Tonqualität der Homerecordings genügt den Ansprüchen einer internationalen Popproduktion aber nicht. Erste Tage in einem professionellen Studio traumatisieren die junge Künstlerin im Frühjahr 2008: "Die Situation war schrecklich. Man hat da einen Techniker, der sagt: ‚So, jetzt sing!' – Aber das ist unmöglich!"
Christian Fennesz wird als Produzent zu Hilfe gerufen; tatsächlich bleibt es bei einem einzigen gemeinsam fertiggestellten Song, den Anja Plaschg dazu nutzt, sich die Technik des Studios anzueignen.
"Anja war absolut in der Lage, ihr Album selbst zu produzieren", sagt Fennesz, der der jungen Kollegin seinen Aufnahmeraum in den Amann Studios im 7. Bezirk monatelang zur Verfügung stellte. Schier endlos arbeitete die Perfektionistin an ihren Liedern, verfeinerte sie immer weiter. Christoph Amann, der Hausherr des Studios, stellte "Lovetune for Vacuum" letztlich als Tontechniker mit Soap&Skin fertig.
"Ich hatte mit Christian Fennesz ein wahnsinnig gutes Gefühl", sagt sie. "Mir wurde im Studio aber klar, dass ich zuvor alles alleine gemacht hatte und dass ich die Platte jetzt auch alleine fertigbekommen muss. Die Einsamkeit während des Komponierens und Aufnehmens zuhause war eine Voraussetzung für die Stücke. Es hatte sich da so viel Transzendentes verfestigt, das bei einer Neuaufnahme im Studio alles verlorengegangen wäre."
Anja Plaschg wurde mit einem später wieder verheilten Loch im Herzen geboren. Als sie 2007 im Steiermark-Teil des Falter erstmals porträtiert wird, spricht sie von ihrer Fantasie, sich via Herzschuss von der Welt zu verabschieden – also so zu gehen, wie sie einst gekommen war.
Dann aber gibt sie den düsteren Gedanken in Anspielung auf die ständige Thematisierung ihres Alters eine scheinbar selbstironische Wendung: "Nicht selten denke auch ich über mein Alter nach und rede mir dann einfach ein, dass ich eine ganz simple Krankheit habe – Pubertät!"

"Das war doch als Verarsche gemeint", stellt Anja Plaschg heute richtig. "Weil überall von ‚Wunderkind' die Rede war, von ‚jugendlichem Weltschmerz' und diesem ganzen Shit. Daher diese Aussage. Wenn das Pubertät sein sollte, werde ich immer in der Pubertät sein."
Anja Plaschg kultiviert kein wunschloses Unglück, wenn sie so etwas sagt, gefällt sich nicht in der Pose der Leidenden. Sie ist einfach schonungslos offen. "Ich verstehe, dass es den Wunsch gibt, sagen zu können: ,Ach, die ist ja gar nicht so, wie sie tut'", sagt sie. Doch im Interview bleibt sie die Erfüllung dieses Wunsches schuldig.
Muss man sich also Sorgen machen um diese großartige Musikerin? "Um meine junge Freundin Anja mache ich mir tatsächlich manchmal Sorgen", sagt Fritz Ostermayer. "Nicht jedoch um die Künstlerin Soap&Skin, die sich ja wissend und willentlich in die Kunsttradition der Besessenen einschreibt. Diese schwarz-romantische Leidenstradition von Robert Schumann über Arthur Rimbaud bis herauf zu den Selbstzerstörern des Pop betrachtete Kunst stets als eine Art Ersatzreligion und Künstler folgerichtig zumindest als Märtyrer, wenn nicht gleich Ersatz-Jesus."
Darin, so Ostermayer, liege ein gefährliches Moment der Gnadenlosigkeit sich und seinem Schaffen gegenüber, das leicht und allzu oft in Selbstzerstörung kippe. "Wir Hörer fallen dann in die ungute Rolle des Voyeurs, der sich echtes Leid als süßen Weltschmerz schönhören muss, um nicht als Komplize mitschuldig zu werden. Ein klassisches Dilemma melancholischer Popkultur: die eigenen Wunden von anderen lecken lassen und es sich in diesem perversen Akt auch noch gemütlich einrichten."
Soap&Skin, so gibt der Radiomacher zumindest bedingt Entwarnung, besitze aber auch einen extremen Formwillen. "Dieses rationale Gegengewicht samt einer Genauigkeit, um nicht zu sagen: Pedanterie in technischen Fragen erdet die Künstlerin dann doch im Profanen zeitgenössischer Musikproduktion. Und das ist gut so."
Die Eltern sind vor dem Erscheinen von "Lovetune for Vacuum" stolz, wenn auch nicht ganz unbesorgt. "Ich freue mich, dass unser Kind das in so kurzer Zeit aus eigener Kraft geschafft hat, und wir fürchten uns auch nicht vor der Aufregung, die ihre Platte auslösen könnte", sagt ihr Vater.
"Unsere Sorge ist eine ganz andere. Dass sie überfordert ist und sich in Drogen flüchten könnte. Dass sie der Stress in irgendwas hineinmanövriert, woran sie dann zerbricht." "Und dass zu viel von ihr verlangt wird", ergänzt die Mutter. "Sie ist sehr sensibel. Aber ich hoffe, sie wehrt sich – sie wehrt sich eh."

Und Anja Plaschg selbst? Die hört den mitgenommenen Interviewer am Ende des Gesprächs monologisieren: über seine ungelösten Probleme mit der Einschätzung von Soap&Skin; über die Frage der Authentizität von Figur und Person; und über die Befürchtung, dass Anja Plaschg vielleicht allzu sehr unter Soap&Skins Kunst leide. Ob sie sich eh nicht demnächst in den Abgrund stürze, an dessen Klippe sie die emotionale Intensität ihrer Musik zu bringen scheint? "Das ist absurd", antwortet sie. "Die Musik ist ja mein Sinn überhaupt. Musik ist das Schönste, sie ist alles für mich." 

Gerhard Stöger in FALTER 9/2009 vom 27.02.2009 (S. 27)


Rezension aus FALTER 9/2009

Wer fühlen will, muss leiden: Schönheit, Schmerz und Liebeslieder für den luftleeren Raum

iTunes macht es sich leicht und schreibt bei Soap&Skins Debüt "Lovetune for Vacuum" einfach "Unclassifiable" in die Genrebezeichnung. "Unclassifiable" aber, das sagt zuerst einmal gar nichts – ganz im Gegensatz zu den 13 Songs dieses in dreijähriger intensiver Arbeit entstandenen Albums.

Diese Songs berühren und verstören, verzaubern, lullen ein und schrecken ab; sie sind von unglaublicher Schönheit und fast beängstigender Tiefe; zugleich fragil und ein Fels in der Brandung, düstere Dramen und unwiderstehlicher Pop. Einer eigenen Soundästhetik verpflichtet, erweist sich Soap&Skin als Meisterin der Reduktion, des Spannungsaufbaus, der Dramatik.

Im Zentrum stehen das Klavierspiel und ihre wandlungsfähige Stimme, deren Ausdrucksspektrum von kaum wahrnehmbarem Flüstern bis zu durchdringendem Heulen reicht, die einmal ätherisch im Raum schwebt, um dann wieder alles zu erschüttern. Dazu kommen meist dezente, bisweilen auch abenteuerlustig eingesetzte Elektronik und hier und da ein paar Streicher.

Paradies und Apokalypse scheinen lediglich einen Steinwurf voneinander entfernt zu sein; als realistisch erscheint der jungen Musikerin aber wohl nur Letzteres. Die Liebe steckt zwar als Hoffnungsschimmer im Plattentitel, doch diese Liebe, so die bittere Erkenntnis, kann nur im luftleeren Raum landen.

Weltschmerz also? Keinesfalls. Den bekommt man etwa vom knapp 50-jährigen Morrissey serviert, der konsequent das Herz eines leidenden Teenagers auf der Zunge trägt; der tatsächliche Teenager Soap&Skin dagegen ringt, beseelt von großer Sehnsucht, mit Emotionen, die eine ganz andere Tiefe haben.

"Lovetune for Vacuum" sperrt sich gegen Vergleiche, Verortungen, Erklärungen. Es ist ein massiver Brocken, ein perfekt durch komponiertes Stück Musik – und schlicht eines der herausragenden Debüts der jüngeren Popgeschichte.

Gerhard Stöger in FALTER 9/2009 vom 27.02.2009 (S. 27)

  Song-Titel
1.  Sleep 2:42
2.  Cry Wolf 3:47
3.  Thanatos 2:34
4.  Extinguish me 2:36
5.  Turbine womb 3:44
6.  Cythia 2:57
7.  Fall foliage 2:43
8.  Spiracle 2:48
9.  Mr. Gaunt [Part 1000] 2:26
10.  Marche funèbre 2:58
11.  The sun 3:13
12.  DDMMYYYY 3:37
13.  Brother Of Sleep 5:25

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