Wann de Musik

von Ostbahn Kurti & Die Chefpartie

Derzeit nicht lieferbar

Label: Koch Universal
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 27/2003

Wann de Musik vuabei is

Dr. Kurt Ostbahn gibt am Wochenende seine letzten Wien-Konzerte und geht dann in Frühpension. Der "Falter" traf Willi Resetarits und sprach mit ihm über den Ruheständler, über das Kicken im Beserlpark, lange Haare hinterm Ohr und Kreta in Favoriten.

Das Phänomen Dr. Kurt Ostbahn, der Erfolg jener Kunst- und Kultfigur, die aus Versatzstücken vorstädtischen Wiener Rockertums und den persönlichen Biografien des Musikers Willi Resetarits und des Autors Günter Brödl zusammengeleimt war, geht in die Abschlussrunde. Ziemlich genau zwanzig Jahre lang hat Resetarits den weisen und grundgütigen Vorstadtproleten Ostbahn-Kurti gegeben, begleitet von den Bands "Chefpartie" und "Kombo", für deren wechselnde Besetzungen die Spitzenkräfte der österreichischen Rockszene lukriert wurden. Vier Brödl-Romane und ungezählte Comics handeln von den Abenteuern des Simmeringer Lederjackenbesitzers; Dutzende, meist vergoldete oder platinierte Alben wurden eingespielt; die legendäre Radiosendung "Trost & Rat mit Dr. Kurt Ostbahn" war jahrelang im Äther.

Nicht zuletzt war der Ostbahn-Kurti aber auch ein Bühnenphänomen, das untrennbar mit dem charismatischen Kommunikationstalent des Willi Resetarits verschmolzen war. Ihn traf der Falter im Gasthaus Quell, jenem legendären Altwiener Wirtshaus, das Schauplatz vieler Ostbahn-Songtexte ist und als verlängertes Wohnzimmer des verstorbenen Ostbahn-Alter-Egos Günter Brödl galt.

Falter: Sie haben vor kurzem als letzten großen Paukenschlag gleich zwei neue Alben veröffentlicht, zwei halbe Doppelalben sozusagen: "Wann de Musik ..." und "... vuabei is". Die zweite der beiden Platten ist die logische Fortsetzung des Ostbahn-Projekts, mit bewährter amerikanischer Gitarrenmusik aus den Sechzigern und Siebzigern, während die erste CD erdigere, musikalisch ehrlichere Töne zum Klingen bringt. Darf ein Ostbahn, der so über seine Grenzen gehen kann, überhaupt in Pension gehen?

Willi Resetarits: Da ist schon lange eine andere Entwicklung im Gange, Musik, die ich etwa mit dem Wolfgang-Puschnig-Jazzmusikensemble mache, obwohl wir nicht Jazz, sondern nur Musik dazu sagen, ja eigentlich gar keinen Begriff dafür haben.

Die Lieder auf "Wann de Musik ..." klingen sentimental, beinahe traurig, aber auch befreit, obwohl doch der überraschende Tod des Trainers Günter Brödl (am 10. Oktober 2000, Anm. d. Red.) für die Figur des Ostbahn ein großer Verlust gewesen sein muss. Muss der Ostbahn in Pension, weil einer seiner Schöpfer tot ist?

Der Ostbahn muss in Würde abtreten, erledigt werden sozusagen, und weil wir das laut und nicht still und heimlich machen wollten, habe ich zu dem Marketingschmäh mit der Pension gegriffen, der aber so gar nicht stimmt. Es muss das Projekt insoferne erledigt werden, als die Texte, die wir auf einem Laptop von Günter Brödl gefunden haben und die alle sehr, sehr gut sind, noch veröffentlicht werden müssen. Ich finde das schön, wenn das so wahrgenommen wird, dass da Klänge dabei sind, die bei Ostbahn nicht üblich waren. Warum soll man immer dasselbe machen?

Hier im Gasthaus Quell habe ich vor etwa fünf Jahren mit Günter Brödl ein Interview geführt. Nach dem Gespräch sind wir gemeinsam seinen Fünfhausner Kosmos abgegangen: Er hat mir seine Plattensammlung gezeigt und seinen Vater im Wäschegeschäft, das ganze Brödl-Dorf haben wir besucht. Auch in seiner kleinen Wohnung waren wir, in dem Haus schräg gegenüber.

Das ist die offizielle Ostbahn-Wohnung gewesen, und die Frau Mutter hat unten das Bettfederngeschäft gehabt. Da sind dann oftmals die Leute fragen gekommen, ob da der Ostbahn wohnt. "Ja", hat sie gesagt, "aber der ist auf Dienstreise." Seitdem haben die Tourneen bei uns gerne das Synonym "Dienstreise" gehabt.

Wie sehr fehlt die andere Hälfte des Ostbahn?

Für uns lebt er insoferne, als wir, wenn wir im Studio sind und Platten aufnehmen, dauernd mit seinen Texten, mit seiner Sprache, mit seinem Schmäh zu tun haben. Da ist er dann auch dauernd da, wir lassen ihn auch Türen zuhauen - wenn eine zufällt - und fragen uns: "Was wollt er uns jetzt sagen, was ist jetzt los?"

Wo sind Sie eigentlich zu Hause, wo ist Ihr Dorf?

Das ist schwer zu sagen, weil es mehrere sind. Der literarische Ostbahn-Kurti ist in Simmering angesiedelt gewesen, nahe der Ostbahn, und der kleine Willi Resetarits ist auch nahe der Ostbahn, auf der Favoritner Seite, groß geworden. So war naturgemäß die Willi-Resetarits-Seite des Ostbahnprojekts der Experte für die Ostbahngegend, für den Kanal, für Simmering, die Hasenleiten, für all die Geschichten am Laaerberg. Später haben wir den Ostbahn hierher in den Fünfzehnten ziehen lassen, einfach, weil sich die andere Hälfte vom Ostbahn hier gut ausgekannt hat. Ich selber, also der Willi Resetarits, bin nach Floridsdorf gezogen und als junger Erwachsener dann in den Achtzehnten.

Wohnen Sie dort noch?

Jetzt bin ich wieder auf den Bruckhaufen zurückgezogen. Der Anlass ist nicht so lustig gewesen. Meine Mutter hat in dem Haus gelebt und ist dort gestorben, und so ist dann das Haus auf mich gefallen. Ein Einfamilienhaus mit Garten. Wir haben, wie es sich gehört, ein Einfamilienhaus gebaut, alle, damals mit dem Papa, als die Kinder noch ordentlich Scheibtruhen fahren haben können, mit Vollbeton. Ich hab das Haus geliebt, frage nicht. Die andern haben gekickt, und wir haben Beton gemischt.

Waren Sie als Kind in der Kreta, der berüchtigten wilden Favoritner Gegend?

Ja, ja die Kreta, nicht zu verwechseln mit der Krim in Döbling. Die Kreta, da ist nicht drüber geredet worden, und außerdem war die zu weit weg für unsere Exkursionen, die sind ja meist nur um ein paar Häuserblöcke gegangen. Wir Kinder waren am Humboldtplatz, die Humboldtbande. Die vom Wielandplatz waren die Wielandbande. Damals hat man eine Bande sein müssen.

Wie viele ward ihr da?

Wer gekommen ist, mindestens vier. Damals hats noch keine Gitterkäfige gegeben, da hat man Fussball immer über den Park gespielt, in den Beserlparks, wo die Eingänge die Tore waren. Die älteren Damen, beziehungsweise die Mütter mit Kindern, haben natürlich geschimpft und gedroht: "Jetzt geh ich aber auf die Wachstuben", also ... eigentlich haben s' ja gesagt: "Jeds geri owa auf di Wochstuum", die jungen Mütter haben ja schirch gesprochen damals, nicht so schön wie die jungen Mütter heute.

Wann ist aus dem Beserlparkbanditen ein Musiker geworden?

Ich habe viel gesungen, hab gerne im Radio die schönen Lieder angehört, aber ganz banalerweise ist mir dasselbe passiert, wie einigen Millionen Altersgenossen: Ich hab das erste Lied von den Beatles gehört, ich weiß nicht mehr, welches, ich glaube es war "I Wanna Hold Your Hand". Das hat so wild geklungen! Heute klingt das ja nicht mehr wild, aber damals! "Die scheißen sich überhaupt nichts", hats geheißen, und dann hat man auch schon die wilden Geschichten gehört, dass die sich die Haare in die Stirne kämmen und über die Ohren. Wegen so was hat man bei uns von der Schule fliegen können!

Haben Sie lange Haare gehabt?

Natürlich. In der Schule war das ja strengstens verboten, deswegen war der Trick mit den Haaren folgender: Man hat sichs ein bisschen hinter die Ohren gelegt und aus der Stirne frisiert, aber sich trotzdem so viel angespart, dass sie, wenn man mit der Schülerband gespielt hat, ein bissl übers Ohr und ein bissl in die Stirne gegangen sind. Aber schon damals hats Leute gegeben wie den Gitarristen Karl Ratzer, der hat sie bis über die Schulter runter gehabt. Ich weiß nicht, wann der zu sparen angefangen hat, mit den Federn.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Konzert?

Das war im - Namen sind mein Problem - Vorläufer der Camera. Barracuda-Dancing oder Monte-Carlo-Club, wie sie halt geheißen haben, die Lokale. Dort, in der Neubaugasse im Keller, hab ich zum ersten mal "The Slaves" gesehen mit dem Ratzer an der Gitarre. Dort durfte ich zum ersten Mal spielen, zum Fünf-Uhr-Tee. Später nicht, weil ich noch zu jung war für einen Abendauftritt. Obwohl der Ratzer-Karl genau so alt war, hat er dürfen, warum, weiß man nicht. Ich weiß nur, dass ich keine Tonanlage gehabt habe und mein Gesangsmikrofon beim Bassverstärker dazugesteckt habe, und das hat nicht so gut geklungen. Ein zweites Mal hab ich nimmer spielen dürfen.

Wer wären Sie damals gerne gewesen?

Allein die Demütigung, keine eigene Gesangsanlage zu haben, ließ keine Fantasien aufkommen. Der Wunsch, das überhaupt zu machen, war aber so groß, dass ich das Demütigende an der Situation in Kauf genommen habe. Lange hat das angedauert. Erst viel später bin ich auf mein gesangsmäßiges Vorbild gekommen, Ray Charles. Aber auch da wars so: Wann immer ich eine neue Nummer von ihm gehört habe, habe ich mir gedacht: "Eigentlich könnte ich sofort zu singen aufhören, so wie der Ray Charles werd ich eh nie singen."

Zu Ihrer Identität: Sind Sie Wiener, Burgenländer oder Kroate?

Erst vorgestern ist mir das durch den Kopf gegangen, dass man ja eigentlich viele Identitäten haben kann. Ich bin hundertprozentiger Wiener mit hoher Dialektkompetenz, und natürlich Kroate, weil meine erste Sprache Kroatisch war. Und Burgenländer auch, wenn Sie's noch genauer wollen, Südburgenländer. Und Stinatzer bin ich auch noch, so heißt die Ortschaft, wo die Resetarits her sind. Ich hab ja auch musikalisch kein Problem gehabt, einerseits bei den Schmetterlingen Musiktheater mit politischem Engagement zu machen und andererseits den Ostbahn zu spielen. Das ist etliche Jahre parallel gelaufen. Man hat mich gefagt: "Geh'n dir die Schmetterlinge so am Hammer, weilst jetzt Ostbahn spielst?" Aber so war das nicht. Ich wollte damals beides und habe eigentlich auch beides gebraucht. Das wär ja so, als ob man sagen würde: "So, du isst eine Suppen? Wahrscheinlich magst ka Hauptspeis!"

Haben Sie auch eine verborgene Leidenschaft, so wie Ihr Bruder Lukas, der leidenschaftlich Hubschrauber pilotiert?

Wobei seine Leidenschaft, darüber zu reden, ja die noch viel größere ist. Oder über sein anderes Hobby, die Operationen: So viel operieren (hält eine unsichtbare Erbse zwischen den Fingern) und so viel (sein Arm beschreibt einen riesigen Bogen) drüber reden, was in dem Fall gscheiter ist als umgekehrt. Ich hingegen mache mir zu viel auf einmal aus. Letztens habe ich gedreht, und in den Drehpausen hab ich heimlich ums Eck Interviewtermine absolviert, immer mit einem Aug rüberscheangelnd, ob i wieder dran bin.

Sind Sie eigentlich ein guter Geschäftsmann?

Ich kann das nicht gut, mir ist das peinlich, Geld zu verlangen. Ich hab da jemand, der das für mich macht. Wenn jemand wegen eines Konzertes zu mir kommt, sag ich, sie sollen den Günther Grosslercher anrufen. Wär das nicht so, ich hätte mich schon längst entmündigen lassen müssen. Bei Gagenverhandlungen würde ich vor lauter Rührung meinen Bausparvertrag auflösen und noch was einzahlen fürs Spielen.

Andrea Maria Dusl in FALTER 27/2003 vom 04.07.2003 (S. 20)


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