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Rezension aus FALTER 15/2006

Zeitlos & zeitgemäß

Wenn es eine Musik gibt, die alle Zeit vergessen lässt, dann muss es diese sein. Scheinbar ohne Anfang und Ende strömt sie in höchster Vollkommenheit dahin, wie ein langer, ruhiger Fluss ändert sie ihre Gestalt nur im Inneren, stets in Bewegung, doch unbehelligt von Zäsuren - hermetisch, verinnerlicht, absolut. Nicolas Gombert (ca. 1495-1560) hat sie komponiert, und der Trick, die Kunst, mit der er solch ebenmäßige Zeitlosigkeit zu evozieren vermochte, ist nur im Prinzip leicht erklärt: Wie kein Zweiter verstand es dieser späte Meister der frankoflämischen Vokalpolyphonie in Diensten Kaiser Karls V., ein engmaschiges Geflecht von zumeist fünf oder sechs selbstständigen und absolut gleichwertigen Stimmen zu knüpfen, wobei er jede Stimme einsetzen lässt, noch bevor die vorangehende ihr Thema abgeschlossen hat.

Die Raffinesse, die Gombert in diesem imitierenden Stil an den Tag legte, erschließt sich letztlich wohl nur analysierenden Experten. Doch ihre Wirkung wird hörbar, wenn das Hilliard Ensemble seine "Missa Media Vita" und sechs seiner Motetten singt (ECM/Lotus). Mit der Routine ihrer über dreißigjährigen Erfahrung entfalten die sechs Briten einen dunkel schimmernden, unendlich weit wirkenden und doch in sich geschlossenen Klangraum, der einen auf Anhieb der Welt und ihrer Zeit entrückt - ganz so, wie sich das Gombert wohl vorgestellt hat.

Genau diese, nicht zuletzt durch den Verzicht auf gefühlvollen Ausdruck erreichte Weltenferne aber war es, die den Gelehrten schon fünfzig Jahre nach Gombert als völlig unzeitgemäß erschien. Im Kollegium der Capella Fiorentina ersannen sie zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein revolutionär neues musikalisches Konzept, das es ermöglichte, menschliche Emotionen und Erfahrungen zum Klingen zu bringen. Beispiele dieser "Nuove musiche" haben der Lautenist Rolf Lislevand und sein sechsköpfiges Ensemble zusammengestellt (ECM/Lotus) - nicht von, sondern "aus Quellen von" Kapsberger, Pellegrini, Frescobaldi und anderen. Deren nur rudimentär ausnotierte Werke - zumeist Passacaglien - dienen ganz im Sinne einer lebendigen Originalklangpraxis als Grundlage für Improvisationen, in denen sich die Musiker zwar historischer Instrumente und Erkenntnisse bedienen, aber nicht auf Ausdrucksmittel unserer Zeit verzichten. Obwohl: Mitunter erinnert diese Platte an den virtuosen Gitarrenwahnsinn, den Al Di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucia eines Freitagnachts in San Francisco entfachten. Und das ist auch schon 25 Jahre her.

Carsten Fastner in FALTER 15/2006 vom 14.04.2006 (S. 58)


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