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Rezension aus FALTER 41/2005

Dånkeschoen!

Was ging wohl ab, wenn Ingmar Bergman mal ordentlich einen drauf machen wollte - mit Bibi, Erland, Ingrid & Ingrid? Eine Erntedanksause mit Soletti-Igel, Flaschendrehen, Apfeltauchen - das volle Programm eben. Und was hat Ingmar aufgelegt, wenn er dann auch noch eine kesse Sohle aufs Parkett legen wollte? Oder tanzen Skandinavier gar nicht? Zieht man die letzten Veröffentlichungen des Münchner Labels ECM (Vertrieb: Lotus) heran, das seine Ohren immer schon stark Richtung Norden ausgerichtet hat, wird man zu der Einsicht gelangen: eher nicht. Andererseits haben die Finnen ja bekanntlich diesen Tango-Fimmel. Und Jon Balke hat sich für sein Album "Batagraf" gleich vier Co-Perkussionisten geholt, um auf Bata-Trommeln den rigiden Grooves des Computerzeitalters zu entkommen. Das lässige Zusammenspiel mit Keyboards, Saxofon und Trompete ist auch recht gefällig, aber insgesamt lappt das Ganze mit seinen Werwolfchören und medienkritisch gemeinten Wortspenden doch etwas unschön ins Esoterische.

Dann schon lieber gleich Kirchenjazz. "Parish" (also: Gemeinde) heißt das Album, auf dem Schlagzeuger Thomas Stroenen Feinarbeit an Fellen und Töpfen verrichtet und sich gemeinsam mit Bobo Stenson, Fredrik Ljunkvist und Mats Eilertsen zwischen freier Improvisation im Pfarrhaus und fröhlich groovender Folklore ansiedelt, aber nur selten zu der lyrischen Bündigkeit von Nummern wie "Quartz" findet.

Überzeugender und wesentlich homogener ist "Goodbye" ausgefallen, wo Pianist Bobo Stenson gemeinsam mit Anders Jormin (b) und Paul Motian (dr) wieder aufs Schönste beweist, dass das Bill-Evans-Trio (in dem Motian ja seinerzeit das Beserl übers Becken führte) würdige Nachfolger gefunden hat. Etwas simpler im Gemüt, aber gewiss nicht weniger gottgefällig wandelt das Tord Gustavsen Trio auf "The Ground" am Rande des Frohsinns ("Edges of Happiness") und verbreitet skandinavische Saudade: harmonieseliger Topfennegergospel für die ganze Familie.

Etwas simpler im Gemüt, aber gewiss nicht weniger gottgefällig wandelt das Tord Gustavsen Trio auf "The Ground" am Rande des Frohsinns ("Edges of Happiness") und verbreitet skandinavische Saudade: harmonieseliger Topfennegergospel für die ganze Familie.

Von ähnlicher Stimmungslage und bestens als akustisches Begleitprogramm für ein gelungenes Erntedankfest geeignet ist "Northbound", das ECM-Debüt der finnischen Pianistin/ Harfenistin Iro Haarla (Witwe von Edward Vesala). Klanglich ein wenig an Tomasz Stanko erinnernd, macht sich hier eine melancholisch getönte, aber völlig unverquaste Inbrunst breit (jawohl: breit!), und wenn Trygve Seim wieder einmal den Coltrane für Introvertierte gibt, rührt das schon schwer ans Herz - vorausgesetzt, man hat eines.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2005 vom 14.10.2005 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Walzertraum-Graf von Luxembg

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