Hurricane

von Grace Jones

€ 20,50
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Label: WALL OF SOUND/PIAS
Format: CD
Genre: Pop englischsprachig
Umfang: 9 Tracks, Gesamtspielzeit 48:40 Min.
Erscheinungsdatum: 07.11.2008


Rezension aus FALTER 44/2008

Amacing Grace!

Opernball, Rosenball, Volksgarten-Disco und dann noch der Falco-Film: Was Österreich betrifft, hat sie in den letzten zehn Jahren kaum etwas ausgelassen. Und obwohl die Orte, an die es sie zog, Würde und Anmut einer Frau namens Grace mitunter zu beleidigen schienen, wickelte die Stilikone der 80er-Jahre ihre Auftritte immer noch mit der ihr eigenen professionellen Durchgeknalltheit ab. Ihre beste Zeit hatte Grace Jones, die einstige Muse von Andy Warhol und Keith Haring, freilich lange hinter sich.
Die Rückkehr der Diva ins internationale Rampenlicht ist also eine echte Überraschung. Schon seit dem Sommer ist ihr furioses Album "Hurricane" durch das vorab im Internet veröffentlichte Video zu "Corporate Cannibal" im Gespräch. In diesem wird die Sängerin durch Computertechnologie zu einem bizarren Rieseninsekt verzerrt – ein Sinnbild für die unstillbare Gier der Konzerne. Nach langer Vorlaufzeit und mehreren Verschiebungen wird "Hurricane" nun am 7. November erscheinen. Was sind schon ein paar Wochen gegen die 19 Jahre, die Grace Jones keine neue Musik mehr veröffentlicht hat.
"Ich kümmere mich einfach nicht um die Zeit. Meines Erachtens verschwenden zu viele Leute zu viel Zeit auf solche Dinge", erklärte sie kürzlich dem deutschen Musikmagazin Intro das Geheimnis ihrer Alterslosigkeit. "Eine Menge davon hab ich meinen Genen zu verdanken, meine Eltern sind ja in der Hinsicht genau so."
Das wirkt entmystifizierend insofern, als man gar nicht gedacht hätte, dass die Frau mit der Brikettfrisur überhaupt Eltern haben könnte. Hey, ist sie nicht ein Alien? Tatsächlich gelingt ihr mit "Hurricane" aber Erstaunliches: Die Fusion des Mythos mit dem Menschen Grace Jones, den es abseits von Albumcovers, Filmen und durchchoreografierten öffentlichen Exzessen auch gibt.

In den neuen Songs "Williams' Blood" und "I'm Crying (Mother's Tears)" bringt die Sängerin ihre Familiengeschichte ins Spiel. Am Ende des Erstgenannten singt sie eine gospelhafte Variation des Traditionals "Amazing Grace", die im Hintergrund hörbare hohe zweite Stimme gehört ihrer Mutter. "Love You to Life" wiederum handelt davon, dass sich wahre Liebe nicht darin beweist, für jemanden zu sterben, sondern ihn wieder zum Leben zu erwecken. Der Song beruht auf einem Erlebnis mit einem Ex-Lover, der nach einer Überdosis ein paar Minuten klinisch tot war, ehe er wieder zurückkam. Komisch, so etwas über Grace Jones zu schreiben, aber letztlich ist "Hurricane" auch eine berührend persönliche Platte geworden.
Mit 60 Jahren darf man schon mal ein wenig zurückblicken. 1948 in Spanish Town, Jamaika, geboren, wächst Grace Mendoza als Tochter eines Predigers auf. Auf strenge Erziehung folgt Mitte der 60er die Übersiedlung in die USA, zusammen mit Mutter und Bruder. In New York absolviert sie ein Schauspielstudium, danach bekommt sie erste kleine Filmrollen – bereits unter dem Namen Grace Jones. Heute unvorstellbar, wird sie noch mit Mitte 20 als Model entdeckt, wodurch ihre Karriere erst richtig in Schwung kommt. Ihre weniger androgyne als regelrecht maskuline Erscheinung verhindert zwar eine Laufsteglaufbahn in Amerika, Paris aber verliebt sich sofort in sie.

Für ihre erste Platte kehrt Jones 1977 in die USA zurück. Es ist die Disco-Ära, und sie singt für den heute legendären Soundingenieur Tom Moulton die drei Alben "Portfolio", "Fame" und "Muse" ein, auf denen Broadwaymelodien wie "Send in the Clowns" zu Disco-Symphonien aufgeblasen werden. Unvermeidlich, dass sie zur "Queen of Gay Disco" erklärt wird. Musikalisch wohl fühlt sie sich nicht wirklich.
Ihre große Phase als Sängerin hat Jones Anfang der 80er mit einem weiteren Album-Triptychon. "Warm Leatherette", "Nightclubbing" und "Living My Life" nimmt sie mit den Reggae-Produzenten Sly & Robbie in den berühmten Compass Point Studios auf den Bahamas auf. In kühlen und doch eminent mitreißenden Dub/New-Wave-Verfremdungen von Songs von Daniel Miller oder Roxy Music findet Jones ihren Stil. Dass sie auch selbst schreiben kann, beweist sie mit dem Überhit "Pull Up to the Bumper", der bis heute den Höhepunkt ihrer Liveauftritte markiert.
Parallel dazu stylt sie der französische Designer Jean-Paul Goude zur Mensch-Maschine, zum Wesen vom anderen Stern um.
Ihren größten Erfolg feiert Jones in dem Moment, in dem sie Künstlichkeit und Unantastbarkeit auf die Spitze treibt. "Slave to the Rhythm" wird 1985 nicht nur als Single ein Riesenhit. Produzent Trevor Horn bastelt aus den Vokalfetzen, die er dafür aufgenommen hat, gleich ein ganzes Album mit acht Versionen des Songs. Variation des Immergleichen, gelebte (Selbst-)Inszenierung und dabei nie aus dem Rhythmus, bei dem man immer mitmuss, kommen: "Slave to the Rhythm" ist eine der definitiven 80er-Jahre-Platten.

Die nachgeschobenen Alben "Inside Story" und "Bulletproof Heart" wirken blass dagegen. In den 90ern bricht die Eigensinnige mit der Musikindustrie, zwei angeblich fertige Alben, darunter ein Werk namens "Black Marilyn", werden nie veröffentlicht. Grace Jones verschwindet langsam von der Bildfläche und taucht nur ab und zu in B-Movies oder eben in Wien auf, um ihren Lebensstil weiter finanzieren zu können.
Das Comeback mit ihrem zehnten Album hat sie gemeinsam mit ihrem Koproduzenten Ivor Guest gründlich vorbereitet. Die Arbeiten an den Songs reichen bis 2002 zurück. Für die Aufnahmesessions besuchte sie wiederum die Compass Point Studios und konsultierte Sly & Robbie, die Ergebnisse wurden allerdings noch am Computer nachbearbeitet. "This is technology, mixed with a band" heißt es im Opener "This Is". Es ist klassischer Grace-Jones-Sound von circa 1981, auf eine moderne Art abgemischt, und es schwingt letztlich so unvergleichlich in seinem ureigenen Rhythmus dahin, wie es diese Frau immer schon getan hat. Auf ein Neues: "And now ladies and gentlemen – here's Grace!"

Sebastian Fasthuber in FALTER 44/2008 vom 31.10.2008 (S. 35)

Titelliste
1. 
Thisis
5:38
2. 
Williams' Blood
5:57
3. 
Corporate Cannibal
5:53
4. 
I'm Crying (Mother's Tears)
4:32
5. 
Well Well Well
3:50
6. 
Hurricane
6:32
7. 
Love You To Life
5:19
8. 
Sunset sunrise
5:11
9. 
Devil in my life
5:48

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