H P Lovecraft: Pickman's Modell

von H.P. Lovecraft, Dirk Von Lowtzow

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Deutsche Grammophon
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Während der Sammelband "Alles Pop?" nach subversiven Momenten im kapitalistischen Kulturbetrieb forscht, untersucht die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "testcard" linke Kulturmythen.

Seit Tom Holert und Mark Terkessidis 1996 den Reader "Mainstream der Minderheiten" veröffentlichten, hat der deutschsprachige Popdiskurs keine wirklich aufregende Publikation mehr hervorgebracht. Trotz ihres prinzipiellen Festhaltens an der Idee von Pop als einem potenziell emanzipatorischen Medium haben es Holert/Terkessidis den Poptheoretikern und Feuilleton-Revoluzzern ja auch nicht gerade leicht gemacht: Durch ihren Abschied vom Gegensatzpaar Mainstream/Subkultur und ihre Analyse der umfassenden Eingemeindung subkultureller Strömungen in einen neuartigen, beweglichen und letztlich allumfassenden Mainstream war es in den letzten Jahren nicht einfach, ernsthaft über die politischen Potenziale von Popmusik zu sprechen, ohne umgehend einer romantisch-verklärten Banalisierung geziehen zu werden.

Die drei Herausgeber des Sammelbandes "Alles Pop? Kapitalismus und Subversion" sind sich dieser Problematik durchaus bewusst und bezeichnen den so genannten "subversiven Sound" gleich einleitend als Mythos. Im Gegensatz zu vielen Kollegen lassen sie es aber nicht bei dieser Erkenntnis bewenden, sondern legen stattdessen eine in ihrer inhaltlichen und stilistischen Vielstimmigkeit durchaus eindrucksvolle Textsammlung zu jenen Nischen des Pop vor, in denen es um mehr als nur um die Produktion kurzlebiger Produkte geht (oder ging; nicht alle Texte beziehen sich aufs aktuelle Geschehen).

Zu den analytischen Texten kommt eine Reihe von Interviews mit den Musikern selbst. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Geschehen in Deutschland. Überraschende theoretische Erkenntnisse bleiben letztlich zwar aus, die Qualität des Buches liegt aber ohnehin vor allem in seiner umfangreichen Zusammenschau.

Für gewöhnlich wirkt es eher ärmlich, wenn sich altehrwürdige Kulturinstitutionen den Pop ins Haus holen wollen. Ganz anders beim Literaturdepartment der Deutschen Grammophon: Hier steht eine ebenso ansprechende wie kundig betreute Reihe seit kurzem ganz im Zeichen des Pop, ohne dabei den unangenehmen Geruch der Anbiederung zu verströmen. Erfreulicherweise führt die Verbindung von Pop und Literatur hier auch nicht zum Missverständnis, dass das logische Ergebnis nur "Popliteratur" heißen könne.

Den Reigen eröffnete der deutsche DJ, House-Produzent, Journalist und Autor Hans Nieswandt mit einer selbst gelesenen und stellenweise mit Musik unterlegten Aufnahme seiner letztjährigen DJ-Anekdotensammlung "plus minus acht. DJ Tage und DJ Nächte".

Bei Charlotte Roche und Dirk von Lowtzow wird auf Schnickschnack gänzlich verzichtet. Der Pop leitet sich hier ausschließlich durch die geschickte Wahl der Lesenden her, die Literatur als solche bleibt unangetastet. Charlotte Roche, seit Jahren die erfreulichste Erscheinung im deutschsprachigen Pop-TV, liest "Zwölf", das Aufsehen erregende Debüt des US-Shootingstars Nick McDonnel. Ihre markante Stimme ist in diesem Kontext zwar etwas gewöhnungsbedürftig. Letztlich funktioniert das spannungsgeladene Gemenge aus Teenagerelend, Partys, Entfremdung, Drogen, Gewalt, Coolness und versteckter Sensibilität aber auch als Hörbuch.

Dirk von Lowtzow, Frontman der Popband Tocotronic, fasziniert bei seiner Lesung zweier Geschichten des Kultautors H.P. Lovecraft ("Pickman's Modell" und "Die Musik des Erich Zann") vom ersten Wort an. Der rätselhafte bis morbide Charakter der Texte ist dabei zwar ein zentraler Bestandteil, von Lowtzows mit sonorer Stimme kontrolliert monoton vorgetragene Interpretation für das Gelingen des Ganzen aber kaum weniger wichtig.

Ungleich lustiger gehts beim Hamburger Entertainer Rocko Schamoni zu, der seinen fiktiv-biografischen Roman "Risiko des Ruhms" gleich selbst liest; eine unveröffentlichte Kurzgeschichte gibts als Bonustrack. Als Highlight glänzt neuerlich die von Schamonis Lesungen bestens erprobte "Geschichte vom Koksain".

Trübsal ist auch dem legendären KLF-Handbuch fremd. Diese 1987 verfasste Anleitung zur Produktion einer Nummer-eins-Single wird in sympathischer Beiläufigkeit vom Ärzte-Schlagzeuer Bela B. gelesen; der Co-Autor und Pop-Zyniker Bill Drummond spricht selbst die - telefonisch übermittelte - Einleitung. Darin äußert er sich zu den gravierenden Veränderungen im Popbusiness seit der Erstveröffentlichung des Buchs und fasst dessen dennoch ungebrochen gültige Kernaussage prägnant zusammen: "If you really want to do something, don't wait to be asked. Whatever it is - start now! Today! Tomorrow is always too late!"

Gerhard Stöger in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

The KLF - Das Handbuch der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit (Bill Drummond, Jimmy Cauty, Inga Steinhoff, Bela B.)
Rocko Schamoni: Risiko des Ruhms (Rocko Schamoni, Diverse)
plus minus acht (Hans Nieswandt)
Zwölf (Nick McDonnel)
Alles Pop? (Marvin Chlada, Gerd Dembowski, Deniz Unlü)

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